Ist die Figur der Emilia Galotti ein Beispiel für eine Frauenperson zur Zeit der Aufklärung?


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Frau in der häuslichen Welt

3. Ihre Tugenden

4. Frömmigkeit und die Stellung des Glaubens

5. Die Figur der Emilia Galotti
5.1 Emilias Schönheit
5.2 Emilias Frömmigkeit

6. Das Familienbild der Galottis
6.1 Emilias Beziehung zu ihrem Vater Odoardo
6.2 Emilias Beziehung zu ihrem zukünftigen Ehemann

7. Emilias Tugendhaftigkeit
7.1 Der Bruch- Ihre sinnliche Triebnatur
7.2 Die Lösung- Der Todesentschluss

8. Der Schlussdialog

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erstmals beschäftigte sich die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts mit der Frage nach der Rolle der Frau und wie sie im Zusammenhang mit den neuen Auffassungen der Aufklärung legitimiert werden konnte. Dieser Diskurs erstreckte sich über Jahrzehnte und wurde im frühen 18. Jahrhundert von einer kleinen Gedankenwelle der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen bis zu heftigen Gegenreaktionen in späteren Jahren geprägt.

Dass 1772 erschienene Trauerspiel Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing mit seiner gleichnamigen Protagonistin bildet die Grundlage für einen Vergleich des Weiblichkeitsbildes der Aufklärung mit der Figur der Emilia Galotti.

Anfänglich sollen die Lebensbedingungen von Frauen ab dem späteren 18. Jahrhundert unter bestimmten Aspekten betrachtet werden. Die Aussagen, die getroffen werden gelten für eine durchschnittlich gebildete Frau aus dem mittleren und höheren Stand, also in etwa der Personenschicht, der man auch die Figur der Emilia Galotti zuordnen kann.

Anhand von drei ausgewählten Thematiken soll die Lebenswirklichkeit der Mädchen und Frauen zur Zeit der Aufklärung dargestellt und erläutert werden. Hier liegt eine bewusste Selektion der Themengebiete vor, da sie im weiteren Verlauf am sinnvollsten mit der Figur der Emilia Galotti verglichen werden können.

Des Weiteren beziehen sich die dargestellten Tatsachen immer auf die breite Masse und nicht auf Einzelschicksale oder Ausnahmen, die es durchaus in der Bevölkerung gab. Der Fokus liegt darauf ein Bild vom Großteil der Frauen zu projizieren, um möglichst eine repräsentativen Eindruck ihrer Lebenswirklichkeit vermitteln zu können.

Die Bewertung und genauere Skizzierung der übrigen Figuren aus Emilia Galotti wird dabei außer Acht gelassen. Sie werden nur näher beleuchtet wenn ihre Aussagen oder Handlungen im direkten Zusammenhang mit Emilia stehen und sie als Person erläutern.

2. Die Frau in der häuslichen Welt

Der exklusive Wirkungsbereich einer Frau im 18. Jahrhundert bezog sich ausschließlich auf die häusliche Welt. Sie war aus der Sphäre des „[…] außerhäuslichen Erwerbs und politischen Einflusses […]“[1] ausgeschlossen. Zuhause konnte sie ihrer wahren, dreifachen Aufgabe als Gattin, Hausfrau und Mutter nachgehen.[2] Diese traditionelle Rolle wurde als „[…] gottgegebene[n] und natürliche[n] Bestimmung […]“[3] angesehen und legitimierte dadurch die Unterordnung der Frau unter den Mann und machte sie so zum „[…] zweiten Geschlecht[s] […].“[4]

Am Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern noch relativ gleichwertig und als eine Art der Arbeitsteilung verstanden, allerdings verschob sich dieser Akzent mit den Aufklärern, die das „[…] unauffällige, verborgene Wirken geradezu zum Signum weiblichen Tuns [erklärten].“[5] Die Frau avancierte zum schönen Eigentum des Mannes und war bestenfalls seine Gehilfin. Zudem war es ihre Aufgabe für ihn, den arbeitenden Alleinverdiener, das Heim zu einem Ort der Harmonie und des Ausgleiches zu gestalten.[6]

