Facebook als Akteur im Spannungsfeld zwischen öffentlichen und privaten Interessen


Akademische Arbeit, 2019
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Facebooks Vision “Bringing the World closer together”

2. Grundlagen der Diskursethik
2.1 Übersicht zur Ethik der Deliberation
2.2 Abgrenzung von idealen, idealistischen und realen Diskursen

3. Das Beispiel Facebook
3.1 Überblick zum Facebook-Konzern
3.2 Facebook als Anbieter eines deliberativen Forums:
Das soziale Netzwerk
3.3 Facebook als Teilnehmer eines deliberativen Forums:
Der Stakeholder-Dialog

4. Kritische Zusammenfassung hinsichtlich Facebooks Ambivalenz zwischen öffentlichen und privaten Interessen sowie Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Facebooks Vision „Bringing the World closer together“

„Facebook’s mission is to give people the power to build community and bring the world closer together“1, betitelt der Betreiberkonzern des gleichnamigen und nutzermäßig weltweit größten sozialen Onlinenetzwerks2 Facebook seine Unternehmensmission auf dem eigenen offiziellen Presse-Internetportal. Die Vision Facebooks ist also die Selbstbefähigung ihrer Nutzerinnen und Nutzer, sich global in unkomplizierter Weise miteinander zu vernetzen, Inhalte auszutauschen sowie sich über aktuelle Neuigkeiten und vieles mehr zu informieren. Zudem nahm Facebook in den letzten Jahren eine immer größere – wenn auch per se passive - Rolle bei verschiedensten gesellschaftspolitischen Bewegungen ein, indem es als Plattform zur Projektkoordination diente, sowie als Medium zur politischen Meinungs- und Willensbildung und nicht zuletzt natürlich als Werbeplattform für Akteure, um diese selbst und deren Inhalte zu vermarkten.

Die Diskursethik befasst sich im Grunde mit der Frage, selbstverständlich neben der Begründung des diskursethischen Moralprinzips, inwiefern ein „guter“ zwangloser Diskurs ausgestaltet sein soll und welche Regeln und tatsächlichen Diskurspraktiken also gelten sollten3. Gerade aus der Sicht der Governanceethik ist die letztgenannte Frage der konkreten Ausgestaltung eines deliberativen Forums – also letztlich der „Ort“ und die Art und Weise eines Diskurses – entscheidend4, metaphilosophische Begründungsfragen sind für die Beobachtungen in dieser Studienarbeit nicht relevant.

Letzten Endes impliziert Facebook mit seiner genannten Vision also, einen praktischen diskursethischen Beitrag zu leisten; schließlich kann das soziale Online-Netzwerk als deliberatives Forum angesehen werden. Somit fungiert Facebook einerseits als Anbieter eines deliberativen Forums, aber andererseits ist Facebook als börsennotiertes Unternehmen natürlich auch an privatwirtschaftliche Interessen gebunden und dabei selbst auch Teilnehmer eines deliberativen Forums im Sinne eines ständigen Dialogs mit seinen Stakeholdern, wobei Letzteres von Seiten Facebooks tendenziell reaktionär und nicht so sehr proaktiv getätigt wird, was häufig auf den großen öffentlichen Druck aufgrund der Marktmacht von Facebook und des damit verbundenen großen medialen Interesses zurückzuführen ist.

Diese Studienarbeit stellt einen Versuch dar, jenes Spannungsfeld zwischen privaten und öffentlichen Interessen, in dem sich der Akteur Facebook befindet, allen voran aus einer diskursethischen Perspektive heraus näher zu beleuchten.

