Die Geschichte der französischen Grammatik unter besonderer Berücksichtigung der schulgrammatischen Entwicklung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Vorwort

1 Geschichte der Grammatik
1.1 Vom 7. – zum 15. Jahrhundert
1.2 Das 16. Jahrhundert
1.3 Das 17. Jahrhundert
1.4 Das 18. Jahrhundert
1.5 Das 19. Jahrhundert
1.6 Die drei Faktoren der grammatikalischen Entwicklung in Frankreich

2 Einführung der Schulen

3 Die Geschichte der französischen Schulgrammatik
3.1 Die Entstehungsgründe der französischen Schulgrammatik
3.2 Die ersten französischen Schulgrammatiken von Restaut bis Chapsal
3.3 Die zweite französische Schulgrammatik

4 «Élemens de la grammaire françoise»
4.1 Lhomond und die erste Schulgrammatik
4.2 Die Struktur der «Élemens de la grammaire françoise»
4.3 Kurze Analyse der «Élemens de la grammaire françoise»

5 Literaturverzeichnis

1.0 Geschichte der Grammatik

Die Geschichte der Grammatik kann als wissenschaftliche Disziplin verstanden und in zwei Punkte gliedert werden: In die Entwicklung der grammatikalischen Beschreibung oder als Teil der Gesellschaftsgeschichte.

Bei genauerer Betrachtung der ersten Gliederung, kann folgendes beschrieben werden: Die Prinzipien und die Techniken der Beschreibung, die Evolution der Berechtigung der vorgeschlagenen Beschreibungen und die Entwicklung der Terminologien.

Wir gehen im folgenden Teil unserer Seminararbeit auf die erste Gliederung näher ein.

1.1 Vom 7. – zum 15. Jahrhundert

Die erste uns bekannte Grammatik wurde im 7. Jahrhundert von den Kelten und die erste germanische Grammatik im 11. Jahrhundert erstellt. Man musste das 13. Jahrhundert abwarten, bis eine romanische Sprache (l’ancien provencal) eine Grammatik veröffentlichte (vgl. Lexikon der romanischen Linguistik[1], 1990, S. 843). Diese romanische Grammatik war der erste Versuch, die französische Grammatik zu beschreiben. Zum Ende des 13. Jahrhunderts folgten weitere romanische Grammatiken, die jedoch von englischen Geistlichen für sich selbst verfasst worden sind.

Die ersten französischen Lehrbücher befassten sich mit der Orthographie und der Morphologie, so z. B. um 1250 „un Traité de la conjugaison française“, um 1300 „Orthographia Gallica“ oder um 1300 „fragments grammaticaux et tables de conjugaisons“ (vgl. LRL, 1990, S. 844). Alle diese Lehrbücher wurden in England geschrieben, um die französische Sprache zu erlernen und mit dem Nachbarland kommunizieren zu können. Die erste wirkliche französische Grammatik, die auch von französischen Geistlichen verfasst wurde, war um 1400 „le Donait françois“. Das Lehrbuch wurde jedoch nur auf Bitten von Johan Barton, einem englischen „sieur“[2] verfasst (vgl. LRL, 1990, S. 844). Der „Donait françois“ reflektierte ein wachsendes Prestige der französischen Sprache und ganz besonders das der Pariser Variété (vgl. LRL, 1990, S. 846).

1.2 Das 16. Jahrhundert

Der Vater der französischen Grammatik war der Drucker Geoffrey de Tory (1480-1533). Er erkannte die Notwendigkeit einer französischen Grammatik. Als er 1529 sein Werk „Champ Fleury“ veröffentlichte, fügte er Anmerkungen zur Typographie, Orthographie und zur Aussprache bei. Daraufhin vervielfältigten sich die Lehrbücher zur Orthographie. „Les Accents de la langue française“ (1540) von Etienne Doltet und „Trait touchant le commun usage de l’escriture francaise“ (1542) von Louis Meigret waren orthographische Werke, die auf der Basis von Geoffrey Tory’s Gedanken aufbauten (vgl. LRL, 1990, S. 846). Da Latein noch als Metasprache angesehen wurde, beschrieb Jacques Dubois 1531 auf lateinisch seine erste Grammatik „Jacobi Sylvii Ambiani in Linguam Gallicam Isagwge, unà cum eiusdem Grammatica Latino-Gallica, ex Hebraeis, Graecis, & Latinis authoribus“. Er erkannte als erster Grammatiker, dass es drei verschiedene Arten von „e“ ’s in der französische Sprache gibt (vgl. LRL, 1990, S. 846).

Französisch wurde in der Renaissance, genauer gesagt 1539, auf Drängen von Patriotisten, die eine einheitliche Sprache wollten, und auf Anordnung von Louis XII, zur Amtssprache in Administration und Gericht. Das Problem jedoch war, dass sie weder eine kodifizierte Rechtschreibung noch eine richtige Form hatte (vgl. LRL, 1990, S.846). Die Zentralisation der Sprache kam viel zu früh, um sie in ganz Frankreich zu zentralisieren. Die Orthographie hatte zwar ihre Ansätze erfahren, doch war sie noch lange nicht auf dem Standpunkt einheitlich zu sein.

Die Frage der richtigen Schreibweise, die sich bis ins 18. Jahrhundert hinzog, wurde zwischenzeitlich durch eine praktische Lösung durch die Drucker und Setzer bestimmt und in dem „Dictionnaire de l’Académie“ festgehalten (vgl. LRL, 1990, S. 846). Dieses Wörterbuch wurde in fünf Editionen (1694, 1718, 1740, 1762, 1798) bearbeitet.

Die meisten Grammatiken des 16. Jahrhunderts waren „praktische Grammatiken“, die darauf ausgelegt waren, Französisch zu erlernen, im Vergleich zu den „beschreibenden Grammatiken“[3] der früheren Jahrhunderte.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert gab es drei wichtige Repräsentanten der französischen Grammatik. John Palsgrave lieferte 1530 eine komplette Grammatik mit ausführlichen Regeln über 900 Seiten „Lesclarcissement de la langue françoyse compose par maistre Jehan Palsgrave“. Dagegen musste die 102 Seiten starke Grammatik von Giles du Wes (1532) „An Introductorie for to lerne to rede, to pronounce, and to speke Frenche trewly“, die nur Grundinformationen lieferte, wie ein Taschenbuch aussehen. Palsgraves pädagogischer Erklärungsansatz kann als „aufsteigend“ betrachtet werden, da er von dem einzelnen Buchstaben, über die Silbe und das Wort, zum Lernvorschlag übergeht. Auch Louis Meigret, der 1550 zum zweiten mal in der Geschichte der Grammatik auftaucht, veröffentlichte wie Palsgrave eine ausführliche Grammatik, die er „Le tretté de la grammere françoeze“ nannte.

Im zweiten Teil des 16. Jahrhunderts folgten die französischen Grammatiker dem Beispiel du Wes, kurze, knappe aber hilfreiche Grammatiken zu verfassen. Einige Vertreter mit ihren Werken sind, Claude de Sainliens, Jean Pillot (1510-1570) „Gallicae lingua institutio“ (1550), Jean Garnier (1540-1579) „Institutio gallicae linguae, in usum juventutis germanicae“ (1558), Antoine Cauchie (1530-1601) „Grammatica gallica“ (1570) und Gérard du Vivier „Grammaire fancoise, touchant la lecture, Declinaisons des Noms & Conjugaisons des Verbes“ (1566).

Durch die große Anzahl an Werken und die verschiedenen Wege des Erlernens der französischen Sprache, haben die ganzen Grammatiken auf dem ersten Blick bei der französischen Bevölkerung für Verwirrung gesorgt. Auf dem zweiten Blick haben sie aber gezeigt, dass Französisch, wie Latein, die Möglichkeit und das Potenzial besaß, eine „Kultursprache“ bzw. eine Metasprache zu werden.

1.3 Das 17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert erkennt man eine Kontinuität, aber auch eine Diskontinuität zu den Grammatiken des vorangegangenen Jahrhunderts.

Die Kontinuität lag in den weiterhin erscheinenden praktischen Grammatiken. Sie wurden oft anderen Sprachen gegenübergestellt, um jeweils die andere Sprache verstehen bzw. lernen zu können. In diesem Sinn entstanden die Grammatiken von Französisch - Englisch, Französisch – Deutsch, Französisch – Niederländisch, Französisch – Italienisch, um nur einige zu nennen. Man kann den Erfolg der Notwendigkeit der praktischen Grammatiken durch die kulturelle Expansion der französischen Sprache erklären. Diplomaten und Beamte bevorzugten mehr und mehr die französische Sprache als Diplomatensprache, was wiederum den Erfolg der praktischen Grammatik von J.-R. des Pepliers „Grammaire royale francoise & allemande, contenant une methode nouvelle & facile pour apprendre en peu de temps la langue francoise“ (1689) erklärt. Dieses Werk wurde bis zum 18. Jahrhundert fünfzig mal überarbeitet und sogar ins Dänische, Schwedische, Russische und Niederländische übersetzt. Die folgenden praktischen Grammatiken des 17. Jahrhunderts weisen eine interessante Evolution der französischen Grammatiken auf. Die theoretischen Basen waren sehr ausführlich in den Büchern beschrieben, aber je mehr von den Autoren ins Detail gegangen wurde, umso unklarer und unpräziser wurden ihre Aussagen. Sie wichen von Autor zu Autor sogar gänzlich voneinander ab (vgl. LRL, 1990, S. 849).

Folgende Werke bezeugen einerseits den Fortschritt der französischen Sprache durch die Grammatik, anderseits die Weiterentwicklung der grammatikalischen Reflexion[4] (vgl. LRL S. 848). Charles Maupas „Grammaire Françoise“ im Jahre 1607, Antoine Oudin’s „Grammaire Françoise, rapportée au langage du temps“ (1632), Claude Irson’s „Nouvelle methode pour apprendre facilement les principes et la pureté de la langue françoise“ (1656) und Laurent Chiflet’s „Essay d’une parfaite grammaire de la langue françoise“ (1659).

Um die Diskontinuität verstehen zu können, müssen wir uns erinnern, das wir im 17. Jahrhundert und damit im Zeitalter des Rationalismus befinden, der durch den französischen Philosophen und Wissenschaftler René Descartes begründet wurde (vgl. Microsoft Encarta). Er meinte, dass sich gewisse universelle, notwendige Wahrheiten allein mit den Mitteln der Vernunft entdecken ließen, d. h. für die Grammatiker, dass die Sprache das Abbild der Seele und des Denkens ist und wenn man die Gedanken analysieren kann, ist es folglich ebenso möglich die Sprache zu untersuchen. Das war auch der Grundgedanke, den Claude Lancelot und Antoine Arnauld hatten. Sie wollten Gemeinsamkeiten in den Sprachen finden, um andere Sprachen leichter lernen zu können. Das war die Geburtsstunde der „Universalgrammatik“, der Grammaire von Port-Royal (1660). Man muss zwischen zwei Arten von Universalgrammatiken unterscheiden. Die eine, die von Arnauld und Lancelot, die versucht haben eine Grammatik zu erstellen, die es vereinfacht andere Sprachen zu erlernen, um nicht jedes mal bei Adam und Eva anfangen zu müssen, aus sprachlicher Sicht gesehen. Die andere Universalgrammatik, die versucht eine gemeinsame Sprache zu erstellen, um nur eine Sprache erlernen zu müssen. Arnauld und Lancelot waren Mönche in einem Jansinisten Kloster in Port Royal, die die Erziehung eines mündigen Menschen bezwecken wollten. Die Perspektive der Port-Royalisten war eine rein philosophische, die durch linguistische Strukturen erklärt wurde. Um die Grammatik der Jansinisten von Port-Royal verstehen zu können, müssen folgende Vorraussetzungen geschaffen werden: Sie unterteilten drei Auffassungen von dem menschlichen Geist. Es war einmal die Auffassung, „le concevoir“, das Urteilen, „le juger“ und als drittes die Schlussfolgerung, „le raisonner“. Nach einer genaueren Betrachtung der Grammaire Générale stellt man fest, dass Nomen, Artikel, Präpositionen, Verben, wobei „est“ das einzige wahre Verb ist (vgl. Bossong, 1990, S. 196), Pronomen, Partizipien und Adverbien zu dem Stamm der Auffassung, des „concevoir“ und das Konjunktionen, Verben und Interjektionen zum Stamm des Urteilens, des „juger“ gehörten. Die Schlussfolgerung, „le raisonner“ wird außen vorgelassen. Ein weiterer Punkt der jansinistischen Grammatik ist, dass die Charakterisierung von Substantiv und Adjektiv nicht nach ihrer Verwendung im Satz, sondern nach ihrer Deutung erfolgt. In der Grammaire Générale werden zwar, wie im späteren Komparatismus, vergleichende Komponenten verwendet, sie werden jedoch ausschließlich dazu genutzt um die Grammaire Générale selbst zu erklären. Für gebildete Erwachsene ist die Grammaire Générale, zu dem damaligen Zeitpunkt, eine Möglichkeit gewesen, eine Fremdsprache lernen zu können. Für Kinder war sie aber nur bedingt geeignet, da ein abstraktes Denken vorhanden sein musste, auch wenn in ihr erste pädagogische Vorschläge genannt worden sind, wie zum Beispiel das Erlernen der Buchstaben, die man zunächst durch das Aussprechen ihrer Laute lernt (z.B.: B = „b“ und nicht als „be“).

[...]


[1] Im Verlauf der Seminararbeit nur noch „LRL“ genannt

[2] das französische „sieur“ bedeutet, laut Langenscheidts Handwörterbuch, ins deutsche übersetzt Herr

[3] grammaire pratique <-> grammaire descriptive

[4] la réflexion grammaticale

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Geschichte der französischen Grammatik unter besonderer Berücksichtigung der schulgrammatischen Entwicklung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachwissenschaften)
Veranstaltung
Geschichte der Sprachbeschreibung: Die Universalgrammatik
Note
2,0
Autoren
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V47073
ISBN (eBook)
9783638441094
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im ersten Teil dieser Hauptseminararbeit wird die Entwicklung der französischen Grammatik vom 7. bis zum 19. Jahrhundert beschrieben. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Entstehung der französischen Schulgrammatik. Wichtige Grundlage für diese Arbeit war, dass originale Schriften analysiert worden sind, wie z.B. die "Élemens de la grammaire françoise" von Lhomond (1780) und die "Grammaire générale et raisonnée" von Arnauld, Lancelot (1660).
Schlagworte
Geschichte, Grammatik, Berücksichtigung, Entwicklung, Sprachbeschreibung, Universalgrammatik
Arbeit zitieren
Michel Allendörfer (Autor)Pierre Banek (Autor), 2004, Die Geschichte der französischen Grammatik unter besonderer Berücksichtigung der schulgrammatischen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47073

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Geschichte der französischen Grammatik unter besonderer Berücksichtigung der schulgrammatischen Entwicklung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden