Die deutschen Rechtschreibreformen 1996 und 2006. Historische Entwicklung und kritische Auseinandersetzung


Hausarbeit, 2019
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Entwicklung der Rechtschreibung
2.1.1 Frühneuhochdeutsch
2.1.2 Neuhochdeutsch

3 Die Rechtschreibreformen im Vergleich

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Rechtschreibreformen des Deutschen unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung der Rechtschreibung. Dabei stehen die gravierendsten Änderungen im Vordergrund, um einen groben Überblick über die Reformen zu verschaffen. Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit den beiden Rechtschreibreformen sowie Vor- bzw. Nachteile dieser zu ergründen und der Frage nachzugehen, ob die aktuell gültige Reform eine Verbesserung der ersten darstellt. Dabei sollen Probleme berücksichtigt werden, die eine Reform der Rechtschreibung mit sich bringt. Doch bevor man überhaupt die deutsche Rechtschreibung reformieren kann, bedarf es zuerst einmal einer normgerechten Schreibung. Aus diesem Grund ist es wichtig zu eruieren, welche historischen Ereignisse Auslöser dafür waren, eine deutsche Standardsprache einzuführen. Dass Sprache sich im Laufe der Zeit ändert, dürfte den meisten geläufig sein. Wolff (2004, S. 28) postuliert, dass der Begriff der „[…] ‚Veränderung‘ eine quantitative Kategorie [sei], die dem dynamischen Charakter von Sprache nicht gerecht werden kann.“ Treffender wäre es von „Sprachwandel“ zu sprechen, da dieser „[…] die schon geordnete ‚Vielfalt der ständig verlaufenden Prozesse der Umgestaltung, des Verlusts und der Neubildung sprachlicher Elemente‘ […] [bezeichne].“ (ebd.) Was wäre nun, wenn Menschen ein und desselben Landes, aber aus unterschiedlichen Regionen, sich nicht verstehen, weil sich ihre Sprache auseinanderentwickelt hat? Tatsächlich gab es in der althochdeutschen Zeit bereits verschiedene Stammesdialekte wie Alemannisch, Bairisch, Thüringisch etc. Die sogenannte Stammbaumtheorie geht davon aus, dass es einen „Hauptstamm“ (Wells 1990, S. 7) gäbe, aus dem sich Sprachvarietäten ableiteten, „weiter teilten und verzweigten.“ (ebd.) Die vielen verschiedenen Dialekte erschwerten umso mehr die Entstehung einer übergreifenden Schrift- und Sprachnorm. Nun gab es jedoch viele Indikatoren, die vermehrt zur Herausbildung einer deutschen Standardsprache führten. Deutsch entwickelte sich zur „ Literatursprache […] für die sich allmählich feste Schreibkonventionen [herausbildeten] und die gleichberechtigt neben die Kultursprache Latein [trat].“ (Wolff 2004, S. 75.) Die damaligen Bürger verstanden sich zunehmend als zusammengehörig, was die „[…] Entstehung eines deutschen Kulturbewußtseins […]“ (ebd.) begünstigte sowie dazu führte, dass das „Stammesdenken“ (ebd.) sich zurückentwickelte und die verschiedenen Varietäten sich langsam anpassten. Mittelhochdeutsche Sprache sei im Gegensatz zur althochdeutschen „[…] besonders geeignet, uns das Phänomen des Sprachwandels vor Augen zu führen. Denn sie steht der Gegenwartssprache immerhin schon so nahe, daß sie auch einem Laien als deutsch erscheint.“ (S. 77.) Trotz erster Anzeichen wäre es in dieser Epoche der Sprachgeschichte allerdings noch verfrüht von einer überregionalen Volkssprache zu reden.

2 Historische Entwicklung der Rechtschreibung

Nun könnte man sich die Frage stellen, warum es denn eigentlich ein normgerechtes Schrifttum nicht schon eher gegeben hat. Ein Ausblick in die deutsche (Sprach)Geschichte vermag Aufschluss darüber geben, warum es so schwer war und dennoch für nötig empfunden wurde, sich auf eine einheitliche Schreibung zu einigen. Die Sprachstufe, in der eines der wichtigsten Ereignisse überhaupt stattfand, ist die frühneuhochdeutsche.

