Hethitisch-luwischer Sprachkontakt mit Fokus auf die junghethitische Periode

Ein Überblick zum aktuellen Forschungsstand


Hausarbeit, 2018

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der anatolische Sprachzweig

3. Sprachstufen des Hethitischen

4. Luwisch und seine Dialekte

5. Sprachkontaktphänomene Hethitisch-Luwisch
5.1. Sprachkontaktphänomene in prähistorischer und althethitischer Zeit
5.2. Sprachkontaktphänomene in mittelhethitischer Zeit
5.3. Sprachkontaktphänomene in junghethitischer Zeit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Das Hethitische und das Luwische zählen beide wohl zu den bekanntesten Vertretern des bereits ausgestorbenen anatolischen Sprachzweiges, wobei die hethitische Sprache zum einen die am frühsten (um 1650 v. Chr.) belegte Einzelsprache der gesamten Indogermania überhaupt darstellt (vgl. Zinko 2017: 246) und zum anderen mit über 30.000 erhaltenen Tontafeln (vgl. van den Hout 2006: 223) mit Abstand am reichhaltigsten innerhalb des Anatolischen belegt ist.

Die schriftliche Fixierung der hethitischen Sprache endet mit dem Zusammenfall des Hethitischen Großreiches am Anfang des 12. Jahrhunderts v. Chr. (vgl. van den Hout 2006: 221). Luwisch, mit seinen zwei Erscheinungsformen Keilschriftluwisch und Hieroglyphenluwisch, ist hingegen über einen weitaus längeren Zeitraum belegt, der etwa vom 16. Jahrhundert bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. reicht (vgl. Hawkins 2003: 138-139 und ein wenig vorsichtiger Melchert 2003b: 174).1

Ob und wie sich das Hethitische und das Luwische gegenseitig beeinflusst haben und welche der beiden Sprachen dabei womöglich einen größeren Einfluss auf die jeweils andere ausgeübt haben könnte, soll im Lichte aktueller Arbeiten und neuer Ansätze Gegenstand der folgenden Untersuchungen sein. Im verstärkten Fokus werden hierbei die Arbeiten von Hajnal (2015), Hawkins (2003), Melchert (2003a, 2003b und 2005), Rieken (2006), van den Hout (2006) und Yakubovich (2010) liegen.

Um terminologischen Schwierigkeiten und sonstigen Verständnisproblemen aus dem Wege zu gehen, muss zunächst der Frage nachgegangen werden, was das Luwische samt seinen Dialekten und nächsten Verwandten innerhalb des Anatolischen nach heutigem Kenntnisstand der Forschung überhaupt darstellt. Außerdem wird ein Überblick der Einzelsprachen des anatolischen Sprachzweiges und dessen Dialektologie erarbeitet. Erst nach Klärung dieser Sachlage kann zum Hauptteil, der sich mit ausgewählten Sprachkontaktphänomen in den verschiedenen Perioden des Hethitischen befasst, übergegangen werden. Die angesprochenen verschiedenen Perioden des Hethitischen werden ebenfalls Gegenstand vorheriger Überlegungen sein. Im Schlussteil werden Ergebnisse zusammengetragen, gegenübergestellt und, wo nötig, bewertet.

2. Der anatolische Sprachzweig

Nach Melchert (2003a: 23-26) kann angenommen werden, dass das Uranatolische bis ungefähr 3000 v. Chr. Bestand hatte und sich kurz darauf die Wege von Urhethitern, Urpalaern und Urluwiern2 trennten. Ob jedoch die Trennung erst auf anatolischem Boden stattfand oder schon vor dem Eintritt in dieses Gebiet geschah, kann nach aktuellem Forschungsstand nicht geklärt werden, ebenso wenig die Frage, ob die Sprecher der anatolischen Sprachen über den Kaukasus oder den Balkan einwanderten, wobei die letztgenannte Variante aktuell bevorzugt wird (vgl. Melchert 2003a: 24-26). Oettinger hingegen nimmt an, dass sich das Urhethitische und deren Sprecher früher als die anderen Sprachen aus dem Uranatolischen Verband herausgelöst haben und fasst darüber hinaus Urluwisch, Palaisch und Lydisch zu einer Urwestanatolischen Gruppe zusammen (vgl. 2002: 51-52).

