Handlungstheorie. Zwischen kausalistischen und teleologischen Handlungserklärungen


Hausarbeit, 2016
20 Seiten, Note: 2,0
Klaus Gotthard (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Was ist Handlungstheorie und was ist das Ziel?
1.2 Handlungserklärung vs. Handlungsbeschreibung
1.3 Warum Handlungstheorie?

2. Annahmen bezogen auf die grundsätzlichen Einwände
2.1 Handlungen und das Kausalitätsproblem
2.1.1 Kausalität
2.1.1.1 Kausalität bei David Hume
2.1.1.2 Kausalität bei John Mackie
2.1.1.3 Das Kontrafaktische Kausalmodell
2.1.1.4 Anmerkungen zum Kausalitätsproblem (A1)
2.2 Der Kausale Determinismus
2.3 Der Unterschied von Handlungen und Verhalten in der Kausalität
2.2 Substanzdualismus
2.2.1 Die traditionelle Auffassung menschlichen Handelns
2.2.2 Anmerkung zum Substanzdualismus (A2)
2.2.3 Der Epiphänomenalismus (P1)
2.2.4 Traditionelle Auffassung von Handlungen und P
2.2.5 Anmerkung zum Epiphänomenalismus (A3)
2.2.6 Handlungstheorie trotz Ablehnung des Substanzdualismus

3. Handlungsbeschreibungen
3.1 Eine minimale Theorie der Handlungsbeschreibung (A4, B1)

4. Handlungserklärungen
4.1 Kausalistische Handlungserklärungen
4.1.1 Kausalistische Handlungserklärungen bei Davidson (A5)
4.1.1.1 Einwand der logischen Verknüpfung
4.1.1.2 Gegeneinwände
4.1.2.1 Einwand der abweichenden Kausalketten
4.1.2.2 Gegeneinwand
4.2 Teleologische Handlungserklärungen
4.2.1 Teleologische Handlungserklärungen

5. Abschlussbemerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Was ist Handlungstheorie und was ist das Ziel?

Handlungstheorie ist die philosophische Disziplin, die sich mit Fragestellungen und Problemen, die mit dem Begriff des menschlichen Handelns einhergehen, beschäftigt. Ein zentrales Ziel ist es, den Unterschied zwischen menschlichem Verhalten und menschlichem Handeln zu fassen. Es geht dabei um die Frage, wie sich Handlungen erklären und beschreiben lassen – und wo in Erklärungen und Beschreibungen die Grenze zum reinen Verhalten, zum „Person x widerfährt etwas“ gezogen wird. Ein besonderer Fokus richtet sich auf die Beziehung zwischen Handlung und Handelndem.

Diese Arbeit soll in erster Linie einen Überblick über Probleme und Theorien der Handlungstheorie geben. Im ersten Teil werden Annahmen getroffen, unter denen die Diskussion über Handlungen und ihre Probleme geführt wird. Daran geknüpft ist eine Verteidigung der Philosophischen Disziplin Handlungstheorie und ein Dafürhalten, dass die Auseinandersetzung mit der Thematik auch mit dem heutigen Stand der Forschung eine Berechtigung hat.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die Kausalistische Theorie von Handlungserklärung von Donald Davidson dargestellt, beleuchtet und diskutiert. Zum Schluss werden als Alternative Teleologische Handlungserklärungen vorgestellt und ein Teile ihrer Vor- und Nachteile genannt.

In meinen abschließenden Bemerkungen werde ich meine Position zu den Fragestellungen nennen.

1.2 Handlungserklärung vs. Handlungsbeschreibung

Beim Beschreiben einer menschlichen Handlung ist es das Ziel, das Ereignis „Handlung“ begrifflich so festzulegen, dass es sich von einem Naturereignis, einem reinen Verhalten/Reflex/Widerfahrnis abgrenzen lässt („Was ist eine Handlung?“). Eng daran geknüpft ist die Frage, wie eine Handlung erklärt wird, d.h. also die Ursachen des Ereignisses (was wir als Handlung beschreiben) in seiner kausalen oder logischen Form zu analysieren („Wie kommt eine Handlung zustande?“). Beide Aspekte sind notwendig eng miteinander verknüpft – es hängt zwangsläufig von der Beschreibung eines Ereignisses ab, wie man erklären kann, dass es zustande kommt.

