Der große Trip. Durch Selbstreflexion zur Selbstheilung durch Autobiographie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Verhältnis von Reise und Autobiographie

3 Der Spaziergang und die Langstreckenwanderung

4 Tagebuch

5 Die Medien der Selbstreflexion
5.1 Das Wandern als Medium
5.2 Das Reisetagebuch als Medium
5.3 Die Autobiographie als Medium

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ich muss mich ändern, war der Gedanke, der mich in diesen Monaten der Planung antrieb. […] Und der PCT sollte mir dabei helfen. Beim Wandern würde ich über mein bisheriges Leben nachdenken. Ich würde zu alter Stärke zurückfinden und alles hinter mir lassen, was mein Leben so lächerlich gemacht hatte.[1]

Nach dem Schema einer „abenteuerlichen Suche“[2] versucht die Protagonistin der vorliegenden Autobiographie, „Der große Trip. Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst.“ von Cheryl Strayed, in drei Schritten- „[…] Trennung des Individuums von seiner sozialen Gemeinschaft, extraterritoriale Bewährung und Reifung, Wiedereingliederung […]“[3] - ihr Ziel, sich selbst, die „[…] Frau mit dem Loch im Herzen […]“[4], zu heilen zu erreichen. Um diesen Entschluss zu verwirklichen, begibt sie sich auf eine mehrere Wochen andauernde Wanderung auf dem Pacific Crest Trail[5].

Dieses Zitat bezieht sich auf das Thema der vorliegenden Arbeit, welche das Verhältnis von Selbstreflexion und Wanderung in der Autobiographie untersucht.

Bezüglich dieser hermeneutischen Verbindung von Gehen und Denken setzt die Forschung sich hauptsächlich mit dem kultivierten Spaziergang und seiner Verbindung zur Selbstreflexion auseinander. Ergänzend dazu sollen im Folgenden die Abweichungen, welche sich durch die Langstreckenwanderung ergeben, von diesem traditionellen Forschungsgegenstand erarbeitet werden.

So wird zunächst auf die Bedeutung der Reise im Allgemeinen eingegangen, ergänzend dazu wird ihr Verhältnis zur Autobiographie erörtert. Daran anschließend werden Unterschiede, die sich bei einem Vergleich von Spaziergang und Wanderung ergeben, dargestellt. Im nächsten Schritt wird auf die Rolle des Tagebuchs, welches einen Teilaspekt der bearbeiteten Autobiographie darstellt, eingegangen, zunächst in der Funktion einer Authentizitätsstütze für die gesamte Arbeit. Abschließend wird der Zusammenhang drei verschiedener Medien aufgezeigt, die als Formen der Selbstreflexion in Zusammenhang stehen.

Ziel der Arbeit soll dabei sein, zu klären, welche Rolle die unterschiedlichen Medien der Selbstreflexion in Bezug auf die Selbstheilung in der vorliegenden Autobiographie spielen.

2 Das Verhältnis von Reise und Autobiographie

Zunächst soll dargestellt werden, wie das Reisen, beziehungsweise Gehen mit dem Denken in Verbindung gebracht wird, und warum dies, in Zusammenhang mit der autobiografischen Reflexion, als Topos in einer Autobiographie Einzug finden kann.

Die zunehmende Beschleunigung der Welt durch technologischen Fortschritt hat in vielen Stadtbewohnern den Wunsch geweckt, sich wieder selbstständig zu Fuß fortzubewegen. So hat sich der Spaziergang, zumeist im bürgerlichen Milieu, zu einer beliebten Freizeitaktivität entwickelt.[6] Ein wichtiges Merkmal stellt hierbei der Gang durch eine „Kulturlandschaft“[7] dar, an welcher sich der Spaziergänger, frei von jeglichen Beschwerden, erfreuen konnte. Im Gegensatz hierzu steht das weit weniger betriebene reisen bzw. wandern durch „unwegsames Gebirge“[8], also eine unerschlossene und rauere Naturlandschaft. Die Vorstellung einer gefährlichen Forschungsreise durch das gänzlich Unbekannte, in Verbindung mit Abenteuerlust und Bewährungsproben, hat sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts gewandelt. Gereist worden ist von nun an auf bereits erkundeten Wanderwegen, die dem Reisenden ein Mindestmaß an Sicherheit vermittelt haben.[9] Der Fokus hat sich damit einhergehend auf die besonnene Betrachtung der Natur und die innere Einkehr gelegt, die dem Zwecke des Nachdenkens über die eigene Person gedient hat.[10]

Bereits seit dem aufklärerischen Einfluss des 18. Jahrhunderts ist das Gehen mit dem Denken in Verbindung gebracht worden. Dabei ist zu beachten, dass mit „Gehen“ nicht die aufrechte funktionelle Fortbewegung gemeint ist, sondern dass die Tätigkeit mit einem kulturellen Aspekt -dem bewussten Denken- verknüpft wird.[11] Das Gehen bietet deshalb den passenden Rahmen zum Nachdenken, da das Individuum durch das Betreten der Natur das alltägliche Leben pausieren kann. Das „Draußen“ erfüllt dabei die Funktion eines Zufluchtsortes, durch welchen man den Schranken des Alltags entfliehen kann.[12]

