Die Wirkungsgeschichte des Listschen Werkes


Seminararbeit, 2001

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Das Nationale System der politischen Ökonomie“

2. Friedrich List, Vorläufer der Historischen Schule?
2.1. Historische Elemente in der Listschen Lehre
2.2. Friedrich Lists Stellung zur Historischen Schule

3. Die Bedeutung von Friedrich List für den Nationalsozialismus
3.1. Das nationalsozialistische Wirtschaftsdenken
3.2. Der Weg der deutschen Volkswirtschaftslehre
3.3. Die nationalsozialistische Rezeption des Listschen Werkes

4. Die Friedrich List-Gesellschaft
4.1. Politische Ökonomie in kritischen Jahren
4.2. Die List Gesellschaft heute

5. Die Verbindung von Theorie und Praxis

Quellenverzeichnis

1. „Das Nationale System der politischen Ökonomie“

„Wenn der Name Friedrich List genannt wird, bekommen die Deutschen ein schlechtes Gewissen.“[1] Mit diesen Worten spielt Theodor Heuss auf den tragischen Lebensweg von Friedrich List (1789 – 1846) an, der schließlich mit dem Freitod endet.[2]

Lists schriftliche Hinterlassenschaft erstreckt sich über eine Vielzahl verschiedener Schriften und Publikationen.[3] Das 1841 veröffentlichte Hauptwerk seiner schriftstellerischen Tätigkeiten, „Das nationale System der politischen Ökonomie“, war als mehrbändiges Werk geplant. Erschienen ist jedoch nur der erste Band „Der Internationale Handel, die Handelspolitik und der deutsche Zollverein“.[4] Das Werk verzeichnete einen beachtlichen Erfolg, so daß List drei Auflagen (die 3. Auflage erschien 1844) seines Werkes, sowie eine Übersetzung ins Ungarische miterleben konnte.[5] [6] Das Erscheinen des Nationalen Systems rückte seinen Namen schlagartig in das Bewußtsein der Öffentlichkeit.[7]

Die Aufnahmebereitschaft für Lists Werk ließ allerdings nach seinem Tode nach. Obwohl die damals dominierende „Historische Schule“ ein günstiges Klima für seine Lehren bereitet hatte, wurde er allmählich mehr als Pionier des Zollvereins und des Eisenbahnbaus, sowie als Vorkämpfer der deutschen Einigung, jedoch kaum noch als Nationalökonom zitiert.[8]

Verschiedene Ursachen haben dazu geführt Lists Leistung im 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Auswirkung zu nehmen. Zum einen war es das vollkommene Fehlen jeglichen Verständnisses für den theoretischen Gehalt seiner Lehren. Lists Begriffe waren nicht immer scharf, seine Beweise nicht immer stichhaltig. Zum anderen war es der unfertige Zustand seines Werkes selbst: Das Nationale System war – obwohl als „erster Band“ bezeichnet – in sich doch so abgeschlossen, daß eine Mißdeutung, List habe überhaupt nur eine handelspolitische Theorie gehabt, nicht fern lag.[9] Diese allgemeine Blindheit für den theoretischen und soziologischen Rahmen von Lists Lehren hat auch dazu geführt, daß sein Name von verschiedenen Interessensgruppen mißbraucht werden konnte.[10]

Die Leistung von Friedrich List fand ihre gebührende Anerkennung namentlich erst im Rahmen der 1925 gegründeten Friedrich-List-Gesellschaft.[11]

Die vorliegende Arbeit beschreibt den Lebensweg, die Wirkungsgeschichte des Listschen Werkes. Dabei werden drei verschiedene Stationen herausgestellt.

Der folgende Abschnitt untersucht die Wirkung des Werkes auf die Historische Schule; wobei zunächst (in Punkt 2.1.) historische Elemente in der Listschen Lehre beleuchtet werden, um dann (in Punkt 2.2.) aufzuzeigen, wie Friedrich List in die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften eingeordnet wird und wurde.

