Kulturtransfer zwischen den USA und der Sowjetunion. Resonanz und Rezeption des Jazz in der UdSSR


Bachelorarbeit, 2019
28 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

1.Transkulturalität und Interkulturelle Kommunikation

2. Einführung in die Jazz-Geschichte

3. Der Jazz in der UdSSR
3.1. Die Musik ist unter Kontrolle
3.2. Die erste Begegnung mit dem Jazz in der Sowjetunion
3.2.1. Die Vermittlung des Jazz

4. Die gesellschaftlich-politische Aufnahme des Jazz
4.1. Die sorgenfreie Zeit des Jazz
4.1.1. Die kulturelle Elite der UdSSR
4.1.2. Die Jazzband auf der Theaterbühne
4.2. Der Jazz und der ideologische Hintergrund
4.2.1. Terror und Hungersnot
4.2.2. Keine Freiheit in der Kultur
4.2.3. Kurze Entspannung zwischen 1932-
4.2.4. 1936-1941: Die Säuberungspolitik
4.2.5. Eiserner Vorhang

5. Der sowjetische Jazz und seine Vertreter
5.1. Die Jazztöne der Parnach-Band
5.1.2. Leopold Teplitski
5.2. Weitere Schritte zu dem sowjetischen Jazz
5.2.1. Tsfasman und AMA Jazzband
5.2.2. Leonid Utesow und der Thea-Jazz
5.2.3. Tänze zu Jazzmelodien
5.2.4. Das Staatliche Jazzorchester der UdSSR
5.3. Neue Entwicklungsstufe
5.3.1. Die Stiliagi

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

Abstract

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Prozesse des Kulturtransfers zwischen den USA und der Sowjetunion am Beispiel des Jazz zu untersuchen. Dazu wird die folgende Forschungsfrage gestellt: Wie wurde der Jazz in der UdSSR rezipiert und welche Resonanz rief er in deren Gesellschaft hervor?

Um die Forschungsfrage zu beantworten, wird zuerst die Geschichte der Entstehung des Jazz in den USA kurz dargestellt. Im Anschluss werden die Vermittlung als auch die Rezeption dieser Musikrichtung in der sowjetischen Gesellschaft analysiert. Die Analysemethodik der Bücher „ Transkulturalität. Realität, Geschichte, Aufgabe “ von Wolfgang Welsch (2017) sowie „ Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer“ von Hans-Jürgen Lüsebrink (2016) wird zur Darstellung des Sachverhaltes verwendet.

In der Arbeit findet die Autorin die kulturelle Verflechtung des amerikanischen und sowjetischen Jazz und die Anpassung an die Gesellschaft der UdSSR heraus. Zusammenfassend lässt es sich sagen, dass der Jazz auf scharfe Kritik seitens der sowjetischen Regierung stieß, aber vor allem bei jungen Menschen viel Anklang fand

Einleitung

Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

Jazz ist ein musikalisches Genre, in dem sich verschiedene Kulturen verbanden. Durch diese Vermischung entstand eine ganz neue Musik, die zum Symbol der Freiheit wurde. Mit der Zeit entwickelte sich der Jazz von der Musik der Schwarzen zu der Musik mehrerer Generationen in der ganzen Welt.

Infolge der Rezeptionsprozesse des Jazz in den Ländern Europas entstanden solche Phänomene wie beispielsweise der französische Jazz oder der sowjetische Jazz. Letzterem wird die vorliegende Arbeit gewidmet. In 5 Schritten wird analysiert, wie der Jazz in der UdSSR rezipiert wurde und welche Resonanz er in deren Gesellschaft hervorrief.

Zu Beginn der Studie werden zunächst die Konzepte der Transkulturalität von Wolfgang Welsch und der Interkulturalität von Hans-Jürgen Lüsebrink erklärt. Die Analyse des Kulturtransfers wird nach den von Lüsebrink erarbeiteten Strukturelementen durchgeführt. Darüber hinaus wird in Erwägung gezogen, ob diese zwei Konzepte ersetzbar sind. Als Nächstes folgt eine kurze Übersicht über die Geschichte des Jazz, die zum besseren Verständnis der Entwicklung des Genres und dessen wesentlicher Komponenten dient.

