Langzeitarbeitslosigkeit. Soziale und psychische Folgen gestern und heute. Die Marienthalstudie im Vergleich zur Situation der Gegenwart


Bachelorarbeit, 2018

54 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung
1.1 Forschungsanliegen - Problemstellung - Soziologische Relevanz
1.2 Methodisches Vorgehen

2 Definitionen
2.1 Arbeitsdefinitionen
2.1.1 Begriffe zur Arbeit
2.1.2 Prekariat
2.2 Termini zur Arbeitslosigkeit
2.3 Soziale Nachhaltigkeit
2.4 Funktionen der Arbeit
2.5 Gesundheit

3 Die Marienthalstudie
3.1 Der historische Hintergrund
3.2 Die Studie und ihre Forschungsfrage
3.3 Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Menschen
3.3.1 Die Ausgesteuerten und dessen materielle Folgen
3.3.2 Gesundheitliche Effekte
3.3.3 Psychische Konsequenzen
3.3.4 Verlust des Zeitbewusstseins
3.4 Soziale Folgen
3.5 Empirische Schlussfolgerungen

4 Moderne Studien und Ergebnisse zur Arbeitslosigkeit
4.1 Gründe für die Arbeitslosigkeit heute
4.1.1 Erosion des Arbeitsmarktes
4.2 Studien des Post-Fordismus
4.2.1 IAB Studie, ehemalige BRD, 1984
4.2.2 Universität Lüneburg, ehemalige DDR, 1990
4.2.3 Robert Koch-Institut Berlin, 2003
4.2.4 Metastudie, Public Health Forum, 2014
4.2.5 OÖGKK, Linz, 2009

5 Arbeitslosigkeit morgen
5.1 Zeitentwicklung der Arbeit
5.2 Arbeitslosigkeit und Freizeit
5.2.1 Zukunft der Arbeit

6 Schlussbetrachtung

7 Anhang
7.1 Literaturverzeichnis
7.2 Abbildungsverzeichnis
7.3 Zusammenfassung
7.4 Abstract

1. Einleitung

Armut und Arbeitslosigkeit werden wissenschaftlich seit 1899 in Verbindung gebracht. 12 Jahre später untersuchte man erstmals die psychosozialen Folgen davon. Die erste richtig große Studie zu dem Thema gab es dann aus aktuellem Anlass, 1931, aufgrund der Weltwirtschaftskrise, die im österreichischen Marienthal eine ganze Gemeinde in den Abgrund der Verzweiflung stürzen ließ. (Wacker, 2001)

Der Ort, der zur Zeit der Studie 1486 EinwohnerInnen zählte, wurde rund um das Unternehmen „Textilfabrik Marienthal“, das bereits im beginnenden 19. Jahrhundert gegründet wurde, herum gebaut. Nicht die Kirche war hier das Zentrum, dem alles folgte, sondern die Arbeitsstelle, die nun einen Ort begründete, der zur Gänze von ihr lebte. Mit fast einem Schlag mussten, 1930 bis 1931, 1300 ArbeitnehmerInnen entlassen werden und der ganze Ort war arbeitslos (Mader, 2013). Die psychosozialen Folgen waren enorm und führten zur ersten großangelegten Studie, die sich dem Thema Arbeitslosigkeit und Armut widmete.

Aber auch heute ist Arbeitslosigkeit immer wieder ein Grund, warum Menschen in der Armut verbleiben, weil immer weniger junge Menschen einen Job finden können und dadurch in die Bedürftigkeit hineingeraten. Gerade Langzeitarbeitslose müssen sich mit drastischen finanziellen Einbrüchen begnügen und finden kaum mehr aus dieser Situation heraus. Menschen über 50 Jahre haben ohnehin kaum Chancen ins Arbeitsleben wieder einzusteigen. Arbeitslosigkeit, über einen längeren Zeitraum, führt zu gesundheitlichen Belastungen des Individuums, beraubt ihn seiner Chancen und der Partizipation an der Gesellschaft, beeinträchtigt den sozialen Zusammenhalt, und führt zu erhöhten Kosten für die Allgemeinheit.

Indes ist Erwerbsarbeit der zentrale Dreh- und Angelpunkt der Gesellschaft. Neben der materiellen Funktion, die das individuelle Einkommen sichert, stellt sie psychosoziale Funktionen bereit. Sie weitet den Horizont, ist gleichzeitig ein Antrieb zu weiterer Aktivität, stellt ein Zeitgerüst zur Verfügung und sichert den sozialen Status innerhalb der Gemeinschaft, die das Individuum in das Gemeinwesen als gleichberechtigt integriert. Zu guter Letzt, ist sie aber auch die Komponente, die für die soziale Absicherung im Staat sorgt, indem sie ein soziales Anrechtssystem darauf aufbaut.