2.1.1 Frühneuhochdeutsch (Fnhd.)

Das Frühneuhochdeutsche beschreibt die Zeit zwischen 1350 und 1650. Viele Faktoren dieser Zeit führten dazu, dass sich nach und nach eine allgemeine Mundart entfaltete. Beispielsweise „der Niedergang der kaiserlichen Zentralgewalt, der Aufschwung der Städte und eine 2. Phase der Ostkolonisation.“ (Besch 2014, S. 105.) Zudem kam es zur Gründung von Universitäten und zur Herausbildung von regionsübergreifenden Schreib- und Verkehrssprachen, da Handelsbeziehungen sich mehr und mehr entwickelten. Spätestens 1534 mit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche, welche sich rasch verbreitete, wurde gleichzeitig eine deutsche Sprache distribuiert, die viele Menschen entfernter Regionen erreichte.

„Nach vorsichtigen Schätzungen waren etwa eine halbe Million Lutherbibeln im Umlauf, bezogen auf etwa 12-15 Millionen Einwohner damals. Diese Auflagenzahl ist gewaltig im Vergleich zur Textproduktion im Mittelalter und lässt auch bereits die unerhörte soziale Breitenwirkung für die damalige Zeit erahnen.“ (S. 57.)

Man sieht, dieser Umstand wird heute als großer Einfluss auf die deutsche (Schrift)Sprache gesehen. Selbst der Druck der niederdeutschen Fassung wurde gegen Ende der Epoche eingestellt und die Übersetzung Luthers gelesen (vgl. ebd.). Zunächst musste man allerdings sogar in nicht allzu weit entfernten Regionen noch Worterläuterungen hinzufügen, da man selbstverständlich nicht überall alles auf Anhieb verstand. Über die Jahre hinweg etablierte sich das luthersche (wittenbergische) Deutsch, das dem ostmitteldeutschen Raum zuzuordnen ist. Die wittenbergischen Aspekte Luthers wurden somit Stück für Stück übergreifend der jeweiligen Varietät angeglichen bzw. übernommen (vgl. S. 33 ff.). Seitens der Verleger betont Hill (2013, S. 115), dass die Dialekte absichtlich vermieden worden sind, um eine breitere Masse zu erreichen und somit mehr Einheiten zu verkaufen. Dass dies die Entstehung einer regionsübergreifenden, einheitlichen Sprache vorantreibt, war ihnen zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht bewusst. Ein weiterer wesentlicher Punkt war die Großschreibung einiger Substantive. Dabei ist Deutschland heute noch die einzige Sprache mit Substantivgroßschreibung. Diesen Stein brachte ebenfalls Luther ins Rollen. Zunächst waren es nur personenbezogene Substantive wie Namen oder verehrungsvolle, die für etwas sakrales stehen, wie Gott, Maria, Christ etc. Ziel hierbei war eine besondere Hervorhebung dieser Wörter (vgl. Polenz 2000, S. 176). Die Großschreibung der Substantive ist erwiesenermaßen eine gute Lese- und Orientierungshilfe, somit legte Luther bereits im 16. Jahrhundert ein orthographisches Fundament, da es heute fester Bestandteil der deutschen Orthographie ist.

Neuhochdeutsch (Nhd.)

