Ursachen und Verlauf der Stühlinger Bauernerhebung von 1524


Seminararbeit, 2003

23 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

„Johannisabend“ 1524
Protest vor dem Stühlinger Schloss
Frondienste und herrschaftliche Willkür

Astronomie und Wetterkatastrophen
Gefahren für die Landwirtschaft
Hagelstürme / Überschwemmungen
Planetenkonjunktion im Februar

Flugschriften
Prophezeiungsdarstellung / Hieronymus Höltzel
Erwartungen in der Bevölkerung
Moderne Druckmedien

Reformatorisches Gedankengut
Balthasar Hubmaier
Stimmungen in Oberdeutschland
Einfluss auf Stühlingen

Konfliktreiche Verflechtungen der Region
Zurückliegende Kriege
Stellung der Eidgenossen
Lokale Streitigkeiten

Machtpolitik der Grafen von Lupfen
Im Norden der Landgrafschaft
Expansion und Einflussnahme
Juristische Zuständigkeiten der Grafen
Konzentration der Gerichtsbarkeit

Erste Reaktionen des Adels
Kostenfragen
Herrschaftsversammlung in Ehingen

Die Verhandlungen von Tiengen
Bäuerliche Anliegen
Versöhnungskommissionen
Das „Stillhalteabkommen“ vom 24. Juli

Vorbereitungen zur bewaffneten Auseinandersetzung
Hans Müller
Organisation des Fähnleins
Aufrüstungsansätze des Adels
Geschütze und Personal
Planung von Vergeltungsmaßnahmen
Verhandlungsstrategien / „Hinhaltetaktik“

International-militärische Auswirkungen auf die Region
Krieg gegen Frankreich / Türkengefahr
Wechselwirkungen
Reisläufer / Landsknechte
Einflüsse Frankreichs
Ulrich von Württemberg
Finanzschwierigkeiten der Regierung
Beschlüsse von Radolfzell

Die Verhandlungen von Schaffhausen
Schwerpunkt der bäuerlichen Forderungen
Die vermeintliche Einigung
Huldigungsauflagen / Verhandlungsabbruch
Letzte Vermittlungsversuche Schaffhausens

Zusammenfassung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Erhebung der Bauern von 1524 in der Landgrafschaft Stühlingen stellt nicht die einzige Unruhe im Vorfeld des eigentlichen deutschen Bauernkrieges dar. In der diesbezüglich umfangreichen Literatur werden jedoch die Vorgänge in diesem oberdeutschen Raum zwischen Schwarzwald und Bodensee als maßgeblicher Ursprung für die im folgenden vielerorts entstehende Auflehnung gegen die jeweilige Obrigkeit angesehen.

Mit dieser Arbeit sollen sowohl der Beginn der Erhebung und deren Verlauf innerhalb der ersten drei Monate, als auch die zugrunde liegenden Motive der aufständischen Bauern näher erörtert werden. Der erste Zug der Bauern vor das Stühlinger Schloss am 23. Juni sowie der Abbruch der Verhandlungen von Schaffhausen in der zweiten Septemberwoche 1524 bilden hierbei die Eckdaten des untersuchten Zeitraums.

Anhand dieser Fallstudie, welche sich in der Quellenarbeit insbesondere auf schriftlich überlieferte Korrespondenzen stützt, werden die Geschehnisse in der Landgrafschaft Stühlingen beschrieben. Die zur Verfügung stehenden Quellen entstammen fast ausschließlich dem Konfliktlager von Adel und Regierung des Reiches. Die Intention der Schreiber war nicht auf eine neutrale Darstellung der Geschehnisse im Verlauf des Aufstandes gerichtet. Somit darf eine oftmals subjektive Perspektive nicht unbeachtet bleiben.

Die untersuchten Ereignisse sind zwar grundsätzlich auf den genannten Zeitraum des Jahres 1524 beschränkt, es werden jedoch Ausblicke auf den späteren Verlauf des Aufstandes vorgenommen und insbesondere maßgebliche Geschehnisse im Vorfeld der Erhebung genauer erörtert. Letzteres ist besonders im Hinblick auf die Frage von Bedeutung, warum es gerade diese oberdeutsche Landschaft war, die einen entscheidenden Anstoß für den sich im folgenden ausbreitenden bäuerlichen Konflikt gegeben hat. Hierbei spielen verschiedene Machtinteressen innerhalb dieses Raumes eine ebenso wichtige Rolle wie die außenpolitische Gesamtsituation des Deutschen Reiches. Daher werden im Folgenden sowohl die lokalen als auch die großräumlichen Hintergründe Gegenstand der Untersuchung sein.