1.1 Forschungsanliegen - Problemstellung - Soziologische Relevanz

Die Marienthalstudie von Jahoda et al. (2015) ist die Grundlage dieser Arbeit. Die Forschungsergebnisse, die insbesondere die psychosozialen Funktionen der Arbeit erstmals umfangreich darstellen, bilden ein Fundament, das für die Erkenntnisse der modernen Erwerbsgesellschaft von eminenter Bedeutung ist. Tritt doch auch im Zyklus der Wirtschaftsperioden immer wieder Massenarbeitslosigkeit auf und wird durch die neue globalisierte Wirtschaftsordnung, die auf Wachstum und Befriedigung der Aktionäre ausgerichtet ist, die Arbeitswelt immer weiter dereguliert. Das bedeutet, dass die individuellen Arbeits- und Steuerrechte immer mehr aufgeweicht werden und wenn nicht zur Arbeitslosigkeit, dann zumindest zum Prekariat führen.

Diese veränderte gesellschaftliche Ordnung führt aber zu Problemen, die psychosozialer bzw. individueller psychischer Natur sind. Wie sich diese psychischen Folgen in den 30er Jahren der Marienthalstudie, im Vergleich zum 21. Jahrhundert darstellen, soll die vorliegende Arbeit hier aufzeigen. Im Zentrum stehen dabei die Unterschiede der gesellschaftlichen und materiellen Strukturen gestern und heute. Ebenso wichtig ist, herauszufinden, ob es einen Wandel in der Gesellschaft, hinsichtlich des sozialen Status von Arbeitslosen, gibt und wenn ja, wie sich dieser darstellt. Außerdem soll auch noch die finanzielle Komponente beleuchtet werden, wie sich die materiellen Einbußen veränderten.

Aufgrund der Gegenüberstellung der Ergebnisse sollen für die nähere Zukunft mögliche Wandlungen hinsichtlich der Arbeitswelt und deren Bedeutung für die Gesellschaft erkannt werden, um damit auch z. B. Themen, wie das „Bedingungslose Grundeinkommen“ bzw. Bürgergeld oder die Mindestsicherung für AsylwerberInnen, weniger emotional zu diskutieren, da Arbeit für alle nicht zur Verfügung stehen wird. Einer sachlichen Diskussion, einer sich ändernden Gesellschaft, ist Rechnung zu tragen.

Die Forschungsfrage, die sich daraus ergibt, lässt sich in eine Hauptfrage und eine Subfrage gliedern.

Hauptfrage: Welche Unterschiede zeigen sich zwischen der Marienthalstudie und den gegenwärtigen Studien zur Arbeitslosigkeit, vor allem der Langzeitarbeitslosigkeit, hinsichtlich der psychosozialen Auswirkungen auf das Individuum als auch auf die Sozietät?

Subfrage: Welche Schlüsse können daraus für eine zukünftige Gesellschaft gezogen werden, um einer sich ändernden Arbeitswelt, die nicht mehr für alle eine Beschäftigung bieten kann, gerecht zu werden?

1.2 Methodisches Vorgehen

Dem vorliegenden Thema wird mittels Auswertung der Literatur und empirischer Studien nachgegangen. Am Beginn der Arbeit stehen Begriffsabgrenzungen und Definitionen, die für den weiteren Verlauf von Bedeutung sind. Dabei werden sowohl soziologische wie psychologische Termini im Zusammenhang mit dem Thema Arbeitslosigkeit und Prekariat aufbereitet und dargestellt.

Die Basis für die Literaturarbeit bildet die Marienthalstudie von Jahoda et al. Sie wird im 3. Kapitel mit ihren wesentlichen Implikationen vorgestellt. Es wird die Methodik der Untersuchung näher betrachtet, um dann darauffolgend auch die Untersuchungsergebnisse vorzustellen. Bei den Schlussfolgerungen stehen dabei die sozialpsychologischen und physiologischen Auswirkungen im Mittelpunkt.

Der darauffolgende Abschnitt beschäftigt sich mit den soziologischen Theorien zur Arbeit und der Arbeitslosigkeit, die durch Grundlagenliteratur abgesichert wird. Weiters werden die postfordistischen Studien seit den 1980er Jahren abgebildet, die mittels usearch in der Universitätsbibliothek recherchiert wurden. Sie beinhalten Längsschnitt- und Querschnittstudien sowie eine Metaanalyse zum Thema Arbeitslosigkeit. Auch eine Studie, die sich mit den Auswirkungen auf den österreichischen resp. den oberösterreichischen Arbeitsmarkt auswirkt, wird behandelt. Von besonderem Interesse sind auch hier wieder die sozialpsychologischen Auswirkungen und deren pathogenetischen Folgen.

Im vorletzten Abschnitt wird ein Blick geworfen auf den veränderten Wert der Arbeit. Wie die Arbeitswelt auch die Freizeit absorbiert und sie dem protestantischen Arbeitsethos unterwirft, wird ebenfalls kurz angeschnitten.

Den Abschluss bildet das Schlusswort, das die Erkenntnisse der Arbeit nochmals kurz zusammenfasst.

2 Definitionen

Bevor die eigentliche Arbeit hier behandelt wird, sollen die Abgrenzungen der Begriffe vorgenommen werden, um nachfolgend keine Unschärfen im Verständnis der Schrift aufkommen zu lassen. Schon allein der Begriff der Arbeit ist nicht so leicht zu fassen und daher sollen hier die unterschiedlichen Definitionen dargelegt werden. Diese gelten dann auch für die Bezeichnungen der Arbeitslosigkeit und die erweiterten Begriffe, wie Nachhaltigkeit, die ebenfalls mit dem Thema der Abhandlung in Verbindung stehen.

