Die Darstellung der Rolle und Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen bei Tacitus


Masterarbeit, 2016
91 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Voraussetzungen
2.1 Zu den Werken
2.2 Der Begriff des Intellektuellen im Dialogus und in den Historien

3 Die Darstellung der Rolle und der Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen im Dialogus de oratoribus
3.1 Betätigung in der Redekunst
3.1.1 Begriff
3.1.2 Darstellung der Wirkungsfelder
3.1.3 Bewertung
3.2 Betätigung in Dichtung und Literatur
3.2.1 Begriff
3.2.2 Darstellung der Wirkungsfelder
3.2.3 Bewertung
3.3 Betätigung in der Philosophie
3.3.1 Begriff
3.3.2 Darstellung der Wirkungsfelder
3.3.3 Bewertung
3.4 Zwischenfazit und Diskussion

4 Die Rolle und Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen in den Historien
4.1 Betätigung in der Redekunst
4.1.1 Begriff
4.1.2 Wirkungsfeld
4.1.3 Bewertung
4.2 Betätigung in Dichtung und Literatur
4.2.1 Begriff
4.2.2 Wirkungsfeld
4.2.3 Bewertung
4.3 Betätigung in der Philosophie
4.3.1 Begriff
4.3.2 Wirkungsfeld
4.3.3 Bewertung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Quid habent in hac sua fortuna concupiscendum? Quod timent an quod timentur? Quod, cum cotidie aliquid rogentur, ii quibus praestant indignantur? Quod adligati omni adulatione nec imperantibus umquam satis servi videntur nec nobis satis liberi? Quae haec summa eorum potentia est? (Tac. dial. 13,4).

So lässt Tacitus den Curiatius Maternus in seiner ersten Rede im Dialogus de oratoribus über die berühmten Redner seiner Zeit sprechen: Vibius Crispus und Eprius Marcellus. Maternus’ Fragen drücken die Widersprüche des Lebens im frühen Prinzipats aus – fürchten oder gefürchtet werden? Geben oder ausgenommen werden? Frei sein oder Sklave? Sein Urteil über die Redner seiner Zeit ist vernichtend – was ist an ihrem Lebensweg begehrenswert? Durch diese Fragen wird ihre zuvor von seinem Gesprächspartner Marcus Aper beschriebene hohe gesellschaftliche Position in Frage gestellt. Ebenso deutet Maternus die Problematik an, die für jeden engagierten Bürger in der Person des Princeps bestand. Der Abschnitt wirft für den Leser eine Reihe weiterer Fragen auf. Eine entscheidende ist, wie man als Intellektueller in so einer Zeit weiterexistieren kann.

Um die Widersprüche der Zeit zu erfassen und den Umgang der intellektuellen Elite mit veränderten Spielräumen nachvollziehen zu können, beschäftigt sich diese Arbeit mit der Darstellung der Rolle und der Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen bei Tacitus. Es soll nachgewiesen werden, dass intellektuelles Leben in den Bereichen Redekunst, Dichtkunst und Philosophie anzusiedeln ist, wobei diese Bereiche eine unterschiedlich hohe Relevanz hatten. Im Werk zeigt sich, dass Intellektuelle der Kaiserzeit im Vergleich zu den Vertretern der alten Beredsamkeit der Republik eingeschränkte Möglichkeiten hatten, weil sie sich nur noch in bestimmten Bereichen betätigen konnten. Damit verringerte sich auch die Rolle, die sie spielten. Um diese Thesen bestätigen oder verwerfen zu können, sind folgende Fragestellungen wesentlich: Zunächst muss untersucht werden, wer „die Intellektuellen“ in Tacitus’ Werken sind und wie sie bezeichnet werden. Ein nächster Punkt ist die Darstellung der Rolle und der Wirkungsmöglichkeiten, also die Frage, in welchen Tätigkeitsfeldern sich intellektuelles Leben abspielt und welche Aufgaben sie im Kontext des kaiserzeitlichen politischen Alltags haben. Welche Rolle und welche Wirkungsmöglichkeiten werden ihnen eingeräumt? Außerdem lohnt es sich, zu betrachten, welche Unterschiede dabei im Vergleich zu früheren Intellektuellen (vor allem im Vergleich zu Rednern) beschrieben werden. Welche Entwicklung der Rollen wird angedeutet und an welcher Ursache wird sie festgemacht?

Eine vorgeschaltete Untersuchung zu Tacitus’ Konzept vom intellektuellen Leben (Kapitel 2.2 dieser Arbeit) soll als Grundlage dienen, die Hinweise zu den einzelnen intellektuellen Gruppen im Text richtig einordnen zu können. Aus der Verwendung von eloquentia im umfassenderen Sinne kann geschlossen werden, dass der Dialogus nicht nur den Verfall der Rhetorik in der frühen Kaiserzeit behandelt. Vielmehr können hieraus Schlüsse für die oben gestellte Frage gezogen werden, wie man in dieser Zeit weiter existieren kann. Der Intellektuelle, bzw. der individuelle Vertreter der drei Gruppen, tritt an vielen Stellen in Tacitus’ Werk auf. Was der Autor diesen daher als Urteile über ihre Entfaltungsmöglichkeiten in den Mund legt, ist aus dem Grund besonders interessant, weil er persönlich einer davon ist – wie Rutledge es fasst: „It bears noting, however, that Tacitus too was forced to function within the same system and to make his own compromises.“1 Aus diesem Aspekt ergibt sich die Bedeutung dieser Arbeit. Die Untersuchung der Rolle und Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen verspricht, Aufschlüsse über Tacitus’ persönliche Einschätzung zu geben, da er sich mit eben denselben Problemen und Einschränkungen konfrontiert sah, wie die Menschen, die er in seinen Werken beschreibt und zu Wort kommen lässt. Tacitus selbst war als homo novus politisch aktiv und engagierte sich als Redner, bevor er sich der Geschichtsschreibung widmete. Dieser Einfluss ist im rhetorischen Geschick unseres Autors nachzuvollziehen. Eben diesen Karrierewechsel könnte die vorliegende Arbeit anhand der fragegeleiteten Untersuchung seiner Werke näher beleuchten. Diese Untersuchung ist außerdem wichtig, weil sie in diesem Maße noch nicht durchgeführt worden ist. Die Forschung hat bisher nur in den einzelnen Aspekten dieses Themas Ergebnisse geliefert, ein so umfassender Ansatz wurde meiner Kenntnis nach noch nicht gewählt. Die einschlägige Literatur zu den einzelnen Gesichtspunkten (z.B. stoische Philosophie in der Kaiserzeit, Delatorenwesen, eloquentia, u.v.m.) wird in den jeweiligen Kapiteln angeführt und diskutiert. Die wichtigsten lateinischen Quellen sind der bereits erwähnte Dialogus de oratoribus und die Historien. Die Auswahl geschah auf der Basis, dass sie ungefähr den gleichen Zeitraum umfassen – der Dialogus spielt im Jahre 75, die Historien berichten von den Jahren 69 bis 96 – und dass womöglich auch die Verfassungszeit ähnlich ist, wenn man davon ausgeht, dass der Dialogus nicht Tacitus’ erstes Werk ist.2 Obwohl der Rednerdialog nicht als repräsentativ für Tacitus’ Stil und Ethos gilt, lohnt sich die Untersuchung mit Blick auf die oben genannten Fragestellungen, weil es sozio-kulturelle Aufschlüsse über die frühe Kaiserzeit und das Überleben in eben dieser liefert.3 Rutledge fasst dies prägnant zusammen, wenn er das Werk als

a window in the Roman social scene as perceived by a small elite group that came to maturity under the Julio-Claudians, lived through the civil wars of 69, and were now coming together in the middle of Vespasian’s reign to take stock of something they deemed of significant social value [i.e. der Verfall der Redekunst] and which clearly remained so a quarter of a century later when Tacitus wrote the work4

charakterisiert. Die Historien bieten einen globaleren Blick auf die Zeit, sodass im Rahmen dieser Arbeit nur punktuell Intellektuelle untersucht werden sollen.

