Mythos, Identität und Nation. Covadonga als Ausdruck der kollektiven Identitätsbildung


Seminararbeit, 2019
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Identitätsbegriff
1.1 Kollektive Identität: Der normierende und rekonstruktive Typus
1.2 Nationale Identität
1.3 Mythos als Ausdruck nationaler Identität
1.4 Herleitung und Grundlage der Analyse Covadongas

2. Covadonga
2.1 Die Schlacht von Covadonga
2.2 Covadonga als Mythos

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die zentrale Forschungsfragen dieser Ausarbeitung ist: Was ist Identität und in welcher Form kommt sie in Gemeinschaften und Nationen vor? Mit der Ergänzungsfrage: Inwiefern lässt sich anhand Covadonga der Ausdruck kollektiver Identität veranschaulichen? Um diese Frage zu beantworten ist zunächst die theoretische Grundlage erforderlich, welche durch die Definition der Begriffspaare: personale Identität und kollektive Identität erfolgt. Mit Hilfe der Definitionsversuche von Nationaler Identität und dem Mythos als Ausdruck nationaler Identität wird eine Grundlage geschaffen, um Covadonga diesbezüglich zu analysieren.

1. Identitätsbegriff

Um sich der spanischen, nationalen Identität zu nähern ist es zunächst erforderlich, den Begriff der Identität zu definieren und für die folgende Analyse festzulegen. Der Begriff Identität wird als theoretischer Grundbegriff in der Psychologie, Soziologie und Ethnologie verwendet (vgl. Straub 1998: 73). Im politikwissenschaftlichen Sinn wird er oft im Sinn eines Zugehörigkeitsgefühls gebraucht (vgl. Riketta und Wakenhut 1998: 17). Der Duden definiert den Begriff der Identität wie folgt:

,,1. a. Echtheit einer Person oder Sache; völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird. […] b. als ,,Selbst“ erlebte innere Einheit der Person. […] 2. völlige Übereinstimmung mit jemandem, etwas in Bezug auf etwas; Gleichheit.“ (Duden 2019).

Beide Bedeutungsvarianten des Begriffs Identität, nach dem Duden definiert, implizieren eine Einheit oder Übereinstimmung. Entscheidender Unterschied zwischen den Bedeutungsvarianten ist die Hinzunahme von mindestens einer weiteren Person oder Sache in der zweiten Bedeutungsvariante und dessen Verhältnis zueinander. Es existiert demnach eine Relation zwischen dem Ich und dem Wir bezüglich der Identität. Man spricht in diesem Kontext von Personaler Identität und Kollektiver Identität (vgl. Straub 1998: 83, 96). In seiner Analyse zur personalen und kollektiven Identität beschreibt Straub Personale Identität als Konstrukt, welches kein Mensch einfach inne hat, sondern gebildet wird und im Bezug auf Erfahrungen und Erwartungen erhalten werden muss. Er ergänzt, dass Identität immer nur ein temporäres Ergebnis kreativer und konstruktiver Prozesse sei (vgl. ebd., 1998: 93). Anders als es die zuvor genannte Definition des Dudens vermuten lässt, führt Straub an, dass Vielfalt notwendig für die Bildung und Bewahrung von Identität sei:

,,Identität setzt die Differenzierung und Bewahrung von Differenzen ebenso voraus wie die Synthesierung oder Integration des Unterschiedenen. […] Man kann im Gegenteil sogar sagen, daß (!) die Identitätstheorien, um die es hier geht, durchweg davon ausgehen, daß (!) die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit, Vielfältigkeit, Unbeherrschbarkeit und auch der Ambiguität unserer Erfahrungen eine notwendige Voraussetzung für die Bildung und Bewahrung von Identität ist.“ (Straub 1998: 94)

Wie bereits anfänglich erwähnt wird der Begriff Identität in verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten genutzt. Von der Soziologie ausgehend ist eine kollektive Identität, oder auch Wir-Identität genannt (vgl. ebd., 1998: 102), eine Einheit, oder ein Kollektiv, welche/s sich durch bestimmte Merkmale auszeichnet und sich dadurch von anderen Einheiten bzw. Kollektiven unterscheidet (vgl. Hillmann 2007: 431). Dies kann eine Gruppe, Ethnie, oder, wie in dieser Arbeit behandelt, eine Nation sein. Man kann demnach sagen, dass Individuen ihren eigenen Pool an Merkmalen aufteilen und sich so entweder von Personen abgrenzen, welche nicht mit ihren jeweiligen Merkmalen übereinstimmen, oder um sich mit ihrer Umgebung zu verbinden. Im Bezug auf die kollektive Identität ist dabei wichtig zu sagen, dass es den Körper, den einzelnen Menschen, wie er bei der personalen Identität existiert, im Fall der kollektiven Identität nicht gibt. Man kann den Begriff der Identität bezüglich der personalen Identität, nicht auf die kollektive Identität übertragen. Die kollektive Identität existiert nicht, wie eine einzelne Person, sondern wie ein soziales Konstrukt (vgl. Straub 1998: 96). Dies ist für die spätere Analyse Covadongas als Symbol nationaler Identität besonders wichtig. Im folgenden ist daher die Beschreibung dieser beiden Typen für das weitere Vorgehen notwendig.

