Wie lässt sich Objektivität in der Sozialforschung gewährleisten?


Hausarbeit, 2018
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gütekriterien für empirische Sozialforschung
2.1 Quantitative Sozialforschung und Gütekriterien
2.2 Qualitative Sozialforschung und Gütekriterien

3. Objektivität in der Sozialwissenschaft
3.1 Wissenschaftliche Objektivität
3.2 Sozialwissenschaft und Objektivität bei Max Weber
3.2.1 Werturteilsfreiheit
3.2.2 Idealtypen
3.2.3 Objektivität bei Weber

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit ist die steigende Bedeutung von qualitativer Sozialforschung. Ursachen für diese Entwicklung finden sich beispielsweise in der Globalisierung und damit einhergehenden Auswirkungen auf soziale Entwicklungen. Migration und eine Technologisierung des Lebens haben die Komplexität der sozialen Beziehungen erhöht. Neue Kommunikationsmöglichkeiten wie das Internet werfen gesellschaftliche Probleme auf, die zuvor nicht vorhanden waren.

Ein Problemfeld ist zum Beispiel die Radikalisierung von Jugendlichen über das Internet. Dieses Themenfeld beinhaltet die Problematik der Radikalisierung unter Jugendlichen, welche zwar auch vor dem Internetzeitalter bestand, aber nun durch neue soziale Interaktionsmöglichkeiten anderer Qualität ist und eine fast grenzenlose Reichweite besitzt.

Das genannte Beispiel lässt sich zum einen durch standardisierte Fragestellungen, welche einen festgelegten Relevanzbereich haben und durch die Ermittlung quantitativer Daten untersuchen. Eine andere Untersuchungsmöglichkeit bietet die Arbeit mit offenen Interviews nach der qualitativen Methodik, die zu unerwarteten Antworten und neuen Erkenntnissen führen kann. Die qualitative Sozialforschung sieht sich jedoch im Gegensatz zur quantitativen mit der Frage nach ihrer Wissenschaftlichkeit konfrontiert, da sie nicht auf standardisierte und wissenschaftlich etablierte Gütekriterien zurückgreifen kann (vgl. Flick, 2007, 189).

Das Problem der wissenschaftlichen Objektivität hat schon der deutsche Soziologe Max Weber 1904 in seinem Aufsatz mit dem Titel ‚Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis‘ erkannt und erörtert. Für die Bearbeitung der Leitfrage „Wie lässt sich Objektivität in der qualitativen Sozialforschung gewährleisten?“ wird insbesondere auf Standpunkte aus Webers Aufsatz Bezug genommen.

Zum näheren Verständnis werden zunächst die Gütekriterien und Eigenschaften der quantitativen und qualitativen Sozialforschung erläutert. Darauf folgt eine Definition der wissenschaftlichen Objektivität allgemein und folglich die Beschreibung von Objektivität in den Sozialwissenschaften im Sinne Max Webers. Diese Vorgehensweise soll dazu dienen eine Basis zum Verständnis der Objektivität im spezifischen Bezug auf Sozialwissenschaften zu bieten, anhand dessen die Kriterien für Objektivität in der qualitativen Sozialforschung erörtert werden sollen.

2. Gütekriterien für empirische Sozialforschung

In diesem Kapitel sollen zunächst die Begrifflichkeiten und theoretischen Besonderheiten von qualitativer und quantitativer Sozialforschung dargestellt werden. Die Definitionen der beiden Methoden dienen als Grundlage zum Verständnis der vorliegenden Arbeit und als Basis zur Differenzierung zwischen den beiden Forschungsansätzen und der Konzeption von Gütekriterien für Objektivität.

2.1 Quantitative Sozialforschung und Gütekriterien

Die quantitative Sozialforschung hat die Aufgabe Hypothesen über Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen an der Realität zu überprüfen (vgl. Raithel, 2006, 8).

Wie der Begriff quantitativ schon impliziert, befasst sie sich mit zählbaren Merkmalen eines Forschungsgegenstandes (vgl. Wagner et al., 2009, 214). Um quantitative Forschung betreiben zu können müssen aufgestellte Hypothesen operationalisiert und somit in messbare Komponenten überführt werden (vgl. Raithel, 2006, 8). Demzufolge setzt die quantitative Forschung vor Beginn einer Untersuchung überprüfbare Hypothesen voraus und erfordert umfangreiches Vorwissen als auch eine Eingrenzung des Untersuchungsfeldes. So lassen sich im Zusammenhang mit dem Beispiel der Radikalisierung von Jugendlichen durch quantitative Verfahren große Datensätze generieren, anhand derer die vorgefertigten Hypothesen überprüft werden können.

Die drei klassischen Gütekriterien in der quantitativen Forschung lauten Objektivität, Reliabilität und Validität (vgl. Diekmann, 2010, 247).

Objektivität ist in diesem Zusammenhang nur dann gegeben, wenn die Messung unabhängig von der Person des Forschenden ein immer wiederkehrendes Ergebnis hervorbringt (vgl. Diekmann, 2010, 249). Da in der quantitativen Forschung mit Zahlen gearbeitet wird, wird auch das Maß für Objektivität anhand eines Korrelationskoeffizienten gemessen. Ein Wert von 1 ist nur dann gegeben, wenn bei zwei Messungen dasselbe Resultat erzielt wird, während bei einer völligen Abweichung der Korrelationskoeffizient bei -1 liegt (vgl. Diekmann, 2010, 249).

Das Kriterium der Reliabilität, häufig auch als Zuverlässigkeit einer Messmethode bekannt, wird erfüllt, sofern die gewählte Methode unter den gleichen Untersuchungsbedingungen in einer Messwiederholung das gleiche Ergebnis misst.

Dies lässt sich anhand eines Thermometers veranschaulichen, da ein Thermometer nur dann hohe Reliabilität hat, wenn es bei einer gleichbleibenden Temperatur zuverlässig zum selben Ergebnis kommt (vgl. Diekmann, 2010, 250).

Das Kriterium der Validität setzt gute Kenntnisse über den Untersuchungsgegenstand voraus und soll sicherstellen, dass das gewählte Messinstrument tatsächlich das misst, was für die Untersuchung relevant ist (vgl. Diekmann, 2010, 257). Kommt man hierbei nochmal auf das Beispiel des Thermometers zurück, so lässt sich die Validität daran veranschaulichen, dass man die Intelligenz einer Person nicht mit diesem Messinstrument untersuchen kann.

Die Messung der Intelligenz erfordert daher spezielles Hintergrundwissen um eine zweckmäßige Messmethode wählen zu können.

2.2 Qualitative Sozialforschung und Gütekriterien

Die qualitative Sozialforschung zeichnet sich insbesondere durch die Eigenschaft aus, dass, „[…] der Mensch nicht nur ein Untersuchungsobjekt, sondern auch ein erkennendes Subjekt“ ist (Lamnek/Krell, 2016, 44).

Das Subjekt wird daher ganzheitlich untersucht, d.h. in einem spezifischen Kontext bzw. Bezugsrahmen. Es wird nicht auf einzelne Aspekte reduziert, wie es in der quantitativen Herangehensweise praktiziert wird (vgl. Mayring, 2016, 33). Kontextbezüge sind die Rahmenbedingungen, unter welchen die Untersuchung stattfindet, das heißt auch die Anwesenheit eines Forschers wird in den Prozess der Analyse eingearbeitet, da dieser Faktor ebenfalls einen Einfluss auf die Untersuchung hat.

Die Offenheit der qualitativen Methoden birgt jedoch auch die Schwierigkeit, dass der Forscher durch subjektive Einstellungen einen verzerrenden Einfluss auf das Forschungsergebnis hat und sozial erwünschte Antworten gegeben werden.

Die Stichprobengröße in der qualitativen Forschung ist in der Regel wesentlich kleiner, als es in der quantitativen Forschung der Fall ist, da die Untersuchung aufgrund ihrer offenen Herangehensweise umfangreicher ist (vgl. Lamnek/Krell, 2016, 16).

Allerdings liegt in der offenen Forschungsweise zugleich ihre besondere Stärke, da sie neue Erkenntnisse hervorbringen kann, zu denen die quantitative Methodik in diesem Maße, aufgrund ihrer standardisierten Konzeption, nur bedingt in der Lage ist.

Der Forscher ist in der qualitativen Forschung in einem Interaktionsprozess, da Informationen über den Untersuchungsgegenstand insbesondere über Kommunikation generiert werden und die Methodik an die Forschungssituation angepasst wird (vgl. Grohnfeldt, 2009, 125).

Das heißt, wenn unerwartete Erkenntnisse während des Untersuchungsvorgangs auftreten, kann der Forscher innerhalb der Forschungssituation darauf reagieren, indem er seine Untersuchungsmittel dem Gegenstand anpasst. An diesem Punkt zeigt sich auch der Vorteil der qualitativen gegenüber der quantitativen Sozialforschung, die aufgrund der standardisierten Verfahren sich nicht auf unerwartete Entwicklungen im Untersuchungsablauf einstellen kann.

Beispiele für qualitative Methoden sind offene Interviews, Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen. Die erhaltenen Daten werden durch interpretative Methoden ausgewertet und bieten somit die Grundlage für neue Hypothesen in Bezug auf die Forschungsfrage. Im Gegenzug zur quantitativen misst die qualitative Forschung ihren Untersuchungsgegenstand nicht anhand von Zahlenwerten, sondern arbeitet durch eine verstehende Herangehensweise (vgl. Wintzer, 2016, 8).

Da sich die klassischen Gütekriterien von Objektivität, Reliabilität und Validität aus der quantitativen nicht auf die qualitative Sozialforschung übertragen lassen, benötigt diese ihre eigenen Kriterien.

Die Inkompatibilität der quantitativen Gütekriterien beruht auf der Differenziertheit der beiden Forschungsmethoden und ihren Prüfverfahren. Die Methoden der quantitativen Sozialforschung beruhen auf Operationalisierungen von Variablen als auch der Reduktion von Komplexität des Untersuchungsgegenstandes. Die beschriebene Vorgehensweise entspricht jedoch nicht dem Leitgedanken der qualitativen Sozialforschung, welche möglichst nah am Alltag des Untersuchungsgegenstandes bleiben will (vgl. Steinke, 2007, 177).

Das Kriterium der Objektivität, im Sinne der quantitativen Methodik, also die Austauschbarkeit des Forschenden, ist aufgrund der Tatsache, dass sich auch die offene Forschungssituation in der qualitativen Forschung nicht standardisieren lässt, nicht übertragbar (vgl. Steinke, 2007, 178).

Die Problematik der Reliabilität basiert ebenfalls auf der offenen Herangehensweise der qualitativen Forschung, da die Messverfahren sich dem Untersuchungsgegenstand offen anpassen können und dadurch die wiederholte exakte Messung der gleichen Ergebnisse kaum möglich ist (vgl. Flick, 2007, 193).

In Bezug auf die Validität lässt sich allerdings durch die Kombination aus qualitativen und quantitativen Daten eine gewisse Qualitätssicherung vornehmen, da beide Daten-sätze miteinander verglichen werden können, um mögliche verzerrende Einflüsse durch den Forscher und die qualitativen Methoden aufzudecken (vgl. Steinke, 2007, 180). Bei dieser Kombination ist jedoch die Bildung eines Gütekriteriums im Sinne der quantitativen Methodik nicht gegeben, da sich dieses Verfahren der quantitativen Methoden bedient und kein eigenständiges Kriterium darstellt.

Obwohl standardisierte Gütekriterien für die qualitative Sozialforschung fehlen, gibt es eine Reihe von Vorschlägen um ihre Wissenschaftlichkeit dennoch zu gewährleisten. Ein sehr wichtiges Kriterium ist die intersubjektive Nachvollziehbarkeit.

Zur Herstellung der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit, das heißt in diesem Fall, dass auch Außenstehende in der Lage sind die Forschungsergebnisse zu bewerten, ist eine detaillierte Darlegung der Methodik und Vorgehensweise notwendig. Dieses Kriterium gilt jedoch nicht ausschließlich für die qualitative, sondern auch für die quantitative Forschung. Das Verfahren beinhaltet die Dokumentation der Daten, auf deren Grundlage und Bewertungskriterien die Untersuchung aufgebaut worden ist (vgl. Steinke, 2007, 186).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie lässt sich Objektivität in der Sozialforschung gewährleisten?
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V470484
ISBN (eBook)
9783668935891
Sprache
Deutsch
Schlagworte
objektivität, sozialforschung
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Chalina Umul (Autor), 2018, Wie lässt sich Objektivität in der Sozialforschung gewährleisten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470484

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