Nach einer kurzen Einführung zu diesen beiden Werken und den Traditionen, in denen sie stehen, scheint zunächst die Definition des Begriffes des Intellektuellen notwendig. Verschiedene Ansätze sind denkbar; für den Vergleich der Rolle und Wirkungsmöglichkeiten zwischen den gewählten Werken erscheint die Definition aus dem jeweiligen Werk heraus besonders angemessen, um so das Bild, das vom Intellektuellen gezeichnet wird, im Folgenden differenziert betrachten zu können. Nachdem die Voraussetzungen geklärt worden sind, kann zur Erarbeitung der oben genannten These mithilfe der dazugehörigen Fragestellungen am Text übergegangen werden. Hierbei wird in zwei parallelen und aufeinander Bezug nehmenden Schritten gearbeitet. Zunächst wird der Dialogus de oratoribus als Ausgangspunkt genommen. Es soll die Darstellung der Tätigkeit in der Redekunst (Kap. 3.1), Dichtung (Kap. 3.2) und Philosophie (Kap. 3.3) untersucht werden. Schrittweise müssen die verwendeten Begriffe, die Darstellungen des Wirkungsfelds als Intellektueller in der jeweiligen Kategorie der eloquentia sowie die Bewertung durch die Redner betrachtet werden, um abschließend zu einem ersten Zwischenfazit (Kap. 3.4) zu gelangen. Hierbei ist auch ein Blick darauf zu werfen, mit welcher Position Tacitus selbst sich eventuell identifizieren könnte. Im zweiten Schritt werden dann die Historien als Werk aus Tacitus’ Geschichtsschreibung herangezogen: Sie geben anhand von Fallbeispielen exemplarisch Vergleichsmöglichkeiten zur begriffliche Definition, zur Darstellung der Wirkungsfelder und zur Bewertung (Kap. 4). In einem Fazit werden die einzelnen Fragestellungen abschließend beantwortet und die Hauptthese wird überprüft, um dann ein Resümee aus den Erkenntnissen zu formulieren (Kap. 5). In seinen Werken zeichnet Tacitus ein vielfältiges Bild von der Rolle und den Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen. Dieses gilt es im Folgenden zu explizieren, um zu einem besseren Verständnis davon zu gelangen, wie das intellektuelle Leben im Prinzipat zur Entfaltung kommen konnte.

2 Voraussetzungen

2.1 Zu den Werken

Als Grundlage für die Interpretation der Werke mit Blick auf die oben genannten Fragestellungen soll zunächst kurz zusammengefasst werden, welche Hauptcharakteristika die Forschung jeweils identifiziert und wie diese verstanden werden. Die in dieser Arbeit betrachteten Themen (intellektuelles Leben in der Kaiserzeit, Redefreiheit, u.a.) spielen auch über den Dialogus und die Historien hinaus eine Rolle. So schreibt Christ über den Agricola, dass Tacitus „hier doch schon die prinzipielle Frage nach dem angemessenen Verhalten der Führungsschicht unter dem Principat auf[wirft], [und] die Bedingungen geistiger Freiheit und Meinungsfreiheit und nicht zuletzt die Aufgaben der Geschichtsschreibung“5 erörtert. Persönliche und gesellschaftliche Themen sind also eng verbunden mit der Geschichtsschreibung, sodass Tacitus durch die verschiedenen Werke ein Gesamtbild schafft.

Der Dialogus de oratoribus ist eines von Tacitus’ opera minora. Während er als Autor mittlerweile zweifelsfrei identifiziert ist,6 herrscht rege Diskussion um die Datierung des Werks und um den Grad, in dem die Datierung für die Interpretation von Bedeutung ist. Einige Forscher gehen von ca. 102 n. Chr.7 (also zu Beginn der Regierungszeit Trajans) aus, andere würden den Dialogus früher, zur Zeit Nervas, datieren. Für ersteres spricht die Widmung an Quintus Fabius, der in diesem Jahr Suffektkonsul geworden ist. Erst kürzlich hat Bartsch die Argumentation Murgias8 wiederaufgenommen, der hiergegen widerspricht, weil das Konsulat entgegen der Konvention im ganzen Dialogus nicht genannt wird. Für Bartsch sprechen als Beweise dafür, dass Tacitus den Dialog vor Trajan geschrieben hat, die von Murgia festgestellten „literary commonplaces from Cicero and Quintilian“, die den Dialogus vor Agricola und Germania verfasst erscheinen lassen, sowie die immer noch einflussreiche Rolle der Delatoren unter Nerva. Doch ist eine exakte Datierung überhaupt wichtig? Auch hier herrscht Uneinigkeit. Während Winterbottom dem genauen Datum (zumindest vor dem Hintergrund, dass das Thema des Verfalls der Redekunst für die Zeit typisch war) keinen großen Wert zumisst,9 betonen Barnes10 (mit Blick auf Tacitus’ spätere Geschichtsschreibung) und Williams11 (bezogen auf die Interpretation des Dialogus im Allgemeinen) die Bedeutung der zeitlichen Hintergründe für das Werk. Das dramatische Datum ist weniger umstritten, communis opinio scheint ungefähr das Jahr 75 n.Chr. zu sein.12

Auf eine inhaltliche Zusammenfassung kann an dieser Stelle verzichtet werden.13 Auch die viel diskutierte Frage nach dem Thema des Dialogs – denn das ist nicht so eindeutig wie die Einleitung es erscheinen lässt – sei zunächst hintangestellt. Nur so viel sei vorweggenommen: der Dialogus de Oratoribus behandelt nicht ausschließlich den Verfall der Redekunst. Vielmehr wird im Folgenden die These vertreten, dass dieses Thema als Anlass für weitreichendere und umfassendere Aussagen genommen wird: „Der Verfall der Beredsamkeit hat seine Ursache im Wandel der politischen Verhältnisse; insofern steht der Dialogus in innerem Zusammenhang mit dem übrigen Schaffen des Tacitus.“14 Die politische Dimension des Dialogus begründet sich somit darin, dass „the possibility of oratory’s decline, for some Romans, implied a challenge to senatorial dignitas if not even auctoritas and merited further exploration.“15 Der Verfall der Redekunst ist also von Bedeutung, weil er den Rückgang des Einflusses des Senats repräsentiert und darüber hinausgehend aller, die sich in irgendeiner Weise im Staat intellektuell betätigen. Diese Tatsache ist für den späteren Geschichtsschreiber Tacitus auch persönlich relevant. Sein Dialogus de oratoribus bietet eine historische Momentaufnahme der römischen Gesellschaft unter den Flaviern16 und gibt Anlass, über Tacitus’ Position hierin nachzudenken.

Zur Form sei angemerkt, dass das Werk in der Tradition des Dialogs steht.17 Der Einfluss Platons18 und vor allem Ciceros19 ist in der Forschung herausgestellt und hinsichtlich seiner Bedeutung für die Interpretation des Werkes vielfältig diskutiert worden. Der Einfluss Ciceros auf Tacitus soll an dieser Stelle hervorgehoben werden. Zum einen ist die von Cicero angewendete Methode der akademischen Skepsis des in utramque partem disserere 20 für das Werk und seine Interpretation konstitutiv. Zum anderen wirkt dieser Einfluss noch längere Zeit nach, wenn man bedenkt, dass „Tacitus implicitly held the same theoretical notions concerning historical composition as Cicero“, nämlich: Geschichtsschreibung folgt einem Wahrheitsanspruch und muss unterhalten.21 Diese Feststellungen sind bedeutend und werden sich in der folgenden Analyse bestätigt sehen: Tacitus ist Ciceronianer.