Aus der obigen Dreiteilung von Melchert wird bereits deutlich, dass das spätere Hethitische und Palaische als relativ isoliert innerhalb des Anatolischen angesehen werden können, während die südanatolischen Sprachen einen weiteren Zweig ausmachen. Neben dem bereits angesprochenen Keilschrift- und Hieroglyphenluwischen werden außerdem das Lykische, das Karische, das Pisidische und das Sidetische dem Südanatolischen zugeordnet (vgl. Melchert 2003b: 175) und eventuell auch das Lydische (vgl. Rieken 2017: 313). Das Lykische und das Karische sind höchstwahrscheinlich enger mit dem Luwischen verwandt als andere anatolischen Sprachen (vgl. Melchert 2003a: 14) und so nimmt auch Yakubovich an, dass im 14. Jahrhundert v. Chr. „ the Luvian and Proto-Carian languages were still mutually understandable “ (2010: 158-159). Bryce (2003: 102 und auch Popko 2008: 71 sowie etwas vorsichtiger Hawkins 2003: 129) hält das Lykische außerdem für eine direkte Nachfolgersprache des Luwischen, was Melchert (2003b: 175 mit weiterführender Literatur) jedoch strikt ablehnt.3 Lydisch, Lykisch, Karisch, Pisidisch und Sidetisch sind allesamt Sprachen des 1. Jahrtausends v. Chr. (vgl. Melchert 2003b: 175), was teilweise auch auf das Hieroglyphenluwische zutrifft (vgl. Hawkins 2003: 139; van den Hout 2011: 1).

3. Sprachstufen des Hethitischen

Obwohl das Hethitische über einen Zeitraum von „nur“ etwa 450 Jahren belegt ist, lassen sich in dieser Spanne drei Sprachstufen (Althethitisch, Mittelhethitisch und Junghethitisch) ausmachen, wovon die letzte Stufe abermals in drei weitere Stufe unterteilbar ist (vgl. Rieken 2005: 85). Althethitisch reichte bis etwa 1500 v. Chr., Mittelhethitisch von etwa 1500 bis 1375 v. Chr. und Junghethitisch von etwa 1375 bis 1200 v. Chr. (vgl. Zinko 2017: 246), respektive bis zum Ende der schriftlichen Überlieferung. Ob und wenn ja, wie lange Hethitisch darüber hinaus gesprochen wurde, ist nicht bekannt. Die Einteilung in diese Perioden ist nicht nur rein sprachgeschichtlicher, sondern auch orthographischer Natur (vgl. Rieken 2005: 84-85).

Die durch „morpho-phonological and syntactic changes“ gezeichnete Sprachgeschichte des Hethitischen (vgl. van den Hout 2006: 228) ist zum einen der Grund für die oben beschriebene Periodisierung, zum anderen aber auch der Beweis für van den Hout anzunehmen, das Hethitische sei nicht „used only in writing“ (vgl. 2006: 228), wobei er sich an Melchert (vgl. 2003a: 12) anlehnt. Ganz ähnliche Bemerkungen lassen sich auch bei Hajnal (2015: 2) finden. Alle drei Autoren beziehen sich dabei auf folgende Aussage bei Rosenkranz (1938), die allem Anschein nach auch den Stand der damaligen Forschung widerspiegeln:

„Das Hethitische selbst war die Sprache einer Oberschicht und diente wohl nur als Hof- und Amtssprache (und deshalb auch als Literatursprache). Inwieweit es noch für weitere Kreise als Umgangssprache diente, läßt sich einstweilen nicht feststellen. Die alte Grundlage der hethitischen Schriftsprache war zur Zeit der Schreiber wohl schon tot.“ (Rosenkranz 1938: 282)

Eine Bemerkung bei van den Hout (vgl. 2006: 227, Fn. 36) unterstreicht aber die Ambiguität des angegebenen Zitats von Rosenkranz, das die Frage nach der Verwendung des Hethitischen als „Umgangssprache“ weitgehend offen lässt, im nächsten Satz aber davon handelt, dass die „alte Grundlage“ der Sprache, also die mündliche, muttersprachliche Tradierung des Hethitischen, nicht mehr vorhanden, „tot“ sei. Der Vollständigkeit halber muss bemerkt werden, dass Yakubovich anzweifelt, dass „Hittite continued to be natively transmitted into the thirteenth century BC“ (vgl. 2010: 321).

Die Hethiter selbst bezeichneten ihre Sprache übrigens ne šili, našili oder nešumnili in Anlehnung an ihren Herkunftsort Neša (Kaneš), heute Kültepe (vgl. Melchert 2003a: 15; Zinko 2017: 246; Rieken 2005: 80). Melchert merkt daraufhin an, dass Nesite ‘Nesisch‘ „the more correct form“ wäre, der Begriff Hethitisch aber „too well established“ sei (2003a: 15), um ihn durch Nesisch zu ersetzen. Bryce (2003 und 2005) hingegen verwendet bemerkenswerterweise ausschließlich den Begriff Nesite. Es gibt außerdem Hinweise aus einem althetitischen Text, dass die Hethiter von Zalpa aus, welches an der Schwarzmeermündung des Flusses Halys (heute Kızılırmak) liegt, nach Neša gelangten, das etwa 300km südlich am selben Fluss gelegen ist (vgl. Oettinger 2002: 51). Im 17. Jahrhundert v. Chr. wurde dann Ḫattuša zur Hauptstadt des Hethitischen Reiches (vgl. Starke 2002: 310).

4. Luwisch und seine Dialekte

Die luwische Sprache wird, wie bereits erwähnt, in der Regel in die beiden Erscheinungsformen Keilschrift- und Hieroglyphenluwisch unterschieden, deren Bezeichnungen auf zwei verschiedene Schreibformen zurückzuführen sind.

Das Keilschriftluwische ist zu einem großen Teil in eigene Textabschnitte religiösen Charakters (meist Ritualtexte) innerhalb hethitischer Keilschrifttexte mit der Bezeichnung luwili ‘in luwisch‘, was zur frühen Wahrnehmung (1920er-Jahre) dieser Abschnitte als speziell Luwisch wohl maßgeblich beigetragen hat, eingebettet (vgl. Hawkins 2003: 128-130). Die ersten dieser Texte stammen wohl aus dem 16. Jahrhundert v. Chr. (vgl. Hawkins 2003: 193). Der luwische Charakter des Hieroglyphenmaterials hingegen wurde erst sehr viel später (1970er-Jahre) endgültig anerkannt.4 Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Schrift und Sprache des heute als Hieroglyphenluwisch bekannten meist mit den Bezeichnungen „Hethitische Hieroglyphen“ oder „Hieroglyphenhethitisch“ versehen (vgl. Hawkins 2003: 132). Und so findet man in der aktuellen Auflage des Standardwerks „Lexikon der Sprachwissenschaft“ fälschlicherweise immer noch den veralteten Begriff „Hieroglyphisches Hethitisch“ (vgl. Bußmann 2008: 41).

Starke hält eine Unterteilung des Keilschriftluwischen in „altluwisch“, „mittelluwisch“ und „jungluwisch“ für theoretisch möglich, verwirft den Gedanken jedoch aufgrund schlechter Praktikabilität angesichts des „geringen Materials“ (vgl. 1985: 30). Für das Hieroglyphenluwische merkt Melchert an, dass es keine Hinweise auf „any geographical or chronological subdivisions“ gebe (vgl. 2005: 172). Nach allgemeiner Forschermeinung stellen das Keilschriftluwische und das Hieroglyphenluwische nicht die bloße Wiedergabe ein und derselben Sprache mittels zweier grundverschiedener Schriftsysteme dar, sondern vielmehr zwei Dialekte oder Variationen einer Sprache (vgl. Melchert 2003b: 171; van den Hout 2006: 224). Die geographische Verortung dieser beiden Dialekte/Varianten ist zumindest im Fall des Hieroglyphenluwischen einigermaßen umstritten. Das Keilschriftluwische aber wird mit der Region Kizuwattna in Verbindung gebracht (vgl. Melchert 2003b: 174; Hajnal 2015: 3), dessen Bevölkerung sich in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. im Wesentlichen aus Luwiern und Hurritern zusammensetzte (vgl. Bryce 2003: 88). In Bezug auf das Hieroglyphenluwische nimmt van den Hout an, dass es „the Arzawan variant“ des Luwischen oder „one heavily influenced by it“ war (vgl. 2006: 241, Fn.114). Diese Schlussfolgerung zieht der Autor aus Berichten über eine mehr als 20 Jahre lang andauernde Epidemie im Kernland des Hethitischen Reiches am Ende des 14. Jahrhunderts v. Chr., in dessen Folge ca. 85.000 Menschen, davon allein 66.000 aus dem in Westanatolien gelegenen Arzawa in das hethitische Kernland als Arbeitskräfte deportiert worden sein sollen.5 Das Hieroglyphenluwische wird als luwischer Dialekt Ḫattis und demzufolge auch Ḫattušas identifiziert (vgl. Hajnal 2015: 2).

Einen Vorstoß hinsichtlich der dialektalen Einordnung und der allgemeinen Terminologie der beiden luwischen Varianten wagt Yakubovich (2010), indem er meint, dass „the use of such labels6 in a dialectological discussion is, in my opinion, counterproductive“ (2010: 70). Stattdessen unterzieht Yakubovich (2010: 15-68) das luwische Material einer strengeren Untersuchung hinsichtlich der dialektalen Einordnung mit dem Ergebnis eines „Kizzuwatna Luvian“ und eines „Empire Luvian“, die die beiden bronzezeitlichen Dialekte darstellen, sowie eines vom „Empire-Luvian“ (von nun an „Reichs-Luwisch“) abstammenden „Iron Age Luvian“ (2010: 68). Das Kizzuwatna-Luwische bezieht sich geographisch auf das im Südosten Anatoliens gelegene Königreich Kizzuwatna, das am Ende des 15. Jahrhunderts v. Chr. als „Gliedstaat“ in das Hethitische Reich integriert wurde (vgl. Starke 2002: 313). Das Reichs-Luwische hingegen nimmt Bezug auf Ḫattuša. Sprachlich ist das Hieroglyphenluwische der Bronzezeit aller Wahrscheinlichkeit nach deckungsgleich mit dem Reichs-Luwischen und den ab dem späten 14. Jahrhundert v. Chr. auftretenden, sogenannten Glossenkeilwörtern7 (vgl. Yakubovich 2010: 20-21). Letzteres vermutete auch schon Melchert (vgl. 2003b: 173). Das Kizzuwatna-Luwische auf der anderen Seite besteht zu einem überwiegenden Teil aus den keilschriftluwischen Ritualtexten, deren ursprüngliche Herkunft Kizzuwatna war (vgl. Yakubovich 2010: 53). Erstaunlicherweise kann ein Großteil der „morphosyntactic peculiarities of Luvian“ (Yakubovich 2010: 69) nur durch teilweise fehlerhaftes Kopieren Kizzuwatna-Luwischer Ritualtexte, deren Schreiber Reichs-Luwisch als Muttersprache oder Umgangssprache hatten, erklärt werden (vgl. Yakubovich 2010: 18-53 und 69). Demnach ist neben dem Hieroglyphenluwischen auch das Keilschriftluwische ein „Lieferant“ zumindest morphosyntaktischer Formen des Reichs-Luwischen Dialekts.

Entgegen Yakubovichs eigentlicher Intention nutzt Rieken (2017: 301) die eingeführten Begriffe Kizzuwatna-Luwisch und Reichs-Luwisch als Synonyme für Keilschriftluwisch und Hieroglyphenluwisch.

Des Weiteren merkt Yakubovich an, dass es sich bei den beiden Dialekten jeweils um eine Art Koine gehandelt haben könnte, die als gewisser Standard in den jeweiligen Königreichen Ḫatti und Kizzuwatna dienten (vgl. 2010: 71; so nun auch Melchert i.V.: 1). Darüber hinaus behauptet Melchert, dass es sich bei der Koine des Reichs-Luwischen um das Ergebnis mehre-rer luwischer Dialekte handeln müsse, wobei das Luwische aus Arzawa, der Annahme folgend, im 14. Jahrhundert seien zehntausende Menschen aus diesem Gebiet in das Hethitische Reich deportiert worden (vgl. Bryce 2003: 62; van den Hout 2006: 241), auch eine gewisse Rolle eingenommen haben könnte (vgl. i.V.: 10, 13)

Durch die erhaltenen Keilschrifttexte des Hethitischen Reiches ist möglicherweise ein weiterer, dritter Dialekt, des bronzezeitlichen Luwischen belegt, und zwar der eines eventuellen Ištanuwa-Luwischen, bekannt durch die „Songs of Ištanuwa“ und die „Songs of Lallupiya“ (vgl. Melchert 2003b: 174-175; 2013: 171; etwas vorsichtiger Yakubovich: 2010: 22). Obwohl diese Texte einen „specifically Luvian“ Charakter aufweisen, werden sie anstelle des für keilschriftluwische Texte üblichen Terms luwili mit dem Adjektiv ištanumnili ‘in istanuwesisch‘ markiert (vgl. Yakubovich 2013: 114, Fn.106). Während die geographische Verortung Lallupiyas unbekannt ist, wird Ištanuwa von Yakubovich im Flussbecken des Sangarios (heute Sakarya) vermutet, der sich im Nordwesten Zentralanatoliens befindet (vgl. 2010: 22 und 243).

Die oben beschriebene Dreiteilung der bronzezeitlichen luwischen Dialekte schlägt bereits Güterbock (vgl. 1956: 138) vor, selbstverständlich ohne die heutige Kenntnis der genaueren Bezeichnungen Kizzuwatna-Luwisch und Reichs-Luwisch. Güterbock nennt diese Dialekte demnach „Luili“, „Ištanumnili“ und „Hieroglyphisch“.

Kürzlich merkte Melchert (vgl. i.V.: 2) mit aller Vorsicht an, dass es sich bei den Texten aus den „Songs of Ištanuwa“ und „Songs of Lallupiya“ vielleicht um mehrere (luwische) Dialekte handeln könnte, betonte jedoch auch, dass das diesbezügliche Material eindeutig zu gering sei, um fundierte Rückschlüsse daraus ziehen zu können.

5. Sprachkontaktphänomene Hethitisch-Luwisch

Selbstverständlich können im Rahmen dieser Arbeit nicht sämtliche Sprachkontaktphänomene dargestellt und erschöpfend erläutert werden. So wird im Folgenden eine Auswahl der Phänomene präsentiert, die einerseits gut sowie ausreichend fundiert sind und andererseits eine breite Unterstützung in der aktuellen Forschung finden.

