Frauenbilder in der Literatur der Wiener Moderne


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zwischen femme enfant und femme fatale - Frauenbilder in der Zeit der Wiener Moderne
1. Die femme fatale
2. Die femme fragile und femme enfant

3. Frauenbilder in Peter Altenbergs Miniaturen im Vergleich mit Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für diese Arbeit habe ich mich mit den Frauenbildern in der Literatur der Wiener Moderne aus- einandergesetzt. Diese spielten damals in diversen Werken vieler Künstler eine große Rolle und sind bis heute Gegenstand zahlreicher Untersuchungen.

Zur Einführung in das Thema werde ich einen allgemeinen Überblick über die verschiedenen Frauenbilder und Weiblichkeitsentwürfe in der Zeit um die Jahrtausendwende geben. Welche Gründe gibt es für die unterschiedlichen Darstellungen der Frau zu dieser Zeit?

Im Weiteren Verlauf der Arbeit folgt eine intensivere Auseinandersetzung mit einigen Werken. Hierfür habe ich mich für die bekannten Literaten Peter Altenberg und Arthur Schnitzler ent- schieden. Beide stammen aus wohlhabenden jüdischen Familien und gehören zu einigen der bedeutendsten Vertretern der Wiener Moderne. Altenbergs Miniaturen „Ich liebe Dich“, „Ein Liebesgedicht“, „Und endlich stirbt die Sehnsucht doch“ und „Ljuba“ bilden sowie Schnitzlers Prosa „Traumnovelle“ Gegenstand meiner Untersuchung. Diese möchte ich hingehend ihrer Frauendarstellung analysieren, in den vorher ausführlich dargestellten Kontext einordnen und miteinander in Beziehung setzen. Hierbei soll die Frage beantwortet werden, ob es Gemeinsam- keiten zwischen diesen beiden hinsichtlich ihrer Darstellung der Frau gibt, ob auch bei ihnen eine Stereotypisierung stattfindet und wie sie sich in den Kontext der allgemeinen Frauendar- stellung in der Wiener Moderne einordnen lassen.

2. Zwischen femme enfant und femme fatale- Frauenbilder in der Zeit der Wiener Moderne

Zur Zeit des Fin de Siècle begannen Frauen vermehrt, sich zu ihrer eigenen Situation hinsicht- lich ihres Geschlechtes zu äußern. Gleichzeitig stiegen immer mehr Männer, sowohl seitens der Kunst, als auch der Literatur, in diesen Diskurs mit ein. Allerdings hallen die weiblichen Stim- men zur Geschlechterthematik längst nicht mehr so laut nach, wie die ihrer männlichen Gegen- über. Der seitens der Männer geführte Diskurs über Weiblichkeit um die Jahrhundertwende ist ein „engagierter, oftmals eher populistischer als wissenschaftlicher, der hauptsächlich darauf abzielt, die Inferiorität der Frau gegenüber dem Mann zu begründen und deren Funktionsbereich auf die Rolle der Gebärerin und Mutter zu beschränken und festzulegen.“1 Hierbei prallen Wis- senschaft und Pseudowissenschaft aufeinander, wobei seitens der Männer kein Mittel unver- sucht bleibt, das weibliche Geschlecht als möglichst defizitär, minderwertig und als ‚das Ande- re‘ darzustellen.

Die um die Jahrhundertwende herrschenden großen Zweifel sowie die Skepsis in der Bevölke- rung begünstigen die Entstehung dieser Theorien. Die Verunsicherung geht über das eigene Ich und die Frage nach der persönlichen Identität hinaus und gilt ebenso für das Denken über die Frau zu dieser Zeit. Diese wird um 1900 gleich auf zwei verschiedene Weisen funktionalisiert. Zum einen dient sie dem Mann als Fläche, auf die er seine eigene Unsicherheit und Ängste pro- jizieren kann. Durch die versuchte Einengung der Frau in bestimmte Muster und Schemen, wie z.B. die Frau als das ,Andere‘ und ,Fremde‘ und die daraus folgende Abgrenzung wird versucht, sich als Mann seiner selbst wieder sicher zu werden.2 Gleichzeitig wird die Frau von Seiten der Männer bewusst auf die Bereiche des Natürlichen, Triebhaften, Mütterlichen reduziert und dadurch in einen Bereich der Stabilität und Sicherheit eingebettet, der als Gegenpol zur allge- meinen Verunsicherung der Zeit gesucht wird.

