Die Geschichte der Schwarzen Pädagogik und ihre Aktualität

Einblick in die Hintergründe und Ziele eines veralteten Erziehungskonzeptes


Bachelorarbeit, 2015
48 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Einleitung

„Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald“ (Die Bibel 1984, Spr. 13, 24)

In der heutigen Gesellschaft haben viele Kinder von ihren Eltern oder Großeltern schon einmal alte Sprichwörter gehört wie „Gegensätze ziehen sich an“ oder auch „Ein blindes Huhn findet auch mal einen Korn“.

Diese basieren auf alten Volksweisheiten und Alltagsbeschreibungen, welche in erster Linie Wahrheiten und Erfahrungen vermitteln sollen. Es gibt jedoch auch Sprichwörter, welche bei Kindern Misstrauen auslösen und Angst einflößen können. Beispiele hierfür wären „Wer nicht hören will, muss fühlen“ und „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“. Solche Aussagen können starke Auswirkungen auf die Psyche eines Kindes haben. Oftmals werden solche Erziehungsmethoden gewählt, um ein von der Gesellschaft anerkanntes und akzeptiertes Kind zu „formen“.

In meiner folgenden Abschlussarbeit werde ich mich mit dem Thema der sogenannten Schwarzen Pädagogik auseinandersetzen und sie aus einem historischen Kontext heraus analysieren.

Zu Beginn der Arbeit werde ich mich zunächst mit verschiedenen Definitionen befassen, mit Hilfe derer der Einstieg in die Thematik erleichtert werden soll. Dabei sind vor allem die Definitionen von Katharina Rutschky und Alice Miller von großer Relevanz, weshalb diese vorab genauer untersucht werden. Im weiteren Verlauf komme ich zu dem geschichtlichen Rahmen der Schwarzen Pädagogik, wobei ich mich besonders auf das Menschenbild zur Zeit des 18. Jahrhunderts sowie auf die Rollenerwartungen der Kinder, Erzieher und Eltern beziehen werde.

Anschließend, im Hauptteil meiner Arbeit, werde ich der Frage nachgehen, welche Methoden der Schwarzen Pädagogik angewandt wurden, um deren Ziele umzusetzen. Daraufhin folgt ein Beispiel anhand eines Buches, wobei ich mich für das Werk “Struwwelpeter” von Heinrich Hoffmann entschieden habe. In diesem Abschnitt werden die Hintergründe des Buches genauer erläutert und erklärt, mit welchen Methoden und Absichten eine Art der Schwarzen Pädagogik eingebunden ist.

Durch die Umsetzung der Methoden der Schwarzen Pädagogik ergaben sich bei vielen Kindern psychische Störungen, da sie unter der Machtausübung der Eltern sehr gelitten haben. Auf Grund dieser Annahme stellte ich mir anschießend die Frage, welche Konsequenzen die Schwarze Pädagogik zur Folge hatte beziehungsweise haben kann.

In einem weiteren Abschnitt stelle ich das Buch „Lob der Disziplin“ von Bernhard Bueb vor, der in seinem Werk die aktuelle Erziehungskrise der Eltern beschreibt. Mit seinem Aufruf „Wir brauchen wieder Mut zur Erziehung“ stellt er einige seiner Erziehungsmethoden vor, welche jedoch sehr stark kritisiert wurden.

Weiter versuche ich die Frage zu klären, inwiefern die heutige Gesellschaft das Thema als Aktuell betrachtet und ob es sich bei der Schwarzen Pädagogik allgemein überhaupt noch um ein aktuelles Thema handelt, welches einer Diskussion bedarf.

Dabei werde ich drei gegenwärtige Beispiele aus aktuellen Themen nennen, bei denen Ansätze der Schwarzen Pädagogik zu erkennen sind.

Zum Ende der Arbeit werde ich in Abgrenzung zur Schwarzen Pädagogik schließlich noch zwei alternative Ansätze vorstellen und sie auf ihre Seriosität hin untersuchen. Dabei handelt es sich zum einen um die sogenannte „Weiße Pädagogik“ und zum anderen um die „Antipädagogik“.

2. Definition „Schwarze Pädagogik“

Schwarze Pädagogik ist ein zumeist negativ wertender Sammelbegriff für Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung als Mittel enthalten.

Der Begriff wurde vorrangig durch die Veröffentlichung von Büchern zweier Frauen, nämlich Katharina Rutschky und Alice Miller geprägt, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer eingegangen wird. Die Erziehungskonzepte der Schwarzen Pädagogik handeln von der Machtausübung der Erwachsenen und der Gehorsamkeit der Kinder. Je früher der Prozess der Unterdrückung stattfindet und je konsequenter er durchgeführt wird, desto erfolgreicher soll dieser sein. Für die Durchführung der Schwarzen Pädagogik werden verschiedenste Methoden angewandt, um gesetzte Ziele zu erreichen. Hierauf wird im Laufe der Arbeit genauer eingegangen. Zunächst stelle ich jedoch die Definition von Katharina Rutschky vor.