Die nächsten drei Hauptkapitel beschäftigen sich mit den Vermittlungs-und Rezeptionsprozessen des Jazz in der Sowjetunion. Bei der Analyse der obengenannten Forschungsfrage muss immer berücksichtigt werden, dass die Etablierung des Jazz in der sowjetischen Gesellschaft wegen der politischen Gründe ganz anders war als in den meisten Ländern. Das Regime spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung dieser Musik, da das Schicksal des Jazz in Sowjetrussland von der Politik abhängig war.

Dessen ungeachtet entfaltete sich der Jazz in den sowjetischen Städten und Republiken. In Kapitel 3 wird untersucht, wie die neue amerikanische Musik in die Sowjetunion vermittelt wurde. Das vierte Kapitel widmet sich der gesellschaftlich-politischen Aufnahme des Jazz. In diesem Kapitel werden mehrere Faktoren behandelt, die die Kulturtransferprozesse entweder begünstigen oder nicht. In Kapitel 5 werden die bedeutsamsten Vertreter des sowjetischen Jazz dargestellt, die einen wichtigen Beitrag zu dessen Entwicklung leisteten. Des Weiteren werden die Veränderungen im Jazz selbst diskutiert, nämlich Rezeptionsprozesse. Genauer gesagt wird durchleuchtet, ob der Jazz in der UdSSR eine reine Nachahmung war oder doch kulturell adaptiert wurde. In der Schlussfolgerung wird zusammenfassend festgestellt, welche wichtigen Etappen der Jazz auf dem Weg zu der Anerkennung und der Rezeption in der Sowjetunion zurücklegen musste.

1.Transkulturalität und Interkulturelle Kommunikation

Der deutsche Philosoph Wolfgang Welsch hat 1991 das Konzept der Transkulturalität entwickelt. Damit formulierte der Autor das Prinzip, dass alle Kulturen „durch Verflechtungen und Gemeinsamkeiten gekennzeichnet sind.“ (Welsch 2017:12) Moderne Gesellschaften sind nicht mehr von einer Kultur geprägt. In dem größten Teil der Länder wohnen Angehörige unterschiedlicher Nationen. Dadurch durchdringen die Kulturen einander durch und weisen Vielfältigkeit in sich auf. Die kulturelle Verflechtung beeinflusst sämtliche Bereiche des Lebens von Konsumkultur bis zu Menschenrechten. Das Phänomen der Transkulturalität wirkt auch auf einzelne Individuen ein. Laut Wolfgang Welsch sind Menschen „kulturelle Mischlinge“ (Welsch 2017:17). Da man Tag für Tag Personen mannigfaltigen kulturellen Hintergrundes begegnet, nimmt man in sich kulturspezifische Elemente anderer Menschen auf. Folglich ist auch die Identität der heutigen Menschen durch vielfältige Kulturen geprägt. Die innere Transkulturalität hilft einem Individuum mit der externen Transkulturalität leichter umgehen, d. h. mit Angehörigen unterschiedlicher Kulturen Gemeinsamkeiten finden sowie neue Berührungspunkte erschaffen (vgl. Welsch 2017).

Was wird unter dem Begriff „Interkulturalität“ verstanden? Hans-Jürgen Lüsebrink zufolge umfasst Interkulturalität alle Phänomene, die sich aus interkulturellen Kommunikationsvorgängen unterschiedlicher Kulturen ergeben. Im Gegensatz zu der Transkulturalität liegt die Idee homogener Kultursysteme dem Konzept der Interkulturalität zugrunde.

Trotzdem ist die Trennschärfe zwischen beiden Begriffen fein, weil transkulturelle Prozesse oft mit interkulturellen Vorgängen einhergehen. Das tritt in verschiedenen Formen in Erscheinung.

Beispiele dafür sind die Phänomene der Sprachmischung, des kulturellen Synkretismus oder der Integration einzelner fremder Elemente in die eigene Kultur (vgl. Lüsebrink 2016). Um Missverständnisse zu vermeiden, schlägt Wolfgang Welsch (2017:24) vor, den Begriff „Interkulturalität“ komplett außer Gebrauch zu setzen, weil die Vorstellung von zwei rein homogenen Kulturen heutzutage veraltet sei. In der modernen Welt muss Kultur als Netzcharakter betrachtet werden, der von unterschiedlichen Menschen vielfältig bereichert wird (vgl. Welsch 2017).

Musik kann als ein Beispiel der kulturellen Verflechtung erachtet werden. Verschiedenartige Motive aus der ganzen Welt vermischen sich und erschaffen ganz neue Melodien. Noch im 18. Jahrhundert nahm die europäische Musik während des Türkenkrieges einzelne türkische Musikkomponente auf. Die neu entstandene Musik war nun eine Gemeinsamkeit zwischen Krieg führenden Ländern, die viele Menschen genossen (vgl. Welsche 2017). Durch die kulturelle Verschmelzung entstand auch der Jazz, der Elemente der afrikanischen und der europäisch-amerikanischen Musik in sich enthält (vgl. Schaal 2001).

2. Einführung in die Jazz-Geschichte

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in New Orleans eine Tradition der Straßenmusik, die zu verschiedenen Anlässen wie beispielsweise Beerdigungen und Paraden von sogenannten Brass Bands, schwarzen Blaskapellen, gespielt wurde. Diese Musik war stark von kreolischen und europäischen Klängen geprägt. Laut Musikhistoriker gilt die Entstehung der Brass Band als Geburtsstunde des Jazz (vgl. Bird 1994). Für diese Musikrichtung sind folgende Merkmale bezeichnend:

- die Improvisation oder das Variieren einer Melodie von einem Solomusiker oder einem Kollektiv
- der Swing, der durch die rhythmische Abweichung einer Stimme charakterisiert wird
- Hot Intonation, d. h. der Klang wird durch Effekte wie Vibrato, Glissando, Tremolo und Growl vokalisiert. (vgl. URL: Wissen).

1898 wurde in New Orleans ein Vergnügungsviertel namens Storyville gegründet. Entlang der Straßen befanden sich zahlreiche Kneipen, Bordelle und Tanzhallen. Diese Lokale schufen in der Stadt viele Jobmöglichkeiten, vor allem für Musiker. In dem Storyville-Bezirk trafen sich klassisch ausgebildete sowie ungebildete Künstler, die sich gegenseitig beeinflussten, was der weiteren Entwicklung des Jazz einen neuen Impuls gab (vgl. Bird 1994).

Im Jahr 1917 veröffentlichte die Original Dixieland Jass Band in New York die erste Jazz-Schallplatte. Dieses Ereignis führte zu der weltweiten Verbreitung dieser Musikrichtung (vgl. Paul 2017). 1918 veranstaltete die Band mehrere Konzerte in Großbritannien. Zusätzlich veröffentlichten sie dort neue Schallplatten, was die steigende Beliebtheit des Jazz in Europa weiter begünstigte. In dem Zeitraum zwischen 1919 und 1924 traten auch andere Jazzbands aus Amerika in den großen Städten Westeuropas auf.

Infolgedessen schlossen sich europäische Musiker den amerikanischen Gruppen an oder stellten eigene Jazzbands auf (vgl. Starr 1990). Doch fehlte es dem europäischen Jazz an Individualität. Die Europäer folgten dem Prinzip der Imitation und lernten den Jazz via Schallplatten. Erst in den 60er Jahren begann man in Europa, eine eigene Vision des Jazz zu entwickeln (vgl. Jost 2015).

