Die Formeln des kategorischen Imperativs nach Immanuel Kant


Hausarbeit, 2019

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Bedeutung des kategorischen Imperativs

III. Formeln
1. Universalgesetzformel
2. Naturgesetzformel
3. Zweck-an-sich-Formel
4. Autonomieformel
5. Reich-der-Zwecke-Formel

IV. Vergleich der Formeln

V. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Kants Ethik, die insbesondere in seinem Werk Grundlagen zur Metaphysik der Sitten (1785) erläutert wird, legte den Grundstein für unsere heutige Ethik. Sie beschäftigt sich mit der Frage nach einem guten Leben und dem moralischen Gehalt von Handlungen. Um jede situative Handlung moralisch prüfbar zu machen versucht Kant in seinen Grundlagen der Metaphysik der Sitten ein moralisches Prinzip zu formulieren. Dieses soll den Menschen die Entscheidung für die Handlung erleichtern, welche die moralisch richtige und gebotene in der jeweiligen Situation ist. Dieses Prinzip nenn Kant den kategorischen Imperativ.

Der kategorische Imperativ soll somit als oberstes Prinzip der Moral gelten. Er soll zu einem allgemein gültigen Maßstab, einem Prüfprinzip, werden, anhand dessen die Moralität des eigenen Handelns bewertet werden soll. Zudem soll die eigene Handlungsorientierung und die der Mitmenschen in Einklang gebracht werden. Kant versucht durch ihn ein Sittengesetz zu erarbeiten, das a priori, also unabhängig von Erfahrung und sinnlichen Wahrnehmungen1, zweckungebunden existieren und gesetzgebend sein kann. Es soll absolute Notwendigkeit haben für jedes vernünftige Wesen und so als allgemeines Sittengesetz gelten2.

In der vorliegenden Hausarbeit werden diese Formeln untersucht und ihre Bedeutung wird analysiert. Zunächst wird dazu erläutert welche Eigenschaften Kant für den kategorischen Imperativ fordert. Anschließend wird einzeln auf jede Formel eingegangen und im Anschluss daran werden sie miteinander verglichen. Zum Schluss wird gezeigt in wie weit sie in der alltäglichen Praxis nützlich sind und die Frage bearbeitet, ob es Kant gelingt das Sittengesetz durch seine Formeln eindeutig zu formulieren oder ob es sich gar um unterschiedliche Gesetze handelt.

II. Bedeutung des kategorischen Imperativs

Bevor er sein “Gesetz der Sittlichkeit”3 entwickelt, hebt Kant hervor, dass die Vernunft bei einer moralischen Entscheidung notwendigerweise vorhanden sein muss.4 Der Ursprung des kategorischen Imperativs liegt sogar in der praktischen Vernunft selbst.5 Diese wird durch den guten Willen von vernünftigen Wesen ausgedrückt.6 Sie ist essentiell, um moralisches Denken entwickeln zu können und somit auch entscheidend für das von ihm gewünschte Prinzip. Da aber jedes unvollkommene vernunftbegabtes Wesen nicht nur nach der Vernunft, sondern auch nach seiner Natur beziehungsweise seinen natürlichen Trieben handelt7, ist es notwendig ein objektives Prinzip zu entwickeln, das unabhängig von Neigungen und subjektiven Interessen von jedem Wesen als gut anerkannt werden kann. Jeder Mensch solle seinen Willen dem anpassen, was er selbst als wichtig und sinnvoll für alle Menschen akzeptieren würde. Dies impliziert, dass dieses Prinzip außerdem ohne Bezug auf einen bestimmten Zweck bestehen können muss.

Da wir Menschen als unvollkommene vernünftige Wesen gelten, müssen wir zu einem guten Willen und so auch zu einer moralischen Handlung genötigt werden. Nur der gute Wille, so Kant, ist die Quelle von guten Dingen und Handlungen.8 Der moralische Wert einer Handlung, besteht nicht im Prinzip der Handlung oder in der zu erwarteten Wirkung, sondern allein in der Gesinnung des Menschen.9 Da der Wille und die Gesinnung der Menschen nicht notwendigerweise der Vernunft folgt, ist eine Nötigung zum Guten unabdingbar. Der kategorische Imperativ soll also ein vernünftiges Prinzip der Willensbestimmung und Handlungsanweisung für jeden Menschen darstellen können.

Kurz vor seiner Formulierung benennt Kant sein Sittengesetz als “synthetisch-praktischen Satz a priori”10. Er ist synthetisch, da der Wille eines vernünftigen Wesens mit moralisch Gutem verknüpft werden muss, um eine moralische Handlung hervorzubringen. Praktisch ist er, da er im alltäglichen Leben angewandt werden kann und soll. Der kategorische Imperativ muss a priori gelten, da er zweckungebunden und allgemein für jedes vernünftige Wesen gültig sein soll, unabhängig davon welche Erfahrung dieses bereits gemacht hat. Zudem macht er moralische Handlungen operationalisierbar. Sie werden durch das so formulierte Sittengesetz messbar gemacht und können anhand von diesem verglichen werden.

In der deutschen Sprache wird ein Imperativ als Aufforderung, Befehl oder moralisches Gesetz verstanden.11 In Hinblick auf den kategorischen Imperativ, definiert Kant ihn als “die Formel des Gebots”12. Dabei wird bereits impliziert, dass es sich um mehrere Formeln handelt. Der kategorische ist kein gewöhnlicher Imperativ, sondern ein Imperativ der Pflicht, da er für Wesen bestimmt ist, die nicht vollkommen vernünftig sind13. Pflicht bedeutet in dem Fall „die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz“14. Der kategorische Imperativ verpflichtet also jedes vernünftige Wesen dazu nach dem Sittengesetz zu handeln.

Als kategorisch bezeichnet Kant sein Sittengesetz, da es unbedingt, ausnahmslos und allgemein in jeder Situation gelten soll. Es soll “eine Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf einen andern Zweck, als objektiv notwendig”15 vorstellen, sodass es völlig unabhängig von festgelegten Situationen bestehen kann. Erst durch diese Eigenschaft kann Kant ihn zu einem moralischen Gesetz erheben. In der Metaphysik der Sitten fasst Kant dies prägnant zusammen:

“Denn da die sinnlichen Neigungen zu Zwecken (...) verleiten, die der Pflicht zuwider sein können, so kann die gesetzgebende Vernunft ihrem Einfluß nicht anders wehren als wiederum durch einen entgegengesetzten moralischen Zweck, der also von der Neigung unabhängig a priori gegeben sein muß.“16

Insgesamt fällt auf, dass Kant wiederholt von einem Sittengesetz spricht, obwohl er mehrere Formeln für dieses anführt. Handelt es sich daher doch um mehrere Imperative oder sind nur verschiedene Pflichten gemeint, die sich in jeder Formel unterschiedlich betonen lassen und aus einem kategorischen Imperativ ableiten lassen17 ?

III. Formeln

In den Grundlagen zur Metaphysik der Sitten sind insgesamt 5 Formulierungen des kategorischen Imperativs auffindbar, obwohl Kant davon spricht, dass es nur einen einzigen gibt.18 Der Unterschied zwischen den Formeln liegt seiner Meinung nach in ihrer Verschiedenheit, die “eher subjektiv als objektiv-praktisch ist“19. Im Folgenden eine kurze Erläuterung und Analyse zu jeder Formel, die mir helfen soll diese zu vergleichen und herauszufinden, ob es für die Formulierung des kategorischen Imperativs wirklich nur eine Formel gibt oder ob sogar jede Formel ein eigenes Gesetz formuliert.