Punkt 3. behandelt die Bedeutung von List für den Nationalsozialismus. In Punkt 3.1. werden dabei die Grundelemente des nationalsozialistischen Wirtschaftsdenkens angerissen. Punkt 3.2. beschreibt die These eines deutschen Sonderwegs in der Nationalökonomie, und führt damit zu Punkt 3.3., zur Rezeption des Listschen Werkes im Nationalsozialismus, hin.

Dagegen wird (in Punkt 4.) mit der Friedrich List Gesellschaft eine andere, aber nicht unbedeutende, Art der Wirkung vorgestellt. Hierzu wird ein kurzer Einblick in die ehemalige Friedrich List-Gesellschaft und heutige List Gesellschaft gegeben.

Der letzte Abschnitt weist auf Friedrich Lists Vermächtnis hin.

2. Friedrich List, Vorläufer der Historischen Schule?

2.1. Historische Elemente in der Listschen Lehre

Die Geschichte bildet die Basis von Lists System. Dies zeigt äußerlich schon der Aufbau des organisch-nationalen Systems der politischen Ökonomie (so hatte List den Titel seines Werkes ursprünglich geplant)[12], von dessen vier Büchern das erste der Geschichte gewidmet ist, wobei das zehnte Kapitel des ersten Buches die „Lehren der Geschichte“ zieht. In seiner Einleitung betont er das Neue an seiner Betrachtungsweise im Gegensatz zu der herrschenden klassischen Theorie, wenn er schreibt :

„Der Verfasser wird im direkten Widerspruch mit der Theorie allererst die Geschichte um ihre Lehren befragen, daraus seine Fundamentalgrundsätze ableiten, nach Entwicklung derselben die vorangegangenen Systeme einer Prüfung unterwerfen und am Ende, da seine Tendenz durchaus eine praktische ist, den neuesten Stand der Handelspolitik darlegen.“[13]

Denn: „...ein tüchtiges System müsse durchaus eine tüchtige historische Grundlage haben...“[14] Diesen Ansatzpunkt erläutert er folgendermaßen:

„Die politische Ökonomie muß in Beziehung auf den internationalen Handel ihre Lehren aus der Erfahrung schöpfen, ihre Maßregeln für die Bedürfnisse der Gegenwart und die eigentümlichsten Zustände jeder besonderen Nation berechnen, ohne dabei die Forderungen der Zukunft und der gesamten Menschheit zu verkennen. Sie stützt sich demnach auf Philosophie, Politik und Geschichte.“[15]

Dabei weist die Geschichte auf Vermittlung zwischen den Forderungen der Philosophie und Politik hin, denn sie spricht zugunsten der Forderungen der Zukunft und der gesamten Menschheit, und berücksichtigt somit auch die Forderungen der Philosophie. Sie bestätigt aber auch die Forderungen der Gegenwart und der Nationalität, also der Politik.[16]

Dem „bodenlosen Kosmopolitismus“ der klassischen Theorie (der weder die Natur der Nationalität anerkennt, noch auf ihre Bedürfnisse achtet)[17] setzt List ein System entgegen, welches auf die Natur der Dinge, die Lehren der Geschichte und die Bedürfnisse der Nationen gegründet sei. In solch einem System sei „...die Möglichkeit gegeben die Theorie mit der Praxis in Einklang zu stellen...“[18]

In den „Lehren der Geschichte“ schreibt List:

„Überall und zu jeder Zeit sind Intelligenz, Moralität und Tätigkeit der Bürger mit dem Wohlstand der Nation im gleichen Verhältnis gestanden, haben die Reichtümer mit diesen Eigenschaften zu- oder abgenommen...Überall zeigt uns die Geschichte eine mächtige Wechselwirkung zwischen den gesellschaftlichen und den individuellen Kräften und Zuständen.“[19]

Er spricht damit die Interdependenz des ökonomischen mit den anderen Kulturbereichen an; d.h. die Interdependenz ökonomischer und politischer Phänomene.[20] Durch den Interdependenzgedanken versucht List die abstrahierende Methode der klassischen Theorie, derart aufzuweichen, indem er all jene geschichtlichen Kräfte, die als wirksam für das ökonomische Geschehen angesehen werden können, wieder in die Überlegungen der ökonomischen Theorie mit einbezieht.[21] Denn die Geschichte lehre, daß „...die Individuen den größten Teil ihrer produktiven Kraft aus den gesellschaftlichen Institutionen und Zuständen schöpfen.“[22]