Nach Osteuropa, vor allem in die Sowjetunion, kam der Jazz zum ersten Mal in den 20er Jahren. Die politisch-gesellschaftliche Reaktionen auf die neue Musik und ihre Verbreitung im Land unterschieden sich von den westeuropäischen. Diese Themen werden in den folgenden Kapitel genauer behandelt.

3. Der Jazz in der UdSSR

Welche Ursachen gab es dafür, dass der Jazz in der Sowjetunion verzögert verbreitet wurde? Der Bürgerkrieg und der Erste Weltkrieg können als eine plausible Begründung dafür vorgebracht werden. In der Zeit zwischen 1918 und 1920 herrschte eine Hungersnot und ein Mangel an Heizmaterial überall in Russland. Das Volk führte einen Kampf um das Überleben und alles andere war nicht von großer Bedeutung (vgl. Starr 1990:42).

3.1. Die Musik ist unter Kontrolle

Jedoch wurden zahlreiche Militär- und Arbeiterchöre zur Unterstützung der patriotischen Gefühle gegründet. Die neue Regierung unter der Führung von Wladimir Lenin sah in der Überprüfung der Lieder eine wichtige Aufgabe, da sie der Ideologie entsprechen mussten. 1918 wurden alle Musikverlage verstaatlicht, die nun „ Agitationsmusik “ (Starr 1990:43) veröffentlichten. Außerdem brachte der Moskaurat alle Konzertveranstaltungen unter eigene Kontrolle. Von nun an entschied die Regierung, welches Musikprogramm von wem auf lokalen Konzerten gespielt werden durfte.

Außerdem geriet Russland infolge der Revolution und des Ersten Weltkrieges in außenpolitische Isolation. Das wirkte sich auf sämtliche Lebensbereiche aus. Unter diesen Umständen gab es keinen Weg mehr für die Musikindustrie, neue Schallplatten aus dem Westen zu importieren. Des Weiteren waren die wesentlichen Jazzinstrumente wie beispielsweise Banjos, Basstrommeln und vor allem Saxofone nicht einmal in Moskau vorhanden. Das Defizit an diesen Instrumenten hielt die Entwicklung des Jazz in sowjetischen Städten stark auf (vgl. Starr 1990:43-45).

3.2. Die erste Begegnung mit dem Jazz in der Sowjetunion

Als Lenin 1921 die Neue Ökonomische Politik (NEP)1 offiziell erklärte, begann die Situation im Land zu verbessern. Die Veränderung in der Politik führte zu wirtschaftlichem Wachstum und brachte auch mehr Freiheit in die sowjetische Gesellschaft. Im selben Jahr wurde ein Artikel von Walentin Parnach, einem Tänzer und Übersetzer, in einer Avantgarde-Emigrantenzeitschrift veröffentlicht, die auch in Russland beliebt war. Dadurch erschien das Wort „Jazz“ in Sowjetrussland zum ersten Mal. Parnach beschrieb mehrere visuelle Aspekte des Jazz wie zum Beispiel die Beleuchtung der Basstrommeln und die neuen Tänze, zu denen die Jazzbands spielten. Wer war aber Walentin Parnach und wo lernte er den Jazz kennen? (vgl. Starr 1990:46-47)

3.2.1. Die Vermittlung des Jazz

Walentin Parnach war ein russischer Tänzer, Übersetzer und Dichter, der in der Vorkriegszeit nach Europa emigrierte. 1913 ließ er sich in Paris nieder, wo er acht Jahre später im Pariser „Trocadero“ bei einem Konzert der Louis Mitchell Jazz Kings der ihm bis dahin unbekannten Musikrichtung erstmals begegnete. In dieser fand Parnach eine neue Tanzmusik, die mit ihrem Rhythmus den Körper befreite. Völlig fasziniert entschied er sich, sich als Vermittler des neuen Genres in Russland zu engagieren (Starr 1990:46).

Der in Unterkapitel 3.2. erwähnte Artikel diente als Grundlage für die weiteren Schritte, dem sowjetischen Publikum den Jazz näherzubringen. 1922 kehrte Parnach mit einem Set der für den Jazz wesentlichen Instrumente nach Russland zurück. Er setzte fort, Berichte über die afroamerikanische Musik in der sowjetischen Presse zu publizieren. Vor allem pries Parnach die unglaubliche Dynamik der Tanzbewegungen und die Freiheit des einzelnen Menschen, die in dem Jazz einbegriffen sind.

In jenem Jahr wurde auch eine Band unter dem Namen „Erstes Exzentrisches Orchester der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik-Walentin Parnachs Jazz Band“ gegründet. Am 1.Oktober 1922 gab sie ihr erstes Konzert im Auditorium des Staatlichen Instituts für Theaterkünste in Moskau. Die Aufführung begann mit einer Erläuterung der exzentrischen Kunst, danach spielte das Orchester und Wladimir Parnach tanzte währenddessen (vgl. Starr 1990:47-48).

Darüber hinaus wurde das Jahr 1926 durch die Gastspielreise der amerikanischen Jazz-Ensembles gekennzeichnet. Die Gruppe Benny Peyton Jazz Kings spielte in Moskau, Kiew, Charkow und Odessa. Ein paar Tage später brachte der Pianist Sam Wooding die musikalische Tanzrevue „The Chocolate Kiddies“ nach Sowjetrussland mit (vgl. Moschkov 2017). Die Bands lösten eine euphorische Begeisterung bei der Öffentlichkeit aus. Wann immer eine Aufführung der Gruppe Sam Woodings oder des Peyton- Ensembles stattfand, waren alle Tickets ausverkauft.

Zuvor hatte man fast keinen Zugang zu Jazz-Schallplatten gehabt und solche Musik war nie im Radio gespielt worden. Aus diesem Grund war die erste Begegnung des sowjetischen Volks mit den Vertretern des sogenannten richtigen Jazz spannend und besonders bedeutsam für das bessere Verständnis dieses Genres (vgl. Starr 1990:55, 61-64).

4. Die gesellschaftlich-politische Aufnahme des Jazz

Während der Jahre der NEP entwickelte sich nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Nachtleben und die Mode in der sowjetischen Hauptstadt. Das zeugte ein neues gesellschaftliches Selbstbewusstsein. Die neue Musik und die neuen Tänze wurden zu einem wesentlichen Bestandteil dieser Entwicklung. Beispielsweise war der Jazz bis zu dem ersten Konzert der Parnach- Gruppe als Lärmmusik wahrgenommen worden. Doch fingen die Einstellungen der Menschen an, sich nach der Vorstellung zu verändern. So bildete sich die Zeit des persönlichen Ausdrucks in der UdSSR (vgl. Starr 1990:58).

4.1. Die sorgenfreie Zeit des Jazz

Die junge Generation genoss die individuelle Freiheit und deren alle möglichen Formen. Sie fanden die ideologiebezogenen Lieder extrem langweilig. Die in dieser Zeit verbesserten Kommunikationskanäle mit Westeuropa beförderten die Entfaltung des Jazz in Sowjetrussland. Nach der Tournee der Benny Peyton Jazz Kings und des Ensembles Sam Woodings durch die sowjetischen Städte stieg die Nachfrage nach Jazzmusik noch mehr. Infolgedessen erlaubte die Zensur, ein paar Jazz-Lieder in dem Muztorg Verlag zu veröffentlichen. Außerdem spielten kleine Musiktruppen in Restaurants.

Es wurde sehr gern nach Jazzmusik getanzt. Die Show Sam Woodings „Chocolate Kiddies“ und heimkehrende russische Reisende brachten den Charleston nach Moskau und Leningrad mit.

Kleine Unternehmen errichteten Tanzstudios in ihren Wohnzimmern, damit Interessierte neue Tanzschritte lernen bzw. meistern konnten (vgl. Starr 1990:58-59).