1.3 Warum Handlungstheorie?

Eine Position, die einführend erwähnt muss, ist die, dass es keinen Unterschied zwischen einem reinen Verhalten, einem Widerfahrnis, einem Naturereignis und dem, was wir als Handlung bezeichnen gibt. Würde man diese These vertreten, wäre die Frage „Warum überhaupt Handlungstheorie?“ berechtigt.

Ein Einwand gegen die Ziele der Handlungstheorie ist, dass die kausalen Ursachen einer Körperbewegung von der gleichen Art sind, wie alle anderen Ursachen von Wirkungen in der Natur. Demnach könne es keinen Unterschied zwischen den Ereignissen Handlung und puren Körperbewegungen geben und es gäbe keine Handlungen. Handlungen wären demnach nichts weiter als Körperbewegungen, also strikte Naturereignisse.

Ein anderer richtet sich gegen den scheinbar von der Handlungstheorie implizierten Substanzdualismus. Daran angelehnt finden sich Einwände gegen Handlungsfreiheit und somit für den Determinismus, was eine Handlungstheorie überflüssig mache.

In den folgenden Punkten 2.1, 2.2 und 2.3 werden einerseits Annahmen getroffen und formuliert und daran geknüpft gezeigt, dass die Position, es gäbe keinen Unterschied zwischen puren Naturereignissen und menschlichen Handlungen mit den getroffenen Annahmen falsch ist.

2. Annahmen bezogen auf die grundsätzlichen Einwände

2.1 Handlungen und das Kausalitätsproblem

2.1.1 Kausalität

Um über Ursachen und Wirkungen zu sprechen, ist es wichtig, die unterschiedlichen Spielarten dieser Begriffe zu unterscheiden. Ich werde, angelehnt an MacIntyres Abhandlung „Was dem Handeln vorhergeht“, im Folgenden verschiedene Punkte zu der Frage skizzieren, was ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, eine Kausalität ist.

2.1.1.1 Kausalität bei David Hume

Als erstes ist die Humesche Kausalität zu erwähnen, deren Ansätze von David Hume stammen (vgl. MacIntyre, 1985, S.6). Humes Regularitätstheorie erwägt zwar Skepsis, was den Begriff der Kausalität angeht, diese zielt aber eher auf den erkenntnistheoretischen Gehalt einer Ursache-Wirkungs-Beziehung ab, d.h. darauf, ob wir sicher wissen können, dass er besteht oder nicht. Seine Skepsis richtet sich allerdings nicht gegen die Frage, ob es Kausalität gibt oder nicht. Hume bezweifelte, dass man die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung von Ereignissen wirklich erkennen könnte. Man könne laut ihm nur das reguläre nacheinander Auftreten von zwei Ereignissen wahrnehmen, die kausale „Kraft“, die E_2 aus E_1 verursacht, allerdings nicht. Trotzdem stellt er einen Kausalitätsbegriff auf. Er sagt, eine Ursache sei „ein Ggst. dem ein anderer folgt, wobei allen Ggst.en, die dem ersten gleichartig sind, Ggst.e folgen, die dem zweiten gleichartig sind. Oder, m. a. W.: wobei, wenn der erste Ggst. nicht bestanden hätte, der zweite nie ins Dasein getreten wäre“ (Hume, 1784, S.92).

Anders ausgedrückt:

A verursacht B genau dann, wenn häufig genug beobachtet wurde, dass B-artige Ereignisse auf A-artige Ereignisse folgen.

Hier ist zu bemerken, dass A-artige Ereignisse notwendige und gleichzeitig hinreichende Bedingungen für B-artige Ereignisse sind.

2.1.1.2 Kausalität bei John Mackie

Daneben gibt es aber noch eine weitere, wenn man so will weiterentwickelte Auffassung von Kausalität, nämlich die von John Mackie. Laut ihrer ist eine Ursache allerhöchstens „eine notwendige, aber keine notwendigerweise hinreichende Bedingung“ für die Wirkung (McIntyre, 1985, S.7). Dieser nachvollziehbare Ansatz geht also davon aus, dass man niemals nur eine Ursache eines Ereignisses festmachen kann. Das Glatteis, um es mit MacIntyres Worten zu verdeutlichen, ist zwar eine notwendige Ursache des Unfalls gewesen, aber niemals hinreichend dafür, dass er sich ereignete. Denn das Konditional „wenn Glatteis, dann Unfall“ kann ebenso wenig gebildet werden, wie das kontrafaktische Konditional „wenn kein Glatteis, dann kein Unfall“. Jene Spielart ist als sog. INUS-Bedingung bekannt, die „insufficient, but necessary part of an unnecessary but sufficient condition“. Sie zu übersetzen bedeutet in etwa, „notwendiger, aber nicht hinreichender Teil einer nicht-notwendigen, aber hinreichenden Bedingung“.

2.1.1.3 Das Kontrafaktische Kausalmodell

Eine Annahme, die beide Auffassungen machen, ist die, dass Kausalität nur dann besteht, wenn ohne Ursache E_u Wirkungsereignis E_w nicht eintritt, bzw. eingetreten wäre (vgl. MacIntyre, 1985, S.8).

2.1.1.4 Anmerkungen zum Kausalitätsproblem (A1)

Diese kurze Skizzierung der Kausalitätsauffassungen möchte ich noch um Bemerkungen erweitern.

Kausalität ist nach Mackies Definition immer multikausal, d.h. es gibt niemals nur eine einzige Ursache U, die ein Ereignis E hervorruft, da immer mindestens Randbedingungen erfüllt sein müssen. Mein Stoß gegen das Glas ist nicht die alleinige Ursache, dass es vom Tisch herunterfällt, auch wenn Ereignis „Glas fällt“ regelmäßig beobachtet wird, wenn ich es stoße. Es muss als Bedingung z.B. immer erfüllt sein, dass die Erdgravitation wirkt, dass das Glas nicht am Tisch festgeklebt ist, etc.

Man mag einwenden, dass das Gegebenheiten von irrelevanter Natur sind und die Schlüsse „wenn Stoß, dann fällt Glas“ und „wenn kein Stoß, dann fällt Glas nicht“ als gültig erscheinen. Man könnte aber auch anbringen, dass ich in einem Raumschiff außerhalb der Erdlaufbahn weder den Schluss „wenn Stoß, dann fällt Glas“ ziehen kann, und genauso wenig sagen kann „wenn kein Stoß, dann fällt Glas nicht“, da es eine Menge von anderen Ereignissen gibt, die das Glas ebenfalls zu Fall bringen würden (Wind, Erdbeben etc.). Nach diesem Dafürhalten scheint es tatsächlich so, als müsste man immer von mehreren Ursachen ausgehen.

(A1) Nun möchte ich aber die These stark machen, dass es trotzdem Ereignisse gibt, die andere Ereignisse notwendig und hinreichend verursachen. Es lassen sich nämlich sehr wohl Ereignisse definieren, die Folgeereignisse wirklich verursacht haben und zwar mit einer zeitlichen Komponente. Gehen wir von einem Zeitpunkt t_0 aus, zu dem alle Vorbedingungen schon eingetreten sind, bzw. gelten. t_0 ist bei meinem Glas-Tisch-Beispiel also der Punkt, an dem das Glas locker (d.h. nicht befestigt) auf dem Tisch steht und die Erdgravitation wirkt. Nehmen wir an, dass alle physikalischen Bedingungen B_1, B_2 bis B_n etc., die notwendig sind, damit das Glas sich herunterstoßen lässt, gelten.

Wenn ich nun zum Zeitpunkt t_1 gegen das Glas stoße, wirken zwar alle Vorbedingungen kausal, die Verursachung des Herunterfallens ist aber immer noch der Stoß, den ich dem Glas gebe. Ähnlich verhält es sich bei dem Glatteis-Beispiel. Die Vorbedingung „Glatteis“ ist zwar zum Zeitpunkt t_0 schon eingetreten, der Unfall ist aber noch nicht passiert. Der Fahrer des Autos hat zum Zeitpunkt t_1 sein Fahrzeug allerdings in einer Kurve aufgrund des Glatteises nicht unter Kontrolle, lenkt den Wagen falsch und gerät aus der Spur. In diesem Fall ist das Verhalten (oder die Handlung) des Fahrers die endgültige Ursache des Unfalls, das Glatteis allerdings eine Vorbedingung, ohne die der Unfall nicht passiert wäre, also auch eine Ursache. Das Verhalten des Fahrers hätte ohne Glatteis nicht zum Unfall geführt, aber Glatteis allein verursacht nicht jeden Autofahrer dazu, einen Unfall zu bauen. Der logische kausale Schluss baut sich also aus verschiedenen Prämissen aus, die zeitliche Unterschiede aufweisen. Wäre das Glatteis erst zum Zeitpunkt t_2 aufgetreten, hätte der Fahrer das Auto normal um die Kurve gelenkt. Das Glatteis ist nicht die endgültige Ursache des Unfalls, wohl aber z.B. die „mangelnde Vorsichtigkeit des Fahrers bei Glatteis“ oder „die Unwissenheit des Fahrers, dass Glatteis herrscht“, die zwar ohne Glatteis nicht wirken, bei Glatteis aber das Verhalten des Fahrers zu einer Ursache machen.

Ich werde also ab jetzt den Begriff der Ursache und der endgültigen Ursache einer bestimmten Wirkung trennen. Die endgültige Ursache bezeichnet das Ereignis E_u, das zeitlich zuletzt vor dem Ereignis der Wirkung E_w liegt. Dafür, dass E_u zum Zeitpunkt t_1 zu E_w führt, müssen zwar die notwendigen Bedingungen B_1, B_2 etc. zum Zeitpunkt t_0 erfüllt sein, diese werde ich aber nur Ursachen, aber nicht endgültige Ursache nennen. Eine endgültige Ursache ist im Folgenden nur noch das Ereignis E_u (das zwar ohne B_1, B_2 etc. nicht zu E_w führen könnte, ohne das E_w aber trotzdem nicht eintreten würde). Anders ausgedrückt: B_1 bis B_n sind notwendig, aber niemals hinreichend für E_w. E_u ist aber, gegeben B_1 bis B_n, hinreichend für E_w und dadurch eine hinreichende endgültige Ursache.

Der Unterschied zwischen notwendigen Ursachen (den Bedingungen) und meinem Begriff der endgültigen Ursache ist durch die Definition in vielen Beispielen nur ein zeitlicher.

2.2 Der Kausale Determinismus

Die Debatte um den Determinismus und daran geknüpft Handlungsfreiheit des Menschen ist eine sehr weitreichende und komplexe Diskussion, die zu umfangreich für diese Hausarbeit wäre. Der Begriff wird in den nächsten Sätzen nur kurz umrissen, da er in 2.3 auftaucht.

Was bedeutet es, dass eine Welt (im kausalen Sinn) deterministisch ist? Es bedeutet, dass in dieser Welt zu jedem Zeitpunkt Bedingungen existieren, die in gewissem Sinne festlegen, was in der Zukunft passieren wird. Zu jedem Zeitpunkt gilt, dass sich die Welt nur so entwickeln kann, wie sie sich tatsächlich entwickelt; es gibt keinen Zeitpunkt, an dem mehrere Möglichkeiten des Weltverlaufs offen stehen. David Hume, dessen Kausalitätsverständnis ich bereits ansprach, war bspw. ein Vertreter des Kausalen Determinismus. Der Indeterminismus ist die Negation der Annahmen des Determinismus.

2.3 Der Unterschied von Handlungen und Verhalten in der Kausalität

Bei Handlungserklärungen wird oft von den Gründen, die jemand für eine Handlung hatte, geredet. Als Beispiel: „Warum stieg Felix in den Zug nach Leipzig?“ kann man auch umformulieren zu „Aus welchem Grund stieg Felix in den Zug nach Leipzig?“. Wichtig ist, dass in diesem Fall nach den Gründen von Felix gefragt wird, und nicht nach irgendwelchen Gründen (vgl. Beisbart, 2011, S.28). Eine mögliche Antwort wäre: „Weil Felix der Überzeugung war, dass es sich um den Zug nach Berlin handelte und Felix nach Berlin fahren wollte“.

Dies ist abzugrenzen von den wissenschaftlichen Erklärungen eines reinen Naturphänomens. „Wieso gab es einen Waldbrand?“ Antwort: „Die durch die Sonneneinstrahlung steigende Hitze führte dazu, dass die Temperatur der Bäume die Zündtemperatur überschritt und sie mit dem Sauerstoff aus der Luft reagierten“.

Bei dem ersten Beispiel handelt es sich um eine Erklärung durch Gründe, bei der zweiten um eine Erklärung durch Ursachen, denn es ist bei der Erklärung des Waldbrandes schwierig, Gründe anzugeben. Im späteren Verlauf der Arbeit, wenn es um Handlungserklärungen geht, wird dieser Punkt nochmal genauer erläutert.

Der nennbare Unterschied dieser beiden wird klar, wenn man sich meine Unterscheidung von endgültigen Ursachen und Ursachen (Bedingungen), die ich in A1 eingeführt habe, ansieht. Bei einem Naturphänomen ist es scheinbar schwieriger und unschärfer, das was in A1 eine endgültige Ursache genannt wird, herauszustellen, als bei einer menschlichen Handlung.

Bei der Handlung kann ich häufig die endgültige Ursache klar benennen, nämlich meine Überzeugung, dass der Zug nach Berlin fährt und mein Wunsch, nach Berlin zu fahren und die daraus folgende Handlung, dass ich in den Zug steige. Ohne diese beiden (mental festgestellten) Ereignisse wäre ich nicht in den Zug gestiegen (auch wenn alle Vorbedingungen erfüllt gewesen wären). Zusätzlich ist es vorstellbar, dass ich nicht in den Zug hätte steigen können. Ich hätte mich im Sinne der kontrafaktischen Kausalität dagegen entscheiden können. Zumindest konnte ich mir vorher vorstellen, nicht in den Zug zu steigen.

Beim Waldbrand kommen scheinbar mehrere Faktoren zusammen. Dort gibt es zwar auch eine endgültige Ursache, aber die ist 1. schwer festzustellen und sie kann sich 2. vorher nicht vorstellen, nicht zu wirken. Bei dem Waldbrand Beispiel gibt es keinen Akteur, der intrinsisch die Möglichkeit hat, sich vorzustellen, nicht zu wirken. Die Ursachen wirken zusammen und die zeitlich letzte Ursache vor dem Ausbrechen des Waldbrandes ist die endgültige Ursache (z.B. die letzten Lichtwellen, die von der Sonne auf die trockenen Bäume des Waldes treffen und die letzte Änderung der Temperatur hervorrufen).

Ob ich im Sinne einer nicht-deterministischen Handlungsfreiheit wirklich hätte nicht in den Zug einsteigen können oder ob ich eine determinierte Welt annehme, in der mir keine andere Wahl blieb, als in den Zug zu steigen, ist für die Unterscheidung beider Fälle irrelevant, da es um die vorstellbare Möglichkeit geht, etwas nicht zu tun, nicht um ihre notwendige Wahrheit oder Falschheit.

Diese Darstellung zeigt, dass auch in der Kausalität von Naturereignissen, Reflexen etc. und Handlungen Unterschiede bestehen und richtet sich damit auch gegen den Anfangs in 1.3 angedeuteten Einwand. Die Ausführungen in Punkt 2.2 sollen nicht die Form eines notwendig folgerichtigen Arguments annehmen, sondern eher zur Veranschaulichung beitragen, dass in der Kausalitätsbeziehung von Handlungsereignissen scheinbar Unterschiede zu Naturereignissen bestehen.

2.2 Substanzdualismus

2.2.1 Die traditionelle Auffassung menschlichen Handelns

Nach der „traditionellen Auffassung“ von menschlichen Handlungen, wie MacIntyre sie nennt, geht einer Handlung ein Willensakt, ein mentales Ereignis, voraus (MacIntyre, 1985, S.1). Diesen oder einen ähnlichen Begriff benutzten auch Hobbes, Kant und Hume (vgl. MacIntyre, 1985, S.1). Das besondere bei diesem Willensakt ist, dass er eine Art unverursachte Ursache eines Ereignisses, der folgenden Körperbewegung ist. Im Sinne der traditionellen Auffassung ist das mentale Ereignis, der Willensakt, die unmittelbare Ursache einer körperlichen Handlung und eine besondere Form von Ursache, da sie selbst keine Ursache hat (McIntyre, 1985, S.1f).

2.2.2 Anmerkung zum Substanzdualismus (A2)

(A2) Die folgende Anmerkung richtet sich gegen die traditionelle Auffassung von Handlungen. Verschiedene Autoren haben in den letzten Jahrhunderten Willensakte als unmittelbare und „unverursachte“ Ursache von Handlungen gesehen (vgl. MacIntyre, 1985, S.1ff). Ein Willensakt ist somit „eine besondere Form von Ursache“ und bringt eine dualistische Auffassung der Welt mit sich (McIntyre, 1985, S.2). Dieser liegt die Annahme zugrunde, ein nicht-physischer Wille, also ein mentales Ereignis, könne den physischen Körper verursachen, etwas zu tun, z.B. sich zu bewegen, oder andersrum, wie Kant erklärt: Der Willensakt könne entgegen der körperlichen Neigung intervenieren und somit zu einer Handlungsunterlassung (oder im anderen Sinne zu einer Ereignisunterlassung) führen.

Das Problem des Substanzdualismus ist die Tatsache, dass er von der wissenschaftlichen Forschung heutzutage größtenteils angezweifelt wird, da er Probleme mit sich bringt. Ein Problem ist z.B. die nicht geklärte Frage, wie es unter der Annahme einer dualistischen Welt möglich sein kann, dass nicht-physikalische Substanz physikalische Substanz in irgendeiner Weise verursachen, also kausal wirken, könne. Vertreten wird heutzutage m.A.n. weitestgehend ein materialistisches Weltbild.

Gedankenexperimente (z.B. „Mary, the color scientist“ von Jackson oder Nagels „What it is like to be a bat?“) zeigen allerdings auch, dass das Bewusstsein die physikalistisch-materialistische Weltsicht nach wie vor vor Probleme stellt und es diesbezüglich immerhin Erklärungslücken gibt. Das ist für die Handlungstheorie von zentraler Bedeutung, da bewusste Prozesse höchstwahrscheinlich mit Handlungen verknüpft sind und man eben nicht genau weiß, wie jene Prozesse zustande kommen, bzw. wie sie kausal wirken (z.B. intervenieren oder verursachen) können oder sollen.

Da das Fragen sind, die nicht geklärt sind, ist es für die Handlungstheorie wichtig, eine Annahme zu machen, um Theorien aufstellen und beurteilen zu können. Ich komme nun zu meiner Annahme, der Prämisse 1 (P1) des Epiphänomenalismus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Handlungstheorie. Zwischen kausalistischen und teleologischen Handlungserklärungen
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V470954
ISBN (eBook)
9783668936560
Sprache
Deutsch
Schlagworte
handlungstheorie, zwischen, handlungserklärungen
Arbeit zitieren
Klaus Gotthard (Autor), 2016, Handlungstheorie. Zwischen kausalistischen und teleologischen Handlungserklärungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470954

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