Die Neue Frau der Zwanzigerjahre. Idealbild Lebensrealitäten von Frauen in der Weimarer Republik


Hausarbeit, 2018
22 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis II

1. Einleitung

2. Der Begriff ,Neue Frau‘ und seine unterschiedlichen Auspragungen
2.1. Ideengeschichtliche Grundlage und theoretische Konzepte
2.2. Offentliche Wahrnehmung der Neuen Frau

3. Das Bild der Neuen Frau im Verhaltnis zu den Lebensrealitaten von Frauen
3.1. Gleichstellung der Geschlechter und politische Partizipation
3.2. Frauen zwischen Berufs-, Familien- und Eheleben
3.3. Mode, Sport und Freizeitgestaltung

4. Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Neue Frau mit Bubikopf und Zigarette

Abbildung 2: Weibliche Buroangestellte in der Weimarer Republik, 1921

Abbildung 3: Auf Motorrad sitzende, rauchende Frau mit Bubikopf, um 1925

Abbildung 4: Eine ,Pfutzenspringerin‘, 1930

Abbildung 5: Die Mode der Garonne

1. Eiiileitimg

„Wo wir aber auftauchten, kurzrockig, kurzhaarig und schlankbeinig, fuhren die Man­ner der alteren Generation zusammen und fragten: ,Was sind das fur Geschopfe?‘ Wir antworteten: ,Die neue Frau‘.‘a Die Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit beschreibt hier die von den Zeitgenossen der Weimarer Republik wahrgenommene Ver- anderung der Erscheinung und das Auftreten von Frauen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Republik 1918 veranderte sich nicht nur das politi- sche System im Deutschen Reich. In den Zwanzigerjahren entwickelte sich eine ganz- lich andere Vorstellung von der Frau: die Neue Frau. Dieser moderne Frauentypus er- schien selbstbewusst, unabhangig und den Mannem in alien gesellschaftlichen Berei- chen gleichgestellt. Die Neue Frau gilt als Synonym fur das Frauenbild der Zwanziger- jahre und pragt auch das heutige Bild von Frauen in der Weimarer Republik. Es ist da- her interessant zu fragen, ob dieses Bild tatsachlich reprasentativ war.

In der wissenschaftlichen Forschung ist diese Frage noch nicht ausreichend be- rucksichtigt worden. Es wurde bereits zu allgemeinen gesellschaftlichen Rahmenbedin- gungen und sozialen Lebensrealitaten von Frauen in der Weimarer Republik geforscht.1 2 Auch in Kunst3 und Medien4 wurde das dargestellte Frauenbild analysiert und biogra- phische Einzelportraits5 Neuer Frauen wurden untersucht. Es fehlt jedoch eine Untersu- chung, in der das Idealbild der Neuen Frau mit der sozialen Lebensrealitat von Frauen in den Zwanzigerjahren verglichen wird.

Daher soil in der vorliegenden Arbeit uberpruft werden, inwiefem sich die Le­bensrealitat der Frauen vom Idealbild derNeuen Frau unterschied. Dabei wird die These aufgestellt, dass nur wenige Frauen nach dem neuen Idealbild leben konnten und ihre Lebensrealitat haufig von alten Rollenmustern bestimmt wurde. Um die Forschungsfra- ge zu beantworten, ist es notwendig, zu wissen, mit welchen konkreten Zuschreibungen der Begriff der ,Neuen Frau‘ assoziiert wurden. Daher beschaftigt sich Kapitel 2 mit den ideengeschichtlichen Grundlagen und den theoretischen Konzepten dieser neuen Weib- lichkeitsform sowie mit der Wahmehmung der Neuen Frau in der Offentlichkeit. Be- deutende Quellen zur Herausarbeitung der theoretischen Konzepte in der Weimarer Re- publik sind dabei die Originaltexte ihrer Verfasserinnen. In Kapitel 3 wird versucht, anhand politischer und sozialer Gegebenheiten herauszuarbeiten, wo die Diskrepanzen zwischen dem Idealbild und der Lebensrealitat von Frauen lagen. Zu dieser Beurteilung stellen die Weimarer Reichsverfassung (WRV) und das Burgerliche Gesetzbuch (BGB) von 1896 relevante Quellen dar. Fur die Arbeit insgesamt war besonders die Dissertati- onsschrift von Gesa Kessemeier hilfreich.6 Diese beschaftigt sich zwar hauptsachlich mit dem vermittelten Bild von Weiblichkeit durch Medien und Mode, geht aber auch auf die soziale Lebensrealitat von Frauen in der Weimarer Republik ein. AbschlieBend dient die Schlussbetrachtung der Beantwortung der Forschungsfrage sowie der Heraus- stellung der zentralen Erkenntnisse.