Ab 1650 redet man heutzutage von der neuhochdeutschen Zeit. Diese Zeit ist geprägt vom Weg zur modernen Massengesellschaft dank „[…] Industrialisierung, Urbanisierung Modernisierung, Demokratisierung und Ideologisierung.“ (Wolff 2004, S. 182.) Deutschland erlebte ein zunehmendes Wirtschaftswachstum, die Bevölkerung nahm rasant zu und so entstanden immer mehr Großstädte. „Um 1850 wohnen im Reichsgebiet ca. 35 Millionen Menschen, 1870 ca. 41 Millionen, 1913 bereits 67 Millionen, davon über 21 % in Großstädten.“ (S. 183.) Durch großräumige Kommunikation und bessere Bildungschancen bildete sich eine Standardsprache. Scheinbar forderte eine normgerechte Schreibung erst einmal diese Rahmenbedingungen, denn 1871 nach Reichsgründung war es endlich soweit: Man wollte sich auf eine regelhafte Rechtschreibung einigen. Die Idee einer Orthographie bestand zwar vereinzelt schon Mitte des 17. Jahrhunderts (vgl. Wolff 2004, S. 143), allerdings fehlte es sehr wahrscheinlich einfach an den eben genannten Rahmenbedingungen. Es dauerte 5 Jahre bis 1876 schließlich die 1. Orthographische Konferenz in Berlin stattfand. Zugegen waren 14 Personen aus unterschiedlichen Regionen. Darunter „[…] Germanisten, Schulleute, Verleger und Ministerialbeamte.“ (Besch 2014, S. 160.) Die Konferenz basierte auf den von „Rudolf von Raumers 1875 vorgelegten Vorschläge[n].“ (ebd.) Seine Vorschläge beinhalteten u. a. die Streichung einiger Vokalverdopplungen, die Regelung der Schreibung von s-Lauten oder die Schreibung von Fremdwörtern. Die Konferenz blieb aufgrund von Unstimmigkeiten zunächst erfolglos. Womöglich weil die Differenzen des Deutschs der Konferenzteilnehmer so hoch waren, dass sie sich nicht einig werden konnten. Ossner schrieb 2010 dazu: „Es ging um einen Richtungsstreit auf der Grundlage eines Usus, der sich in den vergangenen 300 Jahren herausgebildet hatte.“ (S. 46.) Der Stammbaumtheorie zufolge gab es unter den Teilnehmern also vermutlich zu große Differenzen. Duden, der ebenfalls Teilnehmer der Konferenz gewesen ist, ergriff die Eigeninitiative und veröffentlichte 1880 ein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ (ebd.), welches rund 27.000 Stichwörter umfasste. Die „Deutsche Bühnenaussprache“ im Jahre 1898 von Theodor Siebs sollte die deutsche Aussprache regeln. Es handelte sich um die Vorstellung einer deutschen Hochsprache. Adelungs Regel „Schreib, wie du sprichst“ sollte verworfen werden und „das etymologisch-historische Prinzip J. Grimms“ (S. 185) ebenso. „Erst 1901 konnten sich die verschiedenen Lager und Ländervertreter auf ein schmales Regelwerk von gerade einmal 26 Paragraphen einigen (2. Orthographische Konferenz).“ (S. 46.) Beispielsweise wurde die Schreibung von h nach t wie in Thron sowie h nach p wie in Photographie gestrichen und im gesamten deutschsprachigen Raum so vereinbart. Außerdem ging es um die Ersetzung von c durch k oder z wie bei Casse bzw. Medicin. Bei der Vielzahl an Seiten, Ausgaben und Bänden verschiedener Wörterbücher heute, erscheinen die 26 Paragraphen jedoch geradezu mickrig. Dies verdeutlicht, welch schwere Aufgabe es eigentlich war und ist, einheitliche Regeln zur Rechtschreibung aufzustellen; gerade, wenn man die historische Komponente berücksichtigt. Die Arbeiten von Duden und Siebs wurden nach dem Fehlschlag der 1. Orthographischen Konferenz in Schulen übernommen und galten daher als maßgeblich. Die 7. Auflage Konrad Dudens von 1902 berücksichtigte dann schon die Paragraphen der 2. Orthographischen Konferenz und wurde somit als verbindliches Wörterbuch angesehen. Allerdings propagierte Duden (1902) selbst im Vorwort dieser Ausgabe, „[d]aß die so entstandene ‚deutsche Rechtschreibung‘ weit davon entfernt ist, ein Meisterwerk zu sein, das weiß niemand besser, als wer daran mitzuarbeiten berufen war.“ Dass Bereiche wie beispielsweise die Groß- und Kleinschreibung nur recht lückenhaft und nicht geregelt waren, zeigt Duden (1903) wieder bereits im Vorwort: „»In zweifelhaften Fällen, schreibe man mit kleinen Buchstaben«“, wo er sich auf die Substantivgroßschreibung bezieht. Heute würde man in Grenzfällen eher zur Großschreibung tendieren, da das bei Substantiven in der Regel der Fall ist.