Dies untermalt sehr gut folgendes Zitat, welches Gisela Brude-Firnau zu Otto Weiningers Schrift Geschlecht und Charakter schrieb und was zugleich auch auf zahlreiche weitere Werke dieser Zeit übertragbar ist:

„Nicht zuletzt ist ,Geschlecht und Charakter‘ als Gegenreaktion auf die Frauenbewe- gung der Jahrhundertwende zu verstehen, die Verschiebungen in der sozialen Struktur befürchten ließ.“ 3

Aus diesen Gegebenheiten haben sich unterschiedliche Frauenbilder herauskristallisiert, welche sich in diversen Werken dieser Zeit wiederspiegeln und sich in grobe Kategorien einteilen lassen, welche ich im Weiteren genauer beleuchten werde.

Das sogenannte ,Rätselwesen Frau‘ ist allerdings, wie eingangs erwähnt, um die Jahrtausend- wende nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Kunst ein sehr beliebtes Motiv. Auf eini- gen Bildern dieser Zeit, wie bei Edward Munchs ‚Pubertät‘ wird das weibliche Geschöpf als „zartes, zerbrechliches, aber wiederum reizvolles und anziehendes Wesen“4 dargestellt. Gezeigt wird ein Mädchen, das sich in der Entwicklung zur Frau befindet. In diesem ,Zwischenzustand‘ bekommt die Frau zwei verschiedene Eigenschaften zugewiesen: Auf der einen Seite strahlt sie Unschuld und Gefahrlosigkeit aus, gleichzeitig erweckt sie Assoziationen von Sinnlichkeit und Sexualität. Zudem ist sehr häufig die Farbe Weiß zu finden und auch mit dem Symbol der Blu- me wird die Frau häufig in Zusammenhang gebracht, welche deren fragilen Charakter verdeutli- chen soll.

„ Keine Blume kann zierlich, müde und zerbrechlich genug sein für den Ver- gleich mit der femme fragile“ 5

Auffällig ist, dass die Frau nicht naturgetreu, sondern in einer stilisierten Art und Weise abge- bildet wird. Typisierungen von Weiblichkeit, welche sich besonders häufig wiederholen, sind diejenige der Dämonin (femme fatale), der Kindfrau (femme enfant) und der zerbrechlichen Frau (f emme fragile). Das weibliche Wesen wird mit Hilfe von Allegorien bezeichnet und verbild- licht und durch damit im Zusammenhang stehende Metaphern wie die der Blume oder der Farbe Weiß wie bei der femme enfant, wird das zu erzeugende Bild noch verstärkt.

Im Folgenden möchte ich mich mit diesen drei Frauenbildern etwas tiefer auseinandersetzen.

1. Die femme fatale

„Nicht von der Frau, von deren Bild handeln die Geschichten der femme fatale.“ 6

Femme fatale- Figuren ziehen sich wie ein roter Faden durch die Literatur der Wiener Moderne. Ihre Blüte erreicht dieses Frauenbild allerdings erst zur Jahrtausendwende und wie nicht anders zu erwarten, sind die Verfasser dieser Texte fast ausschließlich männlich. Dabei ist das Motiv keineswegs neu, es wurde schon im Mittelalter verwendet und lediglich neu aufgegriffen. Zu- dem findet man in der Literatur der Romantik, z.B. in Gedichten Joseph von Eichendorffs und Heinrich Heines eine Frauenfigur, welche die Männer willenlos macht und in ihren Bann zieht.7 Mit der Gestalt der femme fatale wird „das sexuell Andersartige, Unnormale und Exzentrische verbunden, das einerseits reizvolle, andererseits aber auch eine angsteinflößende Wirkung be- sitzt.“8

Nach Wolfdietrich Rasch lässt sich das erhöhte Interesse an der femme fatale -Figur zur Zeit des Fin de Siécle dadurch erklären, „dass die femme fatale zugleich Wunschbild und Schreckbild wird, in eigentümlicher Durchdringung, so dass für den Décadent gerade das Schreckbild zum Wunschbild wird.“9