2. Der Begriff ,Neue Frau‘ und seine unterschiedlichen Auspragungen

Im Folgenden werden zunachst die ideengeschichtlichen Grundlagen des Begriffs der ,Neuen Frau‘ erklart sowie die theoretischen Konzepte dieses weiblichen Idealbilds vorgestellt. Da sich hinter dem Ausdruck der Neuen Frau verschiedene Auspragungen des modernen Frauentyps verbergen, werden diese neuen Formen der Weiblichkeit an- schlieBend beschrieben und vom alten Frauenbild abgegrenzt.

2.1. Ideengeschichtliche Grundlage und theoretische Konzepte

Der Begriff der ,Neuen Frau‘ gilt als zeitgenossischer Ausdruck fur die gleichberechtig- ten und modernen Frauen in der Weimarer Republik. Die Ursprunge dieses emanzipati- ven Entwurfes liegen allerdings nicht in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts, sondern bereits im 18. Jahrhundert, in dem er als Kontrastvorstellung zum passiven und rechtlosen Frauenbild konzipiert wurde.7 Vorstellungen von einer Neuen Frau entwi- ckelten sich im Zuge der Franzosischen Revolution und der aufkommenden Frauenbe- wegung. Erste Entwurfe gab es daher zunachst in Frankreich, aber auch in England und Nordamerika. Es entwickelten sich Forderungen nach politischer, sozialer und juristi- scher Geschlechtergleichberechtigung und damit nach einem neuen Weiblichkeitsent- wurf.8 In Deutschland fanden Ideen zu einer Neuen Frau hingegen erst nach 1848 und besonders nach 1865, dem Grundungsjahr des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, Eingang.9 Die Vertreterinnen der Frauenbewegung setzten sich fur das Recht auf gleichberechtigte Bildung, okonomische Selbststandigkeit bzw. Berufstatigkeit und Er- langung des politischen Stimmrechts sowie fur die Durchsetzung einer fur beide Ge- schlechter gleichwertigen Sexualmoral ein.10

Der Begriff der ,Neuen Frau‘ stellte im 19. Jahrhundert jedoch lediglich eine Wunschvorstellung dar. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und mit Einfuhrung der De- mokratie wurden Forderungen der Frauenbewegung, wie die Einfuhrung des aktiven und passiven Wahlrechts und der gesetzlichen Gleichstellung, erfullt. Insbesondere die jungeren Frauen wurden nun von der Gesellschaft haufig als ,Neue Frauen‘ bezeichnet. Die Frauen beanspruchten gleichzeitig selbst diesen neuen Status fur sich, grenzte der Begriff sie doch scheinbar stark von der vorangegangen weiblichen Generation ab.11

Es lassen sich vor allem zwei theoretische Konzepte zur Idee der Neuen Frau ausmachen. Zum einen das der selbststandigen und unverheirateten Frau und zum ande- ren das der berufstatigen, aber verheirateten Frau. Als Vertreterin des ersten Konzepts gilt die russische Schriftstellerin und Diplomatin Alexandra Kollontai, die in den Wei- marer Republik zu einer Symbolfigur der Neuen Frau wurde.12 Fur sie standen die Selbstverwirklichung und die sexuelle Emanzipation der Frau im Vordergrund. Kollon­tai lehnte die burgerliche Institution der Ehe ab. Stattdessen sollte die Ausbildung einer eigenen, vom Mann unabhangigen Personlichkeit im Mittelpunkt des Lebensentwurfs von Frauen stehen.

,,Ledige Frauen sind es meist, die immer haufiger diesen Typus bestimmen. [...] Der Urtyp der Frau in derjungsten Vergangenheit war die ,Gattin‘, die Frau , die der Schatten des Mannes war, eine Beigabe, ein Anhangsel. Die ,ledige‘ Frau hat aufgehort, diese untergeordnete Rolle zu spielen und nichts weiter als der Reflex des Mannes zu sein. Sie hat eine eigenartige innere Welt, lebt allgemein- menschlichen Interessen, sie ist im Inneren unabhangig und im AuBeren selbst- standig.“13

Der Typus der ,ledigen Frau‘ war fur Kollontai ein Synonym fur arbeitende Frauen. Nur durch die Berufstatigkeit sah sie fur Frauen die Moglichkeit, okonomische Selbst- standigkeit und Selbstbewusstsein zu erlangen.14

Eine Reprasentantin des zweiten Konzepts war die Juristin Elsa Herrmann, die sich fur eine ,kameradschaftliche‘ Gleichberechtigung der Geschlechter in Ehe und Be- ruf einsetzte. Im Gegensatz zu Kollontai befurwortete Herrmann demnach den Grund- gedanken der Ehe und die Orientierung der Frau auf den Mann. Wie Kollontai sah al- lerdings auch Herrmann die Berufstatigkeit als Schlussel zur Selbstverwirklichung an.