Die Historien stellen Tacitus’ erstes großes Geschichtswerk dar. Aus den Pliniusbriefen weiß man, dass Tacitus im Jahre 106 daran gearbeitet hat.22 Er kam also nach der Biographie (Agricola), Ethnographie (Germania) und Untersuchung zur Position der Redekunst (Dialogus de Oratoribus) zur Geschichtsschreibung23 und die Einflüsse sind in seiner Zeichnung von Menschen, Völkern und zeitlichen Umständen spürbar. Ursprünglich wird das Werk die Jahre 69 bis 96 (Dreikaiserjahr bis zum Tode Domitians24 ) behandelt haben. Nur die ersten vier Bücher und der Anfang des fünften sind jedoch überliefert. Diese umfassen den Zeitraum vom Januar 69 bis in die ersten Monate des Jahres 70.25 Es geht also um die Wirren der Machtergreifung von Galba, Otho und Vitellius, oder wie Matthews es fasst: „the slow strangulation of liberty by the emperors.“26 Tacitus selbst verleiht seinem Werk (opus) mit opimum casibus, atrox proeliis, discors seditionibus, ipsa etiam pace saevum gleich zu Beginn einen düsteren Charakter (hist. 1,2,1).

Die Historien stehen in der Tradition der Geschichtsschreibung.27 Diese Gattung geht auf griechische Ursprünge zurück, zu nennen ist hierbei besonders Thukydides. In Rom war die Geschichtsschreibung hauptsächlich Ausdrucksmittel der führenden Männer. Sowohl von Cicero als auch von Quintilian sind Beurteilungen der Geschichtsschreibung formuliert worden, wobei sich beide schon bei der generellen Bestimmung (Cicero hält sie für ein opus oratorium, Quintilian für ein carmen solutum) unterscheiden. Cicero stellt die „Ermittlung der historischen Wahrheit“ zwar als Grundpostulat heraus, aber wichtigstes Element ist die „künstlerische Gestaltung des Stoffes.“ Ihrem Publikum gemäß verfolgt die Geschichtsschreibung drei Hauptfunktionen: sie soll unterhalten, den Leser belehren und politischen Einfluss haben.

Ob Leemans Behauptung stimmt, dass Tacitus „ Historiae im Geist der Tragödie [schreibt], wie Maternus historische Tragödien“28, soll nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Sehr wohl kann aber durch den Vergleich der Werke, wie er hier intendiert ist, der Rolle und den Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen auf der Bühne der Kaiserzeit auf die Spur gekommen werden, einer Zeit, in der die Redefreiheit durch die Machtfülle des Kaisers bedroht und eingeschränkt war.

2.2 Der Begriff des Intellektuellen im Dialogus und in den Historien

Der Titel der Arbeit bedarf vorheriger Klärung. Wie ist der Begriff „Intellektueller“ aufzufassen? Nach Definition der Brockhaus Enzyklopädie sind Intellektuelle

Menschen, die i.d.R. wissenschaftlich gebildet sind, eine geistige, künstler., akadam. oder journalist. Tätigkeit ausüben und deren Fähigkeiten und Neigungen auf den Intellekt ausgerichtet sind. Seit dem 19.Jh. dient der Begriff zur (mitunter polem.) Bezeichnung einer besonderen sozialen Gruppe, deren Mitgl. sich sowohl ihrem Selbstverständnis nach als auch ihrer sozialen Stellung wegen vor die Aufgabe gestellt sehen, nicht in erster Linie aufgrund ihres Fachwissens, sondern v.a. aufgrund einer sozialen >Verantwortlichkeit< den Stand der Gesellschaft und den Gang der sozialen Entwicklung kritisch reflektierend zu begleiten, zu Tagesereignissen Position zu beziehen, u.U. auch korrigierend einzugreifen.29

Inwiefern kann dieser Begriff nun als Anachronismus auf Tacitus’ Werke angewendet werden? Schon im oben zitierten Dialogus ist der Intellektuelle zentral, da die Sprecher (Aper, Maternus, Messalla und Secundus) die eben genannten Kriterien weitestgehend erfüllen und sich auch die im Gespräch genannten exempla in diese Kategorie einfügen. Über diese allgemeine Definition hinaus kann ist der Begriff des Intellektuellen auch im Werk nachzuweisen: Anhand der Einleitungen zu Dialogus und Historien kann zu klären versucht werden, welches Verständnis vom Intellektuellen Tacitus seinen Werken zugrunde legt. Hierbei stechen vor allem zwei Begriffe ins Auge: eloquentia und ingenium 30. Es ist bemerkenswert, dass dieselben Ansätze gleich zu Beginn beider Werke auftreten.31 Noch dazu erscheinen sie in Verbindung mit zwei der drei Gattungen der Kunstprosa: Rednern (dial. 1: oratores) und Geschichtsschreibern (hist. 1: auctores und scriptores). Hieran geschieht in den jeweiligen Einleitungen der Kontrast zwischen „früher“ und „heute“, wobei in beiden Fällen eine Verschlechterung beobachtet wird.

Im Dialogus wird die Feststellung, dass im Vergleich zu früher die eloquentia vom Verfall betroffen ist, Iustus Fabius als eine Frage in den Mund gelegt (dial. 1,1):

Saepe ex me requiris, Iuste Fabi, cur, cum priora saecula tot eminentium oratorum ingeniis gloriaque floruerint, nostra potissimum aetas deserta et laude eloquentiae orbata vix nomen ipsum oratoris retineat; neque enim ita appellamus nisi antiquos, horum autem temporum diserti causidici et advocati et patroni et quidvis potius quam oratores vocantur.

Priora saecula und nostra aetas werden kontrastiert und sind durch Metaphern unterschiedlich gekennzeichnet.32 Während sie in früheren Zeiten blühte (dial. 1,1: floruerint), ist die geistige Landschaft nun kahl und verwahrlost (deserta et orbata). Auch in der Gruppe, um die es im Dialogus primär gehen soll, wird ein Kontrast aufgemacht. Frühere Redner waren eminens, nun sind sie kaum noch dieses Namens würdig (dial. 1,1: vix nomen ipsum oratoris retineat). An diesem Satz zeigt sich noch ein weiterer Punkt: Das Betätigungsfeld dieser Intellektuellen ist die eloquentia. Mit quidvis potius quam oratores (dial. 1,1) wird schon angedeutet, dass es sich dabei um mehr als die Redekunst handelt. Mit sanctiorem illam et augustiorem eloquentiam colam (dial. 4,2) bestätigt sich dieser Verdacht dann. Maternus meint damit natürlich die Dichtkunst. Unterstützt wird diese These, wenn Aper explizit von der oratoria eloquentia (dial. 5,3; 6.1: 8,3) spricht und zwar omnesque eius partes als sacras et venerabiles (dial. 10,4) einschätzt, die Dichtkunst daraufhin aber der forensischen Redekunst unterordnet. Durch den Begriff disertus 33 wird das Spektrum des intellektuellen Lebens komplett. In der Einleitung bezeichnet dieser Begriff die Intellektuellen der Zeit, worunter auch die Sprecher fallen (dial. 1,2: dissertissimorum hominum). Später geht es um die diserta sapientia des Helvidius Priscus (dial. 5,7), die Eprius Marcellus wiederum durch seine eloquentia besiegte. Hierdurch ergibt sich die begriffliche Verbindung auch zur Philosophie.

Im Proömium der Historien kann eine ähnliche Terminologie beobachtet werden. Es geht nun aber nicht mehr um Redner. Tacitus setzt vielmehr literaturhistorisch an und vergleicht die frühere Geschichtsschreibung der Republik mit derjenigen der näheren Vergangenheit seit Actium und seiner Gegenwart (hist. 1,1,1-2):

Initium mihi operis Servius Galba iterum Titus Vinius consules erunt. nam post conditam urbem octingentos et viginti prioris aevi annos multi auctores rettulerunt, dum res populi Romani memorabantur pari eloquentia ac libertate: postquam bellatum apud Actium atque omnem potentiam ad unum conferri pacis interfuit, magna illa ingenia cessere; simul veritas pluribus modis infracta, primum inscitia rei publicae ut alienae, mox libidine adsentandi aut rursus odio adversus dominantis: ita neutris cura posteritatis inter infensos vel obnoxios. sed ambitionem scriptoris facile averseris, obtrectatio et livor pronis auribus accipiuntur; quippe adulationi foedum crimen servitutis, malignitati falsa species libertatis inest.