1. Universalgesetzformel

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ 20

Wenn vom kategorischen Imperativ gesprochen wird, so bezieht man sich fast immer auf die oben genannte Formel desselben, die sogenannte Universalgesetzformel (UF). Ihren Namen verdankt sie dabei der ihr innewohnenden Allgemeingültigkeit des moralischen Gesetzes. Ihre Universalisierbarkeit ergibt sich “allein aus der Vermeidung von Widersprüchen im Denken oder im Wollen”21. Dabei ist das Wollen bei Kant kein Wollen nach allgemeinem Alltagsgebrauch. Für Kant bedeutet der Wille das Vermögen gemäß Prinzipien der praktischen Vernunft zu handeln. Der “Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft, unabhängig von der Neigung, als praktisch notwendig, d.i. als gut erkennt.”22. Damit betont Kant in dieser Formel auch, dass ein guter Wille, der durch Vernunft herbeigeführt wurde, zu einer moralisch guten Handlung führt.

Auffällig an der UF ist außerdem die Verwendung des Begriffs “allgemeines Gesetz”. Kant meint damit keine rechtlich bindende Vorschrift. In der Kritik der reinen Vernunft definiert er Gesetze im Allgemeinen auf die folgende Art: “Nun heißt aber die Vorstellung einer allgemeinen Bedingung […] eine Regel und, wenn es so gesetzt werden muß, ein Gesetz”23. In Bezug auf den kategorischen Imperativ bedeutet das, dass “das Prinzip des moralischen Handelns für alle vernünftigen Wesen dasselbe sein muss”24. Die Allgemeinheit dieses Gesetzes betont dabei die geforderte Objektivität des Sittengesetzes, um es kategorisch nennen zu können.

Ebenso betont die UF die Notwendigkeit einer durch das Sittengesetz definierten Maxime. Eine Maxime soll als Grundsatz verstanden werden, der individuell formuliert wird und das Erkennen oder Handeln eines Menschen leitet25. Kant nennt “alle subjektiven Grundsätze, die nicht von der Beschaffenheit des Objekts, sondern dem Interesse der Vernunft, in Ansehung einer gewissen möglichen Vollkommenheit der Erkenntnis des Objekts, hergenommen sind, Maximen der Vernunft.“26 Um solche handelt es sich beim kategorischen Imperativ. Sie stellen allerdings nicht nur eine Handlung nach einem einzelnen Zweck dar, sondern eher eine Strategie, “in die auch die übrigen Zwecke des Handelnden eingehen”27. Ihre Funktion ist es also alle möglichen Zwecke und Absichten des Handlenden zu berücksichtigen und einzuschränken, je nachdem welche Absicht gerade wichtiger ist.28 Die Notwendigkeit von Maximen wird gefordert, um den Willen zur moralisch richtigen Handlung zu nötigen.

Insgesamt besagt die UF, dass jeder Mensch seine subjektiv gewählte Maxime auch dann noch wollen muss, wenn sie allgemein gültig ist. Der moralische Wert einer Handlung liegt indirekt in der Maxime, nach der sie beschloss wird, da diese, bedingt durch den guten Willen, eine moralische Handlung hervorbringt. Dennoch steht der Wille bei der Beurteilung einer Handlung im Vordergrund.

2. Naturgesetzformel

„Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte.“ 29

Die Naturgesetzformel (NF) stellt nach Kant eine Variante30 der UF dar.31 In den Grundlagen zur Metaphysik der Sitten steht sie direkt im Anschluss an die UF mit dem folgenden Zusatz: “Weil die Allgemeinheit des Gesetzes, …, dasjenige ausmacht, was eigentlich Natur im allgemeinen Verstande […] heißt”32. Es gibt nur eine andere Art von Gesetzen, die allgemeingültig für alle Lebewesen ist, für die vernünftigen sowie für diese ohne Vernunft, und dies sind Naturgesetze. Um den kategorischen Imperativ also ebenfalls allgemeingültig zu machen intendiert Kant ihn zu einem Naturgesetz zu erheben. Nach Kant sind Naturgesetze solche, die unverrückbar sind und nicht von menschlichen Gedanken oder Gefühlen beeinflusst werden. Sie werden nur “vermittelst der Erfahrung und zwar zufolge jener ursprünglichen Gesetze, nach welchen selbst Erfahrung allererst möglich wird, stattfinden und gefunden werden”33. Somit sind sie ausschließlich a posteriori, durch die Erfahrung, zugänglich und nicht wie die Vernunft a priori. Natur ist daher “der praktischen Vernunft fremdes [...] Schema”34. Dennoch versucht Kant ein Gesetz zu verfassen, dass obwohl es sich auf moralische Handlungen und damit auf die Vernunft des Menschen bezieht, dennoch so unverrückbar ist, wie ein Gesetz der Natur. Diese Unverrückbarkeit soll den kategorischen Imperativ als höchstes menschliches Gefühl anheben, was es nicht nur empfehlenswert macht nach ihm zu handeln, sondern es sogar gebietet.