2.1 Arbeitsdefinitionen

Da es viele Arbeitsdefinitionen gibt, seien die wichtigsten hier aufgeführt. Ebenso sollen Begriffe rund um das Thema Arbeit, die für das gewählte Thema von Relevanz sind, kurz erklärt werden.

2.1.1 Begriffe zur Arbeit

Aristoteles unterscheidet Arbeit und Tätigkeit voneinander mit den Begriffen „Vita activa“ und „Vita contemplativa“. Während der erste Begriff für die Herstellung und für das Handeln reserviert ist, ist der zweite auf das Nachdenken bezogen. Marx unterscheidet ebenso die zwei Begriffe, wobei er dem Terminus Arbeit die Notwendigkeit zuordnet und der Tätigkeit die Freiheit. Wir müssen also alle arbeiten, aber es gibt einen Punkt ab dem wir tätig werden können. (Schulz, 2009, p. 58)

Max Weber verwendet für die Arbeit erstmals einen sehr engen Begriff, der sie letztlich auf Erwerbsarbeit, die mehrheitlich Lohnarbeit umfasst, eingrenzt. Damit ist gemeint, dass gegen das Arbeitsvermögen Geld eingetauscht wird und die Ausübung als fremdbestimmt zu bezeichnen ist. Für Weber ist Arbeit darüber hinaus mit der Berufspflicht verbunden, die einen Arbeitsethos in Gang setzt, der für den Kapitalismus notwendig ist. Die „Berufspflicht richtet sich auf den Erwerb und den Erfolg in der Arbeit, um seiner selbst, und geht dabei weit über den ursprünglichen Zweck von Arbeit, den notwendigen Lebensunterhalt zu sichern, hinaus.“ (Hirsch-Kreinsen, 2008, p. 33)

Im Weber’schen Sinne ist Arbeit aber wesentlich Lohnarbeit, die historisch eine Arbeiterschaft begründete und damit als eigene soziale Gruppe in Erscheinung trat. Charakteristisch waren für sie eigene Lebensweisen, Haltungen und Weltorientierungen. Diese Gruppenzuschreibungen haben sich aber in den letzten Jahrzehnten aufgelöst und heute gehören Angestellte und Personen in den Führungspersonen ebenso zu den Lohnarbeitern. Diese Lohnarbeit, die außerdem in der modernen Soziologie zwischen Industrie- und Dienstleistungsarbeit zu differenzieren ist, muss man außerdem noch von der selbständigen oder freiberuflichen Tätigkeit abgrenzen, die eine weit geringere Abhängigkeit mit sich bringt. Beide Formen, Lohnarbeit und Selbständigkeit, bilden die Erwerbsarbeit. Darüber hinaus sind auch noch die Formen der informellen, nicht-offiziellen bzw. autonomen Arbeit zu nennen, die in Non-Profit-Organisationen, in der Haus- und Familienarbeit, bei der Nachbarschaftshilfe oder sogar in der Schwarzarbeit geleistet werden. (Hirsch-Kreinsen, 2008, p. 34)

Im Buch Vita activa oder vom tätigen Leben stellt Hannah Arendt die These auf, dass unserer menschlichen Gesellschaft die Arbeit ausgeht. Dabei geht sie von einem engen Arbeitsbegriff aus, indem diese dem Überleben dient. Auch sie grenzt die Tätigkeit davon ab, der sie das Handeln und das Herstellen zuschreibt, das aber in der modernen Welt immer weniger möglich ist. Indes werden ihre Thesen oft missverstanden, weil genug Arbeit vorhanden scheint. Es ist bei Ihr vielmehr die These angelegt, dass wir die Arbeit verherrlichen, die durch die Automation in Gefahr gerät, aber nicht mehr in der Lage sind, die Vita contemplativa oder sei es nur das Herstellen und Handeln zu pflegen. (Arendt, 2007) Die hohen Zahlen der Erwerbslosen, denen eben keine Erwerbsarbeit zur Verfügung steht, sind ein Phänomen des späten 19. Jahrhunderts. Betrachtet man die aktuellen Zahlen der Arbeitslosigkeit in Europa, so zeigt sich, seit den 1970er Jahren, ein stetiges Ansteigen der Quoten, die durch das Wirtschaftswachstum, wenn es denn ausreichend steigt, abgebremst werden. (Schulz, 2009, p. 68) Die Aussage Arendts ist aufgrund vieler Faktoren, wie Berufsausbildung, Alter, Dienstleistungsorientierung usw. nur schwer überprüfbar und muss vielleicht abgewandelt werden. Es lässt sich zumindest festhalten, dass es ein erhöhtes Risiko für bestimmte Gruppen gibt, in die Klasse der Erwerbslosen zu rutschen. (Schulz, 2009, p. 90)

2.1.2 Prekariat

Das Prekariat, dessen Begriff mittlerweile zum Schlagwort geworden ist, deutet auf einen reduzierten „[...] Stellenwert des so genannten Normalarbeitsverhältnisses [Hervorhebung im Original]“ hin. Dieses Normalarbeitsverhältnis ist gekennzeichnet durch feste Arbeitsverträge, unbefristete Vollzeitbeschäftigung sowie Sozialleistungen, die an bestimmte Unternehmen und Organisationen gebunden sind, die Lohnarbeit vergeben wie Firmen oder öffentliche Dienststellen.

