Die Wirkung und Theorie humoristischer Protestvideos am Beispiel von "Safari"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Protest durch Humor
2.1 „Safari“ von Rémi Gaillard
2.2 Perspektive der Überlegenheits- und Inkongruenztheorien
2.3 Analyse anhand der Komikfunktionen nach Rißland (2002)

3. Einstellungsänderung durch humorvollen Bildprotest
3.1 Humor als kognitive Leistung
3.2 Einstellungsänderung durch Humor

4. Diskussion der Erkenntnisse

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die fortschreitende Medialisierung auf globaler Ebene ist ein seit vielen Jahren bekanntes Phänomen. Dabei beschreibt der Begriff in der Kommunikationswissenschaft die immer stärkere Anpassung von Kommunikation an die Erfolgsbedingungen der Medien mit dem Ziel, die bestmögliche Grundlage für die Verbreitung seiner Botschaft zu schaffen (Kepplinger, 2008, S. 327). Für große Organisationen sowie andere medienabhängige Akteure hat sich diese Strategie der öffentlichen Kommunikation erfolgreich bewährt und mit der Zeit fest etabliert. So ist es keine unerwartete Entwicklung, dass die Medialisierung auch im Bereich der sozialen Protestbewegungen immer populärer wurde und dadurch nicht nur bei großen Aktivismus-Organisationen zu beobachten ist. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Grad der Mediatisierung, wodurch sich zwangsläufig auch die mediale Form der Protestkommunikation gewandelt hat und stärker denn je den digitalen Kanälen angepasst ist. Die Mediatisierung selbst beschreibt dabei den Prozess der durch medientechnische Entwicklung entstehenden Veränderungen (Schulz, 2004, S. 88-90). Dies hat zur Folge, dass die bisher bekannten Formen der Protestkommunikation, wie beispielsweise aufwendig inszenierte Bildereignisse für journalistische Medien, durch neue Medienformen erweitert oder ersetzt werden.

Wall (2003, S. 44-48) kommt zu einer ähnlichen Erkenntnis, wenn sie die Kommunikationsstrategien von individuellen Protestgruppen, die verstärkt auf interaktive Onlinekommunikation setzen, mit den eher traditionellen Methoden von Nichtregierungsorganisationen vergleicht:

Certainly with participatory communication tactics, groups are more likely to lose control of their message and identity, but sometimes the goal is to inspire individuals to participate in their own forms of resistance. Unlike the NGO reformers, the street groups did not seek to supply a pre-packaged identity. Rather, their identity was open to interpretation and, indeed, dependent upon the creative resources of participants.

Diese Art der Protestkommunikation ist zurückzuführen auf eine generelle gesellschaftliche Haltung, die das Individuelle betont und durch eigenes aktives Handeln von Menschen gelebt werden kann. Über soziale Medien können sich die Unterstützer einer Protestbewegung deren Weltbild zu eigen machen, es teilen und sogar individuell weiterentwickeln.

Ein weiteres Beispiel hierfür ist der französische Aktionskünstler Rémi Gaillard. Um seine Protestbotschaften direkt vermitteln zu können, nutzt er die Möglichkeiten der digitalen Videokommunikation über Onlineplattformen wie YouTube. Der mediatisierte Wandel führt in einem solchen Fall somit zu einer direkteren Kommunikation zwischen Aktivist und Rezipient und stärkeren Unabhängigkeit gegenüber Nachrichtenmedien. Im Sinne der Medialisierung ist er dabei nur noch an die Erfolgsbedingungen der sozialen Internetmedien gebunden. Rémi Gaillard nutzt diese Freiheit, um seinen Humor mit Aktionismus zu kombinieren und neue Formen des Ausdrucks von Protest entstehen zu lassen. Eine bespielhafte Aktion ist die Produktion und Veröffentlichung des Videos „Safari“ auf verschiedenen sozialen Internetmedien. Sie bildet somit den zentralen Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit.

Um das Video hinsichtlich seiner wirkenden Mittel analysieren zu können, wird das Video formal beschrieben und zunächst ein Überblick über existierende Humortheorien geschaffen. Das Medienprodukt kann somit einer Humorart zugeordnet und besser interpretiert werden. Desweiteren wird die psychologische Sichtweise auf Humor und die Konzepte der Humortheorien aufeinander bezogen und geprüft, ob sich Aussagen zum kognitiven Humor- und Einstellungsänderungsprozess treffen lassen. Die explizite Forschungsfrage lautet somit: mit welchen Mitteln sucht das Video „Safari“ von Rémi Gaillard eine Einstellungsänderung zu bewirken?