4.1.1. Die kulturelle Elite der UdSSR

Größtenteils stammten sowohl das sowjetische Jazz-Publikum als auch die Musiker dennoch aus der städtischen Mittel- und Oberschicht. Der Jazz befand sich in dem Interessenbereich der Künstler, Filmemacher, Dichter, Tänzer und Theaterautoren. Der Grund dafür lag wohl darin, dass die russischen Künstler nach den fünf Jahren der Isolation für alles Neue offen waren.

Der Dichter Sergej Esenin teilte diese Begeisterung für die neue Musik und die westliche Kultur im Allgemeinen nicht. Seiner Meinung nach hatten die Westeuropäer nichts außer Foxtrott und vor allem keine Seele. Im Gegensatz zu Esesin sah Nikolai Malko, ein Orchesterleiter aus Petrograd, im Jazz neue musikalische Möglichkeiten für zukünftige Komponisten. Der Filmregisseur Sergej Einstein bezauberte sich sogar für den Foxtrott nachdem Walentin Parnachs Jazz Band ihr erstes Konzerte gespielt hatte (vgl. Starr 1990: 48-50).

4.1.2. Die Jazzband auf der Theaterbühne

Der kreative Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold machte einen für die weitere Verbreitung des Jazz wichtigen Schritt. Er lud die Parnach-Band ein, an einer neuen Vorstellung teilzunehmen. Die Idee des adaptierten Romans „Der Trust D.E“ lag in der Thematisierung des Kontrasts zwischen den verwerflichen Amerikanern und den heldenmütigen Russen. Meyerhold schöpfte einen ganz anderen Unterschied: unscheinbare russische Männer, die mit Mundharmonika marschierten und elegant bekleidete Amerikaner mit hübschen Frauen. Für eine bessere Wirkung brachte er Parnachs Jazzband auf die Bühne, welche die berühmten Kompositionen der amerikanischen Jazzmusiker wie zum Beispiel „Dardanelle“, „Japanese Sandman“ und „Rose of the Rio Grande“ spielte.

Die Theateraufführung und vor allem der Bühnenauftritt der Gruppe fanden bei dem Publikum Anklang. Die weiteren Vorstellungen in anderen sowjetischen Städten sowie in dem neu eröffneten Meyerhold-Theater waren immer sofort ausverkauft. Bemerkenswert ist auch, dass die Schau während des Fünften Kongresses der Kommunistischen Internationale zur Unterhaltung der Delegierten gespielt wurde (vgl. Starr 1990:50-53).

4.2. Der Jazz und der ideologische Hintergrund

Dank der Neuem Ökonomischen Politik, die Toleranz gegenüber allem Neuen zeigte, war der Vermittlungsprozess der westeuropäischen und amerikanischen Werte in Form von Musik und Kunst in der UdSSR willkommen. Der Jazz schaffte, in der sowjetischen Gesellschaft Wurzeln zu schlagen. Diese günstige Situation dauerte aber nicht lang. 1928 änderte sich die Politik im Land, als Josef Stalin den ersten Fünfjahresplan2 erklärte. Die neue politische Richtung des Landes kann als Anfang des „eisernen Zeitalters“ gesehen werden (vgl. Starr 1990:75).

4.2.1. Terror und Hungersnot

Während der ersten sowjetischen Allunionskonferenz der Arbeiter der sozialistischen Industrie äußerte Stalin die Hauptaufgabe der neuen politischen Rechtlinie:

„wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50-100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diesen Rückstand in 10 Jahren überwinden. Entweder gelingt uns das, oder man wird uns vernichten.“ (Stalin)

Mit der Einführung der Zentralverwaltungswirtschaft stellte man eine schnelle Entwicklung der wirtschaftlichen und militärischen Macht des Landes in Aussicht (vgl. Rogatschevskaja 2017).

Die Methode zur Erreichung dieses Zieles sah die sowjetische Regierung in der Zwangskollektivierung. Die meisten Bauern waren gezwungen, ihr Land aufzugeben und in sozialistischen Großbetrieben tätig zu sein. Das sollte das System der Sammlung der fertigen Produktion leichter und kontrolliert machen. Das Geld von den verkauften Lebensmitteln wurde für die Verstärkung der Industrialisierung verwendet.

