Wenn List auf Liebe trifft. Eine Analyse des mittelalterlichen Märes "Der begrabene Ehemann"


Hausarbeit, 2015
16 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Sprachhistorische Betrachtung der list

3 Entstehungsgeschichte

4 Analyse Der begrabene Ehemann
4.1 Exposition
4.2 Die Proben
4.3 Epimythion

5 Fazit Seite

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Gewalt ist für die Ehestandsmären vom Stricker ein allgegenwärtiges Thema. Es gibt zweifellos starke inhaltliche Parallelen zu anderen Mären, wie Kaufringers Drei listige Frauen, jedoch nimmt Der begrabene Ehemann1 im Hinblick auf die Drastik der Bestrafung - das lebendige Begraben - eine Sonderstellung ein. Ein drastisch klingendes Epimythion vollendet die ohnehin schon herzlos erscheinende Geschichte und ist aus diesem Grund lohnenswert näher zu betrachten.

Ziel der Hausarbeit ist es, das Gelingen der list näher zu untersuchen und zu klären, unter welchen Voraussetzungen eine solche überhaupt nur möglich ist. Dazu findet zunächst eine sprachhistorische Untersuchung des Begriffes list statt. Des Weiteren wird die Entstehungsgeschichte des Märes kurz skizziert, um aufzuzeigen welches breite Spektrum der Nachlass vom Stricker darstellt und welche Werte für ihn von elementarer Bedeutung sind.

Die Analyse des Märes untergliedert sich in die Teilbereiche „Exposition“, „Die Proben“ und „Epimythion“. Hierbei wird insbesondere auf die, für den Text und für das Verständnis von Ehekonstellationen im Spätmittelalter, elementaren Begriffe huld, triuwe und st æ te eingegangen.

Des Weiteren findet in der Hausarbeit eine Auseinandersetzung, mit den in der Forschungsliteratur teils sehr unterschiedlichen Thesen zum Gelingen der todesbringenden List, statt. So spricht Ragotzky von wachsendem Realitätsverlust2, laut Müller gelingt der Frau in Der begrabene Ehemann diese unerhörte Begebenheit jedoch durch Konditionierung des Ehemanns in Hinblick auf den performativen Vollzug3.

2 Sprachhistorische Betrachtung list

Bevor über das Gelingen der list gesprochen werden kann, muss zunächst eine sprachhistorische Erläuterung dazu stattfinden, was unter dem doch sehr breiten Wortfeld der list zu verstehen ist. Denn wie viele andere Begriffe auch unterscheidet sich der ursprünglich verknüpfte Inhalt des Wortes von Vergangenheit und Gegenwart. So ist im Lexer4 die Übersetzung „weisheit, klugheit, schlauheit; weise, kluge schlaue absicht od. handlung allgem.“5 zu lesen. Per se impliziert diese Definition also nicht jenes heimtückische Verhalten, wie es in der gegenwärtigen Definition unseres allgemeinen Sprachgebrauchs zu verstehen ist. Denn der Duden6 definiert List, wie folgt. „ Mittel, mit dessen Hilfe man (andere täuschend) etw. zu erreichen sucht, was man auf normalem Wege nicht erreichen könnte […]“7 Paradoxerweise klingt diese gegenwärtige Definition der List, wie eine gut beschriebene Zusammenfassung jenen Handelns der Frau in Der begrabene Ehemann. Jedoch kann diese, wie eingangs geschildert nicht für einen mittelalterlichen Text herangezogen werden, sondern dient lediglich der Erweiterung des Verständnisses für das Wortfeld. Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die list im Mittelhochdeutschen, im Gegensatz zum gegenwärtigen Verständnis, nicht negativ annotiert, sondern im Gegenteil sogar positive Assoziationen aufweist.

3 Entstehungsgeschichte

Wie bei vielen anderen mittelalterlichen Autoren auch ist uns nichts Konkretes über den Stricker bekannt. Es wird angenommen, dass seine Werke zwischen 1220 - 1250 entstanden sind und er wird dem rheinfränkischen Raum zugeordnet. Interessant ist er für die Forschung allemal, denn sein Nachlass bietet ein breites Spektrum an Erzählformen. So gilt er durch seinen Pfaffen Amis als Begründer des Schwankromans8. Seine Haltung als Erzähler zu seinem erzählten Gegenstand ist in einigen Erzählungen ambivalent. So stellt Sabine Böhm heraus:

„Der Stricker zeigt sich häufig als ein tief religiöser Mensch, der aufrichtig Anteil an seinen Mitmenschen nimmt und sie zu ihrem Besten belehren will. Manchmal aber zieht er sich hinter seine Texte zurück, die dann eine eindeutige Lehre verweigern oder gar mit dem Rezipienten zu spielen scheinen.“9

In dem folgend analysierten Märe macht es durchaus den Anschein, dass der Stricker mit dem Rezipienten spielt, indem er die vorherrschenden gesellschaftlichen Werte in Frage stellt. Zunächst wird nun kurz auf den Inhalt von Der begrabene Ehemann eingegangen.

