Die nachfolgende Arbeit befasst sich mit der im mittelalterlichen Mär "Der begrabene Ehemann" geschilderten List und versucht gleichzeitig, die Entstehungsgeschichte des Begriffes der "List" sprachhistorisch zu beleuchten.
Gewalt ist für die Ehestandsmären vom Stricker ein allgegenwärtiges Thema. Es gibtzweifellos starke inhaltliche Parallelen zu anderen Mären, wie Kaufringers "Drei listigeFrauen", jedoch nimmt "Der begrabene Ehemann" im Hinblick auf die Drastik der Bestrafung - das lebendige Begraben - eine Sonderstellung ein. Ein drastisch klingendes Epimythion vollendet die ohnehin schon herzlos erscheinende Geschichte und ist aus diesem Grund lohnenswert näher zu betrachten.
Ziel der Hausarbeit ist es deshalb, das Gelingen der List näher zu untersuchen und zu klären, unter welchen Voraussetzungen eine solche überhaupt nur möglich ist. Dazu findet zunächst eine sprachhistorische Untersuchung des Begriffes statt. Des Weiteren wird die Entstehungsgeschichte des Märes kurz skizziert, um aufzuzeigen welches breite Spektrum der Nachlass vom Stricker darstellt und welche Werte für ihn von elementarer Bedeutung sind.
Gliederung
1 Einleitung
2 Sprachhistorische Betrachtung der list
3 Entstehungsgeschichte
4 Analyse Der begrabene Ehemann
4.1 Exposition
4.2 Die Proben
4.3 Epimythion
5 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung des Gelingens der list in Strickers Märe „Der begrabene Ehemann“. Dabei soll geklärt werden, welche Voraussetzungen vorliegen müssen, damit eine solche List erfolgreich umgesetzt werden kann, wobei insbesondere die Rollenverteilung, die Machtdynamik und die Konsequenzen eines falschen Verständnisses zentraler Tugenden betrachtet werden.
- Sprachhistorische Einordnung des Begriffs „list“ im Mittelalter
- Analyse der Konditionierung des Ehemanns durch die Ehefrau
- Untersuchung der Machtverhältnisse und Rollenumkehr in der Ehe
- Deutung der zentralen Begriffe huld, triuwe und stæte
- Interpretation des Epimythions als moralische Schlussfolgerung
Auszug aus dem Buch
4.1 Exposition
Aus der heutigen gesellschaftlichen Perspektive menschlichen Zusammenlebens, präziser formuliert des Ehelebens, ist nur schwer vorstellbar, was eine Ehefrau dazu treibt, ihren Ehemann, der seine Liebe mehrmals aufrichtig beteuert, bei lebendigem Leibe zu begraben.
Gleichwohl es allgemein bekannt ist, dass der analytische Zugang eines mittelalterlichen Textes nicht auf zeitgenössischen Weltanschauungen und Ansichten des jeweiligen Rezipienten beruhen darf, bleibt es doch – gerade bei der ersten augenscheinlichen Betrachtung - nicht aus, eine erste Wertung basierend auf den eigenen Empfindungen vorzunehmen. Man ist dazu geneigt, nach einer Erzähllogik im Text zu suchen und diese in allen Konsequenzen nachzuvollziehen. Laut Grubmüller ist es daher umso wichtiger „[…] der Erzählstrategie der Texte zu folgen und nicht im Nicht-Erzählten den Sinn zu suchen.“
Die Exposition des Märes beginnt mit einer vertrauten Formel: Ein man sprach wider sîn wîp: du bist mir liep als der lîp (V 1f.). Die Erzählung setzt zu einem, dem Rezipienten nicht bekannten, Zeitpunkt der Beziehung ein. Die Eheleute sind vermutlich Bauern, was durch den Vers eines tages er von acker gie (V 172) indirekt beschrieben wird. Der Stricker verrät nichts über die Art und Dauer der vorangegangenen Ehe (welche auch nur durch den Titel deklariert ist), über Aussehen und Charakterzüge der Protagonisten. Diese Angaben sind für das Verständnis des Textes auch nicht notwendig und doch sind sie oft ein Instrumentarium, welches der Dichter nutzt um die Verführung, zum Beispiel durch weibliche Rede, zu verdeutlichen und ihr gewissermaßen eine Legitimation zuzugestehen. Denn durch schœne vrouwen die zudem noch guot sind, findet eine Verblendung des Mannes statt. Nun, in diesem Märe kommt die Frau auch ohne solche Attribute (zumindest nicht erwähnte, daher nicht annehmbare) an ihr Ziel.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt das Thema der Ehestandsmären bei Stricker vor und formuliert das Forschungsziel, das Gelingen der List sowie die Voraussetzungen dafür zu untersuchen.
2 Sprachhistorische Betrachtung der list: Hier wird dargelegt, dass der Begriff „list“ im Mittelhochdeutschen im Gegensatz zum heutigen Verständnis positiv konnotiert war und als Tugend ausgelegt werden konnte.
3 Entstehungsgeschichte: Dieser Abschnitt bietet einen kurzen Überblick über den Stricker als Autor sowie die Zeit und den Raum seiner Werksentstehung.
4 Analyse Der begrabene Ehemann: Dieser Hauptteil analysiert die drei Phasen des Märes – Exposition, Proben und Epimythion – und untersucht die psychologische Konditionierung des Ehemanns.
4.1 Exposition: Das Kapitel führt in die Ausgangslage ein, bei der der Ehemann durch übersteigerte Liebesbekundungen seine Machtposition innerhalb der Ehe untergräbt.
4.2 Die Proben: Es wird analysiert, wie die Ehefrau den Mann systematisch durch verschiedene Proben konditioniert, indem sie dessen Vertrauen manipuliert und ihn zur Unterwürfigkeit zwingt.
4.3 Epimythion: Der letzte Abschnitt interpretiert die Moral des Textes, die den Mann für seine Naivität und das falsche Verständnis von Tugenden bestraft.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die List der Frau durch die Akzeptanz des Mannes und dessen erlernte Unterwerfung gelingt und Stricker damit vor den Folgen falsch gelebter Tugenden warnt.
Schlüsselwörter
Der Stricker, Der begrabene Ehemann, Märe, List, Konditionierung, Ehestand, Machtverhältnis, Minne, triuwe, stæte, huld, Mittelalter, Geschlechterrollen, Literaturanalyse, Epimythion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert Strickers Märe „Der begrabene Ehemann“ unter dem Aspekt, wie und warum die List der Ehefrau in der Erzählung erfolgreich umgesetzt werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die sprachhistorische Bedeutung von „list“, das Machtgefüge in der mittelalterlichen Ehe, die Rolle von Tugendbegriffen wie Treue und Beständigkeit sowie die psychologische Dynamik zwischen den Ehepartnern.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, unter welchen Voraussetzungen das Gelingen der todesbringenden List möglich ist und inwiefern der Ehemann durch seine eigene Haltung dazu beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die sprachhistorische Untersuchungen, textimmanente Interpretationen und den Rückgriff auf fachspezifische Forschungsliteratur kombiniert.
Was wird im umfangreichen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Exposition, eine detaillierte Analyse der von der Frau initiierten Treueproben und eine abschließende Deutung des Epimythions.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die mittelhochdeutschen Konzepte von „list“, „triuwe“ und „stæte“ sowie der literaturwissenschaftliche Begriff der „Konditionierung“.
Wie wird das Verhalten des Ehemanns in der Forschung eingeordnet?
Die Arbeit diskutiert verschiedene Thesen, etwa die Charakterisierung als „Minnesklave“ durch Ragotzky oder die Einordnung als „Konditionierung“ durch Maria E. Müller.
Welche Rolle spielen die Begriffe „huld“, „triuwe“ und „stæte“?
Diese Begriffe fungieren als elementare Tugenden des Mittelalters, deren falsche Anwendung in der Erzählung zur Zerstörung der Eheordnung und letztlich zum Tod des Ehemanns führt.
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- Anonym (Author), 2015, Wenn List auf Liebe trifft. Eine Analyse des mittelalterlichen Märes "Der begrabene Ehemann", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468697