Die Fischer-Kontroverse als außenpolitische Herausforderung der Regierung Erhard (1963–1966)


Hausarbeit, 2015
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Fischer-Kontroverse
2.1. Ausgangsbedingungen und Thesen
2.2. Verlauf und Reaktion
2.3. Bedeutung

3. Fischers These als Herausforderung für die Außenpolitik
3.1. Ludwig Erhards außenpolitische Linie
3.2. Fischer als Problemfaktor für die deutsche Außenpolitik

4. Die Reaktion seitens der Politik
4.1. Das kontroverse Agieren des Auswärtigen Amtes
4.2. Fragestunden im Bundestag
4.3. Weitere Äußerungen

5. Einfluss und Nachwirkung

6. Fazit

7. Quellen
7.1. Primärliteratur
7.1.1. Plenarprotokolle
7.1.2. Literatur von Fritz Fischer
7.2. Sekundärliteratur
7.2.1. Monographien
7.2.2. Aufsätze
7.2.3. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel

1. Einleitung

In den 1960er Jahren erschütterte die Fischer-Kontroverse die maßgeblich von Konrad Adenauers Politik geprägte Bundesrepublik und den „politisch-moralisch gezähmten Historismus“ in ihr.[1] Es wurde viel über die Bedeutung dieser „Schlüsseldebatte“ innerhalb der nachkriegsdeutschen Geschichtswissenschaft geschrieben. Sie wäre so etwas wie ein Befreiungsschlag für die jüngere Generation der Historiker gewesen und habe einen Anstoß zum universitären Umdenken innerhalb der Bundesrepublik gegeben. Dabei wurde die politische Seite der Debatte oftmals nur marginal wahrgenommen. Es wurde beschrieben wie die Politik reagierte, aber nicht was für eine (nachhaltige) Wirkung die Thesen auf die Außenpolitik der Regierung Erhard 1963–1966 hatten.

Aufgabe der folgenden Arbeit ist es deshalb, die Fischer-Kontroverse im Hinblick auf die damalige Außenpolitik der Bundesregierung zu analysieren und zu zeigen, dass sie zu einer Herausforderung für diese wurde. Zunächst werden die Thesen Fischers näher erläutert, um deren Brisanz in Erinnerung zu rufen. Anschließend wird der Bezug zu Erhards Außenpolitik hergestellt und die Positionen von Auswärtigem Amt und einigen politischen Größen analysiert, unter anderem anhand von Plenarprotokollen aus dem Bundestag.

2. Die Fischer-Kontroverse

2.1. Ausgangsbedingungen und Thesen

Die Anfänge der Kontroverse reichen bis in die späten 1950er Jahre zurück. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer veröffentlichte im Herbst 1959 einen Aufsatz in der Fachzeitschrift Historische Zeitschrift (HZ) über die Deutschen Kriegsziele 1914–1918. In diesem zeigt er, dass das Kaiserreich bereits zu Kriegsbeginn 1914 weitreichende expansive Kriegsziele formuliert hat. So schreibt er ziemlich am Anfang seines Aufsatzes:

„Die deutschen Kriegsziele wurden bis 1917 und, mit der kleinen Abweichung der Friedensresolution, auch darüber hinaus nicht nur von den Gruppen der Alldeutschen und der dritten OHL [Oberste Heeresleitung] unter Ludendorf propagiert, sondern von einer breiten Front vertreten, die von dem alldeutschen Flügel der Konservativen über National-Liberale, Zentrum und Freisinn bis zu dem rechten Flügel der SPD reichte.“ [2]

Zunächst blieb es ruhig, nur Hans Herzfeld, Historiker in Berlin, antwortete ebenfalls mit einem Aufsatz 1960 in der HZ, in dem er Fischers Recherchearbeit würdigte, aber dessen Schlüsse kritisierte.[3] Der wirkliche Sturm der Entrüstung folgte erst nach der Veröffentlichung von Fischers Griff nach der Weltmacht: die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18 (1961). Dort heißt es:

„Das Deutschland den österreich-serbischen Krieg gewollt, gewünscht und gedeckt hat und, im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewußt auf einen Konflikt mit Rußland und Frankreich ankommen ließ, trägt die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges.“ [4]