5.1. Sprachkontaktphänomene in prähistorischer und althethitischer Zeit

Zu allererst sei angemerkt, dass mit dem Begriff „prähistorische Zeit“ der Zeitraum zwischen der Abspaltung des Urhethitischen und Ursüdanatolischen vom Uranatolischen und den ersten hethitischen Textüberlieferungen im 17. Jahrhundert v. Chr. gemeint ist. Entgegen Bryce (vgl. 2003: 27) vermutet Yakubovich, dass Urhethiter und Urluwier bereits in prähistorischer Zeit benachbarte Gebiete bewohnten (vgl. 2010: 207), natürlich nach einem gewissen Zeitraum der Isolation, in dem sich beide Sprachen dementsprechend auseinanderentwickeln konnten. Yakubovich stützt sich dabei zum einen auf eine Analyse altassyrischer Quellen des 20. bis. 18. Jahrhunderts v. Chr. aus Neša (Kaneš), welches für diesen Zeitraum als Siedlungsort der späteren Hethiter gilt, aus denen er 16 „Assured Luvian Names“ und 25 „Likely Luvian Names“ extrahiert (vgl. 2010: 208-223), wobei unter den letzteren auch Hybride aus Hethitischem und Südanatolischem wie Suppi-labra oder Kulsa- washe zu finden sind (vgl. 2010: 221-222). Zum anderen stützt sich Yakubovich auf eine Untersuchung Melcherts (2005). In dieser Untersuchung identifiziert Melchert eine große Masse luwischer Lehnwörter8 und Fremdwörter innerhalb des gesamten hethitischen Textkorpus, von denen elf althethitischen Charakter besitzen und aus althethitischen Texten stammen und ca. 60 mit ebenfalls althethitischer Erscheinung, die aber aus Abschriften mittel- und neuhethitischer Texte stammen (vgl. Melchert 2005: 447-452). Als tatsächliche Lehnwörter („Luvianisms“) im Althethitischen identifiziert Melchert 23 (vgl. 2005: 453). Luwische Fremdwörter hingegen ist ein „feature almost lacking in Old and Middle Hittite“ (Melchert 2005: 452-453). Beispiel für Lehnwörter sind heth. tabarna-/labarna- ‚Herrscher‘ (heth. Königstitel) zu luw. tapar- ‚verwalten, regieren‘, welches wahrscheinlich verwandt mit mhd. tapfer von ahd.

[...]


1 Weitere Modifizierungen sowohl der Begriffe Keilschrift- und Hieroglyphenluwisch als auch in Teilen des Zeitraums der Belegung werden im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit unternommen. Die obige Skizzierung dient demnach einem ersten Überblick.

2 Um Missverständnissen vorzubeugen, muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass der Terminus Luwisch, bzw. luwische Sprachen im deutschen Sprachraum zwei Bedeutungen haben kann. Im engeren Sinne sind damit das Keilschrift- und das Hieroglyphenluwische gemeint und im entfernteren Sinne die Sprachen, die innerhalb des Anatolischen eine engere Verwandtschaft mit dem Keilschrift- und dem Hieroglyphenluwischen haben. Dieser Diskrepanz wurde im englischen Sprachraum seitens Melchert mit dem Vorschlag der Einführung des Begriffs „Luvic“ für Luwisch im entfernteren Sinne begegnet und auch „Southeastern Anatolian“ sowie „Southern Anatolian“ wurden vorgeschlagen, wobei „Luwian“ weiterhin dem Keilschrift- und dem Hieroglyphenluwischen vorbehalten bleiben sollte (2003b: 177, Fn. 7). Da die Begriffe „Luvic“ und „Luwian“ ins Deutsche übersetzt recht unüblich klängen, wird sich hierbei der Terminologie von Rieken (2017: 312), in dem Fall „Southern Anatolian“, bedient. Ein weiterer Vorschlag für die Gruppe ist „Luwoid“ (vgl. Neumann 1999: 16).

3 Die Behauptungen von Bryce (2003: 101-102) stützen sich auf das Vorkommen vermeintlich luwischer Personennamen in Südanatolien, mit hoher Konzentration in Lykien im ersten vorchristlichen Jahrtausend. Melchert (2003b: 175) hingegen führt drei überzeugende Beispiele in den Bereichen Vokalismus, Nominalmorphologie und Lexikon an, die gegen die Theorie von Bryce sprechen.

