Im Jahr 1939 konstatierte der US-amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg den Niedergang der westlichen Gesellschaft und Kultur. Als dessen wesentliche Merkmale sah er einerseits den zeitgenössischen Zustand der Kunst, vielmehr aber noch die Macht eines neuen Kulturphänomens, nämlich des Kitschs. Was genau veranlasste den Kritiker jedoch zu einer solchen Geringschätzung der Populärkultur?
Die Untersuchung von Greenbergs Urteil über die Populärkultur erfolgt in zwei Abschnitten. In einem ersten Schritt wird die Theorie der Medienspezifik der Künste beleuchtet. Hierzu wird zunächst ein Abriss der Theorie Lessings in ihren Grundzügen gegeben. Anschließend wird Greenbergs Konzept dargestellt und mit Lessings "Laokoon" verglichen. Hier gilt es zu untersuchen, in welchen Punkten Greenberg mit seinem Vorgänger übereinstimmt und welche Aspekte er innovativ entwickelt.
Auf Basis des gewonnenen Wissens werden anschließend in einem zweiten Schritt Greenbergs Aussagen zu Massenkultur und Avantgardekunst aus dem Aufsatz "Avantgarde und Kitsch" (1939) ausführlich beleuchtet, um zu ermitteln, ob seine negative Haltung gegenüber dem Kitsch beziehungsweise der populären Kultur darin gründet, dass deren Künste im Gegensatz zu jenen der Avantgarde die Grenzen ihrer medienspezifischen Gestaltungsmöglichkeiten überschreiten und infolgedessen als "unreine Künste" einzustufen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Medienspezifik der Künste – Lessing versus Greenberg
2.1 Gotthold Ephraim Lessings „Laokoon“: Die Gesetze medienspezifischer Mimesis
2.1.1 Wesen und Regeln der Malerei
2.1.2 Wesen und Regeln der Poesie
2.2 Clement Greenberg: Ein dynamisches Entwicklungsmodell der Kunstgeschichte
2.2.1 Der experimentelle Weg zur reinen Kunst
2.2.2 Warum gerade Abstraktion? Selbstbereinigung als historisches Telos
2.3 Wirklich ein ‚neuer Laokoon‘?
3. Greenberg und die Populärkultur
3.1 Die Avantgarde: Bastion der Hochkultur
3.2 Kitsch als niedere Kunstform
3.3 Eine vielfältige Bedrohung für Kultur und Gesellschaft
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Urteil des Kunstkritikers Clement Greenberg über die Populärkultur, indem sie es in den Kontext seiner Theorie der Medienspezifik der Künste stellt. Dabei wird insbesondere analysiert, ob Greenbergs Ablehnung des Kitschs aus der Verletzung der medienspezifischen Reinheit der Kunstformen resultiert.
- Vergleich von Lessings "Laokoon" mit Greenbergs kunsttheoretischen Essays
- Rekonstruktion des Konzepts der "Selbstbereinigung" in der modernen Malerei
- Analyse der Abstraktion als historisches Telos der Avantgarde
- Definition und Kritik des Kitschs als "Erfahrung aus zweiter Hand"
- Die soziopolitische Dimension der Unterscheidung zwischen Hochkultur und Massenkultur
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Der experimentelle Weg zur reinen Kunst
Die Vermischung der Künste ist ein Phänomen, das sich Greenberg zufolge in der Kunstgeschichte immer wieder ereignet hat und ereignen wird, den einzelnen Gattungen aber zum Nachteil gereicht. Wie Lessing seinerzeit die ‚ut pictura poesis‘-Doktrin kritisiert, sieht Greenberg als Grund für solche Vermischungen die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt stattfindende Anerkennung einer einzelnen Disziplin als eine Art ‚Leitkunst‘. Diese werde zum Prototyp der Kunst überhaupt erklärt, sodass alle übrigen Künste versuchen, ihre eigenen Charakteristika abzulegen und die Effekte der aktuellen Leitkunst nachzuahmen, welche selbst wiederum bemüht ist, die anerkannten Eigenschaften der ihr unterstehenden Gattungen in sich aufzunehmen. Die Nachahmung der dominierenden Disziplin durch die übrigen könne allerdings nur gelingen, wenn die „technischen Möglichkeiten [letzterer] so hoch entwickelt sind, daß sie ihr eigenes Medium dem Anschein nach verbergen können. Mit anderen Worten, der Künstler muß sein Material dermaßen beherrschen, daß er es zugunsten der Illusion scheinbar in nichts auflöst [Hervorh. C.G.]“. Indem sich die untergeordneten Künste derart selbst verleugnen, werden sie „verfälscht und entstellt“.
Für das 17. und 18. Jahrhundert erkennt Greenberg die von dem kulturell und wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertum geförderte Literatur als Leitkunst, deren Effekten Malerei und Skulptur nachstreben. Im ihrem Fall führt diese Ordnung dazu, dass „[a]lle Aufmerksamkeit [...] vom Medium abgezogen und auf das Sujet gelenkt [wird]. Es geht nicht einmal mehr um die Frage der realistischen Nachahmung, die als selbstverständlich vorausgesetzt wird, sondern um die Fähigkeit des Künstlers, das Sujet im Hinblick auf poetische Effekte usw. zu interpretieren.“ Eine Zuspitzung erfährt die Praktik der Gattungsvermischung und damit der Niedergang der Künste in der Epoche der Romantik, die das Ziel der Kunst nicht mehr in der Imitation, sondern in der Kommunikation sieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Clement Greenbergs Kritik an der Populärkultur ein und skizziert die methodische Grundlage, die in einer Analyse seiner Theorie der Medienspezifik der Künste besteht.
2. Die Medienspezifik der Künste – Lessing versus Greenberg: Dieses Kapitel vergleicht Lessings zeichentheoretischen Ansatz mit Greenbergs historischem Modell der Selbstbereinigung der Künste.
3. Greenberg und die Populärkultur: Das Kapitel beleuchtet Greenbergs Verständnis von Avantgarde und Kitsch vor dem Hintergrund sozioökonomischer Spannungen und der drohenden Vereinnahmung von Kunst.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Greenbergs Ablehnung des Kitschs maßgeblich auf dessen Missachtung der medialen Reinheit und der damit einhergehenden 'Unreinheit' basiert.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Clement Greenberg, Medienspezifik, Avantgarde, Kitsch, Populärkultur, Moderne, Abstraktion, Selbstbereinigung, Gotthold Ephraim Lessing, Laokoon, Mimesis, Autonomie, Kunstkritik, Massenkultur, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die kunsttheoretische Ablehnung der Populärkultur durch Clement Greenberg und setzt diese in Beziehung zu seiner Theorie der Medienspezifik der Künste.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der Vergleich zwischen Lessings und Greenbergs Kunsttheorien, die Rolle der Abstraktion in der Moderne und die soziokulturelle Abgrenzung von Hochkultur und Kitsch.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist zu ermitteln, ob Greenbergs negative Haltung gegenüber dem Kitsch auf der theoretischen Prämisse beruht, dass populäre Künste die medienspezifischen Grenzen ihrer Disziplinen verletzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative kunsttheoretische Analyse, indem sie Greenbergs Essays "Zu einem neueren Laokoon" und "Modernistische Malerei" systematisch mit Lessings "Laokoon" vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Medienspezifik, die Definition der Avantgarde als Bastion der Hochkultur und die Analyse des Kitschs als ein industriell gefertigtes, "unreines" Kulturphänomen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Medienspezifik, Selbstbereinigung, Abstraktion, Autonomie der Kunst, Avantgarde und Kitsch.
Wie begründet Greenberg die Überlegenheit der Abstraktion gegenüber realistischer Kunst?
Greenberg argumentiert, dass die Abstraktion die historisch konsequente "Selbstbereinigung" der Malerei darstellt, durch die sie ihre spezifische Flächigkeit betont und sich von fremden, räumlichen Illusionen befreit.
Warum sieht Greenberg den Kitsch als Gefahr für die Gesellschaft?
Der Kitsch fungiert für Greenberg nicht nur als Symptom einer kulturellen Stagnation, sondern auch als Instrument totalitärer Regime zur Manipulation und ideologischen Indoktrination der ungebildeten Masse.
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- Daniela Haas (Author), 2018, Kitsch als unreine Kunst. Ein neuer Laokoon wider die Populärkultur?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471246