2. Protest durch Humor

2.1 „Safari“ von Rémi Gaillard

Das Protestvideo „Safari“ wurde am 27.08.2016 erstmals auf der Online-Videoplattform YouTube sowie dem sozialen Netzwerk Facebook von Rémi Gaillard veröffentlicht. Es trägt den Untertitel „Shoot pictures not animals“ und wurde allein bei diesen beiden Anbietern zusammen über 12 Millionen Mal aufgerufen. Die Länge des Videos beträgt 2:14 Minuten und parodiert größtenteils die im Mittelpunkt stehende Jagd auf Tiere durch einen Rollentausch. Der Produzent Rémi Gaillard nutzt dabei komische Tier-Maskottchenkostüme für die „Jäger“, während sie in typischen Jagdszenen und -posen arrangiert sind. Die Opferrolle wird von Menschen, teilweise scheinbar unwissend über die eigene Partizipation, eingenommen.

Zu Beginn des Videos ist die sinnlose Tötung von drei Wildtieren zu sehen, wodurch die Parodie als eine Art „Racheaktion“ eingeleitet und zusätzlich von Aufbruchsstimmung geprägter Musik unterstützt wird. In den darauffolgenden Szenen sieht man die „Jagdgesellschaft“, bestehend aus Tiermaskottchen in einem typischen Safari-Geländewagen und ausgerüstet mit Kameras sowie Gewehren, während sie langsam durch belebte öffentliche Plätze fahren. Dabei werden die Menschen um sie herum ins Visier genommen und dienen als Gejagte.

In den nächsten beiden Szenen bitten die Maskottchen Menschen in der Umgebung um Hilfe für ein Trophäen-Foto. Dazu werden die vermeintlich Unwissenden zur Jagdgesellschaft gebeten, um diese vor einem erlegten Menschen posierend abzulichten.

Anschließend folgt eine Szene, bei der zwei vermutlich inszenierte Jäger auf die tierische Jagdgesellschaft treffen, während diese gerade einen Menschen „tödlich“ getroffen hat. Die Jäger versuchen sich zunächst um den angeschossenen Mann zu kümmern, fliehen jedoch, sobald sie die Tiermeute mit Jagdwaffen auf sich zurennen sehen.

Die darauffolgenden Szenen zeigen Originalaufnahmen von Jägern und deren Verhalten nach erfolgreicher Jagd. Sie sind ein starker Kontrast zu den bisher gesehenen Bildern, da sie plötzlich die Wirklichkeit zeigen und erlebbar machen. Die gefilmten Jäger zeigen hierbei ihr eigenes Verständnis von Humor: Freude und Spaß durch die Tötung von Wildtieren.

Nach einigen humorvollen Kurz-Clips, wie beispielsweiße ein Zebramaskottchen auf einem Zebrastreifen liegend um Selbstmord bittend, ist zum Abschluss nochmal eine explizite Jagd- und Tötungsszene eines Zebras samt lachendem Jäger zu beobachten, welche als Hintergrund des Abspanns fungiert.

Auffällig ist der für ein politisches Protestvideo geringe Grad an explizit kommunizierten inhaltlichen Argumenten. Beispiele für eine zentrale Argumentation wären in diesem Fall die Frage nach der Notwendigkeit, der explizite Appell an die ethische Verantwortung der Menschheit oder auch die Notwendigkeit von ausgeprägter Artenvielfalt für das Funktionieren unseres Ökosystems. Der Erfolg des Videos spricht für eine periphere Aufbereitung solcher Botschaften. Um die Reichweite des Videos von 12.000.000 Aufrufen einordnen zu können, bietet sich der Vergleich mit den populärsten Videos von den Tierschutz-Organisationen WWF und PETA an. Während die internationale YouTube-Präsenz von PETA mit ihren erfolgreichsten Videos bei ca. 4-5 Millionen Aufrufen liegt, sind es bei WWF International schon nur noch ca. 500.000 Zuschauer pro Video. Daraus ergibt sich die Annahme, dass, dass Protestkommunikation auch mit peripheren Mitteln überzeugen kann. Diese induktiven Überlegungen bilden die These:

-Humoristische Merkmale visueller Protestkommunikation ersetzen den Bedarf des Rezipienten an argumentativen Inhalten der Botschaft

2.2 Perspektive der Überlegenheits- und Inkongruenztheorien

Um die eben beschriebenen Szenen genauer analysieren zu können, ist eine Differenzierung des verwendeten Humors sinnvoll. Grundsätzlich lassen sich alle existierenden Humortheorien drei Kategorien zuordnen (Knop, 2015, S. 46), wobei die Gruppe der Überlegenheitstheorien sowie der Inkongruenztheorien für die vorliegende Arbeit am geeignetsten sind.