4 Siehe Hawkins (2003: 130-138) mit kurzem Abriss zur diesbezüglichen Forschungsgeschichte und weiterführenden Literaturangaben.

5 Vgl. van den Hout (2006: 241) und auch Bryce (2003: 62). Diese vorsichtig formulierte Theorie stützt sich außerdem auf der Annahme, dass ein Dialekt des Luwischen in diesem Zeitraum die dominante Sprache in Arzawa war. Der letztgenannten Annahme widerspricht jedoch Yakubovich (2010: 117 und 158), indem er Urkarisch als meistverbreitete Sprache in Arzawa ausmacht, Lydisch und vor allem Luwisch jedoch nur in der Peripherie verortet. Hawkins (2013a: 5) jedoch lehnt den Entwurf einer solchen ethnolinguistischen Zusammensetzung Arzawas entschieden ab und unterstützt somit van den Houts Theorie indirekt im Ansatz. Melchert (vgl. i.V.: 10) hat kürzlich betont, dass die Forschung derzeit nicht mit geringster Sicherheit bestimmen kann, welche der südanatolischen Sprachen in der Mitte des 2. Jahrtausends dominanter in und um Arzawa waren und welche der Sprachen möglicherweise weniger Dominanz ausgeübt haben könnten. Für Melcherts weitere Argumentation (siehe folgende Seite) jedoch ist die Annahme, ein gewichtiger Teil der Bevölkerung Arzawas sei luwischsprachig gewesen, von recht großer Bedeutung.

6 Gemeint sind an dieser Stelle die gebräuchlichen Begriffe Keilschriftluwisch und Hieroglyphenluwisch.

7 Auf Bedeutung und Gebrauch des Glossenkeils in hethitischen Keilschrifttexten wird an späterer Stelle noch ausführlicher eingegangen.

8 In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass Lehnwörter im Gegensatz zu Fremdwörtern dem geneigten Sprecher der Nehmersprache nicht unbedingt als „fremde“ Wörter einer Gebersprache, zumindest nicht auf den ersten Blick, auffallen, da Lehnwörter meist vollkommen an die Orthographie und das phonetische Muster der Nehmersprache assimiliert sind. Beispiele für Lehnwörter im Deutschen wären nhd. Köcher, über ahd. kohhar, kohh ā ri, entlehnt aus hunn. * kukur, was wiederum verwandt mit amongol. k økygyr ‘rindslederner Wasser-, Weinschlauch‘ ist (vgl. Kluge/Seebold 2011: 511; Pfeifer 2011: 685-686) oder nhd. Fenster, über ahd. fenstar, finstra, entlehnt aus lat. fenestra (vgl. Kluge/Seebold 2011: 287; Pfeifer 2011: 336). Fremdwörter wie nhd. Xylophon, eine Bildung zu gr. ξύλον ‚Holz, Balken‘ und gr. φωνή ‚Laut, Ton‘ (vgl. Kluge/Seebold 2011: 999; Pfeifer 2011: 1587), suggerieren dem Sprecher der Nehmersprache jedoch eine „fremde“ Herkunft. Interessant ist an dieser Stelle nisl. sílófónn mit gleicher Bedeutung und Herkunft, aber bereits eindeutig angepasst an die neuisländische Orthographie und dessen Lautung (vgl. Kluge/Seebold 2011: 999).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Hethitisch-luwischer Sprachkontakt mit Fokus auf die junghethitische Periode
Untertitel
Ein Überblick zum aktuellen Forschungsstand
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Orientalistik, Indogermanistik, Ur- und Frügeschichtliche Archäologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V470220
ISBN (eBook)
9783668951037
ISBN (Buch)
9783668951044
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hethitisch, Luwisch, Indogermanistik, Indogermanisch, Sprachkontakt, Anatolisch, Anatolien, Keilschriftluwisch, Hieroglyphenluwisch
Arbeit zitieren
Patrick Noske (Autor), 2018, Hethitisch-luwischer Sprachkontakt mit Fokus auf die junghethitische Periode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470220

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