Lakatos Typisierung von Wissenschaft. Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme


Ausarbeitung, 2018

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Lakatos‘ Typisierung von Wissenschaft – Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme
2.1 Wissenschaft und Pseudowissenschaft
2.2 Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme

3. Fazit

Bibliographie

1. Einführung

Der ungarische Philosoph Imre Lakatos (1922-1974) beschäftigte sich ausgiebig mit Fragen der Wissenschaftstheorie. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Analyse und Definition von Wissenschaft und der damit einhergehenden Abgrenzung zur „Pseudowissenschaft“, also „Nichtwissenschaft.“

Die Auseinandersetzung mit der Frage, was sich genau als Wissenschaft klassifizieren lässt und wo der Unterschied zum sogenannten Alltagswissen liegt, ist von bedeutender wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz. Lakatos versuchte in seinen Schriften dieses Thema zu durchdringen und Antworten zu finden.

In dieser Arbeit soll also die Kategorisierung von Wissenschaft nach Lakatos und seine Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme thematisiert werden.

Meine erste Forschungsfrage in dieser Arbeit lautet: Was sind nach Lakatos die Abgrenzungskriterien zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft? Außerdem wird erforscht, was die Merkmale der methodologischen wissenschaftlichen Forschungsprogramme von Lakatos sind.

Die zwei Texte von Imre Lakatos „Wissenschaft und Pseudowissenschaft in: dgl., Die Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme“ und „Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationalen Rekonstruktionen in: Kritik und Erkenntnisfortschritt“ stellen dabei meine Primärliteratur dar. Um seine Thesen kritisch zu reflektieren werde ich Aufsätze von Stegmüller und Raub & Koppelberg aufgreifen (Sekundärliteratur).

Im Folgenden werde ich kurz auf die Person Lakatos eingehen, um danach Lakatos‘ Definition von Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu analysieren, gefolgt von einer versuchten Einordnung. Danach wird auf die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme eingegangen. Abschließend wird versucht, die Fragestellungen im Fazit zu beantworten.

2. Lakatos‘ Typisierung von Wissenschaft – Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme

Der Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos, ursprünglich Imre Lipschitz, lebte von 1922 bis 1974 und war ein ungarischer Philosoph, jüdischer Abstammung.1 Er studierte Mathematik, Physik und Philosophie in Debrecen und Moskau, in Zuge dessen er 1948 seinen ersten Doktortitel erwarb und 1961 eine weiteren, zur Geschichte und Philosophie der Mathematik an der Universität Cambridge.2 Um der Verfolgung durch die Nazis zu umgehen, änderte er seinen Namen auf „Molnar“ und später dann auf „Lakatos“; wenig später, nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn 1956, floh er nach Wien und von dort aus nach England.3 Ab 1961 lehrte er an der London School of Economics und anderen Universitäten bis zu seinem frühen Tod 1974.

Rückblickend lässt sich sagen, dass er vor allem wichtige Beiträge zur Philosophie der Mathematik und zur Wissenschaftstheorie geliefert hat.4

2.1 Wissenschaft und Pseudowissenschaft

Die allgemeine Relevanz der Unterscheidung von Wissenschaft und Nichtwissenschaft prägt Lakatos quer durch seine Schriften:

„Die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist nicht bloß eine Frage der Philosophie am grünen Tisch, sondern von brennender gesellschaftlicher und politischer Bedeutung.“5

Die Voraussetzung, von der Lakatos ausgeht, ist die Kritik am „durchschnittlichen Wissenschaftler“, der seine Hypothesen keiner objektiven Prüfung unterzieht und der meist durch Glück eine wissenschaftliche Revolution hervorruft.6 Es müssten Regeln vorhanden sein, die dem Wissenschaftler zeigen, was er tun und was er unterlassen solle. Durch Befolgung dieser Regeln würde der rationale Charakter von Wissenschaft wiederhergestellt.7 Die Bemühungen um Objektivität, Repräsentativität und Vergleichbarkeit von wissenschaftlich generierten Erkenntnissen, scheinen ihm also besonders bedeutsam zu sein.

Viele Philosophen und Wissenschaftstheoretiker vor seiner Zeit, schafften es seiner Meinung nach nicht, diese Abgrenzung zu verifizieren: Sie versuchten das Abgrenzungsproblem zu lösen, indem sie beispielsweiße eine Aussage dann als eine Erkenntnis einstuften, wenn hinreichend viele Menschen, hinreichend stark von ihr überzeugt sind.8 Doch wenn dies die erforderliche Grundlage wäre, dann „(…) müsste man einige Geschichten von Geistern, Teufeln, von Himmel und Hölle (ebenfalls) als Erkenntnis einstufen.“9 Eine Mehrheitsmeinung kann also nicht automatisch als wissenschaftlich und damit „wahr“ eingestuft werden.

Lakatos erklärt weiter, dass der Erkenntniswert einer Theorie nichts mit ihrem psychologischen Einfluss auf den Menschen zu tun habe, sodass der objektive wissenschaftliche Wert einer Theorie grundsätzlich unabhängig vom menschlichen Bewusstsein sei.10 In Zuge dessen hält er es für unerlässlich, das empirische Denken zu definieren, indem die verwendeten Theorien von Tatsachen gestützt sein müssen.11

Ein Kernproblem sieht der Autor in der historisch bedingten Abhängigkeit von Wissenschaft und Religion. Als im 17. Jahrhundert die Wissenschaft entstand, bezog sich die wichtigste Erkenntnis auf „(…) Gott und den Teufel, auf Himmel und Hölle.“ Wenn man mit Vermutungen und Thesen theologischen Vorgaben widersprach, so wurden diese nicht angenommen; die theologische Erkenntnis konnte nicht fehlbar sein.12 Erstmals änderte die Aufklärung den Zeitgeist, indem sie den Menschen in theologischen Fragen für fehlbar und unwissend einstufte. Demnach existierte nicht einmal eine theologische Erkenntnis, sondern Erkenntnisse konnte es nur von der Natur geben, allerdings konnten diese nur nach Maßstäben beurteilt werden, die von der Theologie übernommen wurden: Sie mussten zweifelsfrei bewiesen sein.13

Essenziell für Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist dabei das Kriterium der wissenschaftlichen Rechtsicherheit, das Lakatos folgendermaßen definiert:

„Ein Wissenschaftler, der diesen Namen verdiente, durfte nicht mit Vermutungen arbeiten, er musste jeden Satz, den er aussprach, aufgrund der Tatsachen beweisen. (…) Theorien, die nicht aufgrund der Tatsachen bewiesen waren, galten als fluchwürdige Pseudowissenschaft, als Ketzerei in der wissenschaftlichen Gemeinschaft.“14

Sämtliche Erkenntnisse von Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Akteuren müssen also mit Tatsachen bewiesen werden. Soweit so gut. Darauf aufbauend erklärt Lakatos ein weiteres Abgrenzungskriterium von Wissenschaft und Pseudowissenschaft: Die induktive Logik. Diese will die Wahrscheinlichkeit von Theorien aufgrund der gesamten vorhandenen Daten definieren. Demnach galt eine Theorie, die eine hohe mathematische Wahrscheinlichkeit hatte, als wissenschaftlich und wenn ihre mathematische Wahrscheinlichkeit niedrig war, als unwissenschaftlich.15 Das Kriterium der wissenschaftlichen Rechtschaffenheit ist also, nie etwas zu behaupten, was nicht wenigstens sehr wahrscheinlich war.16

Allerdings, ergänzt Lakatos diesbezüglich, eine Theorie könne auch wissenschaftlich sein, selbst wenn überhaupt keine Daten für sie sprechen und sie kann pseudowissenschaftlich sein, auch wenn alle vorhandenen Daten für sie sprechen.17 Daraus resultiert die Notwendigkeit und Relevanz seiner Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme, auf die unter 2.2 eingegangen wird.

2.2 Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme

In seinen Schriften greift Lakatos häufig den Wissenschaftstheoretiker Popper auf, der sich – ähnlich wie Imre Lakatos – ebenfalls mit den Fragen von Wissenschaft und Pseudowissenschaft auseinandersetzt.

Lakatos geht es darum, den Irrationalismus zu bekämpfen und durch eine normative Methodologie zu überwinden.18 So argumentierte Popper, eine Theorie sei dann wissenschaftlich, wenn man bereit ist, im Voraus ein entscheidendes Experiment anzugeben, das sie falsifizieren würde, und sie ist pseudowissenschaftlich, wenn man nicht bereit ist, einen solchen möglichen Falsifikator anzugeben.19 Lakatos kritisiert dieses „Poppersche Falsifizierbarkeitskriterium“, denn es berücksichtige nicht die Zählebigkeit wissenschaftlicher Theorien.20 Stattdessen schlägt Lakatos eine „Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme“ vor.

Was sind dessen Merkmale?

Grundsätzlich versucht Lakatos zwischen Theorien einerseits und Forschungsprogrammen andererseits zu unterscheiden. Forschungsprogramme entwickeln sich durch eine Folge von Theorien, wobei jede neue Theorie innerhalb eines Forschungsprogramms eine Problemverschiebung darstellt.21

Nach dem Philosophen soll die Beschreibung großer wissenschaftlicher Leistungen nicht an isolierten Hypothesen, sondern an Forschungsprogrammen orientieren.22 Das Forschungsprogramm habe demnach eine „Heuristik“, also einen leistungsfähigen Problemlösungsapparat, der mit Hilfe mathematischer Methoden Anomalien „verdaut“ und in positives Beweismaterial umwandelt.23

Wie lässt sich ein wissenschaftliches Forschungsprogramm von einem pseudowissenschaftlichen unterscheiden? Er unterscheidet dabei zwischen einem „voranschreitenden Forschungsprogramm“, in dem die Theorie zur Entdeckung bisher unbekannter neuer Tatsachen führt, und einem „degenerierten Forschungsprogramm“, in dem die Theorien nur „gebastelt“ werden, um mit den bekannten Tatsachen zurechtzukommen.24

„Was wirklich zählt, sind spektakuläre, unerwartete, verblüffende Voraussagen: ein paar davon genügen, damit die Waage sich senkt; wo aber die Theorie hinter den Tatsachen herhinkt, hat man mit schlechten, degenerierenden Forschungsprogrammen zu tun.“25

Nach Lakatos ist ein Forschungsprogramm selbst bis zu einem gegebenen Zeitpunkt voranschreitend, also progressiv, wenn alle Problemverschiebungen innerhalb dieses Forschungsprogramms theoretisch progressiv, und zumindest einige Problemverschiebungen auch empirisch progressiv, waren.26

Im Anschluss darauf geht Lakatos auch auf den Grund bzw. die Ursache für wissenschaftliche Revolutionen ein: „Wenn zwei konkurrierende Forschungsprogramme vorliegen, von denen das eine voranschreitet und das andere degeneriert, neigen die Wissenschaftler dazu, sich dem voranschreitenden Programm anzuschließen.“27 Wissenschaftliche Revolutionen bestehen also darin, dass ein Forschungsprogramm ein anderes aufhebt.28

Demnach gebe es keine Sofortrationalität für wissenschaftliche Forschungsprogramme; man müsse diese gewähren lassen, denn sie bräuchten Zeit.29 Über Annahme und Verwerfung von Theorien und Forschungsprogrammen, sollte nicht unmittelbar nach ihrem Vorschlag entschieden werden, sondern es müsse vielmehr Zeit zur Entwicklung gegeben werden; außerdem könnten Beurteilungen erst dann erfolgen, wenn Problemverschiebungen bereits stattgefunden haben.30

Lakatos ergänzt, dass die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme wie jede andere Theorie wissenschaftlicher Rationalität, durch eine empirisch-externe Geschichte ergänzt werden müsse.31 Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme ziehe eine Grenze zwischen interner und externer Geschichte, die sich von der, anderer Rationalitätstheorien, wesentlich unterscheidet.32

[...]


1 Lakatos, 1978: 213

2 Lakatos, 1978: 213

3 Lakatos, 1978: 213

4 Lakatos, 1978: 213

5 Lakatos, 1978: 214

6 Stegmüller, 1973: 297

7 Stegmüller, 1973: 297 & 298

8 Lakatos, 1978: 214

9 Lakatos, 1978: 214

10 Lakatos, 1978: 215

11 Lakatos, 1978: 216

12 Lakatos, 1978: 216

13 Lakatos, 1978: 217

14 Lakatos, 1978: 217

15 Lakatos, 1978: 218

16 Lakatos, 1978: 218

17 Lakatos, 1978: 218

18 Stegmüller, 1973: 291

19 Lakatos, 1978: 218

20 Lakatos, 1978: 219

21 Werner & Koppelberg, 1978: 135

22 Lakatos, 1978: 220

23 Lakatos, 1978: 220

24 Lakatos, 1978: 222

25 Lakatos, 1978: 223

26 Werner & Koppelberg, 1978: 135

27 Lakatos, 1978: 223

28 Lakatos, 1965: 279

29 Lakatos, 1978: 224

30 Werner & Koppelberg, 1978: 137

31 Lakatos, 1965: 283

32 Lakatos, 1965: 284

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Lakatos Typisierung von Wissenschaft. Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme
Hochschule
Hochschule für Politik München  (Hochschule für Politik München)
Veranstaltung
Wissenschaftstheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
9
Katalognummer
V470776
ISBN (eBook)
9783668950139
ISBN (Buch)
9783668950146
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lakatos, Wissenschaft, Pseudowissenschaft
Arbeit zitieren
Christian Ramspeck (Autor:in), 2018, Lakatos Typisierung von Wissenschaft. Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470776

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