Die Überlegenheitstheorien fokussieren das Gefühl des „Überlegen-Seins“ durch Schadenfreude und werden daher auch Aggressionstheorien genannt. Diese Art der Freude ist demnach die Ursache für Lachen und Komik und wird von Knop (2015, S. 46) passend mit dem deutschen Sprichwort „Schadenfreude ist die größte Freude“ umschrieben. In vielen unterschiedlichen Szenen von „Safari“ sind diese Wirkungsmechanismen zu beobachten: ein recht eindeutiges Beispiel stellt die Szene mit den beiden Jägern dar, über deren Flucht bzw. „Niederlage gegen die Tiere“ sich die Zuschauer amüsieren. Ähnliche Emotionen entstehen jedoch auch bei eigentlich unbeteiligten Dritten in der Opferrolle. Golfer oder Passanten, die scheinbar keinen direkten Bezug zur Jagdindustrie haben, werden zu unwissenden Protagonisten und somit zu einem Element, über das gelacht wird. Man könnte auch sagen, dass das Überlegenheitsgefühl aus Sicht des Videorezipienten hierbei aus der Kenntnis über die Unkenntnis der involvierten Passanten entsteht. Bergson beschreibt diesen Prozess der Ungerechtigkeit mit „Unschuldige, die es trifft, sind Nebenopfer, welche für die Erfüllung der sozialen Funktion in Kauf genommen werden“. (Knop, 2015, S. 52-53). Bergson beschreibt laut Knop damit gleichzeitig auch die soziale Funktion des Aufrechterhaltens einer sozialen Gruppennorm, wie in diesem Fall die Ablehnung von Wildtierjagden.

Einen weiteren wichtigen Aspekt bilden die Inkongruenztheorien, welche Humor als kognitive Leistung betrachten und somit zu den gleichnamigen kognitiven Theorien zählen (Knop, 2015, S. 53). Alexander Brock (2004, S. 133) beschreibt die Inkongruenz hierbei als einen wichtigen Faktor bei der Humorgenerierung, der aus einem Erwartungsbruch resultiert. Dies ist ein zentrales Element im Video „Safari“ und wird durch die ungewohnte Rollenverteilung von Jägern und Gejagten fast durchgehend sichtbar gehalten. Auch der Titel des Videos impliziert erstmal die Erwartungen einer Unternehmung mit Wildtieren als Fokusobjekt, wodurch die anschließende visuelle Aufklärung noch überraschender wirkt. Passend interpretiert Kablitz (2000, S. 292) Schopenhauers Ausführungen zur Inkongruenztheorie als grundsätzliche Nichtübereinstimmung der abstrakten und der anschaulichen Erkenntnis. Die in diesem Fall anschauliche Erkenntnis, dass das sinnlose Töten von Tieren falsch und lächerlich ist, wird durch die Inszenierung eines abstrakten und surrealen Paralleluniversums mit Menschen als Jagdbeute deutlich. Dieses Konzept findet bei Rémi Gaillard auch in vielen weiteren Szenen desselben Videos Anwendung, wie beispielsweise dem Zebra, welches Autofahrer um eine „Beendigung“ seines Dramas in Form von Überfahren bittet oder den Maskottchen-Shortclips vor dem Abspann.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die vorgestellten Modelle nur Teilaspekte des Humors beschreiben und sich nicht gegenseitig ausschließen. Vielmehr sind sie stets als gesamtes zu betrachten und wirken zur gleichen Zeit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Wirkung und Theorie humoristischer Protestvideos am Beispiel von "Safari"
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V468207
ISBN (eBook)
9783668941694
ISBN (Buch)
9783668941700
Sprache
Deutsch
Schlagworte
humortheorien, humortheorie, protest, protestvideos, onlineprotest, protestwirkung, humorwirkung, humorismus, überlegenheitstheorie, inkongruenztheorie, komikfunktionen, elaboration-likelihood-model, elaboration-likelihood-modell
Arbeit zitieren
Christian Meradji (Autor), 2017, Die Wirkung und Theorie humoristischer Protestvideos am Beispiel von "Safari", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468207

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