Der Früher-Heute-Unterschied zwischen Republik und Prinzipat, der im Dialogus zu Beginn nur angedeutet ist, wird hier ausdrücklich formuliert (hist. 1,1,1: prioris aevi annos im Gegensatz zu allem, was postquam bellatum apud Actium passiert ist). Auffällig ist die Verbindung von eloquentia und libertas, die sich so in der letzten Rede des Maternus im Dialog wiederfindet34 und – an dieser Stelle genauso wie dort – die Republik kennzeichnet. Der Rückgang der Geschichtsschreibung wird mit Bezug zum ingenium formuliert: magna illa ingenia cessere. Der Verfall der Geschichtsschreibung geht hiermit einher (hist. 1,1,1: simul) und manifestiert sich an Unwissenheit oder Verzerrung der Tatsachen (hist. 1,1,1: inscitia rei publicae, libido adsentandi, odium adversus dominantes). Auch hier wird wie zuvor im Dialogus die kognitive Komponente des ingenium, man könnte sie als Intellekt fassen, angesprochen.35 Durch die –re-Form erinnert Tacitus an Sallust, der mit magna ingenia wohl unter anderem gemeint sein dürfte.36 Dass Tacitus außer Plinius und Messalla (hist. 3,28) keine Geschichtsschreiber seiner Zeit in dieser Funktion nennt, unterstreicht seinen Punkt. Der Begriff von eloquentia ist in der Einleitung der Historien also viel enger als im Dialogus. Im weiteren Verlauf des Werks ist er aber wieder weiter gefasst und schließt zumindest die Redekunst mit ein (vgl. z.B. hist. 4,7: Eprius Marcellus; 4,42: Vipstanus Messalla). Die Analogie von eloquentia und disertus ist in den Historien nicht gegeben. Die Betrachtung einzelner Männer wie Cluvius Rufus deutet auf facundus als Beschreibung für den Intellektuellen (hist. 4,43 für seine eloquentia, hist. 1,8,1 beschreibt ihn als vir facundus et pacis artibus, bellis inexpertus, also durch und durch als Intellektuellen).37

Den Intellektuellen macht also grundlegend zunächst sein ingenium aus, das in den verschiedenen Bereichen der eloquentia bemüht wird. Offenbar ist seine Entfaltung in der Kaiserzeit behindert. Worauf das zurückzuführen ist, kann im Folgenden erkannt werden.

3 Die Darstellung der Rolle und der Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen im Dialogus de oratoribus

Utere antiqua libertate, a qua vel magis degeneravimus quam ab eloquentia (dial. 27,3).

Wie bereits angedeutet, umfasst eloquentia im Dialogus nicht nur das Feld der Rhetorik. Dies ist in der Einleitung (durch die begriffliche Unterscheidung in dial. 1,2) zunächst suggeriert und wird in der ersten Aperrede dann besonders deutlich, wenn er sagt, dass er die gesamte eloquentia und alle ihre Teile für heilig und ehrwürdig hält (dial. 10,4), und die Redekunst durch das Adjektiv oratoria spezifiziert bzw. spezifizieren muss. Der Intellektuelle betätigt sich in der Rhetorik, der Dichtung und im Bereich der Philosophie, wobei der Einfluss dieser letzten Gruppe im Dialogus – zumindest oberflächlich betrachtet – nur in ganz geringem Maße zum Ausdruck kommt.

Im Folgenden ist daher jeweils zuerst zu betrachten, wie Tacitus seine Redner die Begriffe „Redekunst“, „Dichtung“ und „Philosophie“ gebrauchen lässt und wie sie diese auffassen. In einem nächsten Schritt wird untersucht, welche Wirkungsfelder von Intellektuellen in eben diesen Bereichen dargestellt werden, und abschließend, welche Bewertung ihnen jeweils zukommt. Die Sprecher differenzieren in unterschiedlich starkem Maße auch zwischen den Intellektuellen verschiedener Zeitebenen (das bedeutet Republik und Kaiserzeit), was einen Blick auf das Verhältnis von eloquentia und libertas 38 des Intellektuellen erlaubt: ein Verhältnis, das Maternus im obigen Zitat ganz nebenbei aufwirft, das unterschwellig aber immer spürbar ist. Welche allgemeine Erkenntnis am Ende aus der Unterhaltung gezogen werden kann und wessen Meinung von Tacitus geteilt wird, ist in der Sekundärliteratur umstritten. Auf Basis der folgenden Textanalyse soll deswegen am Ende die Diskussion der Standpunkte in der Forschung erfolgen und eine Antwort auf diese beiden Fragen versucht werden. Wie in der Einleitung zu dieser Arbeit angedeutet wurde, ist die geführte Debatte auch für Tacitus persönlich entscheidend, und zwar insofern, dass seine Werke vielleicht einen Blick in die private Gedankenwelt des Autors zulassen.

3.1 Betätigung in der Redekunst

Nostra potissimum aetas deserta et laude eloquentiae orbata vix nomen ipsum oratoris retineat; neque enim ita appelamus nisi antiquos, horum autem temporum diserti causidici et advocati et patroni et quidvis potius quam oratores vocantur (dial. 1,1).

So unterschiedlich wie die Redestile der Sprecher (Aper, Maternus und Messalla) sind auch ihre Ansichten über die Redekunst und ihre Vertreter. Jeder der drei zeichnet ein etwas anderes Bild. Deutlich wird dies vor allem in der Bewertung. Bereits in der hier zitierten Einleitung in den Dialogus wird die Problematik deutlich: „The point of this string of names is that oratory is now practically confined to the lawcourts, and has lost its place in the Senate and before the Roman people.“39 Diese These lässt sich in den Reden belegen. Die unterschiedlichen Bezeichnungen für Redner und Redekunst, in denen oftmals unvermeidlich die Bewertung anklingt, sollen daher im Folgenden untersucht werden. Darüber hinaus prägt auch die Auswahl von Beispielen das jeweilige Konzept. Die beschriebenen Tätigkeiten von Rednern in der Republik und der Kaiserzeit helfen bei der Untersuchung, welche Rolle und Wirkungsmöglichkeiten es für sie (noch) gibt und wie die Sprecher diese bewerten. Einen wichtigen Impuls gibt Lier, indem er den Blick zurück auf den Titel des Werkes lenkt: „Der „Dialogus“ ist keine Lehrschrift über die Redekunst, vielmehr geht es – daher der Titel „Über die Redner“ – um das Redenkönnen konkreter Redner und zwar im doppelten Sinne.“40 Es geht demnach zwar auch um die naturgegebene Fähigkeit, das Talent zum Reden, vielmehr ist aber die konkrete Möglichkeit der Umsetzung von speziellem Interesse, sodass „das vordergründige Thema Träger weiterer Überlegungen“41 wird.

