Die Bedeutung des Kolonialismus für die Literatur wurde vor allem in der amerikanischen Literaturwissenschaft untersucht, zum Beispiel von dem Literaturwissenschaftler Edward W. Said. Untersuchungen für die deutschsprachige Literatur erschienen seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Hierbei ergibt sich vor allem ein methodisches Problem, da die Bezüge zum Kolonialismus an versteckten Stellen hergestellt werden, aber trotzdem von großer Bedeutung für das Verständnis des jeweiligen Werks ist und die Wahrnehmung des gesamten Werks entscheidend verändern kann. Ein bekanntes Analyse-Verfahren, das verwendet wird, ist das kontrapunktische Lesen.
Es muss hierbei beachtet werden, dass die Autoren und Leser des 19. Jahrhunderts und des frühen 19. Jahrhunderts den Kolonialismus als selbstverständlichen Bestandteil der Welt ansahen. Hierzu gehören beispielsweise Strukturen der Ungleichheit und Hierarchisierungen. Bei der kontrapunktischen Lektüre wird die Literatur zudem auf Mehrstimmigkeit gelesen und Gegenstimmen miteinbezogen. Es müssen westliche Konzepte berücksichtigt werden sowie die Konsequenzen einer Fremdbeherrschung für eine Kultur. Diese Methode der Textanalyse werde ich in meiner Arbeit ebenfalls anwenden, um die Bedeutung des Kolonialismus bezüglich des Rassismus für die Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ herauszuarbeiten. Hierbei werde ich zunächst die Verhaltensweisen der einzelnen Figuren betrachten, darauf achten, inwiefern die Figuren rassistische Züge aufweisen und wodurch die Figuren Vertrauen beziehungsweise Misstrauen gegenüber einander entwickeln. Anschließend werde ich auf die Erzählweise des Erzählers eingehen und die Funktion von Sprache und Gestik in dem Werk untersuchen.
Kleists Erzählungen wurden einige Zeit lang von Nationalsozialisten missbraucht. Auch Kritiker werfen ihm eine rassistische Einstellung vor. Ob diese Vorwürfe ihm unrecht tun oder nicht, werde ich ebenfalls untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historischer Hintergrund
2.1 Die Haitianische Revolution
2.2 Zeitliche Einordnung der Erzählung Kleists
2.3 Entstehungsgeschichte der Erzählung
3 Rassismusdiskurs in der Verlobung in St. Domingo
3.1 Die Figurenkonstellation
3.1.1 Gustav
3.1.2 Babekan und Hoango
3.1.3 Toni
3.2 Der Erzähler
4 Die Bedeutung von Sprache und Gestik
4.1 Sprache
4.2 Körpersprache der Figuren
4 Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des Kolonialismus und dessen Auswirkung auf den Rassismusdiskurs in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“. Ziel ist es, durch eine kontrapunktische Lektüre die Verhaltensweisen der Figuren, die Rolle des unzuverlässigen Erzählers sowie die Funktion von Sprache und Gestik zu analysieren, um der Frage nachzugehen, ob Kleists Werk eine rassistische Einstellung widerspiegelt oder vielmehr eine Kritik an den damaligen Machtverhältnissen darstellt.
- Analyse der Figurenkonstellation unter Berücksichtigung kolonialer Machtstrukturen.
- Untersuchung der Funktion des unzuverlässigen Erzählers.
- Deutung von Sprache und Körpersprache als Instrumente der Täuschung und Identitätsdarstellung.
