Das Hethitische und das Luwische zählen beide wohl zu den bekanntesten Vertretern des bereits ausgestorbenen anatolischen Sprachzweiges, wobei die hethitische Sprache zum einen die am frühsten (um 1650 v. Chr.) belegte Einzelsprache der gesamten Indogermania überhaupt darstellt und zum anderen mit über 30.000 erhaltenen Tontafeln mit Abstand am reichhaltigsten innerhalb des Anatolischen belegt ist.
Die schriftliche Fixierung der hethitischen Sprache endet mit dem Zusammenfall des Hethitischen Großreiches am Anfang des 12. Jahrhunderts v. Chr. (vgl. van den Hout 2006: 221). Luwisch, mit seinen zwei Erscheinungsformen Keilschriftluwisch und Hieroglyphenluwisch, ist hingegen über einen weitaus längeren Zeitraum belegt, der etwa vom 16. Jahrhundert bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. reicht (vgl. Hawkins 2003: 138-139 und ein wenig vorsichtiger Melchert 2003b: 174).
Ob und wie sich das Hethitische und das Luwische gegenseitig beeinflusst haben und welche der beiden Sprachen dabei womöglich einen größeren Einfluss auf die jeweils andere ausgeübt haben könnte, soll im Lichte aktueller Arbeiten und neuer Ansätze Gegenstand der folgenden Untersuchungen sein. Im verstärkten Fokus werden hierbei die Arbeiten von Hajnal (2015), Hawkins (2003), Melchert (2003a, 2003b und 2005), Rieken (2006), van den Hout (2006) und Yakubovich (2010) liegen.
Um terminologischen Schwierigkeiten und sonstigen Verständnisproblemen aus dem Wege zu gehen, muss zunächst der Frage nachgegangen werden, was das Luwische samt seinen Dialekten und nächsten Verwandten innerhalb des Anatolischen nach heutigem Kenntnisstand der Forschung überhaupt darstellt. Außerdem wird ein Überblick der Einzelsprachen des anatolischen Sprachzweiges und dessen Dialektologie erarbeitet. Erst nach Klärung dieser Sachlage kann zum Hauptteil, der sich mit ausgewählten Sprachkontaktphänomen in den verschiedenen Perioden des Hethitischen befasst, übergegangen werden. Die angesprochenen verschiedenen Perioden des Hethitischen werden ebenfalls Gegenstand vorheriger Überlegungen sein. Im Schlussteil werden Ergebnisse zusammengetragen, gegenübergestellt und, wo nötig, bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der anatolische Sprachzweig
3. Sprachstufen des Hethitischen
4. Luwisch und seine Dialekte
5. Sprachkontaktphänomene Hethitisch-Luwisch
5.1. Sprachkontaktphänomene in prähistorischer und althethitischer Zeit
5.2. Sprachkontaktphänomene in mittelhethitischer Zeit
5.3. Sprachkontaktphänomene in junghethitischer Zeit
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen der hethitischen und der luwischen Sprache unter besonderer Berücksichtigung der junghethitischen Periode. Ziel ist es, aktuelle wissenschaftliche Ansätze zum hethitisch-luwischen Sprachkontakt zu analysieren, um ein fundiertes Bild der sprachlichen Situation in und um Ḫattuša gegen Ende des Hethitischen Großreiches zu zeichnen.
- Klassifizierung des anatolischen Sprachzweiges und der luwischen Dialekte
- Analyse von Sprachkontaktphänomenen in verschiedenen Perioden des Hethitischen
- Untersuchung der nominalmorphologischen Angleichungen zwischen Hethitisch und Luwisch
- Debatte um die Funktion des Glossenkeils und soziolinguistische Implikationen
- Diskussion über Bilingualismus und Sprachökonomie in der hethitischen Hauptstadt
Auszug aus dem Buch
5.3. Sprachkontaktphänomene in junghethitischer Zeit
Generell muss betont werden, dass insbesondere die Übergangszeit vom Spätmittelhethitischen zum Frühneuhethitischen (etwa 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr.) als eine Übergangszeit gewertet werden kann, in der die hethitische Sprache grundlegende Veränderungen in ihrer Grammatik erfuhr (vgl. Melchert i.V.: 8).
Ein besonderes Phänomen des Junghethitischen ist die Verwendung des sogenannten Glossenkeils, der ab der Regierungszeit Muršilis II „common“ wird (vgl. Melchert 2005: 446), obwohl der Autor bemerkt, dass die Verwendung bereits vereinzelt in mittelhethitischen Texten vorkommt.