3.1.1 Begriff

Zunächst soll es darum gehen, die Begriffe von Eloquenz zu klären, die bei den einzelnen Rednern herauszulesen sind, und zu untersuchen, welches Bild vom Redner begrifflich und durch die Verwendung von exempla gezeichnet wird. Aper geht in seiner ersten Rede von der oratoria eloquentia aus und spricht über die Betätigung in diesem Feld und ihren Vorteilen im Gegensatz zur Dichtkunst.42 Hierbei wird auch die bereits festgestellte Unterteilung der eloquentia deutlich und sogleich eine gewisse Rangfolge festgesetzt. Die Redekunst, die arx eloquentiae 43 (dial. 10,5), wird durch den Zusatz von oratoria spezifiziert44 und steht in Zusammenhang mit einer Reihe von Begriffen, die auch Aufschluss über die Bewertung des Betätigungsfeldes durch Aper geben; sie ist virilis 45 (dial. 5,4), sie hat numen und caelestis vis inne (dial. 8,2). Vor allem mit dem letzten Begriffspaar rückt Aper die Redekunst in eine religiöse Sphäre. Sie ist für Aper außerdem eine Kunstform (dial. 5,5; 7,2: fama et laus cuius artis). Die eloquentia ist als geistige Leistung stark mit dem ingenium verbunden (dial. 6,6; 8,2). Eine Metapher sticht in der ersten Aperrede – und auch im weiteren Verlauf des Dialogus – besonders hervor: er skizziert die Redekunst mithilfe von militärischem46 Vokabular als Waffe 47 und als Festung, indem er zugleich auffallend häufig Wörter verwendet, die in das jeweilige Begriffsfeld fallen (dial. 5,5-6):

quid est tutius quam eam exercere artem, qua semper armatus praesidium amicis, opem alienis, salutem periclitantibus, invidis vero et inimicis metum et terrorem ultro feras, ipse securus et velut quadam perpetua potentia ac potestate munitus? cuius vis et utilitas rebus prospere fluentibus aliorum perfugio et tutela intellegitur: sin proprium periculum increpuit, non hercule lorica et gladius in acie firmius munimentum quam reo et periclitanti eloquentia, praesidium simul ac telum, quo propugnare pariter et incessere sive in iudicio sive in senatu sive apud principem possis.

Die Redekunst ist etwas, mit dem sich der Redner bewaffnet und als Schutzwall für sich und andere nutzen kann. Die zuvor genannte Beschreibung der eloquentia als arx kann ebenfalls in diese Kategorie gezählt werden.48 Hierdurch wird der Redner zum Krieger und die Situation auf dem Forum erscheint als Schlachtfeld. Vor diesem Hintergrund sind die zur Illustration angeführten exempla interessant. Die von Aper genannten Beispiele – Eprius Marcellus (dial. 5,7; 8,1, 8,3), Vibius Crispus (dial. 8,1, 8,3) und M. Aquilius Regulus (dial. 15,1: oblitus et tuae et fratris tui eloquentiae 49 ) – galten gemeinhin als Vertreter der Kategorie „Delatoren“. Kleinfeller definiert Delator als „1. Der Anzeiger (Denuntiant), der strafbare Handlungen anzeigt“ und „2. Der Ankläger, insbesondere derjenige, welcher aus Gewinnsucht Anklage erhebt.“50 Die Aggressivität dieser Art von Redner scheint für den Leser in der Krieger-Metapher angedeutet zu sein. Aper betont hingegen eher den Erfolg dieser Männer– der Zweck heiligt für ihn anscheinend die Mittel51 – und verwendet den Begriff delator nicht. Im Dialogus kommt er tatsächlich nicht ein einziges Mal vor.52 Da der Verfall der Redekunst in der Einleitung des Dialogus besonders an den Bezeichnungen für den Redner festgemacht wird, stellt sich die Frage, ob sich bei den einzelnen Sprechern eine Früher-Heute-Unterscheidung anhand eben dieser Benennung festmachen lässt. Es finden sich bei Aper (sicher aufgrund seiner Konzentration auf die Tätigkeit und ihre Vorteile und dabei weniger auf die Person des Redners) nur drei Stellen, an denen das Wort orator 53 in seiner ersten Rede zu finden ist (dial. 6,4; 7,2 und 10,1). Aper gebraucht den Begriff jedoch in seiner zweiten Rede häufig (15-mal in dial. 15-23) und ohne Differenzierung, denn zwischen alten und neuen Rednern wird von ihm kein begrifflicher Unterschied im Sinne des Proömiums gemacht. Er gesteht in der zweiten Rede die Unterschiede von den heutigen Rednern im Vergleich zu älteren (dial. 16,4; 17,1: antiquos) ein, die er als notwendige Änderungen betrachtet, da sie mit dem gewandelten Geschmack der Hörer (dial. 20,6: iudicium und aures) einhergehen. Daher fragt Aper nicht in einer absoluten Vorstellung danach, quis disertissimus (dial. 18,3). Er erkennt schließlich, dass es nicht nur eine einzige Ausprägung der eloquentia gibt (dial. 18,2: mutari cum temporibus formas quoque et genera dicendi; 18,3: non esse unum eloquentiae vultum). In seinen Begriffen von Redner und Redekunst wird deutlich, dass Aper die Qualität der Redekunst an ihrer Zeit misst. Den Wendepunkt zwischen alten und neuen Rednern bildet für ihn – er behauptet, dass dies auch der Standpunkt der antiquorum admiratores ist – Cassius Severus. Diese Wahl ist vor dem Hintergrund der bisherigen Überlieferung ungewöhnlich.54 Aper attestiert ihm, dass sein neuer Stil auf iudicium und intellectus beruht (dial. 19,1): Er habe eine andere dicendi via beschritten, weil „er die Zeichen der Zeit erkannt“55 habe. Sein Begriff vom Redner ist demnach nicht absolut zu verstehen, sodass der alte orator nicht dasselbe Konzept meint wie der neue orator, auch wenn das gleiche Wort verwendet wird. Analog ist die alte eloquentia eine andere als die zeitgenössische. Der Verfall der Redekunst ist aus seinem Standpunkt heraus nicht feststellbar, weil an unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird. Misst man aber wie Aper die alte Beredsamkeit am Maßstab der neuen, so muss sie unangebracht wirken, wie sein Urteil über die alten Redner bezeugt (dial. 18).

In Maternus’ erster Rede ist die Redekunst anders dargestellt und mit deutlich negativeren Begriffen versehen. Bei ihm wird abermals die Untergliederung der eloquentia deutlich, wenn er die forensium causarum angustiae gegen die sanctior eloquentia einzutauschen beabsichtigt (dial. 4,2). Der Komparativ verdeutlicht, dass es sich bei den Gerichtsfällen um eine Form der eloquentia handelt, die Maternus der Eloquenz der Dichtkunst unterordnet. Er bezeichnet die Redekunst als lucrosa haec et sanguinans eloquentia (dial. 12,2) und greift damit die Gewalt- bzw. Kriegsmetaphorik des Aper wieder auf (ebenfalls dial. 12,2: in locum teli repertus). Die oratoria eloquentia wird als relativ neues Phänomen dargestellt (dial. 12,2: recens) und damit zugleich „Ausgeburt verkommener Lebenshaltung“56 (dial. 12,2: ex malis moribus natus). Auch der konstante Kontrast zur friedliebenden eloquentia der Dichtkunst hebt das hervor. Ausführlicher als sein Begriff der Redekunst wird Maternus’ Verständnis des Redners in seiner ersten Rede deutlich. Er kann hierbei wie Aper zuvor auch persönliche Erfahrungen aus seiner eigenen Karriere einbeziehen. „Maternus is clearly someone for whom the word orator has disappeared (in terms of Fabius Iustus’ opening question)“57, behauptet Williams. Die Einschränkung in Klammern ist jedoch entscheidend, denn das Wort orator begegnet dem Leser in Maternus’ erster Rede dreimal (dial. 11,1; 12,3; 13,1). Tatsächlich findet sich aber auch causidicus (dial. 12,4). Dies ist einer der Begriffe, der gemäß der Einleitung passender scheint. Die Analyse des dargestellten Wirkungsfeldes wird zeigen, dass der Redner für Maternus lediglich noch im Bereich der Prozessreden eine Rolle spielt. Die enge begriffliche Verbindung von Redner und Gerichtswesen wird durch die Parallelität von oratorum et criminum inops und poetis et vatibus abundabat (dial. 12,3) illustriert. Kann man poetae et vates aufgrund der Nähe ihrer Bedeutung hier als Tautologie verstehen, so wird dasselbe für orator et crimen impliziert. Somit ist für Maternus der Begriff vom Redner an das Wirkungsfeld im Gericht angebunden. Maternus’ exempla sind Demosthenes, Lysias, Hyperides (dial. 12,5), Cicero, Asinius, Messalla58 (dial. 12,6) sowie Domitius Afer (dial. 13,3). Bei diesen Beispielen werden ebenso wie beim Dichter dignitas und perpetuitas famae als Merkmale genannt. Dies spiegelt sich auch in seinen eigenen Erfahrungen (dial. 11,2: efficere aliquid et eniti fortasse possum; dial. 11,3: comitatus istos et egressus). Darüber hinaus greift er Apers Beispiele Vibius Crispus und Eprius Marcellus auf (dial. 13,4) und führt ihre Kennzeichen aus seiner Sicht an: ihre Machtposition kann schnell umschlagen (dial. 13,4: timent an timentur) und die Freundschaft mit dem Kaiser beruht auf Schmeichelei (dial. 13,4: adligati cum adulatione). Für Maternus ist der Redner also von ambivalenter Natur.

In seiner zweiten Rede zeigt sich vordergründig ein etwas anderes Bild.59 Maternus’ These ist, dass die Stärke der eloquentia von der Zeit, in der sie verwendet wird, abhängt, bzw. davon, welchen Stoff diese Zeit liefert. Er vergleicht dabei den Status der alten, republikanischen Beredsamkeit mit dem der jetzigen. In beiden Fällen ist die eloquentia der campus oratorum (dial. 39,2), doch unterscheiden sich die beiden Realisierungsformen in ihrer Qualität. Dies wird durch zwei verschiedene Bilder unterstützt. Zum einen wird die Beredsamkeit mit einer Flamme verglichen (dial. 36,1: magna eloquentia, sicut flamma, materia alitur). Zum anderen zeigt eine weitere Kriegsmetapher (dial. 37,7: plures tamen bonos proeliatores bella quam pax ferunt), dass die Redekunst nur dann besonders gut sein kann, wenn sie auch benötigt (dial. 36,8: necessitas) und angefeuert bzw. ausgeübt wird. Somit erweist sich die eloquentia in der Republik als besonders stark (40,4: valentior eloquentiam), weil sie in unruhigen Zeiten Anwendung findet (dial. 40,2: alumna licentiae). Die Redekunst der Gegenwart hingegen wird als „befriedet“ (dial. 38,2) charakterisiert. Ihr wurden metaphorisch Zügel angelegt (dial. 38,2), den Redner belasten die paenulae eloquentiae (dial. 39,1). Wie die Redekunst ist auch die Auffassung vom Redner durch die politischen Umstände ihrer Zeit bedingt. Die alten Redner waren Tag und Nacht auf dem Forum aktiv (dial. 36,3: paene pernoctantium in rostris), sie wurden sowohl von Ehrgeiz als auch von Auszeichnungen angetrieben (dial. 37, 1: non minus rubore quam praemiis stimulabantur) und schienen so plura sibi adsequi (dial. 36.2). Die exempla Cn. Pompeius und M. Crassus zeigen, dass nicht nur durch Waffen und Tapferkeit eine gewisse Stellung erreicht werden kann, sie können zudem auch durch ingenium et oratio gelten (dial. 37,3: valuisse). Weitere Beispiele (dial. 37,6: Demosthenes und Cicero) illustrieren den Wagemut der alten Redner, auch gegen große Gegner anzutreten. Dieser Wagemut wird durch die Anspielung auf Ciceros Ende trotz seines Rufs (dial. 40,4) jedoch relativiert. Der moderne Redner ist davon geprägt, dass das System, in dem er lebt, wohlgeordnet ist, und dadurch weniger Anlass zur Rede gegeben ist, durch die er sich auszeichnen könnte (dial. 41,3: minor oratorum honor obscuriorque gloria est). Die Vergleiche mit den Zivilisationen von Sparta und Kreta, sowie den Makedonen und Persern veranschaulichen diesen Punkt (dial. 40,3). Der Begriff vom Redner hängt deshalb auch bei Maternus stark von den Umständen ab, in denen er lebt, da diese unterschiedliche Möglichkeiten der Verwirklichung bieten.

Zuletzt soll ein Blick auf Messallas Begriff von Redekunst und Redner geworfen werden. „Wie es im Proöm der Schrift auch Tacitus selbst tut, reserviert Messalla den Titel orator als den ehrenvollsten allein für die Redner der Vergangenheit“60, stellt Dammer fest und dies ist am Text gut belegbar. Von den 72 Erwähnungen des Begriffs orator im Dialogus, erfolgen 23 durch Messalla. Die folgende Tabelle stellt einige Bezeichnungen der alten und neuen Redner bei Messalla zusammen:

Tabelle 1: Begriffe für alte und neue Redner bei Messalla.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ist leicht zu erkennen, dass die zeitgenössischen Redner immer mit einem relativierenden und einschränkenden Zusatz versehen sind, sofern nicht grundsätzlich ein anderer Begriff verwendet wird. Dies trifft selbst auf die Anrede der anderen Sprecher zu.61 Auffällig ist auch die Nähe zum histrio, die Messalla dem Redner unterstellt. Aktuelle Redner wenden histrionales modi (dial. 26,3) an und erscheinen dadurch mehr als Schauspieler als die Schauspieler selbst, von denen man nun sage, dass die redegewandt tanzen (dial. 26,3: diserte saltare dicantur).62 Scholastici und rhetorae deutet auf die neue Rolle des Redners in den Deklamatorenschulen hin. Die alten Redner werden in absoluten Begriffen beschrieben und einem Ideal gleichgesetzt. Da Messallas literaturästhetische Ansichten größtenteils denen Quintilians entsprechen,63 könnte dasselbe auch für seinen Kanon von antiqui oratores vermutet werden. Diese Gruppe wird durch quamvis in diversis ingeniis, esse quandam iudicii ac voluntatis similitudinem et cognationem (dial. 25,4) charakterisiert und damit als Kanon identifiziert. Der Begriff „Redner“ wird bei Messalla auch anhand dieser Beispiele auf Grundlage stilistischer Merkmale geprägt (dial. 25,4: adstrictior Calvus, nervosior Asinius,...). Wie Aper setzt Messalla den Wendepunkt aber anders als Quintilian ebenfalls bei Cassius Severus, sodass er ihn aus der Gruppe der alten Redner entfernt.64 Obwohl Messalla ihn durch die Bezeichnung als orator lobt (dial. 26,4: posse oratorem vocari, aber nur im Vergleich zu späteren), schreibt er ihm dennoch einen ungeschlachten Stil zu (dial. 26,4: omissa modestia ac pudore verborum; non pugnat, sed rixatur) und macht an ihm daher erste Verfallserscheinungen fest.65 Besonders hervorgehoben werden von Messala im Weiteren Cicero und sein Brutus (dial. 30,3-30,5) als Beispiele für die Bedeutung der Bildung. Aus der obigen Zusammenschau ergibt sich, dass Messalla die alten Redner mit veteres oder antiqui bezeichnet, um sie von den neueren Rednern abzugrenzen. Auffällig ist, dass orator oder oratores, wenn das Wort allein steht, sowohl die alten Redner beschreibt, als auch ein Idealbild meint. Sie werden also als Vorbilder gesehen: „Entsprechend habe auch nur der als orator gegolten, qui de omni quaestione ... dicere ... possit (30,5).“66 Über diese Unterscheidung hinaus, kann wieder das Bild vom Redner als Krieger erfasst werden. Der junge Redner lernte früher pugnare in proelio (dial. 34,2), wenn er mit einem alten Redelehrer mitging. Die Redekunst ist dabei seine Taktik und Waffe (dial. 32,2: qui tamquam in aciem omnibus artibus instrictus, sic in forum omnibus artibus armatus exierit). Seine Vorstellung von der Rolle des Redners ist also (ähnlich wie bei Aper), zu kämpfen. Messalla legt aber anders als Aper Wert auf die Ästhetik des Kampfes, nicht nur auf den Ausgang.

Die eloquentia wird von Messalla wie zuvor bei den anderen Sprechern als Überbegriff verschiedener genera verstanden, denn die Redekunst ist lediglich optimum illum et perfectissimum genus eloquentiae (dial. 26,1), sie füllt nicht die ganze eloquentia aus. Der Begriff eloquentia wird aber in Messallas Reden in den meisten Fällen synonym für die oratoria eloquentia gebraucht. Dabei ist nach seinem Verständnis die alte Redekunst gesund (dial. 25,4: sanitatem eloquentiae), wahr und unverdorben (dial. 34,3: vera statim et incorrupta eloquentia), zuletzt die wahre Gestalt der Redekunst (dial. 34,5: faciem eloquentiae, non imaginem). Sie ist zudem – parallel zum Bild der arx bei Aper – die omnium artium domina (dial. 32,4). Die neuere Redekunst hingegen wird mit fracta et deminuta beschrieben (dial. 26,8). Sie ist von ihrem früheren Ruhm abgefallen (dial. 28,2: descivisse).

[...]


1 Rutledge 2012, S.70.

2 Die Diskussion um die Entstehungszeit soll im folgenden Kapitel kurz wiedergegeben werden.

3 Vgl. Rutledge 2012, v.a. S.62.

4 Rutledge 2012, S.66, vgl. auch Barnes 1986, S. 232: „The real subject of the Dialogus is rather: what literary genres are worthwhile in the conditions of the late first century?“ Hier wird wieder die Bedeutung der Thematik für Tacitus selbst vor dem Hintergrund seiner Zeit offensichtlich.

5 Christ 1983, S.105.

6 Vgl. Williams 1978, S.26.

7 Syme 1986, S.140; Chilver 1979, S.24; Winterbottom 2001, S.137; Woodman 2010, S.31. Leeman 1974 datiert auf 105 n.Chr.

8 Für die Diskussion von Murgias Argumenten (1980) vgl. Bartsch 2012, S.149-151 und Barnes 1986, S. 230-232.

9 Winterbottom 2001, S.137.

10 Barnes 1986, S.231: „Something more serious is at stake than mere chronological precision.“

11 Williams 1978, S.26: „The date has considerable importance for the interpretation of the work.“

12 Vgl. Brink 1993, S.339; Martin 1989, S.60. Beck 2001, S.71 argumentiert für 77/78, auch auf Basis der Zeitrechnung, die Aper in seiner zweiten Rede ausführt.

13 Aussagekräftige Zusammenfassungen bieten z.B. Barnes 1986, S.228f.; Mayer 2001, S.16-18. Für eine ausführliche Zusammenfassung vgl. Van den Berg 2014, S.17-29.

14 Von Albrecht 2012, S.947.

15 Rutledge 2012, S.70.

16 Vgl. Brink 1993, S.348: „We are made to witness real public life in which opinions clash, and no single opinion, Maternus’s (sic) included, fully prevails to the exclusion of all others.“

17 Die Konventionen des Dialogs wurden vielfach im Rednerdialog nachgewiesen. Solche sind der bevorstehende Tod eines der Redner (vermutet wird Maternus), intertextuelle Anspielungen an Platon, das Auftreten führender Staatsmänner und Redner, die Anwesenheit eines advocatus diaboli sowie die zeitliche Distanz, die zugleich durch die Betonung der Wahrhaftigkeit der Unterhaltung gebrochen wird (hier dial. 1,2: quos eandem quaestionem pertractantes iuvenis admodum audivi), vgl. Rutledge 2012, S.67f.

18 Vgl. Allison 1999 und Breitenbach 2010.

19 Vgl. Van den Berg 2008, S.421-427, Müller 2013.

20 Vgl. Steinmetz 2000, S.215f.: Diese Methode, die aus dem Rhetorikunterricht des Peripatos stammt, wurde von Cicero zunächst dafür verwendet, seine Redekunst zu üben. Neben diesem Anwendungsgebiet war dieser Ansatz in der Neuen Akademie „die philosophische Methode schlechthin.“ In der Akademie hauptsächlich mit dem Ziel der Urteilsenthaltung eingesetzt fand sie bei Cicero eine „konstruktive“ Anwendung, um sich dem probabile zu nähern. Tacitus’ Umgang mit dieser Technik wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit offenbar werden.

21 Rutledge 2012, S.64.

22 Damon 2003, S.4. Kraus/Woodman 1997, S.88 setzen die Bearbeitungszeit in die Jahre 106-108.

23 Vgl. Chilver 1979, S.28. Tacitus’ Qualifikation zum Geschichtsschreiber beschreibt Chilver 1979, S.27 so: „What was Tacitus’ degree of authority, in c. 106, as a contemporary historian? He was writing as a consular of ten years’ standing, a man whose life had coincided with vital moments of the period he was recounting, and with at least one vital moment of the period which followed it. He had relatively close knowledge of the Senate of Rome and of its relations with the princeps, and does not seem to have made enemies in high circles at any time. But there was little evidence that he knew Roman provinces at all well.“

24 Vgl. Matthews 2007, S.291.

25 Master 2012, S.84.

26 Matthews 2007, S.291.

27 Till, „II. Römische Geschichtsschreibung“ in dtv-Lexikon der Antike Philosophie, Literatur, Wissenschaft Bd.2, 1969, S.161-165. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf diesen Lexikonartikel.

28 Leeman 1974, S.138.

29 Brockhaus, S.555f. „Intellektuelle“.

30 Gemäß OLD (S.905f.) ist ingenium zunächst einmal „1 natural disposition, temperament“, wobei dies auch metonymisch gebraucht sein kann. Darüber hinaus bezeichnet ingenium „4 Mental powers, natural abilities, talent, intellect“ oder besonders „5 (spec.) Literary or poetic talent“.

31 Vgl. Mayer 2001, S.88, dem diese „remarkable community of concept“ ebenfalls nicht entgangen ist.

32 Dies geschieht auch noch einmal am Ende des ersten Kapitels: nostrorum temporum eloquentiam antiquorum ingeniis anteferret. Bemerkenswert ist die Verbindung von eloquentia immer mit der aktuellen Zeit, während ingenium besonders mit der alten Zeit verbunden ist. Die Umstände scheinen die Entfaltung des ingenium zu behindern. Wodurch das geschieht, sollte in der folgenden Untersuchung deutlich werden. Zum Verhältnis von ingenium und mores vgl. Vielberg 2000.

33 Güngerich 1980, S.6: „[D]er Ausdruck ist ursprünglich niedriger als eloquens [...], entspricht aber bei Tac. als Adjektiv etwa dem Nomen eloquentia. “ Da eloquentia sich auf mehrere Bereiche bezieht, bezieht sich so also auch disertus auf verschiedene Bereiche, nämlich Redekunst, Dichtkunst und Philosophie.

34 Vgl. Damon 2001, S.79.

35 Einige weitere Beispiele: hist. 4,5,1: Helvidius Priscus [...] ingenium inlustre altioribus studiis iuvenis admodum dedit; hist. Hist. 4,42,4: libidine sanguinis et hiatu praemiorum ignotum adhuc ingenium et nullis defensionibus expertum caede nobili imbuisti. (Im zweiten Beispiel findet sich erneut die Idee, dass das natürliche, ererbte ingenium weiter ausgebildet werden kann, vgl. Vielberg 2000, S.174).

36 Damon 2001, S.79. Ingenium steht hier metonymisch für „a man of literary abilities, a gifted writer“ (OLD S.905 ingenium 5b, hist. 1,1 ist hier als Belegstelle angeführt). Nicht zu verschweigen ist aber auch, dass ingenium in den Historien oftmals die Bedeutung „natural disposition“ (ingenium 1, S.905) und „talent, intellect“ (ingenium 4) im Sinne militärischen Takts annimmt. Diese ingenia waren nach wie vor fleißig am Werk.

37 Einige weitere Beispiele für facundia / facundus synonym zu eloquentia: hist. 1,69,1: ne Vitellius quidem verbis et minis temperabat, cum Claudius Cossus, unus ex legatis, notae facundiae sed dicendi artem apta trepidatione occultans atque eo validior, militis animum mitigavit; hist. 2,80,2 satis decorus etiam Graeca facundia, omniumque quae diceret atque ageret arte quadam ostentator; hist. 3,10,3: fremitu et clamore ceteros aspernantur. uni Antonio apertae militum aures; namque et facundia aderat mulcendique vulgum artes et auctoritas.