Das reflexive Überdenken des bisherigen Lebens ist so aktiv betrieben worden, dass die Thematik in vielen Autobiographien Einzug gefunden hat. Das Reisen ist dann zur autobiographischen Tätigkeit geworden, wenn der Autor mit der Intention über das Erlebte zu berichten aufgebrochen ist.[13] Die gewonnenen Erkenntnisse sind hauptsächlich in Form von Reisetagebüchern oder Reiseberichten festgehalten worden, um anschließend, verknüpft mit der Darstellung des gesamten reflektierten Lebensweges, in autobiographischer Form verschriftlicht zu werden. Die Wanderung, in ihrer Verbundenheit mit der Selbstreflexion, kann dazu führen, dass man sich an ihrem Ende als eingegliedertes Gesellschaftsmitglied bewähren kann. Denn die Reise, in ihrer Funktion als ein Weg, auf dem man viel gelernt hat, wird mit der autobiographisch selbstreflexiven Betrachtung des Lebensweges in Verbindung gebracht, aus dem am charakteristischen Ende einer Autobiographie ein Resümee gezogen werden kann, aus welchem die reisende Person Erkenntnisse gewinnt. Somit vereinen sich Gehen und Denken zu einer autobiographischen Reflexion, welche als eigenständiger Topos gilt.[14]

3 Der Spaziergang und die Langstreckenwanderung

Zu dem in der Forschung hauptsächlich angesprochenen traditionellen Spaziergang, ergeben sich einige markante Unterschiede im Gegensatz zu einer Langstreckenwanderung, wie sie in der Autobiographie „Der große Trip“ durchgeführt wird.

Die größte Unterscheidung liegt in der zurückzulegenden Strecke. Bei einem Spaziergang müssen weder die Route, noch das Ziel durch feststehende Instanzen definiert werden, das einzige Ziel sollte vielmehr sein, dass man sich „im Gehen selbst realisiert“[15]. Bei einer Wanderung bildet die Selbstreflexion zwar ebenfalls einen wichtigen Teilaspekt, jedoch lassen andauernde schwere körperliche Belastung und die Verfügung über nur wenige Vorräte die zurückzulegende Kilometeranzahl immens wichtig erscheinen und Etappenziele rücken stark in den Fokus des Wanderers. So werden auch die Gedanken Cheryl Strayeds während des Abschreitens des PCT wiederholt von Sorgen über die zur Verfügung stehende Verpflegung und das Erreichen des nächsten Versorgungspaketes auf der Strecke geprägt.[16]

Eine weitere Unterscheidung ergibt sich durch die Differenz zwischen einem Spaziergang durch die „Kulturlandschaft“[17] und dem Durchwandern der „Wildnis“. Während ein Spaziergänger sich zwar in der Natur aufhält, so befindet er sich doch zwangsläufig in der Nähe seiner gewohnten Umgebung. Ein Wanderer dagegen begibt sich an einen Ort fernab der Heimat, die Orientierung ist oftmals nur durch Hilfsmittel – in Cheryls Fall durch den Ratgeber „Staying Found“[18] und einen Kompass- gewährleistet. Hieraus ergibt sich eine völlig andere Definition des Begriffs „draußen“, indem das Individuum von allen Bezugspunkten losgelöst ist, wodurch dem Gehen eine neue Dimension verliehen wird.[19]

Besagte neue Dimension wird auch durch den Anblick unverfälschter Wildnis erzeugt: „Es ging nur darum die Wildnis zu erleben. […] Für mich war das eine eindrucksvolle und elementare Erfahrung.“[20]. Sie ermöglicht es dem Wandernden eigene, im Alltag unüberwindbar groß wirkende Probleme, in einer anderen Relation zu betrachten.

Dass der Fokus eines Wanderers, im Gegensatz zu dem eines Spaziergängers, nicht ungehindert auf dem Nachdenken liegen kann, liegt vornehmlich an der zumeist ungewohnten zusätzlichen Belastung, welche das Wandern mit einem schweren Rucksack mit sich bringt. Das Bewusstsein Cheryls richtet sich wiederholt auf die durch das Wandern erzeugten Schmerzen:

Ich dachte nur daran irgendwie in Bewegung zu bleiben. Mein Kopf war eine Kristallvase, die nur diesen einen Wunsch enthielt. Mein Körper war das Gegenteil: ein Sack voller Glasscherben. Bei jeder Bewegung tat er weh. Ich zählte meine Schritte, um mich von den Schmerzen abzulenken […].[21]