3 Die Rechtschreibreformen im Vergleich

Bis dato gab es 2 Rechtschreibreformen: 1996 die erste und 2006 die zweite. Dieses Kapitel beschäftigt sich lediglich mit den gravierendsten Änderungen der beiden Reformen, die hier nachfolgend aufgelistet werden sollen. Die erste Rechtschreibreform wurde 1994 auf der Wiener Orthografiekonferenz veranlasst und löste somit die Ergebnisse der 2. Orthographischen Konferenz von 1901 ab. Die 1901 entstandenen Paragraphen waren teilweise nicht mehr vereinbar mit den Wörterbüchern Dudens (vgl. Nerius 1996, S. 3). Aus diesem Grund war es an der Zeit eine umfassende Rechtschreibung zu bestimmen. Was mit in den Blick genommen wurde, war die Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Interpunktion. Im Vordergrund stand die Vereinfachung der Orthographie, um die Schriftsprache zugänglicher für die breite Masse zu machen. Kritiker waren jedoch der Ansicht, dass man den Menschen nur das Lesen erschwere oder es gar zum „Kulturbruch“ (S. 9) käme. Des Weiteren beäugten sie den Kosten-Nutzen-Faktor kritisch (vgl. ebd.).

„Während zunächst vor allem Veränderungswünsche in den Laut-Buchstaben-Zuordnungen im Vordergrund standen, rückten später Änderungsvorschläge zu anderen orthographischen Teilgebieten in den Mittelpunkt, so insbesondere zur Groß- und Kleinschreibung, aber auch zur Getrennt- und Zusammenschreibung, zur Worttrennung und zur Interpunktion.“ (ebd.)

