Pocahontas als Hoffnung in Jamestown. Die Rolle der historischen Pocahontas für die englischen Siedler und die Neue Welt


Akademische Arbeit, 2018
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 Bisherige Erfahrungen der Powhatan mit Europäern
2.2 Anfänge von Jamestown
2.3 Pocahontas‘ Situation 1607

3. Pocahontas Rolle für die englischen Siedler
3.1 Kommunikation
3.2 Versorgung
3.3 Die Rettung von John Smith
3.4 Pocahontas wird zum Druckmittel
3.3 Taufe und Heirat
3.4 Besuch in England

4. Schlussbetrachtung

5. Quellenverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Matoaka, Amonute, Rebecca Rolfe – oder aber auch nur Pocahontas: „[the] kings most deare and wel-beloved daughter“1 ist spätestens seit 1995, als Walt Disney das erste Mal einen Film anschließend an eine historische Begebenheit konzipierte, auf der Welt in breiten Bevölkerungsschichten wohl bekannt. Durch verschiedenste Bearbeitungen und Narrationen des historischen Stoffes wird Pocahontas zu einer geradezu makellosen, starken indianischen Frau und einem Symbol für die Neue Welt, das ein Ideal einer möglichen kulturellen Vereinigung von amerikanischen Ureinwohnern2 und Einwanderern suggeriert und darüber hinaus für ein Überwinden von zeitlosen interkulturell bedingten Konflikten auch in der Neuzeit eine solche Funktion einnimmt.

Seit John Smith das erste Mal in einem Brief an Queen Anne über Pocahontas Ehrenhaftigkeit berichtete, wurde ihre Geschichte unzählige Male wiedererzählt und interpretiert.3

Nicht ohne Grund wird aber gerade Pocahontas zu einer Figur, die Sprechrohr, Lebensretterin und romantisierte Indianerin zugleich ist, diese perfektionierte Darstellung geht nämlich auf einen tiefen Ursprung zurück, denn die historische Pocahontas spielte sehr wohl eine ausschlaggebende Rolle für die Bewältigung völkerlicher Differenzen, die Ermöglichung von Kommunikation und dem Bestehen einer Kolonie, die in die Geschichte eingehen sollte.

Als im Dezember im Jahr 1606 drei kleine Schiffe aus England in See stachen, um nur einige Wochen später an der nordamerikanische Ostküste zu landen, war dies ein Meilenstein in der englischen Kolonialisierung Amerikas. Finanziert von der Virginia Company of London wird die Besatzung der Susan Constant, der Godspeed und der Discovery auf die Reise nach Virginia geschickt. Als die Flotte 1607 ihr Ziel erreichte, gründete zunächst eine kleine Gruppe von Entdeckern die Siedlung Jamestown, welche sich letztlich als ausschlaggebender Ausgangspunkt für die weitere Entwicklungen der Kolonialisierung und der letztlichen Gründung Virginias herausstellte.

Allerdings stieß die Besatzung auf einige zunächst unüberwindbar erscheinende Probleme, denn nach einigen Monaten war ein großer Teil der Siedler bereits umgekommen. Es grenzte an ein Wunder, dass die Siedlung überhaupt Bestand hatte.4 Einen großen Anteil an diesem Erfolg hatte eine Prinzessin, zugehörig dem vor Ort lebenden Häuptlingstum der Powhatan-Konföderation5.

Diese Arbeit soll demzufolge Pocahontas tatsächliche Rolle für die englischen Siedler in Jamestown aufarbeiten. Obwohl die Arbeit ganz klar auf eine in diesem Bezug wichtige Rolle von Pocahontas plädiert, soll die Darstellung kritisch hinterfragt werden, da das Bild von ihr hauptsächlich von Berichten der englischen Siedler geprägt ist. Dazu wird ein historischer Kontext und die Ausgangssituation zu Beginn des Errichtens von Jamestown dargestellt sowie Pocahontas Rolle bezüglich verschiedenster Aspekte, wie der Kommunikation, der Versorgung und dem Beschützen der Siedler bis hin zu einer Nutzung für das Anpreisen der Neuen Welt für die Bürger Englands. Ein besonderes Augenmerk soll darüber hinaus auf Pocahontas Wichtigkeit für John Smith, welcher selbst eine große Anteilnahme an dem Bestehen von Jamestown für sich beanspruchen konnte, liegen.