Zusammenfassend liegen die Abweichungen der Langstreckenwanderung im Gegensatz zu einem traditionellen Spaziergang darin, dass eine Wanderung ein größeres Projekt darstellt. Es handelt sich um einen bewussten Austritt aus bisherigen Strukturen, womit einhergehend und den Effekt verstärkend, ein großer Abstand zu alltäglichen Bezugspunkten hergestellt wird. Die Wanderung rückt also das reflexive Denken scheinbar in den Hintergrund. Dies lässt Cheryl an ihrem ganzen Vorhaben zweifeln:

Ich hatte mir diesen Trip vorgenommen, um über mein Leben nachzudenken. Um mir darüber klar zu werden, woran ich zerbrochen war, und um mein Herz wieder zu kitten. Doch in Wahrheit wurde ich […] voll und ganz von den einfachsten körperlichen Leiden in Anspruch genommen.[22]

Warum trotz dieser Ambivalenz die Wanderung dennoch zur Selbstheilung durch Reflexion führen konnte, soll im weiteren Verlauf der Arbeit geklärt werden.

4 Tagebuch

Eine in der Autobiographieforschung aufgestellte These besagt, dass der Inhalt einer Autobiographie nicht komplett wahr und objektiv sein kann, da die Wahrheit von einem fehlerhaften Gedächtnis und subjektiven Empfindungen beeinflusst wird.[23] Die Gedächtnislücken werden beim Prozess des Rückerinnerns durch Imagination aufgefüllt, was unwillkürlich zu einem verfälschten Ergebnis führt.[24] Aber wie würde es sich verhalten, wenn eine Art Zwischeninstanz in den Prozess des Erinnerns eingebaut werden würde? Eine Form des Backups, welche dem Erinnernden die Möglichkeit bietet, die Erinnerungen festzuhalten und damals empfundene Eindrücke wieder aufleben zu lassen?

[...]


[1] Strayed, Cheryl: Der große Trip. Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst. 11. Aufl. München: Wilhelm Goldmann Verlag 2014. S.85.

[2] Martínez, Matías und Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 9., erweiterte und aktualisierte Aufl. München: C.H. Beck 2012. S.171.

[3] Ebd.

[4] Strayed, Cheryl: Der große Trip. S.60.

[5] Im Weiteren mit „PCT“ abgekürzt.

[6] Vgl. Moser, Christian und Helmut J. Schneider: Einleitung. Zur Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs. In: Kopflandschaften-Landschaftsgänge. Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs. Hrsg. von Axel Gellhaus u.a. Köln: Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2007, S. 7-27. S.8 f.

[7] Vgl. ebd. S.21.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Albrecht, Wolfgang: Kultur und Physiologie des Wanderns. In: Wanderzwang-Wanderlust. Formen der Raum- und Sozialerfahrung zwischen Aufklärung und Frühindustrialisierung. Hrsg. von Wolfgang Albrecht u.a. 2. Aufl. Berlin: De Gruyter 2012 (Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 11). S. 1-12. S.9.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Wölfel, Kurt: Geh aus, mein Herz. Kursorisches über den Spaziergang und seine poetische Praxis. In: Kopflandschaften – Landschaftsgänge. Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs. Hrsg. von Axel Gellhaus u.a. Köln: Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2007, S. 29-50. S.29.

[12] Ebd. S.43.

[13] Vgl. Wilhelms, Kerstin: My Way. Der Chronotopos des Lebenswegs in der Autobiographie (Moritz, Fontane, Dürrenmatt und Facebook). Heidelberg: Universitätsverlag Winter Heidelberg 2017. S.134.

[14] Vgl. Wilhelms, Kerstin: Das Gehen in der Autobiographie. In: Kulturelle Anatomien: gehen. Hrsg. von Daniela Hahn u.a. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Synchron Publishers 2017. S. 127-140. S.128.

[15] Wölfel, Kurt: Geh aus, mein Herz. S.29.

[16] Vgl. S.104.

[17] Moser, Christian und Helmut J. Schneider: Einleitung. Zur Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs. S.21.

[18] Strayed, Cheryl: Der große Trip. S.63.

[19] Vgl. Moser, Christian und Helmut J. Schneider: Einleitung. Zur Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs. S.9.

[20] Strayed, Cheryl: Der große Trip. S.296.

[21] Strayed, Cheryl: Der große Trip. S.94.

[22] Strayed, Cheryl: Der große Trip. S. 124.

[23] Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie. Stuttgart: J.B. Metzler Stuttgart Weimar 2000 (Sammlung Metzler Band 323). S.41 f.

[24] Vgl. ebd. S. 46.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der große Trip. Durch Selbstreflexion zur Selbstheilung durch Autobiographie
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Autobiographie
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V470998
ISBN (eBook)
9783668942783
ISBN (Buch)
9783668942790
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autobiographie, Autobiographieforschung, Wandern in der Autobiographie, Der große Trip, Selbstreflexion
Arbeit zitieren
Isabel Praca (Autor:in), 2018, Der große Trip. Durch Selbstreflexion zur Selbstheilung durch Autobiographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470998

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