Prekäre Arbeit – der Wortstamm entstammt dem Lateinischen precari und bedeutet „durch Bitten erlangt“ also misslich, schwierig, heikel (Dudenredaktion, 2010) – ist damit das Gegenteil und wird in der Literatur als „kontingent“, „atypisch“ bzw. „marginalisiert“ bezeichnet. Ihre Merkmale sind die Unsicherheit, kaum oder nur geringe Ansprüche gegenüber der Sozialversicherung sowie niedrige Einkommen. Die bekanntesten Formen sind „[...] Teilzeitarbeit, Leih-, Zeit-, Heim-, Saison- und Gelegenheitsarbeit, geringfügige Beschäftigung und Scheinselbständigkeit.“ (Hirsch-Kreinsen, 2008, p. 45)

Mittlerweile wurde aber auch schon das abgehängte Prekariat als neue Beschäftigungsgruppe beschrieben, die, wie der Name schon sagt, nicht mehr am sozialen Leben in der Form teilnehmen können, wie sie es möchten und ähnliche psychosozialen Auswirkungen nach sich ziehen wie Aussichtslosigkeit und Sinnverlust, wie dies auch bei Langzeitarbeitslosigkeit der Fall ist. (Schmiede & Schilcher, 2008, p. 22)

2.2 Termini zur Arbeitslosigkeit

Auch bezüglich der Arbeitslosigkeit gibt es einige Begrifflichkeiten, auf die nachfolgend kurz eingegangen wird, wobei speziell die Termini aus der österreichischen Arbeitslosengesetzgebung zur Anwendung kommen. Dabei reichen historische Aufzeichnungen zur Arbeitslosigkeit zurück bis in das Jahr 1914 für die Schweiz (Staubli, 2014) und für die USA bis 1919 (Historische Arbeitslosenquote in den USA 1919-45, Statistik, 2017).

Seit Ende des Fordismus, das auch als „goldenes Zeitalter“ bezeichnet wird, steigen seit Anfang der 1980er Jahre die Arbeitslosenzahlen kontinuierlich. Beim Begriff Arbeitslosigkeit, der zu unterscheiden ist von Erwerbslosigkeit, ist das Angebot von Arbeitskräften höher, als Arbeitsplätze zur Verfügung stehen (o. V., 2013, Eintrag: Arbeitslosigkeit). Dabei wird noch unterschieden in saisonale, strukturelle oder konjunkturelle Arbeitslosigkeit, die für diesen Zusammenhang jedoch ohne Bedeutung sind (Hirsch-Kreinsen, 2008, p. 47).

Nach österreichischem Recht ist jemand arbeitslos, wenn er am Stichtag des Monatsendes beim AMS (Arbeitsmarktservice) registriert und nicht in Beschäftigung, Schulung oder Ausbildung ist. Als Langzeitarbeitslos gilt jemand, der über 365 Tage arbeitslos gemeldet ist. Der Begriff Langzeitbeschäftigungslos gilt für Personen, die arbeitslos sind und Kursmaßnahmen des AMS befolgen und dies ebenfalls über 365 Tage hinausgeht. Ist man länger als 62 Tage nicht mehr beim AMS gemeldet, das gilt auch für Schulungen, ist man nicht mehr Langzeitbeschäftigungslos.

Die Bezeichnung Erwerbslosigkeit kennzeichnet hingegen alle Menschen, die sich um einen Arbeitsplatz bewerben und dem AMS zur Verfügung stehen. Zu den Arbeitslosen gehören darüber hinaus auch noch die Menschen, die nicht beim AMS gemeldet sind. Sie werden oft in der Literatur als „Stille Reserve“ bezeichnet (Landua, 1990, p. 210).

2.3 Soziale Nachhaltigkeit

Auf den ersten Blick scheint dieser Begriff nicht zum Bereich der Arbeit zu zählen, da dieser in einen Kontext mit Umweltpolitik in Verbindung gebracht wird. Die Anfänge der Nachhaltigkeitsdebatte begannen 1987 mit dem Brundtlandbericht, der von der „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung veröffentlicht wurde“. Es wurden dabei vier zentrale Themenbereiche genannt:

1. „Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen,
2. die zunehmende ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen
3. die Anzahl der in Armut lebenden Menschen und
4. die Bedrohung von Frieden und Sicherheit.“ (Littig & Grießler, 2004, p. 15)

Darüber hinaus wurden drei normative Prinzipien als richtungsweisend genannt: Bewahrung der Umwelt, soziale Gerechtigkeit und politische Partizipation.

Die UNCED Konferenz von 1992 und die Rio-Deklaration mit der Agenda 21 bestätigten die entwicklungstechnischen und umweltpolitischen Grundprinzipien sowie die Armutsbekämpfung als zentral anzuerkennen (Littig & Grießler, 2004, p. 16f).