38 Zum Freiheitsbegriff bei Tacitus vgl. Vielberg 2006, Oakley 2010. Republikanische Freiheit betrifft die römischen Adelsgeschlechter, die ihre Interessen im Senat vertreten. Diese Freiheit ist in der Kaiserzeit durchgängig davon bedroht, vom jeweiligen Princeps geschmälert zu werden. Was noch bleibt ist die „von guten Kaisern den Senatoren eingeräumt[e] Handlungs- und Redefreiheit“ (Vielberg 2006, S.74). Opposition wurde angeklagt und hatte zumeist schwerwiegende Konsequenzen. Tacitus wird in seinen Werken somit zum „Theoretiker der verlorenen Freiheit“ (Vielberg 2006, S.75), indem er sich damit auseinandersetzt, welche Optionen diese eingeschränkte Freiheit noch bietet und welche Vor- und Nachteile sich daraus aber auch ergeben.

39 Mayer 2001, S.89, vgl. auch Schirren 2000, S.227. Diese Erkenntnis wird, wie Syme 1986, S.136 darlegt, durch die Pliniusbriefe unterstützt, denn sie erzählen „verschiedene Prozesse gegen Prokonsuln, doch im übrigen ein Gemisch aus Alltäglichem und Langweiligem. Die Blütezeit der Rhetorik war vorüber – es gab keine großen Redner mehr, nur noch kleine Advokaten. Die intelligenten Leute zogen hieraus die Konsequenz und richteten ihr Interesse auf eine aktive Karriere in den kaiserlichen Provinzen.“

40 Lier 1996, S.53.

41 Ebenda.

42 Für die Verflechtung von Redekunst und Dichtkunst vgl. Dominik 1992. Dominik bezeichnet das Verhältnis in der späten Republik und frühen Kaiserzeit als Symbiose.

43 OLD S.179 arx 5b (fig.) a high position, height, summit, pinnacle. Tac. dial. 10,5 wird als Belegstelle angeführt. Im selben Satz wird dieselbe Idee noch einmal durch summa adeptus ausgedrückt.

44 Diese Begriffe verbindet Aper insgesamt dreimal: 5.4: eloquentiam virilem et oratoriam, 6.1 und 8.3: oratoriae eloquentiae. Durch die Notwendigkeit derartiger Spezifizierung von eloquentia wird also deutlich, dass der Begriff mehr bezeichnet als nur Rhetorik.

45 „Einen Vorverweis darauf [i.e das Verwerfen der Entscheidung des potentiellen Redners für die Dichtung] darf man wohl darin sehen, daß Aper so sehr die männliche Kraft seines Talents betont, durch die Maternus zum Redner und nicht zum Dichter berufen sei, und die ein Leitmotiv seiner Kritik an ihm ist“ (Heldmann 1982, S.259).

46 Hierzu Winterbottom 2001, S.140: „This is part of his character. He is a πρακτικός. And he sees action in military terms. [...] This is a thoroughly Roman rhetoric, intended to show the superiority of the practical over the intellectual life.“

47 Die Metapher ist so zu verstehen, dass die Redner ihre rhetorische potentia als physisches Attribut anwenden (Gallia 2009, S.176).

48 OLD S.179 arx 3 (in transf. and fig. uses) A bulwark, defence, stronghold. Beide hier genannten Interpretationsmöglichkeiten von arx leiten sich von der Grundbedeutung (arx 1) als „that part of a city which is a fortified eminence, a citadel; a strong point in a city“ ab.

49 Vgl. Mayer 2001, S.136: „Regulus ist Messallas Halbbruder und ein bekannter und gefürchteter delator. “ Auf ihn wird noch im Kapitel 4.1 genauer einzugehen sein.

50 RE IV,2 2427f. Delator (Kleinfeller): Der Delator ist schon „am Ende der republicanischen Zeit in Verruf geraten.“ Belohnungen vom Kaiser sorgten dafür, dass dieser Beruf „gewerbsmässig getrieben“ wurde. Für eine ausführliche Definition des Begriffs delator auf Grundlage verschiedener kaiserzeitlicher Autoren vgl. Rutledge 2001, S.9-16.

51 Der Redner ist bei Aper dadurch gekennzeichnet, dass er durch seine Beredsamkeit allein (vgl. dial. 5,7: quid aliud quam eloquentiam suam opposuit?) und ungeachtet seiner sonstigen Voraussetzungen wie Herkunft und Charakter und somit entgegen allen Erwartungen (dial. 8,3 über Eprius Marcellus und Vibius Crispus) Ruhm und Reichtum für sich erlangen kann.

52 Dass es sich bei ihnen tatsächlich um Delatoren handelt, würde ein Leser ohne Vorwissen erst in den Historien erfahren, vgl. Winterbottom 2001, S.140.

53 Aper nennt sie aber auch dicentium und orantibus (dial. 6,5).

54 Hierzu Heldmann 1982, S.164.

55 Heldmann 1982, S.163.

56 Vgl. Klose 1981, S.27.

57 Williams 1978, S.29.

58 Am Beispiel von Asinius und Messalla wird ein bislang unbeachteter Punkt verdeutlicht: „He also introduced the notion of the published oration (12.6 liber), the vehicle of posthumous fame, which also provided the standard of comparison and generated a sort of ‘anxiety of influence’ among the more thoughtful“ (Mayer 2001, S.121).

59 Vgl. Winterbottom 2001, S. 151-153: Maternus antwortet auf zwei unterschiedliche Fragen in seiner ersten (warum er „heute“ Dichtung vor Redekunst wählt) und zweiten Rede (warum die Redekunst verfallen ist). Deshalb ist seine ablehnende Haltung den Delatoren gegenüber nicht zwangsläufig unvereinbar mit dem in der zweiten Rede ebenfalls abgewerteten Einfluss, den Redner in der Republik hatten: „Eprius and Vibius can not, as [Catiline, Milo,...] did, affect the magna quies (41.5) of the state“ (Winterbottom 2001, S.153).

60 Dammer 2005, S.335.

61 Dammer 2005, S.335 bezeichnet Messallas Anredefloskel als übertriebene Höflichkeit, die durch den Zusatz relativiert wird. Auch Mayer 2001, S.134 merkt die „restriction“ an und weist darauf hin, dass diese von Aper verstanden wird.

62 Die Verwendung von Theatersprache ist im Dialogus sehr auffällig. Eine Untersuchung ähnlich der Taylors 2010 für die Annalen könnte auch über den Rednerdialog neue Einsichten bringen.

63 Zum Verhältnis von Quintilian und Tacitus’ Dialogus, vgl. Güngerich 1986, Heldmann 1980.

64 Für verschiedene Klassierungen der alten Redner in der antiken Literatur vgl. Heldmann 1982, S.161.

65 Heldmanns Erklärung für diese Ausnahmeerscheinung ist, dass Cassius Severus „nicht so wichtig [ist] zur Fixierung des Zeitpunkts des Verfalls – das ist nicht das Thema des Dialogus – als vielmehr deswegen, weil sich in ihm die Verfallserscheinungen kristallisieren, deren Gründe Messalla dann in dem gesellschaftlichen Gegensatz von Einst und Jetzt zu zeigen versucht“ (Heldmann 1982, S.197).

66 Lier 1996, S.57. Die Doppeldeutigkeit von dicere possit manifestiert sich an dem gesellschaftlichen Gegensatz, der politische Ursachen hat.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Rolle und Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen bei Tacitus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
91
Katalognummer
V468200
ISBN (eBook)
9783668943575
ISBN (Buch)
9783668943582
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, rolle, wirkungsmöglichkeiten, intellektuellen, tacitus
Arbeit zitieren
Sarah-Marie Möller (Autor), 2016, Die Darstellung der Rolle und Wirkungsmöglichkeiten des Intellektuellen bei Tacitus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468200

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