Fischer schiebt hier dem Deutschen Reich einen großen Teil der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu. Er vertritt aber keine Alleinschuldthese und tätigt demnach auch keinen expliziten moralisierenden Kriegsschuldvorwurf. Trotzdem: Die Kriegspolitik der Jahre 1914–1918 sei – nach Fischer – nur die Konsequenz aus der deutschen „Weltpolitik“ im Zeitalter des Imperialismus gewesen, als diese sich im Gefolge einiger Krisen zunehmend aggressiver gestaltet und tatsächliche Pläne für eine Expansion zu entwerfen begonnen habe. Dies widersprach der bis dahin unter westdeutschen Historikern vorherrschenden Meinung, das Reich sei im Juli 1914 zunächst defensiv orientiert gewesen und habe den Krieg zu vermeiden versucht. Man folgte David Lloyd Georges Diktum des „Hineinschlitterns“ der europäischen Mächte in den Ersten Weltkrieg. Dazu kam, dass Fischer am Schluss des Buches auf die „Kontinuität des Irrtums“, das heißt auf eine „permanente Verkennung der Realitäten“, die nicht nur von 1914 bis 1918, sondern auch tief in die „Wilhelminische Weltpolitik“ zurück- und weit über den Ersten Weltkrieg hinausführe, verweist.[5] Hier stellte sich nun zudem auch noch die Frage der Kontinuität der Deutschen Geschichte von 1890 bis 1945, auf die Fischer vor allem noch in den späten 1960er und den frühen 1970er Jahren genauer eingeht – unter anderem mit seinem Buch Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914 (1978). Im Zuge der folgenden, heftigen Diskussion, die ihren Höhepunkt auf dem Historikertag im Oktober 1964 fand, spitzte Fischer seine These 1965 in einem Beitrag in der Zeit noch einmal zu:

In Verschärfung meiner damaligen Ausführungen stelle ich heute fest, gestützt auf allgemein zugängliches wie auch auf unveröffentlichtes Material: Deutschland hat im Juli 1914 nicht nur das Risiko eines eventuell über den österreichisch-serbischen Krieg ausbrechenden großen Krieges bejaht, sondern die deutsche Reichsleitung hat diesen großen Krieg gewollt, dementsprechend vorbereitet und herbeigeführt.“[6]

2.2. Verlauf und Reaktion

Die Kritik ließ nicht auf sich warten und kam zunächst von diversen deutschen Historikern. An vorderster Front stand Gerhard Ritter.[7] Er attackierte Fischer in der HZ 1962 auf heftigste Art und Weise. Das Buch sei eine „Erneuerung der Versailler Kriegsschuldanklage“[8] und eine „Selbstverdunkelung deutschen Geschichtsbewusstseins“.[9] Weitere Kritiker waren beispielsweise Ludwig Dehio, Egmont Zechlin und erneut Hans Herzfeld. Dehio meinte, Fischer gehe bei seiner nationalen Selbstkritik zu weit, und hob den „defensiven Kern der deutschen Zielsetzung“ hervor.[10] Zechlin verteidigte die Kriegsziele des Reichs als defensive „Selbstbehauptung“ vor allem gegenüber England.[11] Und Herzfeld ging – nach seinem eher moderaten Aufsatz von 1960 – mit Fischer ins Gericht: „Fischer hat geglaubt, seine Aufgabe durch Beschränkung auf die Primärquellen der deutschen amtlichen Akten, in erster Linie von Auswärtigem Amt, Reichs- und Preußischer Regierung, lösen zu können. [Fischer] läßt aber auch bereits ahnen, in welchem Maße er auf den Akten aufgebaut hat. Die folgenden Textseiten muten den Leser denn auch oft genug wie ein […] nicht endendes Aktenrezitativ an, hinter dem das eigentliche, bewegte Leben der Geschichte mehr oder weniger zu verblassen droht.“ [12]

Unterstützung fand Fischer hingegen bei dem Chefredakteur des Spiegels Rudolf Augstein („ Beide Weltkriege waren deutsche Kriege um die Hegemonie in Europa, um den ersten Platz in der Welt. Deutschland hat sie bewußt riskiert und erschöpfend verloren. Man wundere sich nicht, daß die Welt den dritten deutschen Weltkrieg nicht mehr will.“)[13] sowie bei seinen Schülern Imanuel Geiss und Helmut Böhme. Auch Historiker aus dem Ausland begrüßten Fischers Thesen etwa Klaus Epstein in den USA oder Pierre Renouvin in Frankreich.[14]

Bald meldeten sich auch Politologen und Publizisten mit konservativer Kritik zu Wort: Sie kam respektiv von Michael Freund („ ganze deutsche Geschichte mit dem Schmutz Hitlers “ beschmiert) und Giselher Wirsing („ Nationalmasochismus “). Damit wurde langsam deutlich, dass die Kontroverse zum Politikum avancierte.[15]

2.3. Bedeutung

Rückwirkend betrachtet lässt sich sagen, dass der kritisch-fanatischen Haltung der bundesdeutschen Zeithistoriker zum Trotz, Fischers These Ende der 1960er Jahre einige Anhänger finden konnte, darunter vor allem junge Historiker und Linksintellektuelle. Ein Beispiel wäre hier Gerd Krumreich, der meinte, sie seien Fischer gefolgt, weil er die gesetzten älteren Herren zur Weißglut gebracht habe.[16] Nach und nach setzte sich diese Position auch durch – Ende der 1980er Jahre lautete der allgemeine Konsens, dass beim Deutschen Reich die größte Verantwortung für den Ersten Weltkrieg lag.[17] Aktuelle Debatten zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns legen jedoch erneute Zweifel an der Schuld Deutschlands zu Tage.[18]

Bemerkenswert war bei dieser „Schlüsseldebatte“ in den 1960er Jahren, dass sie die Kontinuität deutscher Geschichte und Politik ins Spiel brachte und sich somit wieder dem Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg zuwendete. Kracht schreibt:

.Diesen Impuls haben dann vor allem jüngere Historiker wie Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler Ende der sechziger Jahre aufgegriffen, die Fischers engen politikgeschichtlichen Ansatz u.a. im Rückgriff auf die frühen Arbeiten Eckhart Kehrs um sozialgeschichtliche Zugänge erweitert und so die Diskussion um den deutschen ‚Sonderweg‘ vom Kaiserreich bis in das ‚Dritte Reich‘ neu eröffnet haben.“ [19]

Nach dem die Wirkung der Debatte auf die Geschichtswissenschaft nun dargestellt wurde, können wir uns jetzt den politischen Folgen der Fischer-Kontroverse widmen – und damit auch auf die Rolle der Akteure deutscher Außenpolitik blicken.

3. Fischers These als Herausforderung für die Außenpolitik

3.1. Ludwig Erhards außenpolitische Linie

Ludwig Erhard übernahm im Oktober 1963 die Nachfolge von Konrad Adenauer, nachdem dieser zurückgetreten war. Dem neuen Bundeskanzler wehte gleich zu Beginn Kritik entgegen: Er verabscheue Macht und Politik und sei in der Wirtschaft zu hause. Das hohe Amt würde ihn überfordern.[20] Mit seiner Regierungserklärung am 18. Oktober trotzte er seinen Gegnern und legte seine außenpolitische Agenda fest: Bekräftigung der Sicherheitspartnerschaft und der transatlantischen Allianz mit den USA, Vertiefung der europäischen Integration und Wiederbelebung des Ziels der Wiedervereinigung Deutschlands.[21] Bei der Bundestagswahl 1965 wurde Erhard bestätigt. Er setzte auf sein „außenpolitisches Freihandelsaxiom“[22] und versuchte die Achse Bonn-Washington bei paralleler Öffnung nach Osten zu verstärken.[23] Dabei wurde er von Außenminister Gerhard Schröder und Staatssekretär Karl Carstens unterstützt; in diesem Zusammenhang wird auch von den „Atlantikern“ gesprochen. Im Gegensatz dazu formten sich um Franz Josef Strauß und Karl Theodor zu Guttenberg die „Gaullisten“, die eine engere Anlehnung an Frankreich befürworteten und Verfechter eines Europas der Nationalstaaten waren.[24]

Schröder, der wohl am außenpolitischsten einflussreichste Politiker, brachte die „Politik der Bewegung“ hervor. Dabei ging es ihm darum, die Beziehungen zu Osteuropa zu verbessern und auch „Wiedervereinigungspolitik“ zu betreiben.[25] Die Hallstein-Doktrin wurde aber beibehalten, genauso wie die Nicht-Anerkennung der Oder-Neiße-Linie. Die Anerkennung und Aufwertung der DDR wurde weiterhin abgelehnt und bekämpft. Diese „Umdeutung der Adenauerschen Ostpolitik“ wurde unter anderem mit Hilfe von Karl Carstens vollzogen.

