Ausgehend von Statistiken, die eine soziale Benachteiligung übergewichtiger und adipöser Menschen belegen (in dieser Arbeit gemessen am BMI) wird in der Hausarbeit der Frage nachgegangen, welche sozial-strukturellen Kriterien ein dick-machendes Verhalten fördern und inwiefern das Selbst- und Fremdbild durch die heutige Leistungsgesellschaft geprägt wird beziehungsweise diese auch prägt.
Während äußere Merkmale wie zum Beispiel Hautfarbe, Geschlecht oder Körpergröße genetisch bedingt sind und etwaige negative Zuschreibungen ausschließlich sozial konstruiert sind, wird dies bei adipösen Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft differenziert betrachtet. Hier wird sowohl im direkten Kontakt, von Institutionen aber auch im Selbstbild im Zusammenhang mit sozialen Benachteiligungen oft der Ausspruch "Selbst schuld!" verwendet. Die oder der Betreffende bräuchte doch nur gesünder und weniger essen und mehr Sport betreiben und schon wäre das Problem behoben. Wenn diese Personen dies nicht "wollten" und dadurch ein gesundheitsgefährdendes Verhalten aufweisen würden, dann sei auch eine Benachteiligung gerechtfertigt.
In Beantwortung der Titel gebenden Frage "Selbst schuld?" wird der Zusammenhang zwischen den zu Grunde liegenden sozialen Bedingungen und der Wechselwirkung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung dargelegt sowie die gesellschaftlichen Hintergründe und Ursachen für die gegen dicke Menschen gerichteten Vorurteile beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Leistungsgesellschaft und soziale Gerechtigkeit
3. Grundlegende Theorien zur Einordnung des Themas
3.1 Habitus und Geschmack (Bourdieu)
3.2 Scham in der Zivilisationstheorie (Elias)
4. Wahrnehmung des Dickseins
4.1 Selbstwahrnehmung
4.2 Fremdwahrnehmung
5. Selbst schuld?
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den sozialen Status „dicker“ Menschen in der modernen Leistungsgesellschaft. Das primäre Ziel ist es, die sozialstrukturellen Kriterien zu identifizieren, die ein dickmachendes Verhalten fördern, und zu analysieren, wie sich das durch die Leistungsgesellschaft geprägte Selbst- und Fremdbild auf die Diskriminierung dieser Personengruppe auswirkt.
- Analyse der Leistungsgesellschaft im Kontext sozialer Gerechtigkeit.
- Theoretische Einordnung durch Pierre Bourdieu (Habitus und Geschmack) und Norbert Elias (Zivilisationstheorie).
- Untersuchung der psychologischen und sozialen Folgen der Selbst- und Fremdwahrnehmung bei Übergewicht.
- Kritische Beleuchtung des gesellschaftlichen Diskurses um Eigenverantwortung („Selbst schuld?“) und Lookism.
Auszug aus dem Buch
ad a) Typisierung in dick oder dünn
Auch wenn das Empfinden, was man unter dick oder dünn zu verstehen hat von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich sein kann und zwar sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdwahrnehmung, nehmen die Jugendlichen ausgehend von ihrem eigenen Körpergefühl eine Typisierung der Körper in dick oder dünn vor. Dabei wird die Kategorie „dünn“ mit „normal“ gleichgesetzt und nicht näher darauf eingegangen. Hingegen werden die zur Kategorie „dick“ gehörenden Menschen von den Jugendlichen als solche dargestellt, die abwertend beurteilt und ausgegrenzt werden. In diesem Zusammenhang verwenden die Jugendlichen bei der Diskussion oft eine „Expertensprache“, sprechen z.B. allgemein über Mobbing usw. um eigene Erlebnisse nicht preisgeben zu müssen (vgl. ebd. 52ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung nach dem sozialen Status „dicker“ Menschen in der Leistungsgesellschaft ein und erläutert die methodische sowie terminologische Herangehensweise der Arbeit.
2. Leistungsgesellschaft und soziale Gerechtigkeit: Hier wird der Begriff der Leistungsgesellschaft definiert und der Zusammenhang zwischen dem Leistungsprinzip und unterschiedlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit beleuchtet.
3. Grundlegende Theorien zur Einordnung des Themas: In diesem Kapitel werden die soziologischen Konzepte von Pierre Bourdieu (Habitus) und Norbert Elias (Zivilisation/Scham) herangezogen, um das Phänomen des Dickseins theoretisch zu verankern.
4. Wahrnehmung des Dickseins: Das Kapitel analysiert die Wechselwirkung von Selbst- und Fremdbild, insbesondere anhand einer Studie mit Jugendlichen, und erörtert Begriffe wie „lookism“.
5. Selbst schuld?: Hier werden die gesellschaftlichen Hintergründe, wie der Neoliberalismus und die moralische Forderung nach einem genormten Körper, als Ursachen für die Stigmatisierung und Vorurteile gegenüber dicken Menschen untersucht.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass gesellschaftliche Herabwürdigungen aufgrund des Körpergewichts ungerechtfertigt sind, da das Verhalten durch inkorporierte Habitus-Strukturen maßgeblich mitbestimmt wird.
Schlüsselwörter
Leistungsgesellschaft, soziale Ungleichheit, Habitus, Bourdieu, Zivilisationstheorie, Elias, Schamgefühl, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Stigmatisierung, Lookism, Körperbild, Diskriminierung, Adipositas, Moralunternehmer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den sozialen Status von Menschen, die als „dick“ klassifiziert werden, vor dem Hintergrund der heutigen Leistungsgesellschaft und der damit verbundenen Vorurteile.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind Soziologie des Körpers, soziale Ungleichheit, die Auswirkungen von Neoliberalismus auf die Selbstwahrnehmung sowie die Stigmatisierung aufgrund von äußeren körperlichen Merkmalen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu hinterfragen, inwieweit das gesellschaftlich verbreitete Urteil „Selbst schuld!“ bei Übergewicht gerechtfertigt ist und welche soziologischen Mechanismen dazu führen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch orientierte Hausarbeit, die soziologische Klassiker (Bourdieu, Elias) mit aktuellen Statistiken und Studien zur Selbst- und Fremdwahrnehmung verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen (Habitus, Scham), die empirische Wahrnehmung des Dickseins (bei Jugendlichen) und die politischen sowie moralischen Faktoren der gesellschaftlichen Diskriminierung analysiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie Leistungsgesellschaft, Stigmatisierung, Habitus, Körperbild und soziale Ungleichheit definieren.
Was versteht die Autorin unter einem „Moralunternehmer“?
Der Begriff beschreibt Akteure aus dem Gesundheitssystem, die sich legitimiert fühlen, moralische Bewertungen über den Lebensstil anderer zu treffen und das Übergewicht als individuelles Versagen zu deklarieren.
Warum spielt das Schamgefühl für die Betroffenen eine so große Rolle?
Das Schamgefühl ist eine Folge der gesellschaftlichen Stigmatisierung und der Internalisierung von Vorurteilen, die dem Betroffenen ein Versagen bei der Triebkontrolle und Disziplin unterstellen.
- Arbeit zitieren
- Andrea Dellitsch (Autor:in), 2019, Sind "dicke" Menschen selbst schuld? Der soziale Status adipöser Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470471