Innerhalb des Hauses sah die Hierarchie der Rollenverteilung so aus, dass an der Spitze der Hausvater stand, dem die Befehlsgewalt über seine Ehefrau, die Kinder und eventuelles Gesinde oblag. Die Hausmutter verfügte über die „[…] innere Ökonomie […]“[7] und schuldete ihrem Mann gehorsam.[8] Aus dieser Struktur ergab sich besonders für ein Mädchen, dass sie in erster Linie „[…] die Tochter ihres Vaters [war].“[9] Ging eine Frau in den Stand der Ehe über, übernahm der Ehemann die Aufgaben des Vaters und die Frau war nun ihm den Gehorsam schuldig. Die Abhängigkeit hatte sich bloß auf eine andere Person verschoben.

3. Ihre Tugenden

Einer Frau wurden zudem stark idealisierte tugendhafte Eigenschaften zugesprochen, die zu einem großen Teil ihre Emotionalität betrafen. Die Gesellschaft erwartete von ihr Zurückhaltung, Güte und Bescheidenheit. Der Begriff der Tugendhaftigkeit war immer an die Frauen gekoppelt; sie wurden als das „[…] moralische Geschlecht […]“[10] angesehen. In ihrer Jugend sollten sie eine Verkörperung der Unschuld darstellen und im reiferen Alter der Inbegriff der Tugend sein.[11] [12] Unschuld wurde dabei eng mit Nicht-Wissen, also einer kulturellen Unschuld der Frau in Verbindung gebracht.[13]

Zudem lag ein bedeutender Anteil der Tugendhaftigkeit eines jungen, unverheirateten Mädchens in ihrer Jungfräulichkeit. Von ihr wurde „[…] absolute voreheliche Virginität [erwartet].“[14] Die Erziehung eines Mädchens musste also gezielt auf die Abschirmung aller möglichen Verführung durch Männer ausgerichtet sein, sodass es keinerlei Entwicklung von Sinnlichkeit gab, der die Mädchen eventuell unterliegen konnten. Denn der Wert einer Frau und ihre Attraktivität sanken in dem Moment, wo sie als Ehefrau oder Mutter ihre sexuelle Unschuld verloren hatte.

Sanftmut und Unterwürfigkeit waren weitere Kriterien, die zu einer guten Ehefrau gehörten. Der weibliche Charakter „[…] beugt sich willig unter alle Lasten des Alltags ohne zu brechen, er beugt sich unter den Willen des Mannes, um den ehelichen Frieden zu erhalten.“[15] Auch wurde die Auffassung vertreten, dass das Herz einer Frau durch Sittsamkeit und Stille geleitet sein sollte, welches auch die „[…] stürmischen Launen des Gatten und ihrer Kinder [erträgt].“[16] War eine Frau mit all diesen Tugenden ausgestattet galt sie in den Augen der Aufklärer als erfreulicher Besitz des Ehemannes bzw. Vaters.

Darüber hinaus war eine tugendhafte Frau nicht bestrebt sich mit prächtigen Kleidern und Geschmeide zu schmücken. Diese Repräsentationsformen des Adels wurden vom Bürgertum stark verurteilt und als Verstellung bezeichnet. „Der adeligen Künstlichkeit [wurde] die bürgerliche Natürlichkeit entgegengesetzt.“[17] Diese unterstrich das tugendhafte Frauenideal und konstruierte dadurch ein Gegenbild zur koketten Verführerin. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten, dass „[…] [d]ie jungen Mädchen und Frauen vorrangig wegen ihrer Schönheit gelobt [wurden].“[18] Dadurch bekam die natürliche Schönheit einer Frau einen hohen Stellenwert.