- Einordnung der Erzählung in den historischen Kontext der Haitianischen Revolution.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Vorwurf des Rassismus gegenüber Heinrich von Kleist.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Babekan und Hoango
Sowohl Babekan als auch Congo Hoango werden von der Erzählinstanz durchgängig als rachsüchtig und bösartig beschrieben. Es handelt sich jedoch nicht um eine „Rache der Schwarzen als unmotivierter Blutrausch“ (Horn 1977, S. 121), sondern um eine Rachelust als Folge negativer Erfahrungen mit den weißen Kolonialherren. So hatte Babekan mit einem Marseiller Kaufmann ihre Tochter Toni gezeugt, der ihr „die Vaterschaft zu diesem Kinde vor Gericht“ (V13) leugnete. Dies hat sie so sehr bedrückt, dass sie daraufhin an Gallenfieber litt und immer noch an der Schwindelsucht leidet, die sie durch die Peitschenhiebe als Strafe für das uneheliche Kind von Herrn Villeneuve bekommen hat (vgl. V 13). Sie wurde in ihrem Leben also bereits zweimal von weißen Menschen enttäuscht und misshandelt, was ihre Einstellung ihnen gegenüber stark geprägt hat. Sie hat einen so starken Hass entwickelt, dass sie Congo Hoango erzählt, dass sie den gemeinsamen Racheplan durch Toni in Gefahr sieht, obwohl sie dadurch ihre eigene Tochter verrät (vgl. V 30f.). Dem damaligen Leser sind damit wohl die Vorurteile bestätigt worden, dass es sich bei Schwarzen um grausame Menschen handelt, die nicht einmal in der Sklaverei eine Bindung zu ihren Kindern aufbauen können und sie bedenkenlos zum Tode verurteilen würden (vgl. Uerlings 1997, S. 14). Sie selbst gibt vor, als Mulattin, mit einem weißen und einem schwarzen Elternteil, von dem Neger Congo Hoango verfolgt zu werden und daher unter dem gleichen Schicksal wie Gustav zu leiden (vgl. V 9). Gustav durchschaut ihre List nicht und lässt sich von Babekan täuschen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik ein und erläutert die Relevanz des Kolonialismus sowie die methodische Herangehensweise des kontrapunktischen Lesens.
2 Historischer Hintergrund: Dieses Kapitel beleuchtet die Geschichte der Haitianischen Revolution, die zeitliche Einordnung der Novelle und ihre Entstehungsgeschichte.
3 Rassismusdiskurs in der Verlobung in St. Domingo: Hier wird der Rassenkonflikt anhand der Figurenkonstellation (Gustav, Babekan, Hoango, Toni) und der Erzählhaltung detailliert untersucht.
4 Die Bedeutung von Sprache und Gestik: Dieser Teil analysiert, wie Sprache und körperliche Ausdrucksmittel von den Figuren zur Täuschung und Identitätsbildung genutzt werden.
4 Schlussbemerkungen: Das Fazit fasst zusammen, dass Kleist durch den unzuverlässigen Erzähler Distanz zum kolonialen Diskurs schafft und den Rassenkonflikt kritisch reflektiert.
Schlüsselwörter
Kolonialismus, Rassismus, Heinrich von Kleist, Die Verlobung in St. Domingo, Haitianische Revolution, unzuverlässiger Erzähler, Figurenkonstellation, Identitätswechsel, kontrapunktisches Lesen, Sklaverei, Täuschung, Sprache, Gestik, Postkolonialismus, Fremdbeherrschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung des Kolonialismus in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ und untersucht, wie rassistische Diskurse innerhalb der Erzählung konstruiert und reflektiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Rassismusdiskurs, die Darstellung kolonialer Machtverhältnisse, die Zuverlässigkeit des Erzählers sowie die Rolle von Sprache und Körpersprache als Täuschungsmittel.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, ob Kleist durch die Erzählweise rassistische Vorurteile reproduziert oder den Rassenkonflikt und das koloniale Denken kritisch hinterfragt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt primär die Methode des „kontrapunktischen Lesens“, um Mehrstimmigkeit im Text zu identifizieren und verborgene koloniale Strukturen aufzudecken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-biografische Einordnung, eine detaillierte Figurencharakterisierung sowie eine Analyse des Erzählers und der nonverbalen Kommunikation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Kolonialismus, Rassismus, unzuverlässiger Erzähler, Identitätskrise und der historische Kontext der Haitianischen Revolution.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Gustav in der Erzählung?
Gustav wird als eine in kolonialistischen Denkmustern gefangene Figur beschrieben, deren Handeln durch eine voreilige Emotionalität und eine falsche Fixierung auf die Hautfarbe als Identitätsmerkmal geprägt ist.
Welchen Stellenwert hat der Namenswechsel von Gustav zu August?
Der Namenswechsel wird als Indiz für die „Fremdheit“ und den Verlust des Vertrauens gedeutet, wobei er das Scheitern der zwischenmenschlichen Kommunikation unter kolonialen Vorzeichen symbolisiert.
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- Victoria Schackmar (Autor:in), 2018, Die Bedeutung des Kolonialismus in Kleists "Die Verlobung in St. Domingo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468618