1.1 Kollektive Identität: Der normierende und der rekonstruktive Typus

Der grundlegende Unterschied zwischen der normierenden- und der rekonstruktiven, kollektiven Identität liegt im äußerlich-vorschreibenden, oder inszenierenden Charakter der normierenden kollektiven Identität, im Gegensatz zur rekonstruktiven, kollektiven Identität, welche aus einer Innenperspektive, der individuellen, einzelnen Personen, innerhalb der vermeintlichen Gruppe definiert wird (vgl. ebd., 1998: 100f.). Während die Kriterien für die Gruppenzugehörigkeit im Fall der normierenden, kollektiven Identität durch Dritte vorgegeben werden, sind es bei der rekonstruktiven, kollektiven Identität die Individuen, welche sich frei und kommunikativ, über ihre Merkmale einer Gruppe zuordnen. In diesem Zusammenhang ist die Größe einer möglichen Wir-Gruppe und die Möglichkeit direkter Kommunikation zu erwähnen. Besonders große, anonyme Gruppen wie Nationen sind häufig dem Typus der normierenden, kollektiven Identität zuzurechnen, da in ihnen häufig eine sog. Pseudo-Identität für Pseudo-Kollektive agitiert wird (vgl. ebd., 1998: 100).

1.2 Nationale Identität

Nationale Identität setzt sich aus den Begriffen Nation und Identität zusammen. Der Begriff Identität ist bereits in den Abschnitten 1. und 1.1 ausreichend beschrieben worden. Wie lässt dieser sich nun in einen nationalen Kontext bringen? Entsprechend dessen muss zunächst die Definition des Begriffs Nation erarbeitet werden. Dieser stammt aus der Zeit der Französischen Revolution, in welcher sich die Bürger gegen die unumschränkte Macht der Könige gestellt haben (vgl. Carcelén 2016: 15). Der Duden definiert den Begriff Nation als ,,große, meist geschlossen siedelnde Gemeinschaft von Menschen mit gleicher Abstammung, Geschichte, Sprache, Kultur, die ein politisches Staatswesen bilden […]“ (Duden 2019). Also eine Gemeinschaft von Menschen, welche sich über bestimmte Merkmale, wie bspw. der gemeinsamen Geschichte, oder Sprache zusammenfassen lassen. Nach Anderson ist eine Nation ,,[…] eine vorgestellte politische Gemeinschaft - vorgestellt als begrenzt und souverän.“ (Anderson, 2005: 15). Mit vorgestellt meint Anderson die Tatsache, dass sich die Vertreter dieser Gemeinschaft auch in einer sehr kleiner Nation nicht alle persönlich kennen, jedoch beim Antreffen, sich gegenseitig als bspw. Deutscher oder Spanier bezeichnen würden. Laut Anderson ist zwar die Entstehung von Nationen ein vorgestellter Prozess, das Resultat Nationalstaat dagegen genauso wirklich, wie es andere Gemeinschaften sind. Deshalb sollten Gemeinschaften: „[…] nicht durch ihre Authentizität voneinander unterschieden werden, sondern durch die Art und Weise, in der sie vorgestellt werden“ (Anderson 1998: 16). Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Staat und Nation. Während der Staat als handlungsfähige und politische Einheit beschrieben wird (vgl. Kluxen-Pyta 1990: 121), welcher das Zusammenleben der Menschen in einem Gemeinwesen sichern soll (Nohlen 2001: 476), gilt die Nation hingegen als Gemeinschaft, die sich aus ethnischen , sprachlichen, kulturellen, historischen oder politischen Gründen zusammengehörig und von anderen verschiedenen fühlt (vgl. ebd., 2001: 313). Die Gemeinschaft, welche sich als Nation vorstellt und sich über die genannten Parameter identifiziert ist so also als kollektive Identität zu betrachten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass individuelle, oder personale Identität und kollektive Identität bezüglich ihrer Struktur ähnliche Eigenschaften aufweisen. Laut Giesen und Seyfert liegt diese Ähnlichkeit in der Unfähigkeit, die eigene Identität zu beschreiben. So sind wir laut Giesen und Seyfert:

,,[…] absolut sicher, dass wir existieren, aber wir sind unfähig, eine erschöpfende Beschreibung unser eigenen Identität als Person oder etwa unserer Identität als Nation, Familie oder ethnischer Gruppe zu geben. Jeder Versuch zu einer solchen Beschreibung kann als unvollständig und verzerrt zurückgewiesen werden“ (Giesen und Seyfert 2013).