So gliedert sich diese Arbeit wie folgt: Zuerst findet eine Klärung der wichtigsten relevanten Begrifflichkeiten der Diskursethik statt sowie eine definitorische Abgrenzung verschiedener qualitativer Stufen eines Diskurses nach einem Vorschlag des Governanceethikers Josef Wieland. Anschließend wird das Praxisbeispiel des Facebook-Konzerns und seiner gleichnamigen Online-Plattform herangezogen: Hierbei soll zuerst ein kurzer Überblick über den organisationalen Hintergrund des Facebook-Unternehmens gegeben werden. Sodann folgt jeweils eine Analyse Facebooks als Anbieter und als Teilnehmer eines deliberativen Forums und inwiefern dies einen diskursethischen Beitrag darzustellen vermag. In einer abschließenden kritischen Zusammenfassung soll resümierend auf die Ambivalenz hinsichtlich der verschieden gearteten Interessenslagen von Facebook eingegangen werden und inwiefern dies mit den Rollen als gleichermaßen Anbieter und Teilnehmer eines deliberativen Forums zusammenhängt. Dessen folgend soll noch ein kleiner Ausblick in die Zukunft gewagt werden.

2. Grundlagen der Diskursethik

Vorerst sollen wissenschaftlich-philosophische Grundlagen von Deliberationen, bzw. allgemeiner der Diskursethik, gelegt werden sowie eine Klärung einiger fundamentaler Begriffe stattfinden und inwieweit Deliberationen als ideal, idealistisch oder real bezeichnet werden können, wobei sich diese Studienarbeit allen voran auf Jürgen Wielands Definitionen – ausgehend von den Grundlegungen nach Jürgen Habermas - bezieht und sich nicht mit der weitreichenden ideengeschichtlichen Auseinandersetzung zu dieser Thematik beschäftigt. Jene Einteilungen erleichtern das Verständnis eines späteren Einordnungsversuchs des Beispiels Facebook im Rahmen der Diskursethik.

2.1 Übersicht zur Ethik der Deliberation

Ohne näher auf philosophiegeschichtliche Hintergründe, Begründungen und Debatten der diskursethischen Disziplin einzugehen, sollen im Nachfolgenden allen voran grundlegende Begriffe anhand der bekanntesten Denktraditionen gelegt werden, gerade in der Diskursethik wird diese zumeist repräsentiert durch Jürgen Habermas.

Im Allgemeinen lässt sich Diskursethik als eine metanormative Disziplin begreifen, die schlussendlich zu begründen und durchzuführen versucht, durch die prozedurale Methodik5 eines Diskurses mit verschiedenen relevanten Akteuren eine letztliche legitimatorische Konstatierung bzw. „Rechtfertigung von Handlungsnormen6 zu finden.

Den Begriff Diskurs definiert Habermas als „die durch die Argumentation gekennzeichnete Form der Kommunikation […], in der problematisch gewordene Geltungsansprüche zum Thema gemacht und auf ihre Berechtigung hin untersucht werden“7. Dies bedeutet, dass in einem solchen Diskurs durch gegenseitig dargebrachte Argumentation ein „rational motiviertes Einverständnis“8 erreicht werden solle, wobei dieses oft politische oder ethische Legitimität gesellschaftlichen Handelns erzeugen soll9.

Konkret lässt sich dieser Prozess durchführen in einem deliberativen Forum, das sich – je nach Definition – als „formal public hearing, in which a representative group of the population is invited to debate a particular policy issue“10 beschreiben lässt. Kurz gesagt ist dies also ein Diskurs bestehend aus relevanten und möglicherweise von der zu diskutierenden Thematik tangierten gesellschaftlichen Gruppen – den sogenannten Stakeholdern – über ein distinktes politisches Thema, wobei jener Legitimation erzeugt und die gesellschaftliche Praxis berücksichtigt11, also die realen Determinationen bei menschlicher Entscheidungs- und Gesprächsführung anerkennt.

2.2 Abgrenzung von idealen, idealistischen und realen Diskursen

In der diskursethischen Auseinandersetzung ist es in Bezug auf die konkrete reale Anwendung generell von großer Bedeutung, unter welchen konkreten Regeln ein solcher Diskurs stattfinden solle12 sowie welche Eigenschaften die Teilnehmer ebendieses aufweisen sollten13. Aufgrund der Kürze dieser Studienarbeit soll derartiges jedoch nicht näher vertieft werden, vielmehr soll lediglich ein grober Überblick zur qualitativen Abgrenzung von sogenannten idealen, idealistischen und realen Diskursen geschaffen werden, die eine spätere diskursethische Einordnung des Beispiels Facebook vereinfachen.

Nach Jürgen Wieland sind bei der qualitativen Bewertung von Diskursen im Besonderen folgende drei Merkmale entscheidend14: Die Effektivität bewertet den tatsächlich erreichten Output eines Diskurses in qualitativer Hinsicht und die Diskurseffizienz beschreibt im Grunde den qualitativen Zusammenhang zwischen Dialog-Produktivität sowie der dabei anfallenden Transaktionskosten des Diskursprozesses per se; diese beiden ersten Kriterien sind „output-orientierte Formen der diskursiven Legitimitätsbeschaffung“15. Mit Verfahrens- bzw. demokratischer Legitimität hingegen meint Wieland die Legitimität eines Diskurses, die unter anderem auf einer fairen Stakeholder-Teilnahme beruht16, und im Allgemeinen ist dieses Kriterium als input-orientiert zu verstehen17.

Gemäß dieser drei Kriterien – den beiden output-orientierten der Effizienz und der Effektivität sowie dem input-orientierten Kriterium der Verfahrenslegitimität – lässt sich in qualitativer Hinsicht eine Einordnung in drei Diskurs-„Kategorien“ erstellen. Ein Diskurs, der das input-orientierte Kriterium der demokratischen Legitimität in voller Weise erfüllt, würde erfordern, ausnahmslos alle möglicherweise von einer zu diskutierenden Sache tangierten Stakeholder in diesen Prozess miteinzubinden und würde ein unverbesserliches Maß an demokratischer Diskurspraktiken erfordern, was beispielsweise unbegrenzte Rede- und Erwiderungszeiten uvm. zur Bedingung machen könnte sowie Entscheidungen eine ausnahmslos 100%-Zustimmung aller erfordern würde, wobei Kompromisse dabei etwaig nicht zugelassen sein dürften, da solche womöglich die Superiorität einer Entscheidung infrage stellen könnten. In einem theoretischen Vakuum ist dies durchaus möglich und gar wünschenswert, da dies wohl ein maximal-superiores und ein für alle Parteien befriedigendes Ergebnis hervorrufen dürfte; allerdings ist genau das in der Praxis nicht umsetzbar, da in der realen Welt die Ressourcen Zeit, lokale Gegebenheiten, menschliche Diskursmotivation et cetera empirisch nachweisbar determiniert sind, was eine gänzliche Nichterfüllung der output-orientierten Kriterien zur Folge hätte, würde man diese Determinanten nicht berücksichtigen und gänzlich output-desorientierte Strategien verfolgen.

Aus jenen Gründen gilt ein solcher, eben erläuterter, Diskurs in der realen Welt als nicht umsetzbar und wird idealistischer Diskurs18 genannt. Dieser steht somit im Gegensatz zum Möglichkeitsbereich der realen Diskurse, die sich dadurch charakterisieren, dass sie „moralische Überzeugungen und Knappheit in ein Verhältnis bringen“19.

Reale Diskurse präsupponieren also die in der menschlichen Welt vorhandenen Determinationen und versuchen, die Verfahrenslegitimität sowie die diskursprozedurale Effizienz in einen gegenseitigen Trade-Off zu stellen, sodass am Ende zwar unter Umständen nicht die theoretisch bestmögliche, aber doch ein sinnvoller Output generiert wird – denn genau das ist bei Realversuchen einer praktischen Umsetzung von idealistischen Diskursen nicht zwingend möglich, da die Determinante Zeit im Diskursprozess keine Rolle spielt und deswegen eine zeitige Ergebnisfindung nicht angestrebt werden würde zugunsten der Verfahrenslegitimität20. Ein realer Diskurs kann aber zulasten eines – oder gar beider – der genannten Kriterien21 gehen und einen unausgewogenen Trade-Off billigen, was somit wiederum negative Auswirkungen auf die tatsächliche Effektivität hätte.

Dahingegen stehen bei idealen Diskursen die beiden Kriterien Effizienz und Verfahrenslegitimität in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander und beide werden gleichermaßen positiv erfüllt, was somit auch als einzige aller Diskursformen eine positive und erstrebenswerte Effektivität generiert22. Dieser eng zulässige Rahmen ist in der Praxis jedoch häufig nur schwer erreichbar, wobei Wieland für eine ständige Optimierungsbereitschaft plädiert. Hinsichtlich der Effektivität muss somit durch einen solchen Diskurs stets ein besseres und hinsichtlich ihrer qualitativen Güte superiores Ergebnis als durch andere realerweise umsetzbaren Verfahrensmöglichkeiten entstehen23 – wobei als Referenzpunkt auch hierarchische Ordnungsmodelle dienen könnten24. Die Effizienz eines Diskurses soll dabei zudem adaptiv verstanden werden, also sich an den jeweiligen Gegebenheiten orientieren und so eine bestmögliche Effizienz – auch im Zusammenspiel mit den anderen Kriterien – zu erreichen versuchen25.

[...]


1 Facebook, Inc. 2019a.

2 Vgl. We are Social, Hootsuite, DataReportal 2019.

3 Vgl. Werner 2002: S. 140ff.

4 Vgl. Marx 2010: S. 3ff.

5 Vgl. Gottschalk-Mazouz 2000: S. 17.

6 Ott 2004: S. 143.

7 Habermas 1973: S. 214.

8 Habermas 1981: S. 71.

9 Vgl. Wieland 2007b: S. 13.

10 Kjær 2004: S. 56.

11 Vgl. Wieland 2007b: S. 24.

12 Vgl. Wieland 2007b: S. 16.

13 Vgl. Gottschalk-Mazouz 2000: S. 20.

14 Jürgen Wieland nimmt dabei in Wieland 2007b: S.25 ebenso Bezug auf Jon Elster, Jonas Meckling sowie Anne Mette Kjær

15 Wieland 2007b: S.41.

16 Vgl. Wieland 2007b: S. 25.

17 Vgl. Scharpf 1997: S. 153ff.

18 Vgl. Wieland 2007b: S. 43.

19 Wieland 2007b: S. 45.

20 Vgl. Wieland 2007b: S. 43.

21 Konkret der Effizienz und der Verfahrenslegitimität; die Effektivität eines Diskurses resultiert sich schließlich hieraus.

22 Vgl. Wieland 2007b: S. 42.

23 Vgl. Wieland 2007b: S. 25.

24 Vgl. Wieland 2007b: S.42.

25 Vgl. a. a. O.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Facebook als Akteur im Spannungsfeld zwischen öffentlichen und privaten Interessen
Hochschule
Universität Bayreuth  (Department of Philosophy)
Veranstaltung
Corporate Governance und Unternehmensethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V470646
ISBN (eBook)
9783668945548
ISBN (Buch)
9783668945555
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Facebook, Social Media, Stakeholder-Dialog, Stakeholder, Datenschutz, Privacy, Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, Diskursethik, Philosophie, Management, Deliberatives Forum, Deliberation, Habermas, Instagram, WhatsApp, Messenger, Corporate Governance, Governance, Compliance, Nachhaltigkeit, Business, CSR, CR, Corporate Responsibilty, Corporate Social Responsibility, Kommunikation, Medien, Sustainability, Vernetzung, Politik, Entscheidungsfindung, Dialog, Öffentlichkeit, Privatheit, Soziale Medien, Netzwerk
Arbeit zitieren
Jonas Strasser (Autor), 2019, Facebook als Akteur im Spannungsfeld zwischen öffentlichen und privaten Interessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470646

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