Um ein Bild von dieser Rolle zu erhalten, werden hauptsächlich die Werke von John Smith nach genannten Aspekten analysiert, da jenes zum größten Teil von englischen Siedlern kreiert wurde. Der Stamm in dem Pocahontas lebte, überließ keine verschriftlichten Berichte über ihre Geschichte; erst kürzlich wurde allerdings das Buch The True Story of Pocahontas von Mitgliedern des Mattaponi Stammes veröffentlicht, die sich auf deren heilige mündliche Überlieferung berufen. Auch auf dieses Werk wird in dieser Arbeit Bezug genommen.

2. Historischer Kontext

2.1. Bisherige Erfahrungen der Powhatan mit Europäern

Um die Reaktion der Powhatan auf das Ankommen der englischen Siedler im Mai 1607 und ein damit verbundenes Auftreten und Eingreifen von Pocahontas zu verstehen, ist es von hoher Wichtigkeit darzustellen, welchen bisherigen Kontakt und welche Erfahrungen der Stamm, dem Pocahontas zugehörig war, bereits mit anderen Siedlern gemacht hatte.

Als die englischen Siedler, die Jamestown gründen sollten, nämlich mit den drei genannten Schiffen von London bis zur Tidewater Region Virginias segelten, hatten die Powhatan bereits Berührungspunkte mit Europäern gehabt, die nicht konfliktlos abgelaufen waren und den Ureinwohnern demzufolge eine kritische Haltung gegenüber eintreffenden Fremden und deren Absichten hinterlassen hatten.

Während die Engländer selbst in bisherigen Kolonisierungsversuchen Amerikas wenig erfolgreich gewesen waren, hatten die Spanier bereits mehrere Dekaden zuvor durch Pedro Menéndez de Avilés Florida entdeckt, Hernando Cortéz das Reich der Azteken in Mexiko erobert und Francisco Vásquez de Coronado große Teile des Südwestens von Nordamerika erkundet.6 Somit dominierte Spanien, nicht ohne dabei ein sehr gewaltsames Vorgehen offengelegt zu haben, bereits einen großen Teil Südamerikas, Zentralamerikas und Floridas. Auch die Powhatan blieben von den Kolonisierungsversuchen der Spanier nicht unberührt, 1560 lief de Avilés an der Chesapeake Bucht ein, mit verheerenden Folgen für die Haltung der Powhatan gegenüber den Europäern. So wurde der Sohn eines werowance7 von den Spaniern geraubt, in Mexiko und Spanien erzogen, getauft auf den Namen Don Luis de Velasco und zehn Jahre später nach Virginia zurückgebracht. Aber anstatt wie vorgesehen die Bekehrung der Powhatan voranzubringen, ermordete er mit anderen Stammesmitgliedern den größten Teil der spanischen Expeditionsteilnehmer.8

In Folge dessen ließ der Kapitän der Expedition eine hohe Anzahl von unschuldigen Indianern erhängen - eine Tat, die noch lange in den Gedanken des Stammes präsent sein sollte.

Zwar war die Haltung der Engländern gegenüber den Spaniern ebenfalls eine feindselige, so wurde in einem Traktat der Virginia Company von 1609 festgelegt, dass die Welt der Eingeborenen nicht mit einer solchen Gewalt unterworfen werden sollte (wie es bei den Spaniern der Fall war), sondern mit gutem und fairem Willen9, allerdings wird schnell deutlich, dass eine Differenzierung von Seiten der Ureinwohner nicht zu erwarten war, wenn die Umstände einer in ihre Kultur eingreifen wollender Gruppe von Fremden und die bisher gemachten Erfahrungen mit solchen berücksichtigt werden.

Darüber hinaus gab es auch in der Vergangenheit von Englands gescheiterten Kolonisierungsversuchen konfliktreiche Begegnungen mit Ureinwohnern, so brannten englische Governeure, die in der Siedlung Roanoke10 verweilten, aus Rache an Diebstählen mehrere Indianerdörfer nieder.11

Die Powhatan selbst waren lange vor dem 17. Jahrhundert aus dem Norden in das heutige Tidewater Virginia eingewandert und hatten sich dort Leben und Kultur aufgebaut. Letztere beinhaltete verschiedene Rituale, den Glauben an mehrere Götter und auch an Prophezeiungen. Demzufolge war es einem positiven Entgegenkommen der Engländer von Seite der Powhatan zusätzlich nicht zuträglich, dass deren Priester 1580 prophezeiten, dass „eines Tages Feinde von Osten her durch die Chesapeake Bucht eindringen und das Volk der Powhatan vernichten werden.“12

2.2. Die Anfänge von Jamestown

Trotz den bereits gemachten, durchaus auch negativen Erfahrungen mit europäischen Entdeckern, stimmen die meisten Forschungsergebnisse darin überein, dass die Ureinwohner die Siedler, die Jamestown aufbauen sollten, nicht auf den ersten Blick bekämpfen oder töten wollten.

Die drei von der Virginia Company gesponserten Schiffe setzten von London aus die Segel nach Virginia, um Gewinn für ihre Investoren zu garantieren, demzufolge suchten die Siedler nach der Gründung von Jamestown zunächst nach Gold, außerdem wurde sich eine Handelsroute durch die Flüsse von Virginia bis zum Pazifik erhofft. Alles, was sie vorfanden, war allerdings ein hoher Niederschlag, viel Schlamm und ein subtropisches Klima.13 Wären die einheimischen Ureinwohner, also in diesem Falle die Mitglieder des Powhatan Häuptlingtums, nicht gewesen, wären die Kolonisten aufgrund der vorherrschenden Bedingungen sehr schnell an Hunger und Kälte gestorben14.

Die Gründe für das anfängliche Entgegenkommen des Stammes sind nicht ganz klar, allerdings gibt es die breit vertretene Meinung, dass Wahunsonacock15 hoffte, die Neuankömmlinge zu Verbündeten zu machen und sein Herrschaftsgebiet durch ihre innovativen Waffen noch zu vergrößern16.

Erst später kamen die Indianer zu der Erkenntnis, dass die Siedler weder zum Handel noch zur religiösen Bekehrung gekommen waren, sondern, um das Land für sich einzunehmen und die indigen Stämme zu unterwerfen17.

Kapitän John Smith, der einer der Siedler war und bald in vielen Bezügen zum Führer der Kolonie wurde18, erforschte die Region der Chesapeake Bay. Er schrieb über seine ersten Eindrücke des Landes und seine Leute in A True Relation im Jahr 1608: „the Countrie […] on each side plaine high ground, with many fresh Springes, the people in all places kindly intreating us, daunsing and feasting us with strawberries, Mulberies, Bread, Fish, [...]"19. An dieser Stelle zeigt sich ganz klar, dass die Ureinwohner die Engländer zunächst sehr freundlich begrüßten und ihre Versorgung unterstützten.

In Smiths Werk wird bereits bei der anfänglichen Beschreibung des Landes deutlich, dass er nicht versuchte, das zu erkundende Land besonders zu preisen, sondern objektiv über die positiven sowie negativen Aspekte schrieb.

In diesem Bericht erwähnt er auch Pocahontas zum ersten Mal: „a child of tenne yeares old, which not only for feature, countenance, and proportion, much exceedeth any of the rest of [Powhatan's] people, but for wit and spirit, the only Nonpariel of his Country"20. Man kann daraus schließen, dass Pocahontas ein auffällig bedachtes und reifes Mädchen war, zumindest, wenn man John Smiths Ansicht Glauben schenkt, denn William Strachey beschreibt Pocahontas als ein zwar hübsches, aber wildes Mädchen.21

Trotz dessen ist schon allein der Fakt, dass nicht nur John Smith, sondern auch William Strachey, Sir Thomas Dale und Ralph Hamor Pocahontas in ihren Berichten erwähnten, ein Zeichen dafür, dass sie einen besonderen Eindruck auf die Engländer gemacht haben muss.

Dennoch ist es besonders John Smith, der uns das Bild eines indianischen jungen Mädchens, das als eine Art Diplomatin zwischen den einheimischen Powhatan und den Kolonisten fungierte, offeriert. Dies war die erste Rolle, die Pocahontas von John Smith zugewiesen bekam.

[...]


1 Karen Ordahl Kupperman, ed. Captain John Smith: A Select Edition of His Writings. Chapel Hill, London: University of North Carolina Press, 1988, S.69.

2 Im Folgenden wird der Begriff „Ureinwohner“ synonym mit dem Begriff „Indianer“ verwendet

3 Vgl.William Rasmussen: "Pocahontas: Her Life and Legend." Resource Library (January 2009). Web. Traditional Fine Arts Organization. 6. Mai 2018.

4 Vgl. Helen C. Rountree: Pocahontas, Powhatan, Opechancanough: Three Indian Lives Changed By Jamestown. Charlottesville 2005, S14.

5 Im Folgenden nur noch als „Powhatan“ gekennzeichnet, darüber hinaus werden auch die Mitglieder dieses Häuptlingstums als Powhatan bezeichnet

6 Vgl. David A. Price: Love and Hate in Jamestown: John Smith, Pocahontas, and the Heart of a New Nation. 1. ed. New York 2003, S.9.

7 Bezeichnung der Ureinwohner für einen Häuptling

8 Vgl. Grace Steele Woodward: Pocahontas: Eine Indianische Prinzessin Aus Virginia ; [Biographie]. Berlin 1995, S.26.

9 Vgl. Price: Love and Hate, S.10.

10 Eine erstmals im Jahr 1584 gegründete Siedlung auf Roanoke Island, die keinen Bestand hatte und das Verbleiben eines großen Teils der Siedler nicht bekannt ist, möglich ist, dass die Siedler von Ureinwohnern getötet wurde oder aber sich unter die Mitglieder verschiedener Stämme gemischt haben.

11 Vgl. Woodward: Pocahontas, S.26.

12 Ebd.

13 Vgl. Christian F. Feest: Virginia Algonquians. Handbook of North American Indians. Volume 15. Ed. Bruce G. Trigger. Washington 1978, S.253.

14 Vgl. ebd. S.254.

15 Von den Engländern wurde zu Wahunsonacock lediglich als Pow(h)atan oder Chief Powhatan Bezug genommen

16 Vgl. ebd. S.27.

17 Vgl. Gary Y. Okihiro: Race and Ethnicity. The Oxford Encyclopedia of American and Intellectual History. Volume 2. Eds. Joan Shelley Rubin and Scott E. Casper. New York 2013, S. 247.

18 Vgl.Ebd.

19 John Smith: A True Relation. 1608, in: The Complete Works of Captain John Smith (1580-1631): Vol1.

Chapel Hill 1986, S.86.

20 Smith: Complete Works Vol.1, S.34.

21 Vgl. Woodward: Pocahontas, S.8.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Pocahontas als Hoffnung in Jamestown. Die Rolle der historischen Pocahontas für die englischen Siedler und die Neue Welt
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V470686
ISBN (eBook)
9783668945760
ISBN (Buch)
9783668945777
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pocahontas, hoffnung, jamestown, rolle, siedler, neue, welt
Arbeit zitieren
Johanna Willruth (Autor), 2018, Pocahontas als Hoffnung in Jamestown. Die Rolle der historischen Pocahontas für die englischen Siedler und die Neue Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470686

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