Auch die österreichische Bundesregierung verfasste eine Nachhaltigkeitsstrategie, die zwar wenig konkret ist, aber auf eine „leistungsgerechte Verteilung von Einkommen und Arbeit“ insistiert. Im Zentrum steht dabei die Erwerbsbeteiligung, die der Armutsspirale Einhalt gebieten soll (Littig & Grießler, 2004, p. 57).

Dies führt dann in der Folge zum Begriff der sozialen Nachhaltigkeit, der sich mit der langfristigen Sicherung der materiellen Existenz des Menschen beschäftigt und Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken, Wohnen, Bekleidung, Gesundheits- und Altersversorgung umfasst. Aber auch immaterielles Verlangen wie der Zugang zur Bildung, Kultur, soziale Beziehungen und Selbstverwirklichung sind hier zu nennen. Arbeit ist dabei insofern ein zentrales Bedürfnis, da er die Versorgung und die „Austauschprozesse zwischen Gesellschaft und Natur“ sicherstellt. „Zugleich ist Arbeit, jedenfalls in modernen Arbeitsgesellschaften, das zentrale Organisations- und Strukturierungsprinzip von Gesellschaft.“ (Littig & Grießler, 2004, p. 71f)

Die UNCED Konferenz von 1992 in Rio legte drei normative soziale Prinzipien fest, die als ethisch-normative Begründung für die soziale Nachhaltigkeit zu verstehen sind:

1. „Recht auf ein menschenwürdiges Leben für alle,
2. intergenerative, intragenerative und internationale Gerechtigkeit,
3. partizipation aller gesellschaftlichen Akteursgruppen.“ (Littig & Grießler, 2004, p. 74)

Massenproduktion und Massenkonsumtion werden durch diese drei Prinzipien infrage gestellt, da die Organisation der Arbeit und ihrer Erwerbsgesellschaften, die nur Innovation und Wachstum als Ziel rechtfertigen, als sozial entwertend entlarvt wird, weil sie die produktionsorientierte Arbeit höher bewertet als z. B. Tätigkeiten für soziale Gruppen, Familie oder für die Ökologie. Darüber hinaus ist sie um das männliche Geschlecht herum angeordnet, die außerdem nur in der Deregulierung von Arbeitszeit-, Tarif und Steuerrecht ihren Sinn versteht, da Hemmnisse für Investition und Expansion aus dem Weg zu räumen sind. (Senghaas-Knobloch, 1999, p. 122)

Nachhaltige Arbeit ist somit die Grundbedingung für soziale Nachhaltigkeit. Da die Arbeit das zentrale Moment der Gesellschaft ist und die Existenzsicherung gewährleistet, wird sie damit auch zum gestaltenden Element eines individuellen Lebensentwurfs und der Befriedigung von Bedürfnissen über die Subsistenz hinaus. Mit ihren psychosozialen Funktionen wie der Strukturierung von Zeit und Identität sowie ihrer Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedarf es der Transformation der Erwerbsarbeit in eine sozial verträgliche und geschlechtsneutrale Mischarbeit. (Littig & Grießler, 2004, p. 77)

2.4 Funktionen der Arbeit

Dieser kurze Abschnitt stellt keine eigentliche Definition dar, soll aber die Funktionen der Arbeit, die allgemein als gültig anerkannt werden, kurz darstellen. Vor diesem Hintergrund sind jedoch die nachfolgenden Erörterungen wesentlich leichter nachvollziehbar.

Zuallererst sichert die moderne Erwerbsarbeit das individuelle Einkommen bzw. Auskommen. Die Tabelle „Bevölkerung nach Erwerbsstatus und Geschlecht seit 1994“ zeigt eine Erwerbsquote von 76,2%, für 2016, in Österreich. Es zeigt sich jedoch, dass diese Quote bei den Männern seit 1994 bis heute exakt gleichgeblieben ist, nämlich 80,7%. Bei den Frauen gab es jedoch einen starken Zuwachs, sie stieg von 1994, von 61,3% auf 71,7%. (Erwerbsstatus, 2017, p. Erwerbsstatus). Dieser starke Zuwachs bei den Frauen beginnt aber die männerzentrierte Erwerbsarbeit nicht aufzuweichen, da berücksichtigt werden muss, dass besonders Frauen Teilzeitarbeitsplätze innehaben. So waren 2016 11,8% der Männer in Teilzeit beschäftigt, Frauen jedoch bereits zu 47,7% (Teilzeitarbeit, Teilzeitquote, 2017, p. Teilzeitquote).

Neben der materialistischen, monetären Facette der Erwerbsarbeit ist die psychosoziale Funktion mindestens ebenso wichtig, wie man seit der Marienthalstudie weiß. Sie erweitert den individuellen Horizont, dient Menschen als Antrieb für andere Aktivitäten und bietet eine Zeitstruktur. Außerdem stellt Arbeit den sozialen Status einer Person dar. Davon abhängig sind die psychische Gesundheit und die soziale Anerkennung. (Senghaas-Knobloch, 1999, p. 120)

Ein dritter Aspekt ist das „wohlfahrtsstaatliche Arrangement der Industriegesellschaften“ die in allen westlichen Staaten auf diesem Prinzip beruhen. Sie beruht in Österreich, ähnlich wie in Deutschland auf einem Anrechtssystem, das z. T. in einem Umlageverfahren realisiert wird, welches, wie bereits gezeigt, männlich dominiert ist. Die Sicherung des Lebensstandards sowie die Armutsvermeidung sind die Grundsätze dafür. (Senghaas-Knobloch, 1999, p. 121).