Aus der geschichtlichen Erfahrung sowie aus der Erkenntnis der Verschiedenheit der Völker leitet er den Stufengedanken ab.[23] Nach Lists Stufenlehre durchläuft eine Nation gewisse Entwicklungsstadien[24] ; dies habe die klassische Schule völlig verkannt: „Die Schule hat einen Zustand, der erst werden soll, als wirklich bestehend angenommen.“[25] So ignoriere ihre Lehre auch die besonderen Zustände der Nationen.[26]

List wirft der klassischen Schule vor, sie habe vor „lauter Menschheit, vor lauter Individuen“, die Nationen übersehen.[27] So bezeichnet er die Nationalität als charakteristischen Unterschied seines Systems zur herrschenden Schule, und stellt zwischen Individuum und Menschheit das organische Mittelglied der Nation.[28] Er sieht die Nation nicht nur als Summe der Individuen, sondern als ein selbständiges Wesen:

„Zwischen dem Individuum und der Menschheit steht aber die Nation, mit ihrer besondern Sprache und Literatur, mit ihrer eigentümlichen Abstammung und Geschichte, mit ihren besondern Sitten und Gewohnheiten, Gesetzen und Institutionen, mit ihren Ansprüchen auf Existenz, Selbständigkeit, Vervollkommnung, ewige Fortdauer und mit ihrem abgesonderten Territorium... .“[29]

[...]


[1] Heuss (1965), S. 218.

[2] Vgl. Rieter (1994), S. 136.

[3] Vgl.: Häuser (1989), S. 238.

[4] Vgl. Lachmann (1989), S. 49.

[5] Vgl. Wendler (1996), S. 18.

[6] Lists Nationales System wurde häufiger nachgedruckt und in mehr fremde Sprachen übersetzt (Ungarisch, Französisch, Englisch, Schwedisch, Russisch, Rumänisch, Bulgarisch, Finnisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch, Chinesisch, Bengali), als jedes andere dogmengeschichtlich bedeutsame Werk eines deutschen Nationalökonomen. Vgl. Häuser (1989), S. 244 und Wendler (1996), S. 3.

[7] Vgl. Wendler (1996), S. 18.

[8] Vgl. Häuser (1989), S. 244.

[9] Vgl. Salin (1951), S. 131.

[10] Vgl. ebenda, S. 132.

[11] Vgl. Muhs (1955), S. 117.

[12] Vgl. Rieter (1994), S.136.

[13] List (1841), S. 47.

[14] Ebenda, S. 20.

[15] Ebenda, S. 41.

[16] Vgl. ebenda.

[17] Vgl. ebenda, S. 209.

[18] Vgl. ebenda, S. 14.

[19] Ebenda, S. 151.

[20] Vgl. Randak (1972), S. 35.

[21] Vgl. Eisermann (1956), S. 111.

[22] Vgl. List (1841), S. 151.

[23] Vgl. ebenda, S. 157 f.

[24] List unterscheidet folgende Entwicklungsstadien: wilder Zustand, Hirtenstand, Agrikulturstand, Agrikultur-Manufakturstand, Agrikultur-Manufaktur-Handelsstand.

[25] List (1841), S. 167.

[26] Vgl. ebenda, S. 206.

[27] Vgl. ebenda, S. 8.

[28] Vgl. ebenda, S. 34.

[29] Vgl. ebenda, S. 209.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Wirkungsgeschichte des Listschen Werkes
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Wirtschaftssysteme, Wirtschafts- und Theoriegeschichte)
Veranstaltung
Seminar zur Volkswirtschaftstheorie "Friedrich List"
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V46952
ISBN (eBook)
9783638440264
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirkungsgeschichte, Listschen, Werkes, Seminar, Volkswirtschaftstheorie, Friedrich, List
Arbeit zitieren
Barbara Hegedüs (Autor), 2001, Die Wirkungsgeschichte des Listschen Werkes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46952

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