4. Frömmigkeit und die Stellung des Glaubens

Auch wenn es die zentrale Idee der Aufklärung war sich seines eigenen Verstandes zu bemächtigten, um Sachverhalte zu verstehen und hinterfragen zu können, um nicht mehr am Absolutheitsanspruch der Kirche bzw. des Glauben festhalten zu müssen, kann man in dieser Zeit nicht von einer Abwendung von der Religion sprechen. Gerade bei der Erziehung von bürgerlichen Mädchen legte man viel Wert darauf sie in Demut vor Gott und in Frömmigkeit zu erziehen, da allgemein die Auffassung herrschte:

„Die zarte Pflanze ihres sittlichen Gefühls kann nur auf dem gut gebauten Boden ächter [sic] Religiosität gedeihen, wenn der stärkere Baum der männlichen Humanität auch zwischen Steinen gedeiht.“[19]

Die Bildung der Mädchen beschränkte sich beim größten Teil auf minimale Fertigkeiten des Lesens und Schreibens. Sie lernten in ihrer Kindheit den Dekalog auswendig und hatten Kenntnisse über den kleinen Katechismus wenn sie Protestanten waren. Zudem sollten sie sich Bußgebete, Bußpsalmen und Liederverse einprägen. Gottesdienste, sowie das allmorgendliche Beten waren Bestandteile ihres Alltags.[20] In den meisten Fällen geschah dieses stumpfe Erlernen ohne innere Auseinandersetzung mit den Themen. Die Mädchen erlernten zwar Gottesfurcht, hatten aber kein tieferes Verständnis für ihre Religion als jenes, das über die Grundbausteine hinausging.[21]

Ein weiterer Grund, warum Frömmigkeit im 18. Jahrhundert für junge Mädchen als besonders wichtig angesehen wurde war die Tatsache, dass die Religion „[…] Gebote und Warnungen gegen die Lüste des Fleisches enthielt […] [und somit] vor dem Ausbruch sündlicher Triebe bewahren konnte.“[22] Sinnliche Empfindungen und Neigungen sollten durch eine „[…] aktiv gelebte Frömmigkeit [unterbunden werden].“[23]

5. Die Figur der Emilia Galotti

Emilia Galotti ist die Titelfigur des gleichnamigen Trauerspiels und hat als diese eher wenige Auftritte. Trotzdem ist sie Anlass und Objekt von vielen Gesprächen. Auf ihre Person spitzt sich letztlich die katastrophale Entwicklung der Ereignisse zu, deren Opfer sie wird.

5.1 Emilias Schönheit

Noch bevor Emilia überhaupt das Geschehen betritt und selbst zu Wort kommt erhält der Leser bzw. der Zuschauer einen ersten Eindruck über ihre äußere Gestalt. Der Maler Conti bringt dem Prinzen zwei Portraits. Auf dem einen ist die Mätresse des Prinzen, die Gräfin Orsina zu sehen und auf dem anderen das Gesicht der Emilia Galotti zu sehen. Während der Prinz das Bild der Orsina voller Abscheu betrachtet und ihn dort die „[…] großen, hervorragenden, stieren, starren Medusenaugen […]“ (I., 4.) anblicken, redet er mit Conti nur in den höchsten Tönen von dem Portrait der Emilia. Die beiden Männer empfinden sie als wahre Schönheit. Es gäbe „[…] keinen bewundernswerteren Gegenstand […]“ (I., 4.) als den der Emilia und ihr Auge sei „[…] voll Liebreiz und Bescheidenheit!“ (I., 5.) „Dieses Lob Emilias steht in krassem Gegensatz zu der abfälligen Bemerkung […] über die Gräfin Orsina“[24], wodurch ihre Schönheit extrem hervorgehoben wird und einen hohen Stellenwert bekommt.

[...]


[1] Frevert, Ute: Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit. Hrsg. von Hans-Ulrich Wehler. Band 284. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986. S.17.

[2] Vgl. Stephan, Inge: Inszenierte Weiblichkeit. Codierung der Geschlechter in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Köln: Böhlau 2004. S.22.

[3] Frauenleben. Im 18. Jahrhundert. Hrsg. von Andrea van Dülmen. München: C. H. Beck 1992.S. 29.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Kubes-Hofmann, Ursula. Das unbewußte Erbe. Weibliche Gesichtslosigkeit zwischen Aufklärung und Frühromantik. Mit einem Nachwort zu Hannah Arendt. Band 21. Wien: Wieder Frauenverlag 1993. S. 48.