Die letzte wichtige Funktion ist die „bürgerschaftliche Integration“ womit die Menschen als gleichberechtigt in das Gemeinwesen integriert werden. Dabei ist das normative Wechselspiel von Reziprozität und Gerechtigkeit, als ein „Verhältnis von Geben und Nehmen“ ausschlaggebend. Wer sich durch erwerbsrechtliche Arbeit solcherlei Ansprüche und Anrechte sichern kann, erreicht eine höhere Legitimität dadurch. Dass dabei eine Geringschätzung von Tätigkeiten der Pflege und der personenbezogenen Dienstleistungen, die oftmals freiwillig erfolgen, sich zeigt, ist die negative Kehrseite dieser Organisationsform der Erwerbsarbeit. (Senghaas-Knobloch, 1999, p. 121f)

2.5 Gesundheit

Nach der WHO (World Health Organization) ist Gesundheit ein Grundrecht des Menschen, die als ganzheitliches Wohlbefinden zu verstehen ist und sowohl Physis und Psyche umfasst (Constitution of the WHO, 2006). Die Definition wurde noch erweitert um die soziale Dimension und vergleicht sie mit den äußeren Lebensbedingungen. Sind die Anforderungen der Person nicht in Übereinstimmung zu bringen mit den Umweltbedingungen, bzw. können die Aufgaben der Umwelt nicht von der Person bewältigt werden, so ergibt sich ein negativer Gesundheitszustand. Gesundheit ist demnach ein Stadium, das nicht durch Abwesenheit von Krankheit definiert wird, sondern „[...] das einem Menschen Wohlbefinden und Lebensfreude vermittelt“ (Hurrelmann, 2003, p. 8).

Dabei wird unterschieden zwischen personalen und sozialen Faktoren sowie dem Gesundheitssystem, in dem sich Versicherte befinden. Die Messung des Gesundheitszustandes kann auf unterschiedliche Weise vorgenommen werden. Die persönliche eigene Einschätzung wird als subjektiver Gesundheitszustand bezeichnet und liefert einen guten Anhaltspunkt sowohl für den physischen als auch psychischen Aspekt dieser Wahrnehmung und gilt als guter Indikator für das allgemeine Wohlbefinden einer Bevölkerung. Die objektive Messung des Gesundheitszustandes wird durch medizinische Richtlinien ermittelt. Nur subjektiv wahrgenommene, aber nicht messbare Ereignisse fließen nicht in den objektiven Gesundheitszustand ein. (Qualifikation und Erwerbsarbeit von Frauen von 1970 - 2000 in Österreich, 2000, p. 16f)

3 Die Marienthalstudie

Die Marienthalstudie, die als Klassiker der Sozialforschung bezeichnet werden kann, ist eine international beachtete Referenz. Zwar darf aus heutiger Sicht geurteilt werden, dass sie die Arbeitslosenforschung nicht begründete (Wacker, 2001, p. 7), aber ihr Einfluss auf die nachfolgenden Studien ist bis heute ausgesprochen hoch (Brauer & Korge, 2009, p. 18).

Im Zentrum stehen die sozialen und psychischen Auswirkungen der Langzeitarbeitslosigkeit. Erstmals wurden soziologische Studien von Maria Jahoda, Paul F. Lazersfeld und Hans Zeisel, in Marienthal, in den 1930er Jahren, durchgeführt. Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen wurden, sollen dabei den Erfahrungen und Theorien der Gegenwart gegenübergestellt werden.

Die Quellen, die in dieser Studie verwendet wurden, waren äußerst vielseitig. Man verwendete Katasterblätter, die für 478 Familien angelegt wurden und zwar für jede Person ein Einzelblatt. Protokollierte Lebensläufe von 30 Frauen und 32 Männern sowie 80 Zeitverwendungsbögen, für ebenso viele Personen, wurden erstellt. Anzeigen und Beschwerden, ob berechtigt oder nicht berechtigt, die an die industrielle Bezirkskommission gerichtet waren, einerlei ob vor oder nach der Fabriksschließung, wurden verglichen. Auch ein Preisausschreiben wurde veranstaltet zum Thema „Wie stelle ich mir meine Zukunft vor“. Außerdem wurden Schulaufsätze in den Volks- und Hauptschulklassen über „Lieblingswünsche, Weihnachts- und Berufswünsche ausgewertet. Ebenso wurden die Mahlzeiten von 4 Familien analysiert. Zu den angeführten Punkten wurden Protokolle angefertigt: bei den Weihnachtsgeschenken an Kleinkinder, zu Gesprächsthemen und zur Beschäftigung im öffentlichen Raum, über die Erziehungssorgen der Eltern, zum Gesundheitszustand, zu den Schulleistungen durch die Lehrer, über die Fürsorge der Gemeinde und der Pfarre sowie über den Umsatz im örtlichen Gewerbe und Einzelhandel. Außerdem wurden statistische Daten des Konsumvereins, der Bibliothek, der Zeitungsabonnements, der Mitgliederzahlen in den Vereinen und der Wahlergebnisse ausgewertet. Es wurde daraufhin eine Bevölkerungsstatistik erstellt, während die Erstellung der Haushaltsstatistik unvollständig blieb, aufgrund technischer Schwierigkeiten. (Myers, 2014, p. 806)

