Betrachtet man die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit, ist es durchaus legitim primär an Frauen als Opfer zu denken. Dies erweist sich auch als treffend, so war die Mehrzahl der Opfer dieser Verfolgungswellen doch weiblich. Dennoch gab es auch andere Opfer, nämlich beispielsweise Kinder. Die vorliegende Arbeit wird die Rolle von Kindern in Hexenprozessen in der Frühen Neuzeit untersuchen.
Um diese Thematik in einem historischen Kontext wiederzugeben und um ein Grundverständnis für diesen Sachverhalt zu erlangen, wird zuerst auf die allgemeine frühneuzeitliche Hexenverfolgung und auf die Kindheit in der Frühen Neuzeit eingegangen. Anschließend wird ein Überblick über die komplexen Rollen von Kindern in Hexenprozessen gegeben. Dazu werden Fallbeispiele aus dem europäischen, aber auch aus dem amerikanischen Raum herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kindheit in der Frühen Neuzeit
3. Hexenverfolgung und Hexenprozesse in der Frühen Neuzeit
4. Rolle und Funktion des Kindes in Hexenprozessen
4.1 Kinder als Denunzianten
4.2 Kinderhexen – Opfer und Täter?
4.3 Wechselbälger
4.4 Landstreicherkinder im Hexenprozess
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die bisher wissenschaftlich wenig beleuchtete Rolle von Kindern in den Hexenprozessen der Frühen Neuzeit. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich der Status des Kindes von einem passiven Opfer zu einem aktiven Akteur (Denunziant oder Angeklagter) wandelte und welche soziokulturellen sowie rechtlichen Rahmenbedingungen diesen Prozess begünstigten.
- Die allgemeine historische Einordnung der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung.
- Die Analyse der Lebenswelt und Kindheitsbedingungen im 16. und 17. Jahrhundert.
- Die Untersuchung der rechtlichen Instrumente (Indizienlehre), die Aussagen von Kindern in Prozessen zuließen.
- Die Rolle von Kindern als Denunzianten, Wechselbälger und Landstreicherkinder.
- Der Übergang von der passiven Opferrolle hin zur Rolle als aktive Akteure in den Prozessen.
Auszug aus dem Buch
4.1 Kinder als Denunzianten
Aus zahlreichen Prozessakten ist bekannt, dass Kinder oftmals andere Personen als Hexen denunzierten, nicht selten nahe Verwandte wie Eltern, Großeltern oder auch Nachbarn. Die Kinder die in vielen Fällen denunzierten waren oft arme, verlassene und verstoßene Kinder, die ein auffälliges Verhalten an den Tag legten und in fremden Haushalten oder auf der Straße lebten. Meistens hatten jene Kinder auch real-sexuelle Erfahrungen, die auf sexuellen Missbrauch zurückzuführen sind und sie dazu veranlasste ihre Gefühle auf mythologische Art und Weise auszudrücken. Dies geschah oft in Form von Rache und Denunziation. Dass eine belastende Aussage eines Kindes zu einem Prozess oder auch einer Prozesswelle führen konnte, wurde durch die Indizienlehre ermöglicht. Das Hexereiverbrechen wurde als Ausnahmeverbrechen behandelt und anders als im ordentlichen Prozess durften hier nun Kinderaussagen als Indiz gegen Erwachsene verwendet werden. Als Beispiel lässt sich ein Fall während der großen Trier Hexenverfolgung im Jahr 1585 heranziehen. Hier berichteten die Jesuiten über Kinder, die behaupteten Hexen zu sein, was aber in dieser Zeit der theoretischen Dämonologie zufolge unmöglich war. Ein achtjähriger Junge behauptete bei einem Hexentanz Paukenschläger gewesen zu sein und denunzierte einige Frauen, die anschließend hingerichtet wurden. Ein weiteres und im amerikanischen Raum wahrscheinlich das signifikanteste Beispiel für die Anklage durch Kinder, sind die Salemer Prozesse von 1692. Die neunjährige Tochter von Reverend Samuel Parris, Betty, und seine elfjährige Nichte, Abigail Williams, waren geprägt von Geschichten der Haussklaven und wurden möglicherweise auch zu Hinrichtungen mitgenommen. Beide litten unter bannartigen Symptomen, bei denen der Arzt Dr. Giggs jegliche Form von Epilepsie ausschließen konnte. Im Rahmen der damals begrenzten medizinischen Wissenschaft diagnostizierte der Arzt, dass es sich, nach ergebnislosen und wirkungslosen Verordnungen, in diesem Fall nur um Hexerei handeln kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der Rolle von Kindern in Hexenprozessen und bettet das Thema in den historischen Kontext der Frühen Neuzeit ein.
2. Kindheit in der Frühen Neuzeit: Dieses Kapitel beleuchtet die veränderten Lebensbedingungen und die Stellung des Kindes, die als Nährboden für spätere Hexenvorstellungen dienten.
3. Hexenverfolgung und Hexenprozesse in der Frühen Neuzeit: Es wird der rechtliche und theoretische Rahmen der Verfolgungswellen sowie die Wirkung des "Hexenhammers" analysiert.
4. Rolle und Funktion des Kindes in Hexenprozessen: Dieser Hauptteil differenziert die verschiedenen Rollen des Kindes, vom passiven Opfer bis hin zum aktiven Denunzianten oder Angeklagten.
5. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst den zeitlichen Wandel der kindlichen Rolle zusammen und reflektiert die Schwierigkeit, das Phänomen wissenschaftlich eindeutig zu begründen.
Schlüsselwörter
Hexenprozesse, Frühe Neuzeit, Kindheit, Kinderhexen, Hexenverfolgung, Denunziation, Indizienlehre, Hexenhammer, Wechselbälger, Landstreicherkinder, Opferrolle, Täterrolle, Hexensabbat, historische Forschung, Teufelspakt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die bisher wenig beachtete Rolle von Kindern innerhalb der Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Themen sind die Lebensumstände von Kindern, die rechtliche Praxis der Hexenprozesse, die Rolle von Indizienbeweisen und die verschiedenen sozialen Kategorien von Kindern in diesen Prozessen.
Was ist die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, welche Rollen Kindern in Hexenprozessen zugeschrieben wurden und wie es zu dieser Rollenzuweisung kommen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine historische Analyse anhand von Fachliteratur und Quellenstudien durch, wobei er insbesondere psychologische und soziologische Ansätze zur Kindheitsgeschichte integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Rollenbilder wie das Kind als Opfer, als Denunziant, als "Wechselbalg" oder als Landstreicherkind.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Kinderhexen, Hexenprozesse, Frühe Neuzeit, Denunziation, Indizienlehre und gesellschaftliche Außenseiter.
Warum wurden gerade Kinder zu Denunzianten in Hexenprozessen?
Oftmals waren es verarmte oder misshandelte Kinder, die durch ihre Aussagen Rache übten oder in einer Umgebung kollektiver Hysterie versuchten, ihre eigene Position zu sichern.
Welche Bedeutung hatten "Wechselbälger" in diesem Kontext?
Wechselbälger wurden als missgebildete Kinder gedeutet, die angeblich von Dämonen ausgetauscht wurden, was Eltern und Obrigkeit dazu veranlasste, diese Kinder als "Frucht der Hexerei" zu verfolgen.
Spielten Landstreicherkinder eine besondere Rolle?
Ja, diese Kinder wurden von der Obrigkeit als Gefahr wahrgenommen; der Hexereivorwurf diente als bequemes Mittel, um sich ihrer als gesellschaftliche Last zu entledigen.
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- Matthias Holder (Autor), 2017, Die Rolle von Kindern in der Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470986