Postmemory im Comic 'Maus' von Art Spiegelman. Vergangenheit aus zweiter Hand


Hausarbeit, 2018
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Postmemory als Konzept

3. Erinnerung in Maus

4. Permeabilität der Zeitebenen

5. Selbstreflexivität als Merkmal postmemorialer Ästhetik

6. Fazit

1. Einleitung

Art Spiegelmans Comic Maus gehört, aller Skepsis bezüglich der Umsetzung zum Trotz1, längst zu den kanonisierten Werken über den Holocaust und die Fragen seiner Darstellung. Er erschien zunächst als Fortsetzungsgeschichte im von Spiegelman und seiner Frau Françoise Mouly verlegten Underground- Comicmagazin RAW, dann in zwei Teilen 1986 und 1991. 1992 wurde Spiegelmans Werk als erster Comic überhaupt mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Maus ist vor allem die Geschichte eines Nachgeborenen der zweiten Generation, der die traumatischen Erlebnisse seines Vaters und deren Auswirkungen auf ihn selbst mit künstlerischen Mitteln zu begreifen versucht. Eine ihrer darstellerischen Besonderheiten liegt in der Verschränkung von Erzähl-, Zeit- und Bildebenen, die einander durchdringen und wechselseitig verstärken. Einerseits wird die Geschichte des Vaters und Holocaust-Überlebenden Vladek durch den Sohn wiedergegeben und visualisiert, andererseits das Erleben des Sohnes in der Erzählgegenwart sowie die Entstehung des Comics selbstreferentiell reflektiert. Diese besondere Erzählstruktur verkörpert nicht nur das psychologische Trauma in seiner Unabgeschlossenheit, sondern kann auch als exemplarisch für eine spezifische Erinnerungsarbeit der Nachfolgegeneration gelten. Die Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch hat, u.a. in Anlehnung an Spiegelman, insbesondere für die Nachfolgegeneration Holocaust-Überlebender den Begriff Postmemory geprägt.2 Hirsch vertritt die These, dass Erinnerungen an erlittene Traumata der Elterngeneration sich in das Selbstverständnis und die Erinnerung der Nachgeborenen einschreiben, ohne dass sie selbst diese Erfahrungen gemacht haben. Die Hausarbeit will das Konzept Postmemory konkret am Beispiel von Spiegelmans Arbeit untersuchen und dabei besonderes Augenmerk auf die Verschränkung der Zeitebenen im Comic richten, insofern die zugrundeliegende Unabgeschlossenheit von Vergangenheit sowohl für Postmemory als auch für das psychologische Trauma konstitutiv ist. Auf welche Art stellt Spiegelman die Permeabilität der Zeitebenen visuell dar? Lassen sich voneinander unterscheidbare Strategien finden? Inwieweit ist das Darstellungsmedium3 des Comics dazu geeignet, die Übertragung von traumatischen Erinnerungen auf mehreren Ebenen abzubilden?

Die Hausarbeit stellt den Zusammenbruch einer einheitlich linearen Erzählzeit des Erinnerns an verschiedenen Beispielen dar und bezieht ihn auf das Postmemory - Konzept. Postmemory bedeutet für die Nachgeborenen immer auch Rekonstruktion und Imagination, um bestehende Leerstellen in der Erzählung der Eltern zu überbrücken und mit eigenen Assoziationen zu füllen. Michael Ostheimer identifiziert ein entscheidendes Merkmal postmemorialer Ästhetik wie folgt:

Gerade weil postmemoriale Artefakte auf persönlichen, wenngleich nicht empirischen Vergangenheitsbezügen basieren, ist es wichtig, neben den historischen Gegebenheiten die Umstände, unter denen etwas erinnert und erzählt wird, selbst zum Thema zu machen, also in die Textur der Geschichte einzuflechten.4

Entscheidend für Spiegelmans Comic ist nicht nur eine Verwebung von Zeitebenen, sondern eine grundsätzliche Selbstreflexivität, die die eigenen Entstehungsbedingungen offenlegt. Insofern diese Herangehensweise für postmemoriale Kunst von erheblicher Bedeutung ist, soll auch sie anhand konkreter Beispiele im Comic analysiert und auf ihre Intention befragt werden.

2. Postmemory als Konzept

Die besondere Verbindung zwischen einer traumatischen elterlichen Vergangenheit und der kindlichen „Erinnerung“ an dieses Leben vor der eigenen Geburt ist bereits verschiedentlich untersucht und benannt worden. Neben Hirschs Postmemory wurde sie auch als abscent memory (Ellen Fine), prosthetic memory (Celia Lury), m é moire trou é e 5 (Henri Raczymow) oder vicarious witnessing (Froma Zeitlin) bezeichnet.6 Diesen Termini ist die Betonung auf eine bestimmte zeitliche Relation wie auch einen spezifischen Mangel inhärent. Dort, wo es sich um eine abwesende, prothetische und durchl ö cherte Erinnerung handelt, eine stellvertretende Zeugenschaft, wird deutlich, dass diese Art des Erinnerns kein unmittelbares Wiederaufrufen von eigenen Erlebnissen sein kann. Viel mehr ersetzt sie die, im Falle der Nachgeborenen unmögliche, direkte Rückerinnerung durch fragmentarische Konstruktion und Imagination. Marianne Hirsch selbst beschreibt Postmemory als eine spezifische Form der Beziehung und Identifikation mit den Erlebnissen der vorangegangenen Generation:

„Postmemory“ describes the relationship that the „generation after“ bears to the personal, collective, and cultural trauma of those who came before - to experiences they „remember“ only by means of the stories, images, and behaviours among which they grew up. But these experiences were transmitted to them so deeply and affectively as to seem to constitute memories in their own right.7

Indem Hirsch nicht nur von persönlichen, sondern auch von kollektiven und kulturellen Traumata spricht, erlangt Postmemory eine weit größere Dimension und weist über den individuellen Erfahrungshorizont des Einzelnen hinaus. Zwar ist jede Erinnerung geprägt von den Bildern und Erzählungen der jeweiligen Zeit und mithin immer eine ganz persönliche, retrospektive Konstruktion, im Gegensatz zu Postmemory geht sie aber auf eigene Erfahrungen zurück. Postmemory ist als Konzept eng verknüpft mit der kreativen und künstlerischen Bearbeitung eines Materials, das vorrangig aus medial vermittelten Bildern und Narrativen besteht. Mittels Imagination und individueller Kreation wird versucht, Gräben zu überbrücken und Lücken zu schließen, die durch die verschiedenen Erfahrungen und eine zeitliche Distanz unweigerlich zwischen den Generationen entstehen.8 Michael Ostheimer weist darauf hin, dass sich immer dann die „ambivalente Struktur eines Postgedächtnisses“ ergibt, wenn sich der Gedächtnistransfer zwischen den Generationen nicht im Rahmen „kommunikativ tradierter Geschichte“ vollzieht, sondern durch Schweigen, Angst oder Verdrängung unterbunden ist.9 Diese Feststellung verdeutlicht nochmals den Zusammenhang von Postmemory mit explizit traumatischen Erlebnissen, die sich häufig der Versprachlichung oder direkten Erinnerung entziehen und mithin eher in manifestem Verhalten oder bestimmten Glaubenssätzen in Erscheinung treten. Ein wesentliches Merkmal traumatischen Erlebens und Erinnerns ist seine Unabgeschlossenheit: „These events happened in the past, but their effects continue into the present.“10 Vor allem aufgrund dieser Struktur lässt sich die emotionale Dimension begreifen, in der auch Nachgeborene von den unverarbeiteten Erlebnissen älterer Generationen beeinflusst und geprägt werden können. Hirsch betrachtet Postmemory weniger als Idee, Methode oder gar als medizinisch relevantes Syndrom, sondern als eine spezifische Struktur der Weitergabe: „And yet postmemory is not a movement, method or idea; I see it, rather, as a structure of inter- and transgenerational return of traumatic knowledge and embodied experience.“11

Postmemory ist also, trotz seiner Verbindungslinien zur Psychotraumatologie, ein literaturwissenschaftliches Konzept und als solches unmittelbar mit den literarischen Hervorbringungen der Nachfolgegenerationen verknüpft. Es dient der Analyse der künstlerischen Darstellungsmittel und Ausdrucksformen, derer sich u.a. Autorinnen und Autoren bedienen, um die inter- und transgenerationelle Weitergabe von traumatischen Erlebnisinhalten - oft unter Bezugnahme auf die eigene Biographie - abzubilden.12 Dabei geht es weniger um die Nacherzählungen elterlicher Erfahrungen, sondern darum, das eigene Leben und Erleben zu diesen prägenden Ereignissen in Beziehung zu setzen.

3. Erinnerung in Maus

Art Spiegelman selbst sagte in einem Interview mit Hillary Chute über Maus: „ In Maus geht es um das Wiederfinden der Erinnerung und letztlich um das Schaffen von Erinnerung. 13 Im Prozess der Befragungen, die Artie als Alter-Ego von Art Spiegelman mit seinem Vater Vladek durchführt, wird nicht nur dessen Geschichte abgebildet und nacherzählt, sie wird in der Gesprächssituation selbst durch beide (re)konstruiert.14 Es ist nicht allein Vladeks oder Arties Geschichte, sondern ihre wechselseitige Bedingtheit und Verflechtung, die charakteristisch für Spiegelmans Herangehensweise ist. Erinnerung ist fragmentarisch und „etwas sehr Flüchtiges“15, dessen ist sich Spiegelman zu jeder Zeit seiner Arbeit bewusst und dieses Bewusstsein prägt die Erzählstruktur seines Comics wesentlich. Sie zeichnet sich insbesondere durch eine wiederholte Unterbrechung des Erzählflusses aus, die den Konstruktionscharakter von Erinnerungen hervorhebt und die Leser selbst zu Zeugen einer im Entstehen begriffenen Geschichte werden lässt.16 Oliver Näpel weist darauf hin, dass die Unterbrechung der Chronologie auch der Distanzierung des Lesers dient, der durch die stilistischen Auflockerungen nicht „von der Erzählung so gefangen wird, daß er die Tragweite des Unglücks nicht mehr begreift und unreflektiert mitleidet.“17 Das Springen von einer Handlungsebene zur anderen, von einer dramatischen Situation der Vergangenheit zu einer im Vergleich banal wirkenden Alltagsszene18 erschwert eine zu große emotionale Identifikation. Die Distanzierung geschieht z.B. einerseits durch Unterbrechungen Arties oder Ergänzungen Vladeks in der Gegenwart19 und den gelebten Alltag von Vater und Sohn, andererseits aber auch durch die gleichzeitige Abbildung des gegenwärtigen Erzählstrangs und der jeweiligen Illustration des Erzählten. Vladeks gegenwärtige Erzählstimme ist ein gebrochenes, dem Jiddischen entlehntes Deutsch, in der Vergangenheit aber spricht er (syntaktisch) korrektes Polnisch.20 Die Erinnerungsebenen von Artie und Vladek werden mittels des Darstellungsmediums Comic auf eine Weise verbunden, die dem reinen Textmedium so nicht möglich wäre. Die verschiedenen Ebenen des Comics - insbesondere die Bild- und Textebene - erlauben es Spiegelman, simultan zwei ggf. divergierende, Geschichten zu erzählen und mit den Illustrationen den Text zu kommentieren oder vice versa. Die Ebenen können zueinander in Widerspruch stehen21 oder sich wechselseitig verstärken. Die Simultaneität des Darstellungsmediums erlaubt es aber auch, Widersprüche als solche kenntlich zu machen, ohne sie aufzulösen. Anja Lemke spricht in diesem Zusammenhang von der Gleichzeitigkeit „metaphorischen und buchstäblichen Sprechens“22. Trotz anderslautender Absichtserklärungen im Comic selbst23, geht es Spiegelman nicht um eine lückenlose Nacherzählung der „wahren Geschichte“, sondern darum, einen befriedigenden, heilsamen Abschluss in Form linearer, sinnstiftender Narration zu vermeiden. Eine frühe Fassung von Maus erschien erstmals 1972 in einer Anthologie namens Funny Aminals (sic!) in wesentlich kürzerer Form und geringerer stilistischer Abstraktion.24 Die Grundidee sowie einzelne Szenen, die im zweiteiligen Comicband schließlich vertieft werden, sind aber hier schon erkennbar. Ein Vater erzählt seinem Sohn Mickey, beide als Mäuse dargestellt, von seinen Erlebnissen während des Krieges und im Konzentrationslager. Die abgebildete Ausgangssituation lässt die Erzählung des Vaters als Gute-Nacht-Geschichte erscheinen und kontrastiert die schrecklichen Erlebnisse auf diese Weise mit einer familiären Alltagssituation. Das Trauma der Vergangenheit ist lebendig und verwoben mit den täglichen Verrichtungen der Gegenwart. In dieser ersten Version handelt es sich noch um rein fiktive Charaktere, die Verbindung zu Spiegelmans eigener Familiengeschichte ist nicht erkennbar.

[...]


1 Nachlesbar sind Vorbehalte auf visueller und narrativer Ebene u.a. bei Marco Behringer: Der Holocaust in Sprechblasen. Erinnerung im Comic. Marburg: Tectum 2009, S.20 21.