3.1 Der historische Hintergrund

Eine Textilfabrik, die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Gramatneusiedl gegründet wurde, kam durch die ökonomischen Unruhen der Weltwirtschaftskrise massiv ins Schleudern und musste 1930 ihre Pforten schließen. 1929 waren noch 1300 MitarbeiterInnen in der Fabrik beschäftigt und am 12. Februar 1930 waren sie plötzlich ohne Beschäftigung. Die Gemeinde, die durch diese Firma erst ins Leben gerufen wurde und deren BewohnerInnen in diesem Unternehmen beschäftigt waren, erlitt dramatische Veränderungen. „[...] so ist Marienthal um die Fabrik herum entstanden. Die Geschichte dieser Fabrik ist zugleich die Geschichte des Ortes“ (Jahoda et al., 2015, p. 33).

Hermann Todesko war der Gründer dieser Flachsspinnerei im Jahr 1830. Sein Verhältnis zu den ArbeiterInnen war ein patriarchalisches und er war zugleich auch der Herr des Ortes. Die Firma entwickelte sich, nahm in den 1890er Jahren einen großen Aufschwung, wodurch sich gleichzeitig auch Klassengegensätze im Betrieb verschärften und Organisationen von ArbeiterInnen sich ausbreiteten und zu einem Betriebsrat führten, der nach dem 1. Weltkrieg die ersten Arbeitsniederlegungen brachte. Die Krise begann sich erstmals im Jahr 1926 abzuzeichnen. Es wurde die Hälfte der MitarbeiterInnen gekündigt. Danach schien es als würde das Unternehmen wieder florieren, Investitionen wurden getätigt, um dann doch 1929 die Spinnerei zu schließen und 1930 die Weberei. Sechzig Mann von einmal 1300 MitarbeiterInnen wurden noch behalten, um die Fabrik niederzureißen und den Rest zu liquidieren (Jahoda et al., 2015, p. 32ff).

3.2 Die Studie und ihre Forschungsfrage

Die Studie, die von der Wiener Arbeiterkammer und einem Rockefeller Fonds finanziert wurde (Jahoda et al., 2015, p. 10), untersuchte die Folgen der Lanzeitarbeitslosigkeit, wobei hier die zentrale Frage war, ob die Konsequenzen zur Radikalisierung führen. Zu diesem Zweck wollte man das ganze Dorf untersuchen.

Die StudienmitarbeiterInnen durften dabei aber nicht als ReporterInnen oder BeobachterInnen auftreten, sondern mussten eine nützliche Funktion für das Gemeindeleben vollbringen. Es wurde eine Kleideraktion veranstaltet, ein Schnittzeichen- sowie ein Mädchenturnkurs wurde abgehalten. Es gab auch eine Erziehungsberatung und die Teilnahme an politischer Arbeit. Auch eine Frauenärztin und ein Kinderarzt hielten am Samstagnachmittag eine Sprechstunde, bei der auch kostenlos Medikamente zur Verfügung gestellt wurden. Diese Form der Studie beinhaltet daher auch Komponenten der Handlungsforschung. (Mayring, 2002, p. 50)

Es stellten sich zwei Hauptfragen: 1. Wie verhalten sich die Menschen zur Arbeitslosigkeit und 2. Wie sind die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit. Insgesamt wurden 120 Arbeitstage in Marienthal verbracht. Die Ergebnisse die zur Auswertung dann vorgelegt werden konnten, waren: Lebensgeschichten von 64 und Zeitverwendungsbögen von 80 Personen (Frauen und Männer ziemlich gleichmäßig gemischt), Schulaufsätze, Preisausschreiben, Inventar der Mahlzeiten und diverse Protokolle wie z. B. Weihnachtsgeschenke von 80 Kindern. Aber auch statistische Daten wie Bevölkerungs- und Haushaltsstatistik wurden erbracht. (Jahoda et al., 2015, p. 30)

Die Erhebungsmethode und das war für diese Zeit außergewöhnlich, war methodisch sehr breit gefächert. Die Datengewinnung basierte auf qualitativen und quantitativen Methoden. Sie studierten Beobachtungen, Erlebnisse, Erzählungen, Gemütsverfassungen und statistische Daten, die sie in der Studie zusammenfassten und diese selbst als soziografisch bezeichneten. Im Grunde war es ein Mix von sozialer Reportage, qualitativer Datenauswertung und empirischer Daten. (Jahoda et al., 2015, p. 14)

3.3 Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Menschen

Die Auswirkungen der Langzeitarbeitslosigkeit beschäftigt, auch durch die Erkenntnisse der Marienthalstudie, noch heute die SozialforscherInnen. So sind diese nicht nur in materieller Hinsicht zu finden oder wirken sich gesundheitlich aus, auch der psychische Druck beeinflusst das gesamte Lebensumfeld.