[7] Frevert: Frauen, 1986, S.17.

[8] Vgl. Ebd.

[9] „Wage zu wissen“. Frauen, Feminismus und die Aufklärung. Hrsg. von Marlis Krüger. Band 3. Bremen: Donat 1997. S. 11.

[10] Tugend, Vernunft und Gefühl. Geschlechterdiskurse der Aufklärung und weibliche Lebenswelten. Hrsg. von Claudia Opitz, Ulrike Weckel u. Elke Kleinau. Münster: Waxmann 2000. S. 33.

[11] Vgl. Ebd.

[12] Zur Zeit der Frühaufklärung wurde die Tugend noch eng mit dem, in den Moralischen Wochenzeitschriften propagiertem, Bild der gebildeten Frau in Verbindung gebracht. Tugend war eine Eigenschaft, die durch Vernunft definiert wurde und deshalb ein Mindestmaß an Bildung zugrunde legte. Diese Ansichten verschoben sich mit der Zeit und der Begriff der Tugend wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer mehr identisch mit dem Begriff der weiblichen Unschuld gedacht. Aus diesem Grund wird im folgenden Verlauf der Arbeit die Tugend auch nicht mit Bildung in Verbindung gebracht, da Emilia Galotti kein Werk der Frühaufklärung ist. Vgl. Stephan: Inszenierte, 2004, S. 22.

[13] Vgl. Wosgien, Gerlinde A.: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang. Ihre Entwicklung unter dem Einfluß Rousseaus. In: Münchener Studien zur literarischen Kultur in Deutschland. Hrsg. von Renate von Heydebrand, Georg Jäger und Jürgen Scharfschwerdt. Band 30. Frankfurt am Main: Peter Lang 1999. S. 156.

[14] Ebd., S. 221.

[15] van Dülmen: Frauenleben, 1992, S. 31.

[16] Kubes-Hofmann: Erbe, 1993, S. 48.

[17] Opitz: Tugend, 2000, S. 36.

[18] Wosgien: Frauenbilder, 1999, S. 199.

[19] van Dülmen: Frauenleben, 1992, S. 294.

[20] Vgl. van Dülmen: Frauenleben, 1992, S. 157.

[21] Vieles an religiösem Verständnis zu dieser Zeit könnte man aus heutiger Sicht auch als Aberglauben betrachten, wenn man bedenkt, wie wenig doch die Frauen wussten. Es liegt trotzdem kein Widerspruch in dem begrenzten Wissen der Mädchen und dem Grundgedanken der Aufklärung vor, da sich dieser Anspruch allein auf das männliche Geschlecht bezog. Von wissenschaftlichen Diskursen außerhalb des Hauses waren Frauen prinzipiell ausgeschlossen und auch innerhalb der häuslichen Sphäre hatte der Großteil der Männer kein Interesse an einer religiösen Bildung bzw. Weiterbildung ihrer Ehefrauen und Töchter, da sie ein kritisches Nachfragen und die Bildung einer eigenen Meinung fördern konnten. Es gab sicherlich auch Männer die bestrebt waren den weit verbreiteten Aberglauben zu vermindern, sie stellten aber nicht die breite Masse dar. Vgl. van Dülmen: Frauenleben, 1992, S. 292.

[22] Wosgien: Frauenbilder, 1999, S. 233.

[23] Ebd.

[24] Stephan: Inszenierte, 2004, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ist die Figur der Emilia Galotti ein Beispiel für eine Frauenperson zur Zeit der Aufklärung?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V470018
ISBN (eBook)
9783668941458
ISBN (Buch)
9783668941465
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emilia Glotti, Frauenfigur, Aufklärung, Frauenperson, Germanistik, Literaturwissenschaften
Arbeit zitieren
Lara Block (Autor), 2013, Ist die Figur der Emilia Galotti ein Beispiel für eine Frauenperson zur Zeit der Aufklärung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470018

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