4 Analyse Der begrabene Ehemann

In dem Märe verlangt die Frau von ihrem Mann zum Beweis seiner aufrichtigen Liebe bedingungsloses Vertrauen, indem er ihr alles glauben soll, was sie ihm erzählt. Obwohl dieser einen Eid schwur, der Forderung seiner Frau Folge zu leisten, besteht er die erste Minneprobe nicht, indem er widerspricht am helllichten Tag zu Bett zu gehen, trotzdem seine Frau ihm bedeutet, es sei bereits Abend. Als die Frau daraufhin mit der Trennung droht, da sie sich seiner Liebe nicht mehr sicher sein kann, gelobt er Besserung und ist ihr von nun an hörig. Er steigt auf Anraten seiner Frau in eine eiskalte Badewanne, von der seine Frau behauptet, sie sei warm. Im Verlauf des Märes bahnt sich ein Verhältnis der Frau zu dem Pfaffen an. Als ihr Ehemann die beiden eines Tages aus der Scheune kommen sieht und seine Entdeckung beanstandet, erinnert ihn die Frau an seinen Eid und droht ihm abermals mit Trennung, sodass der Mann einlenkt und seine Frau gewähren lässt. Zum drastischen Höhepunkt der Geschichte kommt es schließlich, als die Frau ihrem Mann einredet, er sei tot und müsse nun begraben werden. Dieser glaubt an einen weiteren Vertrauensbeweis und scheut sich davor, seine Frau abermals zu enttäuschen. So kommt es, wie es kommen muss, der Pfarrer - und gleichzeitig Liebhaber seiner Frau- vollzieht die Beerdigung im Kreise der Nachbarn. Als er schließlich den Ernst der Lage begreift, ist es für ihn zu spät, sein letztes Aufgebären wird der Trauergemeinde als das Werk des Teufels präsentiert.

4.1 Exposition

Aus der heutigen gesellschaftlichen Perspektive menschlichen Zusammenlebens, präziser formuliert des Ehelebens, ist nur schwer vorstellbar, was eine Ehefrau dazu treibt, ihren Ehemann, der seine Liebe mehrmals aufrichtig beteuert, bei lebendigem Leibe zu begraben.

Gleichwohl es allgemein bekannt ist, dass der analytische Zugang eines mittelalterlichen Textes nicht auf zeitgenössischen Weltanschauungen und Ansichten des jeweiligen Rezipienten beruhen darf, bleibt es doch - gerade bei der ersten augenscheinlichen Betrachtung - nicht aus, eine erste Wertung basierend auf den eigenen Empfindungen vorzunehmen. Man ist dazu geneigt, nach einer Erzähllogik im Text zu suchen und diese in allen Konsequenzen nachzuvollziehen. Laut Grubmüller ist es daher umso wichtiger „[…] der Erzählstrategie der Texte zu folgen und nicht im Nicht-Erzählten den Sinn zu suchen.“10

Die Exposition des Märes beginnt mit einer vertrauten Formel: Ein man sprach wider s î n w î p11: du bist mir liep als der l î p (V 1f.) . Die Erzählung setzt zu einem, dem Rezipienten nicht bekannten, Zeitpunkt der Beziehung ein. Die Eheleute sind vermutlich Bauern, was durch den Vers eines tages er von acker gie (V 172) indirekt beschrieben wird. Der Stricker verrät nichts über die Art und Dauer der vorangegangenen Ehe (welche auch nur durch den Titel deklariert ist), über Aussehen und Charakterzüge der Protagonisten. Diese Angaben sind für das Verständnis des Textes auch nicht notwendig und doch sind sie oft ein Instrumentarium, welches der Dichter nutzt um die Verführung, zum Beispiel durch weibliche Rede, zu verdeutlichen und ihr gewissermaßen eine Legitimation zuzugestehen. Denn durch sch œ ne vrouwen die zudem noch guot sind, findet eine Verblendung des Mannes statt. Nun, in diesem Märe kommt die Frau auch ohne solche Attribute (zumindest nicht erwähnte, daher nicht annehmbare) an ihr Ziel.

Die Liebesbeteuerungen des Mannes nehmen seinen Lauf:

zew â re w æ restu mir s ô rehte holt als ich dir, daz n æ me ich v ü r der Kriechen golt. du m ö htest mir niemer s ô holt werden, als ich dir bin. mir ist daz herze und der sin s ô s ê re an dich geslagen, daz ich dirz niemer kann gesagen. (V 3-10)

Das Minnebekenntnis legt von Beginn an offen, welches dominante Machtgefälle in der Ehe vorherrscht. So macht der Mann bereits in den kurzen Versen zweimal von dem Begriff holt12 Gebrauch, der neben den Zentralbegriffen triuwe und staete, auf die ich im weiteren Verlauf noch näher eingehen werde, eine substantielle Bedeutung für das Verständnis dieses Eheverhältnisses hat.