3.3.1 Die Ausgesteuerten und dessen materielle Folgen

Beschäftigt man sich mit der Arbeitslosigkeit heute, z. B. in Österreich, kann man nur schwer die dramatische Armut nachvollziehen, die Menschen im frühen 20. Jahrhundert erleiden mussten. Dies lag zum großen Teil an der Art der Arbeitslosenunterstützung, die gewährt wurde.

Um überhaupt eine staatliche Stütze zu beziehen, musste man im letzten abgelaufenen Jahr, einer 20-wöchigen Beschäftigung nachgegangen sein. Sofern man auch noch durch den Verdienstausfall eine Gefährdung des Lebensunterhaltes nachweisen konnte, war man für 20 bis 30 Wochen durch Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Gebietskörperschaften abgesichert, die maximal 80% des letzten Wochenlohnes bezahlten. Nach diesem Zeitraum war man ausgesteuert und hatte nur mehr die Möglichkeit der Notstandsaushilfe. Sie betrug in etwa 80% der Arbeitslosenunterstützung und erlosch nach 22 bis spätestens 52 Wochen. Glaubte man durch einen Zusatzverdienst sein Einkommen etwas aufbessern zu können, wie z. B. gegen etwas Brennholz Bäume für einen Bauer zu fällen und man wurde erwischt, wurde einem die Unterstützung zur Gänze gestrichen. (Jahoda et al., 2015, p. 38) Danach konnte man nur betteln oder stehlen (Jahoda et al., 2015, p. 41).

In Marienthal waren drei Viertel der Familien von der Arbeitslosenunterstützung abhängig. So verwundert es auch nicht, dass Katzen und Hunde verschwanden, Fische aus dem Fischteich entwendet wurden und bei der in der Nähe verlaufenden Bahnstrecke Kohle vom Gleiskörper gestohlen wurde. Da man um das Schicksal der Menschen wusste, wurde das nicht an die große Glocke gehängt.

Eine weitere Quelle zur Existenzsicherung waren die Schrebergärten und die Kaninchenzucht, die erst durch das Marienthaler Elend sich in ganz Österreich zu etablieren begannen. Der Grund war Eigentum, entweder von der Fabrik oder der Gemeinde, der zu einem äußerst geringen Anerkennungszins vermietet wurde. 392 von 478 Familien im Ort besaßen eine Parzelle, manche sogar zwei. Dadurch konnte Gemüse und Salat gezogen werden und die Kaninchen lieferten hin und wieder Fleisch. (Jahoda et al., 2015, p. 42f).

Trotzdem war der Mangel bei den Familien eklatant. Der Tisch konnte zumeist nur ungenügend gedeckt werden. Wenn es Fleisch gab, dann nur am Sonntag oder an einem Feiertag. Zucker gab es in manchen Haushalten überhaupt nicht und wurde durch Saccharin ersetzt, der aber keinen Nährwert besitzt. Die Eltern verzichteten wegen der Kinder noch mehr bei den Essensausgaben. Kulturelle Bedürfnisse mussten ohnehin fast zur Gänze zurückgestellt werden und die Beschaffung von Kleidung und Schuhwerk verlangte den Menschen enorme Anstrengungen ab. Oftmals wurden Kinder nicht zur Schule geschickt, da sie keine Schuhe mehr hatten (Jahoda et al., 2015, p. 45ff). Aber auch hier zeigte sich, dass die Kinder einen geringeren Verschleiß bei der Kleidung aufwiesen als deren Eltern. Dies ging soweit, dass man sogar aus guten Kleidungsstücken der Eltern für die Kinder etwas schneiderte, wenn diese etwas benötigten. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei der körperlichen Pflege, bei der man auf die Kinder besonders achtete. Das Wohnungsinventar dagegen nutzte sich im Allgemeinen ständig immer weiter ab. (Jahoda et al., 2015, p. 95)

Die materiellen Engpässe wirkten sich auch auf das Gemeinwohl aus. So musste der Montessori Kindergarten geschlossen werden, da sich die Familien die Kindergärtnerin nicht mehr leisten konnte (Jahoda et al., 2015, p. 56).

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Details

Titel
Langzeitarbeitslosigkeit. Soziale und psychische Folgen gestern und heute. Die Marienthalstudie im Vergleich zur Situation der Gegenwart
Hochschule
Universität Wien  (Soziologie)
Veranstaltung
Forschungspraktikums
Note
2
Autor
Jahr
2018
Seiten
54
Katalognummer
V470110
ISBN (eBook)
9783668948839
ISBN (Buch)
9783668948846
Sprache
Deutsch
Schlagworte
langzeitarbeitslosigkeit, soziale, folgen, marienthalstudie, vergleich, situation, gegenwart
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Fatma Degirmenci (Autor), 2018, Langzeitarbeitslosigkeit. Soziale und psychische Folgen gestern und heute. Die Marienthalstudie im Vergleich zur Situation der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470110

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