Diese Maßnahme löste großen Widerstand aus. Um diese Situation zu regulieren, setzte Stalin ein tödliches Mittel ein: die Repression. Eine riesige Menge von Bauern wurde entweder in Arbeitslager oder in unfruchtbare Gebiete des Landes geschickt (vgl. URL: britannica). Es brach auch eine Hungersnot aus, in der viele Menschen starben Die sowjetischen Medien versuchten, die Lage am Land von den Menschen in den Städten geheim zu halten.

Nicht nur Bauern fielen Stalin zum Opfer, sondern auch sowjetische Ingenieure aus der Stahlindustrie. Man beschuldigte sie einer Kollaboration mit Kapitalisten und ausländischen Geheimdiensten. Obwohl diese Vorwürfe keinen Grund hatten, lernte das sowjetische Volk, dass man lieber in keinen Kontakt mit dem Westen einschließlich der Kultur treten sollte. Im Endeffekt führten der Terror und diese Politik zur Fremdenfeindlichkeit (vgl. Starr 1990:76-77).

4.2.2. Keine Freiheit in der Kultur

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns “ (Starr 1990:77) lautete der Slogan der nationalen Politik. 1928 wurde auch die Kultur der Sowjetunion einer strengen Zensur unterworfen. Das Hauptziel zwischen 1928 und 1932 war, Russland von den westlichen Einflüssen in allen Lebensbereichen zu befreien und eine ideologisch richtige Kunst, vor allem Musik zu erfinden. Aus diesem Grund wurde die bereits 1925 gegründete Vereinigung Proletarischer Musiker von dem Zentralkomitee offiziell akzeptiert. Daraus gingen neue Regelungen hervor, die besagten, dass sowohl Privatorganisationen als auch Amateurgruppen aus der kulturellen Szene gebannt werden mussten.

Bald wurde der Jazz seitens der Organisation angegriffen. Als Grundlage für die Argumente gegen ihn diente der Essay „Über die Musik der Degeneration“ des Schriftstellers Maxim Gorki. Obwohl er einige Jahre bis 1928 in der Emigration in Italien verbracht hatte, kam er mit der westeuropäischen Gesellschaft nicht zurecht, weswegen sein Artikel mit Hass gegen den Westen erfüllt war. Gorkis Meinung nach wurden der Jazz und der Foxtrott nur von Degenerierten, die ein frivoles Leben führten, geliebt. Außerdem sah Gorki im Jazz ein Mittel der Kapitalisten, die mit der Musik das Volk manipulierten, um ihre Herrschaft zu verstärken. Bald wurde diese Aussage zur offiziellen Position der sowjetischen Regierung. So wurde der Jazz offiziell verboten (Starr 1990:77-86).

[...]


1 ein wirtschaftspolitisches Konzept, das die gewinnorientierte Produktion in der Landwirtschaft, im Handel und in der Industrie zum Teil wieder erlaubte (vgl. Hildermeier 2007).

2 Ein staatlicher Wirtschaftsplan für fünf Jahre, der die Industrialisierung, die Zwangskollektivierung und eine zentral gesteuerte Wirtschaft beinhaltete. (vgl. URL: Wissen)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Kulturtransfer zwischen den USA und der Sowjetunion. Resonanz und Rezeption des Jazz in der UdSSR
Hochschule
Universität Wien  (Zentrum der Translationswissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2019
Seiten
28
Katalognummer
V471077
ISBN (eBook)
9783668954779
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturtransfer, sowjetunion, resonanz, rezeption, jazz, udssr, transkulturalität, interkulturelle kommunikation, Lüsebrink, Welsch, USA, transculturalism, kulturelle adaption, culture
Arbeit zitieren
Elena Zakharova (Autor), 2019, Kulturtransfer zwischen den USA und der Sowjetunion. Resonanz und Rezeption des Jazz in der UdSSR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471077

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