Die Terminologie des Begriffes huld wurde in der Mediävistik lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Althoff nahm sich jedoch diesem Problem an und konzentriert sich in seinen Ausführungen vor allem auf den herrschaftlichen Kontext, legt aber auch offen, dass die huld ebenso in familiären Verhältnissen seine Bedeutung findet. So stellte er fest:

„Die Huld, Gunst oder Gnade des Herrschers erfüllte die Funktion eines Belohnungs- wie eines Strafinstruments; sie spornte an und sie disziplinierte.[…] Huldi wurde aber auch für ein „Verhältnis auf gleicher Ebene" verwendet, wie es zwischen Verwandtengruppen oder befreundeten Stämmen gefordert und üblich war.[…] Wer Huld erweist oder jemandem hold ist, zeigt seine Bereitschaft, weiterhin die Verpflichtungen zu erfüllen, die ihm aus einer bestehenden Bindung erwachsen. Er signalisiert Zufriedenheit mit der Bindung und weiterhin Wohlverhalten.“13

Die Intention des Mannes unterliegt hier aber weder einer Belohnungs- noch einer Strafmotivation, sondern sie besteht einzig und allein in der Verbalisierung seiner absoluten Hingabe. Interessant ist das Pflichtbewusstsein, was durch die Verwendung von holt konstruiert wird. Der Mann fühlt sich basierend auf seinem Eheversprechen seiner Frau verpflichtet, was per se und in unserem heutigen Eheverständnis grundsätzlich eher eine Tugend als ein Fehlverhalten darstellt.

[...]


1 Textgrundlage: Der Stricker: Der begrabene Ehemann in: Novellistik des Mittelalters. Texte und Kommentare. hg. v. Grubmüller, Klaus. Berlin 2011: Deutscher Klassiker Verlag S. 30-43. Die Versangaben im fortlaufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

2 Ragotzky, Hedda: Gattungserneuerung und Laienunterweisung (Studien u. Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 1), Tübingen 1981: Niemeyer S. 104

3 Müller, Maria E.: Böses Blut. Sprachgewalt und Gewaltsprache in mittelalterlichen Mären, in: Blutige Worte. Internationales und interdisziplinäres Kolloquium zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. v. Eming, Jutta; Jarzebowski, Claudia (Berliner Mittelalter- und Frühneuzeitforschung Band 4), Göttingen 2008: V&R Unipress S. 145 -161, hier S. 153

4 Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Erster Band A-M. 1872. Leipzig: Verlag von S. Hirzel S. 1936

5 Ebd. S. 1936

6 Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. In zehn Bänden. Band 6: Lein - Peko. 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. 1999. Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverlag

7 Ebd. S. 2441

8 Schilling, Michael: Poetik der Kommunikativität in den kleineren Reimpaartexten des Strickers. In: Die Kleinepik des Strickers, hg. v. González, Emilio u.a. (Philologische Studien und Quellen Heft 199). 2006. Berlin: Erich Schmidt Verlag S.28-47, hier S. 28

9 Böhm, Sabine: Der Stricker: ein Dichterprofil anhand seines Gesamtwerkes In: Europäische Hochschulschriften (Reihe I Deutsche Sprache und Literatur). 1995. Frankfurt am Main: Peter Lang S. 11

10 Grubmüller, Klaus: Der Tor und der Tod. In: Spannungen und Konflikte menschlichen Zusammenlebens in der deutschen Literatur des Mittelalters. Bristoler Colloquium 1993 hg. v. Gärtner, Kurt u.a.. 1996. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, S. 340-347, hier S. 346

11 In Strickers Das hei ß e Eisen heißt es Ein w î p sprach wider ir man.

12 Im Lexer( s. Anmerkung 4) findet sich ein vgl. zu hulde, daher im Folgenden die Verwendung von huld, um die Skizzen Althoffs besser nachvollziehen und darstellen zu können

13 Althoff, Gerd: Huld Überlegungen zu einem Zentralbegriff der mittelalterlichen Herrschaftsordnung . In: Frühmittelalterliche Studien (Vol.25). 1991.Berlin.: Walter de Gruyter, S. 259-282, hier S. 259;262

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Details

Titel
Wenn List auf Liebe trifft. Eine Analyse des mittelalterlichen Märes "Der begrabene Ehemann"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Mittelhochdeutsche Kurzerzählungen
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V468697
ISBN (eBook)
9783668943292
ISBN (Buch)
9783668943308
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Stricker, Der begrabene Ehemann, Mittelhochdeutsche Kurzerzählungen
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Wenn List auf Liebe trifft. Eine Analyse des mittelalterlichen Märes "Der begrabene Ehemann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468697

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