Doch gerade wegen dieser Undurchsichtigkeit und Undefinierbarkeit der personalen Identität und kollektiven Identität ist es notwendig, dass kollektive Identität ,,[…] repräsentiert, imaginiert und erzählt wird“(Giesen und Seyfert 2013).

1.3 Mythos als Ausdruck nationaler Identität

Diese Repräsentation findet beispielsweise in der Erzählung des Mythos Ausdruck. Laut Giesen und Seyfert stellt der Mythos das dar, was aufgrund der Undefinierbarkeit der Identität nur schwer darstellbar ist: ,,Ursprungsmythen und rituelles Gedenken, Ikonen und Lieder, Märsche und Denkmalsbesuche stellen das an sich Undarstellbare dar.“(Giesen und Seyfert 2013, zitiert nach Giesen 1999). Bei der Entstehung dieser kulturellen Gegebenheit sind wir, als Teil jener Gesellschaft, nicht dabei gewesen und sind auch nicht im persönlichen Kontakt allen Mitgliedern der Gemeinschaft begegnet (vgl. ebd., 2013). Mythen können in diesem Kontext durch lebende, sowohl als auch durch fiktive Figuren ,,verdichtet und repräsentiert werden“ (ebd., 2013 zitiert nach Giesen 1999). Ereignisse werden zum Mythos indem sie eine hervorgehobene Bedeutung für die Gruppenmitglieder besitzen. Mit dem Blick auf den Ursprung der Mythen, also dem, was in der Vergangenheit liegt können die Mitglieder der Gruppen Schlüsse für das gegenwärtige und zukünftige Handeln ziehen und ebenfalls Erwartungen an Gruppenmitglieder und Außenstehende rechtfertigen (vgl. Assman, 1992: 75f.). Assman unterscheidet im Bezug auf die identitätsstiftende Funktion des Mythos zwischen zwei Funktionen des Mythos. Der fundier enden und kontrapräsentischen Funktion. Wird ein gegenwärtiger Zustand als vorbestimmt und unumgänglich, mit Hilfe der Hinzunahme eines Mythos, legitimiert spricht man von einer fundierenden Funktion des Mythos. Diesem steht die kontrapräsentische Funktion des Mythos gegenüber, welche den gegenwärtigen Zustand hinterfragt. Es liegt ein Gefälle zwischen der positiven Vergangenheit und der negativen Gegenwart vor. Der Mythos fungiert als Schablone für den Zustand, der in der Gegenwart wieder hergestellt werden soll (Assmann 1992: 79f.). Im Bezug auf die Konstruktion nationaler Identität stellen Mythen meist Erfolge und Errungenschaften dar. In diesem Kontext kann auch die Erhaltung Landschaften oder Symbole als wichtig für das nationale Selbstbild angesehen werden. Jedoch sind es meist Siege von bestimmten Gruppen in Gefechten, oder ihre Befreiung von Unterdrückung. Selbst Mythen, die eigentlich eine Niederlage darstellen, werden so gedeutet, dass aus ihnen eine Begründung für die Niederlage ziehen lässt, um so die Gruppe wieder vorteilhafter erscheinen zu lassen (vgl. Hall 2000: 202f.). Teil des Mythos ist häufig der Held. Er lässt sich gut als Identifikationsfigur instrumentalisieren. Er handelt meist nicht vorsichtig und überlegt, sondern begibt sich meist in einen Kampf, der zunächst aussichtslos erscheint, jedoch durch eine Wendung, teilweise auch göttlicher Art, gewinnt er den Kampf. Sein Antagonist ist meist das wenig charakterisierte und ausgeschmückte Opfer. Durch ein bestimmtes Merkmal legitimiert der Held die Tötung des Opfers (vgl. Giesen und Seyfert 2013, zitiert nach Agamben 2002). Identität ist ein Konstrukt und steht im stetigen Wandel. Daher müssen auch Mythen kontinuierlich neu erfunden werden (vgl. ebd.,2013, zitiert nach Blumenberg 1979). Die Problematik der zuvor erwähnten Undurchsichtigkeit und Undefinierbarkeit der kollektiven Identität lässt sich mit Hilfe des Mythos lösen. Dies liegt daran, dass der Mythos meist genug Informationen gibt, um fast allen Gruppenmitgliedern Bezugspunkte zu liefern, jedoch auf der anderen Seite so unscharf übermittelt ist, dass er keine konkrete Aussage liefert. Dadurch lässt er gegensätzliche Interpretationen zu (vgl. ebd., 2013).

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Mythos, Identität und Nation. Covadonga als Ausdruck der kollektiven Identitätsbildung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V468306
ISBN (eBook)
9783668939097
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romanistik, Identität, Nation, Covadonga, Spanien, Identitätsbildung, Mythos, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Mathis Miener (Autor), 2019, Mythos, Identität und Nation. Covadonga als Ausdruck der kollektiven Identitätsbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468306

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mythos, Identität und Nation. Covadonga als Ausdruck der kollektiven Identitätsbildung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden