Heute haben cirka 10 Millionen Deutsche Alkoholprobleme. Davon sind ein Drittel (3,3 Millionen) Frauen. Alkoholabhängig und/oder medikamentenabhängig sind in Deutschland schätzungsweise 1,4 Millionen Frauen. Dazu kommen etliche Frauen mit Essstörungen. Dies alles mit steigender Tendenz und einer nicht greifbaren Dunkelziffer. Bei den meist lange Zeit versteckten Suchtformen fallen Frauen dabei kaum „aus der Rolle“, und selbst in den größten Notzeiten verhalten sie sich angepasst und unauffällig. Meistens gelingt es ihnen über einen sehr langen Zeitraum die Fassade eines ′normalen Lebens′ aufrecht zu erhalten.
Um 1900 war der Anteil trinkender Frauen sehr gering. In den 50er Jahren trank die deutsche Frau höchstens mal auf Familienfeiern oder gemeinsam mit anderen beim Kaffeekranz. Das ′deutsche Fräulein′ trank nur, wenn ein Mann sie ausführte, aber dann auch immer in Maßen, weil in der Einladung zu einem alkoholischen Getränk auch immer der Versuch einer Verführung mitschwang. Voreheliche Kontakte entehrten die Frau in den Augen der Gesellschaft.
Auch sind es mittlerweile immer mehr Frauen, die trinken. Das Verhältnis alkoholabhängiger Frauen und Männer wurde lange Zeit auf 1:10 geschätzt. Seit den 70er Jahren ist das Verhältnis 1:4 mit einer Tendenz zum Verhältnis 1:3. Dies führt dazu, dass sich die Forschung verstärkt dem Thema Frauen und Sucht widmet. Seit den 70er Jahren wird vermutet, dass Frauen in dem Maße das Trinkverhalten von Männern annehmen, wie ihre Emanzipation heran schreitet und sie sich in Lebensstilen und Berufen bewegen, die denen der Männer ähnlich sind. Das heißt mit der Wandlung und Erweiterung des weiblichen Rollenverständnisses und des Rollenbildes hat sich auch das Trinkverhalten von Frauen geändert. Alkohol scheint zur Emanzipation dazuzugehören. Frauen sind heute zunehmend mehr außer Haus, fahren Auto, sind berufstätig, gehen häufiger aus, treffen sich mit Kolleginnen und Kollegen in Kneipen, fahren öfter in den Urlaub und unternehmen häufiger Kurztrips. Frauen geraten damit zunehmend in Situationen, in denen Alkohol nicht nur toleriert wird, sondern fast schon selbstverständlich dazugehört. Die zunehmende Selbständigkeit hat Frauen mehr Spielraum und mehr Möglichkeiten gegeben, das früher nur Männern vorbehaltene Verhalten zu übernehmen. Bei jüngeren Generationen sind kaum noch Unterschiede im Trinkverhalten von Männern und Frauen festzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Alkohol – allgemeine Gesichtspunkte
2.1 Wann ist man abhängig? – Definition der WHO
2.2 Gesundheitliche Risiken
2.3 Soziale Folgen der Alkoholabhängigkeit
2.4 „Leichte Mädchen“ und „schlechte Mütter“ – trinkende Frauen in den Augen der Gesellschaft
2.5 Körperliche Beeinträchtigungen und Wirkung des Alkohols auf die Psyche
3. Erkenntnisse aus der Suchtforschung zu…
…dem Familienstand
…der Schule und dem Beruf
…den Kindheitserfahrungen und der Beziehung zu den Eltern
…der Partnerschaft und Sexualität
4. Was führt Frauen in die Alkoholabhängigkeit? – Häufige Lebensumstände und Verhaltensmuster alkoholabhängiger Frauen
4.1 Gesellschaftliche Einflüsse: Sucht als Ausdruck mangelnder Emanzipation
4.2 Unglückliche Partnerschaft – angepasste Frauen
4.3 Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern: Männergewalt und Selbstwertgefühl der Frau
A) Frauen trinken, weil sie geschlagen werden
B) Frauen werden geschlagen, weil sie trinken
4.4 Die Sucht, gebraucht zu werden (Co-Abhängige Frauen)
5 Sucht entsteht im Kinderzimmer – familiäre Ursachen
5.1 Welche Defizite in der Familie begünstigen die Entstehung einer Abhängigkeit?
5.2 Die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen – Urvertrauen, Subjektivität und Autonomie
5.3 Geschlechtsspezifische Unterschiede im Sozialisationsprozess und ihre Bedeutung für eine Suchtentstehung
5.4 Welche Rolle spielen Adoleszenzerfahrungen für das spätere weibliche Selbstbild?
FAZIT: Welche Risikofaktoren bzw. protektive Faktoren lassen sich daraus ableiten?
6 Therapie
6.1 Motive von Männern und Frauen
6.2 Motivation
6.3 Welche Hilfsangebote für Suchtkranke gibt es?
6.4 Was leisten die Beratungsstellen?
6.5 Aufgaben und Ziele in der frauenspezifischen Suchtarbeit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der spezifischen Ursachen und Lebensumstände, die Frauen in die Alkoholabhängigkeit führen. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie gesellschaftliche Rollenbilder, familiäre Sozialisation und Machtverhältnisse in Partnerschaften die Entstehung von Sucht bei Frauen beeinflussen und welche therapeutischen Ansätze diesen Bedingungen gerecht werden können.
- Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Emanzipation als Suchtfaktor
- Familiäre Ursachen und die Bedeutung frühkindlicher Entwicklung
- Die Dynamik von Gewalt, Partnerschaft und Co-Abhängigkeit
- Geschlechtsspezifische Unterschiede in Sozialisationsprozessen
- Spezifische Anforderungen an frauenzentrierte Therapieansätze
Auszug aus dem Buch
4.1 Gesellschaftliche Einflüsse: Sucht als Ausdruck mangelnder Emanzipation
Roswitha Soltau beschreibt in ihrem Buch, dass die Lebensbedingungen unserer Gesellschaft Ursachen bieten für das Bedürfnis, Drogen zu nehmen und sich damit in die Situation zu bringen im weiteren Verlauf des Lebens von diesen Suchtmitteln abhängig zu werden. Sie sieht die Suchtmittelabhängigkeit als lediglich sichtbaren Ausdruck der bestehenden ganz alltäglichen und normalen Abhängigkeit. Alltäglichkeit, so Soltau, trägt Sucht und Abhängigkeit bereits in sich selbst. Diese alltägliche Abhängigkeit wird akzeptiert und unhinterfragt als normal betrachtet und damit positiv ausgelegt.
Der Suchtcharakter des Wirtschaftssystems wird u. A. deutlich durch: - die ausschließliche Orientierung am Gewinn materieller Güter - die geringe Zeit für persönliche Erholung und Entfaltung - Reduzierung von menschlichen Kontakten zu pragmatisch-technischen Beziehungen - Verbürokratisierung und zunehmende Anonymität im Leben - Soziale Unsicherheit durch steigende Lebenserhaltungskosten - Drohender Verlust von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen - Ständig steigender Leistungsdruck.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die steigende Prävalenz von Alkoholproblemen bei Frauen und stellt den Wandel des weiblichen Trinkverhaltens im gesellschaftlichen Kontext dar.
2. Alkohol – allgemeine Gesichtspunkte: Dieses Kapitel definiert klinische Begriffe wie riskanten Konsum und Abhängigkeit und erörtert die physischen sowie sozialen Folgen der Alkoholkrankheit bei Frauen.
3. Erkenntnisse aus der Suchtforschung zu…: Hier werden statistische Zusammenhänge zwischen dem Familienstand, der beruflichen Situation, Kindheitserfahrungen und der Qualität der Partnerschaft bei alkoholabhängigen Frauen analysiert.
4. Was führt Frauen in die Alkoholabhängigkeit? – Häufige Lebensumstände und Verhaltensmuster alkoholabhängiger Frauen: Dieses Kernkapitel untersucht gesellschaftliche Zwänge, unglückliche Partnerschaften, Gewalterfahrungen und das Phänomen der Co-Abhängigkeit als Hauptauslöser für Sucht.
5. Sucht entsteht im Kinderzimmer – familiäre Ursachen: Die Autorin analysiert hier die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen, Urvertrauen und geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse für das spätere Sucht- und Selbstwertrisiko.
6. Therapie: Das Abschlusskapitel diskutiert geschlechtsspezifische Behandlungsmotive, den Motivationsprozess, verschiedene Beratungs- und Hilfeangebote sowie spezifische therapeutische Ziele für Frauen.
Schlüsselwörter
Alkoholabhängigkeit, Frauen, Sucht, Co-Abhängigkeit, Sozialisation, Emanzipation, Partnerschaftsgewalt, Therapie, Selbstwertgefühl, Geschlechterrollen, Frühe Kindheit, Beratungsstellen, weibliche Identität, Suchtprävention, Abstinenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das komplexe Thema der Alkoholabhängigkeit speziell bei Frauen und untersucht die tieferliegenden Ursachen jenseits des reinen Substanzkonsums.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themenfelder sind gesellschaftliche Rollenbilder, familiäre Prägung, Gewalterfahrungen in Partnerschaften sowie die spezifischen psychologischen Bedürfnisse von Frauen in der Suchthilfe.
Welche Forschungsfrage steht im Mittelpunkt?
Die Arbeit fokussiert auf die Frage, warum Frauen in die Alkoholabhängigkeit geraten und welche spezifisch weiblichen Lebensumstände diesen Prozess begünstigen oder behindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung bestehender Forschungsliteratur, qualitativer Interviewstudien und erziehungswissenschaftlicher Ansätze zur Sozialisation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden soziologische und psychologische Erklärungsmodelle für weibliche Sucht analysiert, darunter der Einfluss von patriarchalen Machtverhältnissen und das Konzept der "Hilfe durch Nicht-Hilfe" in der Therapie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen Alkoholabhängigkeit bei Frauen, geschlechtsspezifische Sozialisation, Co-Abhängigkeit und frauenspezifische Suchtarbeit.
Was ist das Konzept der "Hilfe durch Nicht-Hilfe"?
Es bezeichnet einen therapeutischen Ansatz in der Co-Abhängigkeit, bei dem die Frau lernt, die Verantwortung für den süchtigen Partner loszulassen, um sowohl dem Partner eine echte Krise zu ermöglichen als auch ihr eigenes Leben zu stabilisieren.
Warum fällt es alkoholabhängigen Frauen schwerer, therapeutische Hilfe zu suchen?
Hinderungsgründe sind oft massive Schuldgefühle, Scham sowie die traditionelle weibliche Erziehung zur Anpassung und Selbstaufopferung, die den Schritt zum Egoismus einer Therapie erschwert.
- Quote paper
- Tamara Di Quattro (Author), 2003, Alkoholabhängigkeit. Frauen und Sucht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46843