Das große Ausmaß der Stilisierung wird mit den genau festgelegten, immer wiederkehrenden charakteristischen Merkmalen dieses Frauentyps klar. Claudia Bork beschreibt die Merkmale der femme fatale in ihrer Studie10 so: „Äußerlich fällt die femme fatale durch langes Haar, einen verführerischen Mund und einen wilden Blick auf. Ihre Stimme wirkt betörend, ihre Bewegun- gen und ihr Tanz besitzen erotischen Charakter. Häufig ist sie nackt dargestellt, und ihre ge- heimnisvolle Schönheit verleiht ihr eine intensive Ausstrahlung. Die Merkmale der femme fata- le erstrecken sich also in erster Linie auf deren äußeres Erscheinungsbild.“

Für den Mann, für den die Frau zu dieser Zeit ohnehin ein Rätsel darstellt, erscheint die Figur der femme fatale als überspitzte Form ihrer möglichen Ängste und Fantasien. Es wird eine der- art mysteriöse und geheimnisvolle Schönheit entworfen, welche die Männer in ihren Bann zieht und letztlich ins Verderben stürzt. Durch die Undurchschaubarkeit der Frau fühlen sich die Männer ihnen unterlegen und sie sehen in deren erotischen Ausstrahlung eine Gefahr, da die Frau „von Grausamkeit und Gefühlskälte durchwaltet ist.“11 Das tradierte Geschlechterverhält- nis wird somit auf den Kopf gestellt: Die Frau springt in die Rolle des Überlegenen, während sich der Mann sich in die Rolle des Wehrlosen, Ausgelieferten, Passiven und Unterlegenen ge- drängt sieht. Claudia Bork macht darauf aufmerksam, dass die typische femme fatale eine and- rogyne Gestalt ist und ebenso männliche Züge besitzt. Hierzu schreibt sie: „Sie fügt sich in kei- ne Frauenrolle, nicht einmal in die einer Schmugglerbraut.“12 Eben diese Unabhängigkeit, her- vorgehoben durch die androgynen Eigenschaften ist es, die die femme fatale für den Mann so begehrlich macht.

Die femme fatale steht in einem großen Kontrast zu der der Frau des 19. Jahrhunderts zuge- schriebenen Rolle. Sie stellt einen Frauentypus dar, der aus dem ihr zugedachten Funktionsbe- reich ausbricht und tradierte Geschlechterrollen subvertiert.13

2. Die femme fragile und femme enfant

„She came and departed as a shadow. […] In beauty of face no maiden ever equalled her. It was the radiance of an opium-dream – an airy and spirit-lifting vision more wildly divine thna the fantasies which hovered about the slumbering souls oft he daugthers of Delos. […] I examined the contour oft he lofty and pale forehead – it was faulthess – how cold indeed that word when applied the purest ivory, the commanding extentand repose, the gentle pro- minence oft he regions aboce the temples; and then the raven-black, the glossy, the luxuri- ant, and naturally-curling tresses, setting forth the full force oft he Homeric epothet, ‚hya- cinthine‘!“ 14

Sowohl die femme fragile, als auch die femme enfant bilden in vielerlei Hinsicht das Gegenstück zur femme fatale. Eines der bekanntesten Beispiele für literarisches Frauengestalten der femme fragile ist die im obigen Zitat beschriebene Ligeia. Die femme fragile kann nach Thomalla, als eine „typische Gestalt der Literatur der Dekadenz und des Ästhetizismus gesehen werden.“15 Sie beschreibt diesen Typus weiter als „äußerlich schmal, fast schon mager, zart und blass. Die Morbidität ihrer Erscheinung, die der femme fragile eine beinahe gespenstische Aura verleiht, ist stets mit Eleganz gepaart.“16 Dieser Frauengestalt haftet etwas „Ätherisches, Leichtes, Dufti- ges an.“17