„Johannisabend“ 1524

Am 23. Juni 1524 traten Bewohner der Landgrafschaft Stühlingen zum ersten Mal in den offenen Widerstand gegen ihren Herrn, Graf Sigmund II. von Lupfen und verweigerten ihre Dienste. Sie forderten u.a. das freie Jagd- und Fischrecht und begannen bereits damit, dieses in den gräflichen Forsten und Gewässern auszuüben. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, zogen die Bauern an diesem Tag mit „gewaltiger Hand“ vor das Stühlinger Schloß.1

Was der letztlich konkrete Auslöser für diesen Aufstand war, kann bislang nicht vollständig geklärt werden. Langfristig betrachtet wird jedoch deutlich, dass erst das Zusammenspiel verschiedener Aspekte der politischen, geistigen und geographischen Situation jener Gegend und jener Zeit die entsprechende Voraussetzung ergab.

Der Überlieferung nach soll die Gräfin von Lupfen ihren Bauern „mitten in der Erntezeit“ befohlen haben, Schneckenhäuser zu sammeln, damit ihre Mägde diese zum Aufwickeln von Garn benutzen konnten. Ein direkter Kausal-zusammenhang mit dem Aufstand vom 23. Juni ist jedoch zu bezweifeln. Zudem findet zu dieser Zeit im Jahr noch keine (Haupt-)Ernte statt. Dies gilt sowohl für Getreide, als auch Hülsenfrüchte, die beiden Hauptgrund-nahrungsmittel jener Zeit.

In den 62 Artikeln der Stühlinger Bauern, die 1525 dem Kammergericht in Esslingen vorgelegt wurden, werden jedoch verschiedene andere Frondienste erwähnt, welche die Bauern neben ihren landwirtschaftlichen Aufgaben stark belasteten. So waren sie z.B. verpflichtet, das bei herrschaftlichen Jagden geschossene Wild ins Schloß oder in andere Herrenhäuser zu transportieren, oder den auswärts eingekauften Wein ihrer Herren auf eigene Kosten nach Stühlingen zu fahren. Außerdem wird hervorgehoben, wie sie zu „unbequemster Zeit“ für das Sammeln von Zutaten für das herrschaftliche „Schlehenkompott“ herangezogen wurden.2

Die in den Artikeln aufgeführte Liste der zusätzlich beschwerenden Frondienste in Stühlingen war kein Einzelfall in der bäuerlichen Gesellschaft des Reiches jener Zeit. Die Bevölkerung wird vielerorts vom Unmut über die übermäßige Inanspruchnahme ihrer Dienste und die weitverbreitete herrschaftliche Willkür geplagt. Diese Belastungen erhöhen zusätzlich den enormen wirtschaftlich-sozialen Druck auf die Landbevölkerung.

Astrologie und Wetterkatastrophen

Die Landwirtschaft war zudem der andauernden Gefahr möglicher Ertragseinbußen und Missernten, hervorgerufen durch Schädlinge, Pflanzen-krankheiten, Schadwild und schlechte Witterung, nahezu schutzlos ausgesetzt. Im Sommer 1524 wurde das Gebiet und die Umgebung der Reichsgaue Hegau und Klettgau gleich mehrmals Opfer von verheerenden Hagelschauern und Stürmen. Der Schaffhauser Chronist Hans Stockar (1490–1556) beschreibt diese Unwetter sehr eindrücklich und ausführlich. Am Johannistag (24. Juni) stand es nach seinen Ausführungen noch „wohl um Wein und Korn“. Das erste Unwetter ereignete sich am Nachmittag des sechsten Tages im „Heumonat“ (Juli.). Durch den starken Hagel wurden nicht nur das Getreide, die Obstbäume und Weinstöcke schwer beschädigt, sondern auch Nutzvieh, Wild und sogar Menschen erschlagen.3 Für den 20. Juli wird ein zweiter großer Hagelsturm beschrieben, der die übriggebliebenen Erträge nun endgültig vernichtete.4 Den Unwettern folgten schwere Überschwemmungen durch über die Ufer getretene Bäche, was wiederum Opfer forderte und weitere Sachschäden anrichtete.