Einheitliche Regeln für die Getrennt- und Zusammenschreibung zu finden gestaltet sich schwierig, da es etliche Kombinationsmöglichkeiten unter Berücksichtigung der Menge an verschiedenen Wortarten und Aussageabsichten gibt. Als klassisches Beispiel gilt sitzen bleiben (auf dem Stuhl) oder sitzenbleiben (nicht versetzt werden). Die Getrenntschreibung sollte aber, ganz nach dem lexikalischen Prinzip, den Normalfall darstellen. „Generell soll eine konsequente Getrenntschreibung gelten. Die Zusammenschreibung ist die Ausnahme. Deshalb muss eigentlich nur sie geregelt werden.“ (Kurz 1996, S. 28.) Großgeschrieben werden sollte u. a. bei Wortbestandteilen, die nicht selbstständig vorkommen können, wie bei weitläufig. Bei einer Erweiterung musste hingegen getrennt geschrieben werden, wie bei viele Jahre lang, als Erweiterung zu jahrelang oder wenn der erste Bestandteil einer Fügung eine verkürzte Wortart ergab: schlafwandeln. Insgesamt gab es wenig Fälle in denen zusammengeschrieben wurde, lediglich Verbindungen mit irgend- sollten fortan zusammengeschrieben werden (vgl. Nerius 1996, S. 46). Die Reform sah vor, künftig infinite Verben in Verbindung mit einem weiteren Verb wie im klassischen Beispiel oben, getrennt zu schreiben, ungeachtet der Aussageabsicht. Man konnte insgesamt viele Verben, Adjektive usw., die mit jeweils anderen Wortarten zusammengefügt wurden, getrennt schreiben, ohne einen Fehler zu machen (vgl. ebd. f.). Einen Spezialfall stellte die Schreibung mit Bindestrich dar, die die Zusammenschreibung doch ermöglichte wie beispielsweise „[…] bei der Zusammenziehung freier syntaktischer Fügungen, z. B. das In-den-Tag-hinein-Leben.“ (S. 47.) Auch um die Aussageabsicht zu verdeutlichen, konnten Bindestriche genutzt werden: Tee-Ei statt Teeei. Nichtsdestotrotz gab es nach der Reform Grenzfälle, in denen man freie Wahl hatte: „ sodass – so dass, vonseiten – von Seiten […]“ (ebd.). Die Getrenntschreibung als Normalfall aufzufassen brachte eine zu große Verallgemeinerung und Begrenzung auf die Grammatik, wodurch Aussagen nur durch das reine Lesen manchmal nicht leicht zu verstehen waren, da die Semantik weitgehend außer Acht gelassen worden ist wie in folgendem Fallbeispiel: „Unsere Anna ist sitzen geblieben!“ Dem Rezipienten würde sich die Frage stellen, wo Anna denn sitzen geblieben ist. Auf dem Stuhl? Auf der Bank? Ebendiese Vernachlässigung der Semantik geriet stark in Kritik. Die nächste gravierende Änderung betrifft die Groß- und Kleinschreibung. Die damalige Neuregelung der Groß- und Kleinschreibung sah Großschreibung in folgenden Fällen vor: „Textanfänge […], Satzanfänge, Substantive, Substantivierungen, Eigennamen mit nicht substantivischen Bestandteilen sowie Ableitungen von Eigennamen, bestimmte feste nominale Wortgruppen mit nicht substantivischen Bestandteilen, Anredepronomen“ (S. 54). Jegliche Du-Formen wurden jedoch kleingeschrieben. Die Neuregelung steigerte die Häufigkeit der Großschreibung, gerade im Bereich der Scheinsubstantivierung: des weiteren (vorher) bzw. des Weiteren (nachher). In den meisten Bereichen blieb der Großteil soweit gleich, so wie bei den Eigennamen (Titel, Tier- und Pflanzenarten, besondere Kalendertage und historische Ereignisse). Die letzte gravierende Änderung betrifft die Interpunktion. Zu berücksichtigen ist, dass es nach der 2. Orthographischen Konferenz immer noch keine Regelung der Zeichensetzung gab. Diese sei „[e]rst im Zuge einer Verschmelzung der 8. Auflage von Dudens Wörterbuch mit der 2. Auflage seiner »Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache« […]“ (Duden 2000, S. 234) geregelt worden. Nach der ersten Reform gab es im Bereich der Zeichensetzung 3 Änderungen. Zum einen den Wegfall des obligatorischen Kommas zwischen gleichrangigen Teilsätzen, die mit Konjunktionen wie und, oder, beziehungsweise, sowie, wie, entweder … oder, sowohl … als auch etc. verbunden sind, was dem Schreiber die Vorsicht abverlangte, gleichrangige von nicht-gleichrangigen Teilsätzen zu unterscheiden. Zwischen Hauptsätzen musste bspw. teils weiterhin ein Komma gesetzt werden (vgl. Duden 2006, S. 120). Zum anderen der Wegfall des obligatorischen Kommas bei Infinitiv- und Partizipgruppen, allerdings war ein Komma weiterhin nötig, wenn u. a. eine der „[…] Gruppen durch ein hinweisendes Wort angekündigt […]“ (Nerius 1996, S. 80) oder die jeweilige Gruppe durch eine Subjunktion eingeleitet wurde. Trotz des Wegfalls der obligatorischen Kommata, konnte weiterhin ein fakultatives gesetzt werden. Zuletzt ein eher umstrittener Punkt, und zwar, dass eine wörtliche Rede im Begleitsatz durch Komma getrennt werden soll, auch wenn die wörtliche Rede mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen endet. Vorher musste kein Komma gesetzt werden, wenn die wörtliche Rede mit Ausrufezeichen oder Fragezeichen schloss. Einerseits vereinfachte die neue Regel die Kommasetzung in dem Bereich, da man fortan einfach immer ein Komma setzen konnte, ohne zu schauen, ob die wörtliche Rede nun mit einem Ausrufe- oder einem Fragezeichen endet, andererseits war ein erhöhtes Maß an Konzentration bei der Einhaltung der Zeichenreihenfolge gefragt (vgl. Duden 2000, S. 238). Beim Trennen von Wörtern am Zeilenende wurde vor 1996 an beliebiger Stelle im Wort getrennt. „Die Trennung [wurde] damals in der Regel durch <=> markiert […]“ (S. 132). Nach der ersten Reform durfte man dann nach Sprechsilben trennen, so auch einzelne Buchstaben wie E-sel. Außerdem musste man künftig Wörter mit ck nicht mehr mittels kk am Zeilenende trennen, sondern ab ck in die nächste Zeile schreiben: Zu-cker statt Zuk-ker (vgl. S. 140). Dies erscheint einleuchtend, da ck ein und demselben Phonem entspricht bzw. einem Konsonanten. Aber wenn man nun zum Beispiel Zucker in 2 Sprechsilben artikuliert, besteht die Gefahr, dass man sowohl am Endrand der ersten Silbe [k] als auch am Anfangsrand der zweiten Silbe [k] artikuliert, womit man wieder bei Zuk-ker wäre, statt des in einem gesprochenen ck (vgl. Duden 2006, S. 128 f.). Vor 1996 wurde einem in der Schule noch folgender Merksatz beigebracht: „Trenne nie das s vom t, denn es tut den beiden weh!