Die Funktion des Glossenkeils ist in der Forschung weiterhin umstritten. Während Hawkins lediglich anmerkt, dass die sogenannten Glossenkeilwörter (Wörter, die mit Glossenkeil versehen sind) luwische Wörter markieren (vgl. 2003: 138), spricht van den Hout davon, dass „the Luwian character of the overwhelming majority of words marked with gloss wedges suggests that the form in question or at least part of it was felt as Luwian by the scribe“ (vgl. 2006: 230). Melchert hingegen definiert die Verwendung etwas allgemeiner und beschreibt die Funktion des Glossenkeils als „[a] manner of modern ’sic!‘ to call attention to various unusual features: a foreign word is merely one possibility“ (vgl. 2005: 445). Yakubovich behauptet entgegen Hawkins (2003) und van den Hout (2006) außerdem, dass der Glossenkeil weder mit Hinweis auf eine einzelne Sprache noch auf Fremdwörter generell verwendet wurde (vgl. 2010: 374). Neben einigen hurritischen Glossenkeilwörtern führt Yakubovich das Beispiel eines mit Glossenkeil versehenen hethitischen Wortes an, was beide seiner Behauptungen unterstreicht: heth. sākuwa ‚Augen‘ ist zwar ein genuin hethitisches Wort, wird jedoch mit Glossenkeil versehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des hethitisch-luwischen Sprachkontakts ein und skizziert den Forschungsstand sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. Der anatolische Sprachzweig: Hier werden die verschiedenen Einzelsprachen des anatolischen Sprachzweiges vorgestellt und ihre dialektologische Einordnung sowie Verwandtschaftsverhältnisse diskutiert.
3. Sprachstufen des Hethitischen: Dieses Kapitel erläutert die chronologische Einteilung der hethitischen Sprache in alt-, mittel- und junghethitische Perioden und thematisiert die damit verbundenen Sprachveränderungen.
4. Luwisch und seine Dialekte: Der Abschnitt widmet sich der Unterscheidung und Einordnung des Keilschriftluwischen und Hieroglyphenluwischen sowie der Diskussion über deren dialektale Varianten.
5. Sprachkontaktphänomene Hethitisch-Luwisch: Dieses Hauptkapitel analysiert die verschiedenen sprachlichen Kontaktphänomene, unterteilt in prähistorische, mittelhethitische und junghethitische Zeiträume.
5.1. Sprachkontaktphänomene in prähistorischer und althethitischer Zeit: Das Kapitel untersucht frühe Lehnwörter und Fremdwörter im Althethitischen, die auf einen frühen Kontakt der Sprachen hindeuten.
5.2. Sprachkontaktphänomene in mittelhethitischer Zeit: Hier wird der schleichende Synkretismus im Kasussystem des Hethitischen und die Angleichung an luwische Strukturen untersucht.
5.3. Sprachkontaktphänomene in junghethitischer Zeit: Fokus liegt auf dem Gebrauch des Glossenkeils, Luwismen und soziolinguistischen Prozessen wie Code-Switching in der Hauptstadt.
6. Fazit: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Bedeutung des luwischen Einflusses auf die hethitische Sprache und Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Hethitisch, Luwisch, Sprachkontakt, Anatolische Sprachen, Glossenkeil, Morphologie, Sprachwandel, Ḫattuša, Bilingualismus, Code-Switching, Lehnwörter, Keilschrift, Hieroglyphenluwisch, Indogermanistik, Sprachgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Sprachkontakt zwischen den indogermanischen Sprachen Hethitisch und Luwisch im bronzezeitlichen Anatolien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Einordnung der anatolischen Sprachen, die grammatikalischen Angleichungen zwischen Hethitisch und Luwisch sowie soziolinguistische Phänomene in der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum hethitisch-luwischen Sprachkontakt, mit besonderem Fokus auf die junghethitische Periode.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philologische und kontaktlinguistische Analyse auf Basis aktueller Fachliteratur und der Auswertung von Primärtexten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Sprachkontaktphänomene in der prähistorischen, mittelhethitischen und junghethitischen Zeit detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hethitisch, Luwisch, Sprachkontakt, Glossenkeil, Bilingualismus und Sprachwandel.
Was ist die Rolle des Glossenkeils?
Der Glossenkeil markiert in hethitischen Texten ungewöhnliche Wörter, oft luwischen Ursprungs, wobei seine genaue Funktion in der Forschung kontrovers diskutiert wird.
Wie erklärt die Forschung die Angleichung der Sprachsysteme?
Die Forschung, etwa durch Rieken oder Yakubovich, sieht die Angleichung der Paradigmata und den Vokalwandel als Indiz für einen massiven luwischen Einfluss und ein bilinguales Umfeld in Ḫattuša.
- Quote paper
- Patrick Noske (Author), 2018, Hethitisch-luwischer Sprachkontakt mit Fokus auf die junghethitische Periode, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470220