Die übrige Formulierung der NF zeigt, dass dieselben Aspekte angesprochen und betont werden, die wir bereits in der UF betrachtet haben. Wieder wird der Wille hervorgehoben, der, sofern er gut ist, die Maxime jedes Menschen bestimmen soll. Erneut wird auch Objektivität und Allgemeingültigkeit betont, diesmal sogar durch den Begriff des Naturgesetzes. Diese steht damit auch über der subjektiven Wahl einer Maxime. Auch wenn jeder Mensch diese subjektiv wählt, muss sie objektiv für jeden unverrückbar gültig sein.

[...]


1 vgl. Willaschek, Marcus; Stolzenberg, Jürgen; Mohr, Georg; Bacin, Stefan: Kant-Lexikon (2017), S.1

2 vgl. Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1786), AA 389

3 Kant (1786), AA 420

4 vgl. ebd. AA 420

5 vgl. Wimmer, Reiner: Universalisierung in der Ethik, Kritik u. Rekonstruktion ethischer Rationalitätsansprüche (1980), S. 177

6 vgl. Kant (1786), AA 412

7 vgl. Willaschek, Stolzenberg, Mohr, Bacin (2017), S. 260

8 vgl. Kant (1786), AA 397

9 Vgl. Kant (1786), AA 401

10 ebd, AA 421

11 vgl. Dudenredaktion (o. J.): „Imperativ“ auf Duden online. (2019)

12 Kant (1786), AA 413

13 vgl. ebd. AA 421

14 ebd. AA 400

15 ebd. AA 414

16 Kant, Immanuel: Metaphysik der Sitten (1959), AA381

17 vgl. Schönecker, Dieter; Wood, Allen W.: Immanuel Kant "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten": ein einführender Kommentar (2002), S.125

18 vgl. Kant (1786), AA 421

19 ebd. AA 436

20 ebd. AA 421

21 Schönecker, Wood: (2002), S. 130

22 Kant (1786), AA 412

23 Kant, Immanuel; Weischedel, Wilhelm (Hrsg.): Kritik der reinen Vernunft (1956), A 113

24 Paton, Herbert James: Der Kategorischer Imperativ: eine Untersuchung über Kants Moralphilosophie (1962), S.159

25 vgl. Willaschek, Stolzenberg, Mohr, Bacin (2017), S. 342

26 Kant (1956), AA 666)

27 Willaschek, Marcus: Praktische Vernunft: Handlungstheorie und Moralbegründung bei Kant (1992), S. 65

28 vgl. ebd. S. 69

29 Kant (1786), AA 421

30 Nach Paton sogar eine untergeordnete Formel (vgl. Paton (1962), S.212)

31 vgl. Kant (1786), AA 421

32 ebd. AA 421

33 Kant (1956), A 216

34 Wimmer (1980), S. 175

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Formeln des kategorischen Imperativs nach Immanuel Kant
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V469401
ISBN (eBook)
9783668952003
ISBN (Buch)
9783668952010
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kategorischer Imperativ, Kants Ethik, Kant, Ethik, praktische Philosophie, kategorisch, Formeln des kategorischen Imperativs, Formeln, Vergleich
Arbeit zitieren
Eva Schmidt-Hengst (Autor), 2019, Die Formeln des kategorischen Imperativs nach Immanuel Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/469401

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