“ Tatsächlich sah man folgende Trennung vor: We-ste. Was sehr verwirrend sein kann, denn sp zum Beispiel wurde schon damals getrennt: Wes-pe. (vgl. Langenscheidt 2006, S. 22 [a]). Seit 1996 konnte man dann auch st trennen, was mehr als gerechtfertigt ist. Auch die Trennung von Fremdwörtern war nach der ersten Rechtschreibreform noch recht kompliziert, da man sie der jeweiligen Herkunft der Sprache entsprechend trennen musste wie „ Heliko-pter “ (S. 23). Einige Fremdwörter durfte man allerdings schon der Sprechsilbe nach trennen, wenn sie eine scharfe Silbengrenze hatten (vgl. Duden 2000, S. 141). Nun soll der Blick auf die zweite Rechtschreibreform von 2006 gewendet werden. Aufgrund erhöhter Kritik, wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung im Jahre 2004 zur Neuregelung der Rechtschreibung einberufen. Die Neuregelung war nach Beschluss der Kultusministerkonferenz ab dem 01.08.2006 verbindlich. Im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung wurde berechtigterweise die Idee verworfen, dass die Getrenntschreibung der Normalfall ist, da die Grammatik teilweise sehr stark von der Semantik abhängt. Oder anders ausgedrückt: Die Semantik determiniert in manchen Fällen die Grammatik. Folglich ist sitzenbleiben sehr wohl wieder eine berechtigte Schreibweise aufgrund der idiomatisierten Bedeutung und somit von sitzen bleiben abzugrenzen, denn Verbindungen mit den Verben bleiben oder lassen sind seit 2006 bei einer übertragenen Bedeutung zusammenzuschreiben und bei einer wörtlichen getrennt. Dies neutralisiert das eben vorgestellte Problem des Fallbeispiels und der Satz würde vermutlich wie folgt lauten: „Unsere Anna ist sitzengeblieben!“ Die Aussage wäre klar formuliert und somit dem Rezipienten ohne weitere Informationen einleuchtend. Das ist eine wesentliche Änderung in der Getrennt- und Zusammenschreibung, denn es gab Tendenzen die Regeln von vor 1996 wieder aufzugreifen und der Semantik wieder mehr Bedeutung zu schenken. Ansonsten ist die getrennte Schreibweise oftmals noch vorherrschend, es gibt jedoch hin und wieder Abweichungen. Zum einen die bereits erwähnte idiomatisierte Bedeutung, zum anderen einige Abweichungen bei einzelnen Wortverbindungen. Bei der Verbindung Verb + Substantiv wird zum Beispiel in aller Regel getrennt geschrieben. Wenn das Substantiv nun aber seine substantivischen Merkmale verliert, muss zusammengeschrieben werden: leidtun, teilnehmen (vgl. Duden 2006, S. 38). Zusammenschreibung erfolgt außerdem auch bei 2 Adjektiven, wenn das erste Adjektiv das zweite verstärkt wie bei stinksauer. Hier könnten einem Laien, der in der Wortartenlehre nicht besonders bewandert ist, einige Probleme aufkommen, da beispielsweise sehr ebenfalls eine verstärkende Wirkung hat und es leicht zu Schreibungen wie sehrblöd kommen könnte, was falsch ist, da sehr der Wortart nach ein Adverb ist. Insgesamt betrachtet ist es aufgrund von Abweichungen und Grenzfällen teilweise immer noch schwierig der richtigen Schreibung nachzukommen. Fuhrhop benennt für die Zweifelsfälle zwei Prinzipien mit denen man Zusammenschreibung erkennen kann: „Das Wortbildungsprinzip“ und „Das Relationsprinzip“ (2009, S. 54). Geht es nach dem Wortbildungsprinzip, so schreibt man zusammen, wenn es aufgrund von Wortbildung zu einer Verbindung kommt (vgl. ebd.). Das Relationsprinzip prüft „[i]n der konkreten syntaktischen Umgebung […], ob die beiden nebeneinanderstehenden Wörter als zwei getrennte syntaktische Einheiten möglich sind oder nicht.“ (ebd.) „Hier hilft nun die Stärke der Prinzipien. Handelt es sich um typische Wortbildungen oder nicht? Ist die syntaktische Relation eine strukturell entscheidende oder nicht?“ (S. 80.) Die Groß- und Kleinschreibung sieht Großschreibung seit 2006 in folgenden Fällen vor: Eigennamen, Idiomatisierte Bedeutung, Fachsprachliche Bezeichnungen, Besondere Kalendertage, Historische Ereignisse, Amts- und Funktionsbezeichnungen und Ehrenamtsbezeichnungen. Im Gegensatz zur ersten Reform, kann man im Bereich der Anredepronomen in Briefen auch wieder jegliche Du-Formen großschreiben, muss es aber nicht. Sie-Formen werden hingegen immer großgeschrieben, sprich auch in E-Mails oder dergleichen (vgl. Langenscheidt 2006, S. 34 [b]). Alles in Allem ist die Groß- und Kleinschreibung recht übersichtlich, einige Fallen stellen weiterhin die Desubstantivierungen dar, wenn Montag beispielsweise zu montags wird. Zudem gibt es beliebte Fehler, wenn Präpositionen gleichlautend mit Substantiven sind wie zeit, willen, dank, kraft. So könnte folgende falsche Schreibweise entstehen: „Mein Opa hatte Zeit seines Lebens stets ein Lächeln auf dem Gesicht.“ Im Bereich der Interpunktion ist es seit 2006 so, dass nun auch zwischen Hauptsätzen kein Komma mehr stehen muss, was insofern eine Vereinfachung darstellt, als dass nun nicht mehr konkret zwischen Haupt- und Nebensatz unterschieden werden muss. Das Komma darf aber weiterhin zur Verbesserung der Lesbarkeit gesetzt werden. Die Grundregel für die Worttrennung am Zeilenende ist nach wie vor, dass Wörter der Sprechsilbe nach getrennt werden. Allerdings wird seit 2006 st ohne Ausnahme am Zeilenende getrennt wie bei Fens-ter. „Stehen mehrere Konsonantenbuchstaben hintereinander, dann kommt der letzte in der Reihe auf die neue Zeile. […] Karp-fen, leug-nen, mod-rig, […] sit-zen.“ (Duden 2006, S. 128.) Schließlich durfte man fortan alle Fremdwörter entweder nach der Regel der jeweiligen Sprache trennen oder silbenbasiert wie bei deutschen Wörtern, als Beispiel kann man hier das Wort Pädagogik nehmen: „ Pä-dagogik “ bzw. „ Päd-agogik “ (Langenscheidt 2006, S. 23 [b]). Durch diese Regel wird eine relativ große Variationsbreite geschaffen, was dazu führt, dass die Fehlerzahl minimiert wird. Wenn Fremdwörter mit einem Konsonanten in Verbindung mit l, n, oder r vorkommen, gibt es die zusätzliche Regelung, dass „entweder vor dem letzten Konsonanten getrennt [wird], oder sie kommen ungetrennt auf die neue Zeile.“ (Duden 2006, S. 130.) All diese Änderungen verdeutlichen die anfängliche Aussage, dass Sprache sich in einem Prozess des Wandels befindet. Und ebenso wie Sprache, befindet sich die Schriftsprache in einem Prozess des Wandels. Nicht nur Defizite durch die verschiedenen Varietäten müssen neutralisiert werden, immer neue Einflüsse von Anglizismen etc. bedürfen ebenfalls einer Normorientierung oder Eindeutschung. Vergleichend lässt sich sagen, dass anfängliche Änderungen verworfen und ältere Aspekte, die vor der ersten Reform galten, wieder aufgenommen wurden. Die Reform von 2006 scheint an sich durchschaubar, die größten Hindernisse mag u. a. die Getrennt- und Zusammenschreibung bürgen, da sie ein sehr breitgefächerter Bereich ist und mit ihren Grenzfällen viel Verwirrung stiften kann. Besonders lückenhaft ist die Regelung, dass man entweder kennen lernen oder kennenlernen schreiben kann, wobei beide Schreibweisen in der Bedeutung nicht differieren. Dabei lautet die Regel, dass getrennt geschrieben werden muss, es sei denn, es liegt eine idiomatisierte Bedeutung vor (vgl. Langenscheidt 2006, S. 23 f.). Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist aber seit jeher ein schwieriger Bereich, nicht nur seit 2006. Im Gegenteil: Seit der zweiten Reform ist die Getrennt und Zusammenschreibung eher leichter als noch zu Zeiten der ersten Reform. Dies liegt u. a. an neuen Hilfen wie die oben genannten von Fuhrhop. Fuhrhop meint auch: „Es hat sich gezeigt, dass sich die Zweifel mit der Getrennt- und Zusammenschreibung in Grenzen hielten, mit der ersten Rechtschreibreform sind sie allerdings explodiert […]“ (2009, S. 80). Aber auch die Kommasetzung bereitet, trotz Bemühungen der Erleichterung, weiterhin große Schwierigkeiten:

„Zeichensetzungsfehler, insbesondere Verstöße gegen die Kommaregeln […], stehen an der Spitze von Fehleranalysen. Die Hälfte der Fehler in Abschlussaufsätzen von Realschülern und etwa zwei Drittel der Fehler in Abituraufsätzen entfallen auf diesen Rechtschreibfall. Es scheint so, als erhöhe sich die Fehlerquote mit zunehmendem Anteil der Übungen im Unterricht.“ (Duden 2006, S. 434.)

Gut möglich, dass es eventuell auch einfach seine Zeit braucht, bis man sich an die Änderungen gewöhnt. Die letzte Reform liegt 12 Jahre zurück und es scheint ruhiger um die Diskurse über die deutsche Orthografie zu werden. Zwischen der ersten und zweiten Reform liegen gerade einmal 10 Jahre und die vorzufindende Literatur sowie die Debatten über die Reformen sind nur ein paar Mausklicks entfernt. Man könnte annehmen das seien Indizien dafür, dass die Neuregelung langsam angekommen ist, zumal jüngere Generationen von vornherein mit ihr aufwachsen und es somit für sie gang und gäbe ist. Unter Berücksichtigung der herausgearbeiteten Aspekte lässt sich schließlich sagen, dass die zweite Reform ausgereifter wirkt, da man Fehler und Irrtümer der ersten herausfiltern und beseitigen konnte, so wie die Tatsache, dass der Semantik ab der zweiten Reform rückwirkend wieder mehr Beachtung geschenkt wurde, was im Alltag und bei der immer schneller werdenden Kommunikation mehr als hilfreich erscheint, da so die Absicht eines Sprechers bzw. Senders schneller vermittelt werden kann. Kunze (2002, S. 30) schrieb diesbezüglich im Zuge der ersten Rechtschreibreform:

„Das Wort besitzt eine Aura, die aus seinem Schriftbild, seinem Klang und seinen Assoziationen besteht, die es in uns hervorruft, und je wichtiger und gebräuchlicher ein Wort ist, desto intensiver und prägender ist diese Aura. Wer sie zerstört, zerstört etwas in uns[.] […] Wird man also ständig mit Wörtern konfrontiert, deren Aura zerstört ist, weil sie zerschnitten sind (»weit gehend« statt »weitgehend«), weil sie so, wie sie jetzt geschrieben werden, anders klingen (»Anders Denkende« statt »Andersdenkende«) oder weil man ihnen eine Packung von drei »s« verpaßt und ihnen dann eine Spreizstange eingezogen hat (»Fluss-Senke«), dann ist die Wahrnehmung dieser Zerstörung jedesmal ein Mikrotrauma, eine winzige psychische Läsion, was auf die Dauer entweder zu Sprachdesensibilisierung, Abstumpfung und Resignation oder zu zunehmend unfreundlichen Gefühlen denen gegenüber führt, die das alles ohne Not verursacht haben.“ (S. 30.)

Kunze übt sehr harte Kritik daran, dass man ehemals gebräuchliche Schreibungen von Wörtern einfach umändert, ohne sich der Folgen bewusst zu werden. Dass man gar psychische Schädigungen erleiden könne, verdeutlicht seine Leidenschaft für das Geschriebene, und er fühlt sich womöglich seiner Freiheit beraubt, Wörter so zu schreiben, dass sie der Aussageabsicht gerecht werden. Mit der zweiten Reform hat man diese Freiheit wiedererlangt, sodass man wie in Kunzes Beispiel auch wieder weitgehend schreiben kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die deutschen Rechtschreibreformen 1996 und 2006. Historische Entwicklung und kritische Auseinandersetzung
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V470451
ISBN (eBook)
9783668954892
ISBN (Buch)
9783668954908
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktionen der Orhtographie, Orthographiereform, Orthografiereform, Rechtschreibreform, Reform 1999, Reform 2006, Sprachgeschichte, Frühneuhochdeutsch, Martin Luther, Ostmitteldeutsch, Dialekte
Arbeit zitieren
Oliver Eisner (Autor), 2019, Die deutschen Rechtschreibreformen 1996 und 2006. Historische Entwicklung und kritische Auseinandersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470451

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