In diesem Kontext stellte die Dekolonisation eine gewisse Gefahr dar, denn durch sie gewann die internationale Anerkennung der DDR an Fahrt. Bereits 1962 hatte die DDR ein Generalkonsulat in Kambodscha eröffnet und 1965 wollte Ägypten nach dem Inselstaat Sansibar 1964 auch diplomatische Beziehungen mit ihr aufnehmen. Erhard – gezwungen durch die neue Doktrin und dem Imperativ der internationalen Politik – reagierte prompt: Er stellte die Wirtschaftshilfe für Ägypten ein und nahm politische Beziehungen mit Israel auf. Der Protest in der arabischen Welt war groß, doch die DDR wurde letztendlich nicht anerkannt.[26] Die Möglichkeit einer Wiedervereinigung schien trotzdem in weite Ferne zu rücken. Auch Erhards Friedensnote von 1966 an die Ostblockstaaten (ausgenommen der DDR) lässt sich hier erwähnen.[27]

[...]


[1] Kracht: Die zankende Zukunft, 2005: S. 67.

[2] Fischer, Fritz : Deutsche Kriegsziele, Revolutionierung und Separatfrieden, 1959: S. 254.

[3] Herzfeld, Hans: Zur Deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, 1960: S. 67–82.

[4] Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht, 1961: S. 97.

[5] Ebd. S. 855f.

[6] Fischer, Fritz: Vom Zaun gebrochen – nicht hineingeschlittert, 1965: S. 30.

[7] Ritter lehrte bis 1957 in Freiburg und gilt als der damals einflussreichste Historiker der BRD. Interessant anzumerken ist, dass er 1915 in den Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Zechlin und Herzfeld, zwei weitere Kritiker Fischers, meldeten sich damals 1914 freiwillig zum Krieg.

[8] Ritter, Gerhard: Eine neue Kriegsschuldthese?, 1962: S. 647.

[9] Ebd. S. 668.

[10] Dehio zitiert nach Kracht: Die zankende Zukunft, 2005: S. 52f

[11] Zechlin zitiert nach ebd. S.53.

[12] Herzfeld: Die deutsche Kriegspolitik im Ersten Weltkrieg, 1963: S. 227.

[13] Augstein: Liebe Spiegel-Leser, 1964: S. 48.

[14] Kracht: Die zankende Zukunft, 2005: S. 53.

[15] Ebd. S. 55f.

[16] Ebd. S. 60f.

[17] Mombauer: Julikrise und Kriegsschuld, 2014: S. 12.

[18] Ebd. S. 13f. Einige Bücher zu dieser neuen Auslegung des Kriegsbeginns sind etwa Die Schlafwandler von Christopher Clark oder Der Große Krieg von Herfried Münkler.

[19] Kracht: Kriegsschuldfrage und zeithistorische Forschung in Deutschland, 2004.

[20] Lappenküper: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990, 2008: S. 18; Schöllgen: Die Außenpolitik der BRD, 2004: S. 72.

[21] Lappenküper: Ebd.

[22] Pfetsch: Die Außenpolitik der Bundesrepublik 1949–1992, 1993: S. 165.

[23] Ebd. S. 162.

[24] Ebd. S. 163.

[25] Lappenküper: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990, 2008: S. 84.

[26] Ebd. S. 21.

[27] Ebd. S. 89.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Fischer-Kontroverse als außenpolitische Herausforderung der Regierung Erhard (1963–1966)
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V468320
ISBN (eBook)
9783668947436
ISBN (Buch)
9783668947443
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fischer-Kontroverse, Ludwig Erhard, Regierung Erhard, Außenpolitik, Historiker-Streit, Nachkriegsdeutschland
Arbeit zitieren
Adrian Gmelch (Autor), 2015, Die Fischer-Kontroverse als außenpolitische Herausforderung der Regierung Erhard (1963–1966), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468320

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