2 Obwohl Hirsch es ursprünglich für die Nachfolgegeneration Holocaust-Überlebender entwickelte, wird es mittlerweile auch für andere kulturelle Traumata und ihre künstlerische Verarbeitung fruchtbar gemacht.

3 „Medium“ als Begriff soll hier verstanden werden als Vermittlungsinstrument einer Botschaft mit spezifischen, durch die Wahl des Mediums bedingten Charakteristika. Vgl. Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze Personen Grundbegriffe. Hg. von Ansgar Nünning. 5.Auflage. Stuttgart: J.B. Metzler 2013, S. 485.

4 Michael Ostheimer: Ungebetene Hinterlassenschaften. Zur literarischen Imagination über das familiäre Nachleben des Nationalsozialismus. Göttingen: V&R unipress 2013, S. 44.

5 Diesen Terminus hebt Hirsch besonders hervor, da er ihrer Idee von Postmemory am nächsten kommt: „My notion of postmemory is certainly connected to Henri Raczymow's “mémoire trouée”, his “memory shot through with holes”, defining also the indirect and fragmentary nature of second-generation memory“. Marianne Hirsch: Mourning and Postmemory. In: Graphic Subjects: Critical Essays on Autobiography and Graphic Novels. Hg. von Michael A. Chaney. Madison: University of Wisconsin Press 2011, S. 23.

6 Marianne Hirsch: The generation of postmemory . Writing and visual culture after the Holocaust. New York: Columbia University Press 2012, S. 3.

7 Ebd. S.5

8 Hirsch spricht konkret von „imaginative investment and creation“, durch die sich die Verbindung zur Quelle von gewöhnlicher Rückerinnerung unterscheidet. Marianne Hirsch: Mourning and Postmemory, S. 22.

9 Ostheimer, Michael: Ungebetene Hinterlassenschaften, S. 46.

10 Marianne Hirsch. The generation of postmemory, S.5.

11 Ebd., S.6.

12 Michael Ostheimer: Ungebetene Hinterlassenschaften, S.46.

13 Art Spiegelman: MetaMaus. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2012, S. 74.

14 Das stellt Vladek selbst fest, indem er zu Artie sagt: „All die Sachen vom Krieg ich hab versucht, sie aus mein Kopf zu löschen für immer … bis du hast in mir alles wieder aufgebaut mit deine Fragen.“, Art Spiegelman: Die vollständige Maus. 6. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2011, S. 256.

15 Art Spiegelman: MetaMaus, S. 29.

16 Anja Lemke: Bildersprache - Sprachbilder: Darstellungsformen der Erinnerung in Art Spiegelmans Maus. In: Anblick-Augenblick: Ein interdisziplinäres Symposion. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005, S. 235.

17 Oliver Näpel: Auschwitz im Comic. Münster: LIT 1998, S. 53.

18 Viele Alltagsszenen in der Erzählgegenwart dienen allerdings nicht allein der Auflockerung, sondern häufig auch der Charakterisierung Vladeks. Er wird als besonders sparsam und eigensinnig dargestellt, immer in Konflikt mit seiner zweiten Frau und mit festen Gewohnheiten, wie z.B. dem Zählen seiner Tabletten. Vgl. Art Spiegelman: Die vollständige Maus, S. 43.

19 Art Spiegelman: Die vollständige Maus, S. 18.

20 Im Original spricht Vladek als Auswanderer in den USA ein gebrochenes Englisch, das von den deutschen Übersetzern in einen analogen Sprachstil überführt worden ist. Art Spiegelman: Die vollständige Maus, S. 295.

21 Ein Beispiel dafür liefert Artie, als er seinem Vater verspricht, dessen frühere Liebesgeschichten nicht zu erwähnen und der Schwur gleichzeitig im Comic abgebildet ist. Vgl. Art Spiegelman: Die vollständige Maus, S. 23.

22 Anja Lemke: Bildersprache - Sprachbilder, S. 232.

23 Art Spiegelman: Die vollständige Maus, S. 23.

24 Art Spiegelman: MetaMaus. S.105 107.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Postmemory im Comic 'Maus' von Art Spiegelman. Vergangenheit aus zweiter Hand
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V471288
ISBN (eBook)
9783668942929
ISBN (Buch)
9783668942936
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postmemory, Comic, Spiegelman
Arbeit zitieren
Sophie Weigand (Autor), 2018, Postmemory im Comic 'Maus' von Art Spiegelman. Vergangenheit aus zweiter Hand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471288

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