„Sie [die Neue Frau] lehnt es ab, als physisch schwaches, hilfsbedurftiges Wesen zu gelten [...]. Um ihrer wirtschaftlichen Unabhangigkeit willen, der notwendi- gen Voraussetzung fur Entfaltung einer nur auf die eigene Kraft gestellten Per- sonlichkeit, sucht sie durch Berufsarbeit ihren eigenen Unterhalt zu verdienen. Es ist nur zu naturlich, daB diese Lebensauffassung eine im Vergleich zu fruher grundsatzlich veranderte Einstellung der Frau dem Manne gegenuber mit sich bringen muBte, die in ihrem Grundton auf die Gleichberechtigung und Kamerad- schaft abgestimmt ist.“15

Fur Hermann blieb die Neue Frau allerdings eine ideelle Identifikationsfigur: „Die Frau von heute ist noch nicht der Typus der Frauen unserer Zeit, sondern das Idealbild der zielbewuBten selbststandigen Frau unserer Tage, die nicht immer die Moglichkeit hat, ihre Anschauungen in die Praxis umzusetzen, weil sie als soziales Wesen in einer Welt leben muB, die ihren Bestrebungen zum Teil noch verstandnislos gegenubersteht.“16 Die neue Frauengeneration der Zwanzigerjahre hatte nach Herrmann bereits neue Denkwei- sen und Wertvorstellungen ubemommen, konnte diesejedoch noch nicht im alltaglichen Leben umsetzen. Alexandra Kollontai war dagegen uberzeugt: „Die neue Frau ist da - sie existiert. Sie kennen sie schon, sind schon gewohnt, ihr im Leben zu begegnen, und zwar auf alien Sprossen der sozialen Stufenleiter, von der Arbeiterin bis zur Jungerin der Wissenschaft, von der bescheidenen Kontoristin bis zur beruhmten Vertreterin der freien Kunste.“17

[...]


1 Tergit, Gabriele: Die Frauen-Tribune, in: Die Frauen Tribune, 1 (Januar 1933) H. 1/2, S. 3, zit. n.: Bock, Petra: Zwischen den Zeiten - Neue Frauen und die Weimarer Republik, in: Bock, Petra/Koblitz, Katja (Hrsg.): Neue Frauen zwischen den Zeiten, Berlin 1995, S. 14-37, S. 14.

2 Vgl. Frevert, Ute: Frauen-Geschichte. Zwischen Burgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt 1986.

3 Vgl. Museum fur Kunst und Gewerbe Hamburg (Hrsg.)/Meyer-Buser, Susanne: Bubikopf und Gret- chenzopf. Die Frau der zwanziger Jahre. Hamburg 1995.

4 Vgl. Kessemeier, Gesa: Sportlich, sachlich, mannlich... Das Bild der Neuen Frau in den Zwanziger Jahren. Zur Konstruktion geschlechtsspezifischer Korperbilder in der Mode der Jahre 1920 bis 1929, Dortmund 2000.

5 Vgl. Bock, Petra/Koblitz, Katja (Hrsg.): Neue Frauen zwischen den Zeiten., Berlin 1995.

6 Kessemeier (wie Anm. 4).

7 Vgl. Kessemeier (wie Anm. 4), S. 18.

8 Vgl. Kuhn, Annette: Der Wahn des Weibes, dem Manne gleich zu sein, in: Christadler, Marieluise (Hrsg.): Freiheit, Gleichheit, Weiblichkeit. Aufklarung, Revolution und die Frauen in Europa, Opladen 1990, S. 37-53, S. 42.

9 Vgl. Kessemeier (wie Anm. 4), S. 20.

10 Vgl. ebd., S. 20 ff.

11 Vgl. Baum, Vicky (1929): Die Mutter von Morgen - die Backfische von heute, in: Rheinsberg, Anna (Hrsg.): Bubikopf. Aufbruch in den Zwanzigem. Texte von Frauen, Darmstadt 1988, S. 31-35, S.31f.

12 Vgl. ebd.

13 Kollontai, Alexandra: Die neue Moral und die Arbeiterklasse, Berlin 1920. Neuauflage mit einer Ein- fuhrung von Monika Israel, Munster 1977, S. 10.

14 Vgl. ebd., S. 7.

15 Herrmann, Elsa: So ist die neue Frau, Hellerau 1929, S. 35f.

16 Ebd., S. 167.

17 Kollontai (wie Anm. 13), S. 7.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Neue Frau der Zwanzigerjahre. Idealbild Lebensrealitäten von Frauen in der Weimarer Republik
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V470181
ISBN (eBook)
9783668944411
ISBN (Buch)
9783668944428
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neue, frau, zwanzigerjahre, idealbild, lebensrealitäten, frauen, weimarer, republik
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Neue Frau der Zwanzigerjahre. Idealbild Lebensrealitäten von Frauen in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470181

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