Eine besondere Ausprägung der femme fragile ist die femme enfant. Laut Thomalla ist sie noch zarter und überfeinerter als die femme fragile, und sie ist gleichzeitig „Ausdruck des allgemei- nen Kinderkultes dieser Zeit.“18 Nach Stephanie Günther besitzt die femme enfant einen „trauri- gen, freudlosen und ängstlichen Blick und ist dem Tode geweiht. Oft wird die Kindfrau als Meerjungfrau oder Nymphe dargestellt, was vor allem für den Bereich der Malerei, aber auch für denjenigen, der Dichtung zutrifft.“19 Des Weiteren heißtes, sie verkörpere Unschuld, Keuschheit, Asexualität und Gefahrlosigkeit. Allerdings besitzt auch die femme enfant eine stark ausgeprägte sinnliche Ausstrahlung, und die Kombination aus Kindlichkeit einerseits und erwachender Sexualität andererseits ist es, die die Faszination des Mannes zu dieser Zeit weckt. „Die Liebe bleibt hierbei im Platonischen und es kommen beim Mann keine sexuellen Ängste oder Gefühle der Überforderung und Unterlegenheit auf.“20

Nach dieser Einführung in die Frauenbilder um die Zeit der Wiener Moderne möchte ich mich nun den Werken Altenbergs und Schnitzlers wenden.

[...]


1 Günther, Stephanie: Weiblichkeitsentwürfe des Fin de Siècle. Bonn 2007. S.129.

2 Vgl. Günther, Stephanie: Weiblichkeitsentwürfe des Fin de Siècle. S.130.

3 Brude-Firnau, Gisela: Wissenschaft von der Frau? Zum Einfluss von Otto Weiningers ,Geschlecht und Charakter‘ auf den deutschen Roman, in: Paulsen, Wolfgang (Hg.), Die Frau als Heldin und Autorin. Neue kritische Ansätze zur deutschen Literatur, Bern/München 1979, S137.

4 Vgl. Günther, Stephanie: Weiblichkeitsentwürfe des Fin de Siècle. S. 156.

5 Thomalla, Ariane: Die „Femme Fragile“. Ein literarischer Frauentypus der Jahrhundertwende. Düsseldorf:1972. S. 50.

6 Hilmes, Carola: Die femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur. 1990. S. 237.

7 Vgl. Max, Frank Rainer (Hg.): Undinenzauber. Geschichten und Gedichte von Nixen, Nymphen und anderen Wasserfrauen. Mit einer Einleitung von Eckart Kleßmann, Stuttgart 1991.

8 Vgl. Günther, Stephanie: Weiblichkeitsentwürfe des Fin de Siècle. S .159.

9 Rasch, Wolfdietrisch: Die literarische Décadence um 1900. München: 1986. S. 75.

10 Vgl. insbesondere das erste Kapitel in Bork, Claudia: Femme fatale und Don Juan: Ein Beitrag zur Motivge- schichte der literarischen Verführergestalt. Hamburg: 1992.

11 Vgl. Bork, Femme Fatale und Don Juan. S. 72f.

12 Vgl. Bork, Femme Fatale und Don Juan. S. 78.

13 Vgl. Bork, Femme Fatale und Don Juan. S. 77-82.

14 Poe, Edgar Allen: Legeia in: Edgar Allen Poe, Selected Tales. Harmondsworth: 1994. S. 49.

15 Vgl. Thomalla, Ariane: Die „Femme Fragile“. Ein literarischer Frauentypus der Jahrhundertwende.

16 Vgl. Thomalla, Ariane: Die „Femme Fragile“. S. 26.

17 Vgl. Günther, Stephanie: Weiblichkeitsentwürfe des Fin de Siècle. S. 172.

18 Vgl. Thomalla, Ariane: Die „Femme Fragile“. S. 71

19 Vgl. Günther, Stephanie: Weiblichkeitsentwürfe des Fin de Siècle. S. 172f.

20 Vgl. Günther, Stephanie: Weiblichkeitsentwürfe des Fin de Siècle. S. 172.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Frauenbilder in der Literatur der Wiener Moderne
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V468682
ISBN (eBook)
9783668938854
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wiener Moderne, Kaffeehausliteratur, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, femme fatale, femme fragile, femme enfant, Peter Altenburg, Arthur Schnitzler
Arbeit zitieren
Ricardo Zückert (Autor), 2018, Frauenbilder in der Literatur der Wiener Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468682

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