Ein fester Bestandteil vieler Nationalismustheorien, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, besteht in einer Typologisierung des behandelten Phänomens. Die verschiedenen Formen, die der Nationalismus allein in Europa angenommen hat, erscheinen vielen seiner Theoretiker zu verschieden, als das er als eine einheitliche Erscheinung erklärt werden könnte. Die Kriterien, die zum Zweck der Typologisierung an den Nationalismus angelegt wurden, unterscheiden sich jedoch teilweise ähnlich erheblich voneinander wie das Resultat der mit ihrer Hilfe vorgenommenen Einteilung. Neben Kriterien, die von Unterschieden in der Konzeption der Nation ausgehen, wurden Unterschiede in der Sozialstruktur sowie der wirtschaftlichen Entwicklung zur Erklärung verschiedener Ausprägungen des Nationalismus herangezogen.
Letztere Kriterien wurden überwiegend von Anhängern des Axioms der Modernität des Nationalismus herangezogen. Ihre Annahme, nach der Nationalismus ein Phänomen der europäischen Modernisierung und Industrialisierung ist und in vormodernen Gesellschaften zu keiner Zeit möglich war, erfuhr während eines langen Zeitraums eine weitgehende Akzeptanz. Inzwischen werfen jedoch andere Theoretiker die Frage auf, ob die strikte und rigorose Betrachtung des Nationalismus als rein moderne Erscheinung ihm tatsächlich gerecht wird oder zumindest ähnliche Phänomene nicht auch in vormodernen Gesellschaften existierten.
In dieser Arbeit werden zunächst die Typologisierungen von Hans Kohn und Ernest Gellner dargestellt und anschließend miteinander verglichen. Neben den unterschiedlichen Kriterien für diese Einteilungen wird dabei ein besonderes Augenmerk auf die Bewertung des deutschen Nationalismus gelegt werden.
Gellners Nationalismustheorie verfolgt einen deutlich ausgeprägten modernisierungstheoretischen Weg. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll daher erörtert werden, wie sehr und in welcher Form dieser Ansatz seine Typologie beeinflusst hat und ob dieser Ansatz als Erklärung für die Unterschiede zwischen Kohns Dichotomie und Gellners Typologie geeignet ist. Als Vertreter eines alternativen modernisierungstheoretischen Ansatzes soll weiterhin die von Hans-Ulrich Wehler verfasste Nationalismustheorie in ihren für die Typologie wichtigen Grundzügen mit Gellners Arbeit verglichen werden. Um den Rahmen der Diskussion zu erweitern, wird abschließend der von Anthony Smith entwickelte ethnosymbolische Ansatz grob skizziert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Dichotomie des Nationalismus bei Hans Kohn
3. Die Typologie des Nationalismus bei Ernest Gellner
4. Vergleich und Diskussion
4.1 Kohns Dichotomie und Gellners Typologie
4.2 Die zwei Typen des Nationalismus bei John Plamenatz
4.3 Der modernisierungstheoretische Ansatz bei Ernest Gellner
4.4 Der alternative modernisierungstheoretische Ansatz bei Hans-Ulrich Wehler
4.5 Der ethnosymbolische Ansatz bei Anthony Smith
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung und Unterschiede verschiedener Nationalismustheorien des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, die Typologisierungen von Theoretikern wie Hans Kohn, Ernest Gellner, Hans-Ulrich Wehler und Anthony Smith kritisch zu analysieren, ihre zugrunde liegenden modernisierungstheoretischen oder ethnosymbolischen Ansätze aufzuzeigen und insbesondere deren Einordnung des deutschen Nationalismus zu vergleichen.
- Vergleich der Dichotomie von Hans Kohn mit der Typologie von Ernest Gellner.
- Analyse der Rolle von Industrialisierung und Modernisierung in Nationalismustheorien.
- Untersuchung der Einordnung des deutschen Nationalismus in die verschiedenen Konzepte.
- Diskussion des Einflusses von John Plamenatz auf spätere Nationalismustheorien.
- Gegenüberstellung des modernisierungstheoretischen Paradigmas mit dem ethnosymbolischen Ansatz von Anthony Smith.
Auszug aus dem Buch
3. Die Typologie des Nationalismus bei Ernest Gellner
Ernest Gellner entwickelt seine Typologie des Nationalismus anhand eines aus drei Parametern zusammengesetzten Modells, mit dem er Gesellschaften in verschiedenen Zuständen und Stadien ihrer Entwicklung darstellt. Neben der Darstellung einer Typologisierung unterscheidet Gellner durch dieses Modell Gesellschaften, in denen Nationalismus entsteht, von solchen Gesellschaften, in denen dies nicht möglich ist. Die theoretische Grundlage dieses Modells bilden Gellners Thesen über den Eintritt einer Agrargesellschaft ins Industriezeitalter und die daraus resultierende Auflösung der ständischen Ordnung in einen Zustand, den Gellner als soziale Entropie bezeichnet.
Gellners Model besteht aus den drei Parametern Macht (Power), Zugang zu Bildung (Education) sowie dem dritten Parameter der kulturellen Zusammensetzung der Gesellschaft, der entweder Homogenität oder Heterogenität ausdrückt. Von allen acht möglichen Kombinationen dieser Parameter entstehen oder existieren nur in solchen Gesellschaften nationalistische Strömungen, die dem zweiten, vierten oder sechsten Zustand entsprechen. Für einen Vergleich mit Kohns Dichotomie sind von diesen drei Kombinationen nur der zweite und vierte Zustand von Relevanz. Die sechste Kombination der drei Parameter, der so genannte Diasporanationalismus, kann vernachlässigt werden, da er nur ganz bestimmte ethnische oder religiöse sowie wirtschaftlich zumeist privilegierte Minderheiten, aber nie ganze Gesellschaften betrifft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Typologisierung des Nationalismus ein und stellt die verschiedenen theoretischen Ansätze sowie die zentrale Problemstellung der Arbeit vor.
2. Die Dichotomie des Nationalismus bei Hans Kohn: Dieses Kapitel erläutert Hans Kohns Unterscheidung zwischen einem westlichen, politisch motivierten Nationalismus und einem östlichen, organisch-kulturell definierten Nationalismus.
3. Die Typologie des Nationalismus bei Ernest Gellner: Hier wird Gellners Modell vorgestellt, das Nationalismus als notwendiges Produkt der Transformation von Agrar- in Industriegesellschaften begreift.
4. Vergleich und Diskussion: In diesem Hauptteil werden die Ansätze von Kohn und Gellner systematisch verglichen, durch die Perspektiven von Plamenatz, Wehler und Smith ergänzt und die Einordnung des deutschen Nationalismus diskutiert.
5. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bewertet die Erklärungsstärke der diskutierten Theorien hinsichtlich ihrer Schwächen und Möglichkeiten zur Überwindung vereinfachender Kategorien.
Schlüsselwörter
Nationalismus, Nationalismustheorien, Typologisierung, Hans Kohn, Ernest Gellner, Modernisierungstheorie, Industriegesellschaft, deutscher Nationalismus, Anthony Smith, Ethnosymbolismus, Hans-Ulrich Wehler, soziale Entropie, John Plamenatz, Nation, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht verschiedene maßgebliche Nationalismustheorien des 20. Jahrhunderts, um zu verstehen, wie diese Theoretiker das Phänomen des Nationalismus in verschiedene Typen einordnen und welche Ursachen sie dafür identifizieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Modernisierungstheorie als Erklärungsmodell für Nationalismus, die Unterscheidung zwischen westlichen und östlichen Typen des Nationalismus sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Einordnung des deutschen Nationalismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Typologisierungen von Kohn, Gellner, Wehler und Smith darzustellen, miteinander zu vergleichen und zu untersuchen, inwieweit diese Ansätze geeignet sind, unterschiedliche Ausprägungen des Nationalismus – insbesondere den deutschen – zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode des ideengeschichtlichen Vergleichs und der kritischen Analyse von Theorietexten, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Argumentationslinien der ausgewählten Autoren herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil beinhaltet die detaillierte Darstellung der Modelle von Kohn und Gellner, deren Vergleich unter Einbeziehung von John Plamenatz, die Analyse alternativer Ansätze von Wehler und die abschließende Betrachtung des ethnosymbolischen Ansatzes von Smith.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind Nationalismus, Modernisierungstheorie, Industriegesellschaft, Typologisierung, ethnosymbolischer Ansatz und die Namen der zentralen Theoretiker wie Kohn, Gellner, Wehler und Smith.
Wie unterscheidet sich Gellners Ansatz von dem von Kohn?
Kohn begründet seine Typologie primär ideologisch durch unterschiedliche Konzepte der Nation (westlich-politisch vs. östlich-kulturell), während Gellner den Nationalismus als zwingendes Resultat sozioökonomischer Modernisierungsprozesse innerhalb der Industriegesellschaft betrachtet.
Warum spielt der deutsche Nationalismus eine besondere Rolle im Vergleich?
Der deutsche Nationalismus ist ein zentraler Streitpunkt, da er bei Kohn zum östlichen Typus gezählt wird, während er in Gellners ursprünglicher Typologie aufgrund der früh erreichten kulturellen Homogenität zum westlichen, friedlichen Typus gehört, was im Kontext der späteren Geschichte (Nationalsozialismus) erhebliche Erklärungsdefizite aufzeigt.
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- Michael Treichler (Author), 2005, Modernismus und Typologisierung des Nationalismus: Über die Wechselwirkung zweier Bestandteile von Nationalismustheorien des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47075