War die landwirtschaftliche Katastrophe des Unwettermonats Juli 1524 auch nicht der Auslöser des Aufstandes, so führte sie doch im Laufe des Sommers zu einer Verschärfung der schon angespannten Situation im besagten Gebiet. Die verlorene Ernte zog einen unmittelbaren Preisanstieg der Grundnahrungsmittel nach sich. Wenn nun noch einzelne Landesherren auf die Beibehaltung der Höhe der Abgaben der Bauern beharrten, war die Existenz der Landbevölkerung aufs Äußerste bedroht.5

Hinzu kommt, dass das Jahr 1524 als solches bereits im Voraus aufgrund außergewöhnlicher astrologischer Prophezeiungen unter besonderer Aufmerk-samkeit stand. Die astronomische Besonderheit, welche das Interesse der Astrologen weckte, ereignete sich im Februar 1524. Es handelte sich um eine Konjunktion aller damals bekannten Planeten (Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn), inklusive von Sonne und Mond, im Sternbild der Fische.

Bereits 1499 hatte der Tübinger Mathematiker und Astronom Johannes Stöffler (1452-1531) aus dieser bevorstehenden Konstellation der Himmelskörper hergeleitet, dass im besagten Monat eine Sintflut die Welt überschwemmen würde.6

Prophezeiungen und Flugschriften

Zum Thema der Vorhersagen erschienen viele Texte und Flugschriften. Mit dem Näherrücken des entsprechenden Zeitpunktes häuften sie sich und stellten das zu erwartende Geschehen zunehmend dramatisch dar.

Eine bekannte Flugschrift hierzu ist die „Practika vber die grossen vnd manigfaltigen Conjunction der Planeten [...]“, die Hieronymus Höltzel 1523 in Nürnberg druckte. Die Abbildung zeigt Kaiser, Papst, Kardinal und Bischöfe, die ängstlich einer Versammlung bewaffneter Bauern gegenüberstehen.

Das vorangetragene Banner der Bauern und die wie zur Schlacht aufspielenden Trommler und Pfeiffer auf einem Hügel geben der Szene ein militärisch organisiertes Erscheinungsbild. Über der ganzen Situation schwebt das stilisierte Sternbild der Fische, mit dem Tod und der besagten Planetenkonjunktion in seinem Innern. Daraus ergießt sich ein Wasserschwall, welcher einen darunter liegenden Ort und seine Bewohner überschwemmt.7

Eine weitere Prophezeiung stammte von dem Wiener Astrologen und Leibarzt Maximilians I., Georg Tannstätter (1482-1535). Nachdem dieser bereits den innerösterreichischen Bauernaufstand von 1515 vorhergesagt hatte, sah er auch für 1524 wieder Uneinigkeit und Aufruhr zwischen dem gemeinen Mann und dem Klerus voraus, in dessen Fortgang Mönche erschlagen und Klöster zerstört würden.8

Die im Sommer 1524 aufgetretenen Unwetter und Überschwemmungen schienen nun die ersten Beweise für das tatsächliche Eintreten der Vorhersagen zu sein. Die Menschen waren zum einen sensibilisiert für jegliche, in das Prophezeiungsschema passende (Wetter-)Ereignisse, zum anderen erwarteten Teile der unterprivilegierten Bevölkerungsschicht eine diesbezügliche „göttliche Fügung“, verbunden mit politischen Umwälzungen zu ihren Gunsten.

Für die effektive Veröffentlichung des zeitgenössischen Gedankenguts sorgte zunehmend das moderne Medium der Druckerzeugnisse. Seit das Buchdruck-verfahren mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg (~1397-1468) in Europa seine Verbreitung gefunden hatte, war es möglich Schriften und Bilder schnell, kostengünstig und in großen Mengen unter das Volk zu bringen. Aufgrund der detailreichen Holzschnitte auf den Flugschriften konnte auch die größtenteils analphabetische Zielgruppe der einfachen Bevölkerung durch das neue Medium erreicht werden.

Reformatorisches Gedankengut

Seit 1522/23 hatte der Pfarrer der etwa 20 Kilometer von Stühlingen entfernten Stadt Waldshut, Balthasar Hubmaier (1485-1528) begonnen, gemäß den reformatorischen Gedanken von Ulrich Zwingli (1484-1531) zu predigen.9 Hubmaier war vor dieser Zeit als Pfarrer in Ingolstadt und Regensburg tätig gewesen. In Regensburg war er bereits durch seine oppositionellen Reden aufgefallen, bevor er im Jahr 1521 nach Waldshut kam. Seine Ausführungen über die neue Lehre verbreiteten sich in der Form, dass daraufhin die österreichische Regierung zum entsprechenden Eingreifen in Waldshut provo-ziert wurde. Im Dezember 1523 kam eine kaiserliche Delegation in den Ort und brachte diesbezügliche Klagen gegen den Pfarrer vor. Zu Pfingsten, am 15. Mai 1524 verweigerten die Waldshuter den Befehl der Innsbrucker Regierung, den Pfarrer aus der Stadt zu weisen, und vertrieben stattdessen acht kirchentreue Priester.10

Reformatorisches Gedankengut, welches bisweilen mit einer aggressiven Auflehnung gegen den traditionellen Klerus gepaart war, wurde zu jener Zeit in mehreren Orten Oberdeutschlands gepredigt. Beispielhaft hierfür ist eine Klage vor dem bischöflichen Ordinariat zu Augsburg gegen den Memminger Prediger Schapeler. Diesem wurde ein verbaler Angriff auf den Klerus am 06. Dezember 1523 vorgeworfen. Er bezeichnete hierbei die „Pfaffen“ u.a. als „Unterdrücker der Wahrheit“, und in einer späteren Weihnachtspredigt sogar als

„Mistfinken“ und „Suppenprediger“.11 Im Mai 1524 kam Erzherzog Ferdinand (1503-1564), der Bruder Kaiser Karls V. und Regent der habsburgischen Erblande selbst nach Vorderösterreich, um auf dem Breisgauer Landtag die Stände zu schärfstem Widerstand gegen die Reformation anzuspornen. Die dort gefassten und formulierten Beschlüsse wurden einige Monate später, im Herbst 1524, öffentlich verkündet.12

[...]


1 Baumann, Akten zur Geschichte des Deutschen Bauernkrieges, Nr. 194, S. 184

2 ebenda, Nr. 199, Art. 24, S. 197

3 Schib, Hans Stockar. Chronik 1520–1529, S.97

4 ebenda, S. 98

5 Herzog, Die Bauernunruhen im Schaffhauser Gebiet 1524/25, S. 39

6 Franz, Der deutsche Bauernkrieg, S. 92

7 Vogler, Illustrierte Geschichte der frühbürgerlichen Revolution, S. 205

8 siehe Fn. 6

9 Bergsten, Balthasar Hubmaier, S. 121

10 ebenda, S.133. -Die Verweigerung wird hierbei insbesondere auf die nachdrückliche Für-

sprache der Waldshuter Frauen zurückgeführt.

11 Baumann, Akten zur Geschichte des Deutschen Bauernkrieges, Nr. 2, S. 1

12 Franz, Der deutsche Bauernkrieg, S. 99

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ursachen und Verlauf der Stühlinger Bauernerhebung von 1524
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Proseminar: Der deutsche Bauernkrieg
Note
2,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V46861
ISBN (eBook)
9783638439527
ISBN (Buch)
9783638791298
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit der vorligenden Arbeit sollen sowohl der Beginn der Erhebung und deren Verlauf innerhalb der ersten drei Monate, als auch die zugrunde liegenden Motive der aufständischen Bauern näher erörtert werden. Anhand dieser Fallstudie, welche sich in der Quellenarbeit insbesondere auf schriftlich überlieferte Korrespondenzen der Habsburger Seite stützt, werden die Geschehnisse in der Landgrafschaft Stühlingen und deren Auswirkung auf den weiteren Verlauf des Bauernkrieges erörtert.
Schlagworte
Ursachen, Verlauf, Stühlinger, Bauernerhebung, Proseminar, Bauernkrieg
Arbeit zitieren
Andreas Büter (Autor), 2003, Ursachen und Verlauf der Stühlinger Bauernerhebung von 1524, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46861

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