2.1 Definition nach Katharina Rutschky

Katharina Rutschky wurde am 25.01.1942 in Berlin geboren und studierte Geschichte, Germanistik, Pädagogik und Soziologie. Sie war eine der wichtigsten Nachkriegsautoren. Im Jahr 1977 wurde sie durch ihr Werk über die Schwarze Pädagogik bekannt, in welchem sie auf die gewaltsame bürgerliche Erziehung aus dem 18. und 19. Jahrhundert aufmerksam machte. Besonders kritisch setzte sie sich mit dem Thema des Kindesmissbrauchs auseinander. Am 14.01.2010 verstarb Rutschky in Berlin.

Ihr hinterlassenes Werk „Schwarze Pädagogik- Quellen der Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung“ veröffentlichte sie im Jahr 1977. Dadurch wurde der Begriff der Schwarzen Pädagogik unter den Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern eingeführt und publiziert.

Katharina Rutschky definierte den Begriff der Schwarzen Pädagogik nicht, sondern stellte Quellentexte zusammen, welche die Methoden und den Charakter erläutern sollten. Dafür verwendete sie mehrere Texte aus der Epoche der Aufklärung. Dabei bezeichnete sie ihre Quellenzusammenstellungen als einen „tendenziösen Versuch” (vgl. Rutschky 1997, S.XV) und fügte hinzu, dass sie gegen die explizierten Absichten der Autoren verfahren sei.

Sie beschrieb die Zeit des 18. und 19. Jahrhundert nicht aus der üblichen Perspektive der Erneuerungen und Erweiterungen, sondern als eine schlechte Anhäufung von Ratschlägen und Hinweisen, wie man die Macht gegenüber Kindern herstelle und wie Kinder in Gehorsam und Respekt gehalten, gelenkt und überwacht werden könnten. (vgl. Flitner 1994, S.17).

Erziehung ist in ihren Augen ein Phänomen der Neuzeit, welche erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand. (vgl. Rutschky 2001, S.XL) Dort nahm der Erzieher eine wichtige Rolle im Erziehungsprozess ein, da er für die Entwicklung der Kinder zuständig war. Rutschky beschrieb die Rolle des Erziehers wie folgt: „Ihm fällt also gegenüber den Heranwachsenden die Rolle des Über- Ichs zu, das ja im Seelenhaushalt der vergesellschafteten Individuen der Sitz der Moral ist“ (Rutschky 1997, S.XL).

Mit dieser Aussage bezog sich Katharina Rutschky auf die Aussage einer psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freud. Er teilte die Psyche eines Menschen in „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“ ein. Das „Es“ besteht aus unseren persönlichen Bedürfnissen und Trieben, welche von Geburt an festgelegt sind. Das „Ich“ ist der Vermittler des „Es“ und des „Über-Ichs“. (vgl. Freud 2012, S.11).

Letztendlich ist das „Über-Ich“ für die Entwicklung der Moral zuständig. Es repräsentiert die Wertevorstellungen und Verhaltensnormen der Gesellschaft.

Das „Ich“ hat die Aufgabe, zwischen beiden Komponenten zu vermitteln, wenn es einen Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Werten und Normen der Gesellschaft gibt. „Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß.“ (vgl. ebd., S.10)

Nach der Theorie von Sigmund Freud ist die Entwicklung des „Über-Ichs“ erst nach dem 6. Lebensjahr abgeschlossen. Somit waren die Eltern für die Erziehung und für die Vermittlung der Werte und Normen zuständig.

Auf diese Theorie verwies Katharina Rutschky ebenfalls und bezog sie auf die Schwarze Pädagogik. Die Erzieher der damaligen Zeit hatten die Aufgabe, Kinder moralisch zu erziehen und ihnen konkrete Werte und Normen der Gesellschaft zu vermitteln. Außerdem sollten sie die eigenen Triebe und Wünsche der Kinder senken. Dazu wurden als Methode physische und psychische Gewalt benutzt. Des Weiteren wurden Kontrolle und Überwachung sowie Abhärtung und Unterdrückung als Bestrafung verwendet. (vgl. ebd., S.10)

Außerdem verdeutlichte Rutschky, dass die Polarisierung zwischen Erwachsenen und Kindern eine wichtige Grundlage in der Schwarzen Pädagogik war. (vgl. Rutschky 1997, S.102)

Das Kind unterwarf sich den Eltern, da diese mehr Macht hatten und somit war durch ungleichmäßige Machtverhältnisse die schwarze Pädagogik möglich.

2.2 Definition nach Alice Miller

Die schweizerische Autorin und Kindheitsforscherin Alice Miller lebte von 1923 bis 2010, absolvierte nach ihrem Studium eine Ausbildung als Psychoanalytikerin und arbeitete danach über zwanzig Jahre in diesem Beruf. Jedoch entwickelte sie eine antipädagogische Haltung und hielt eine Erziehung der Kinder für ungesund. Somit differenzierte sie sich in den 1980er Jahren von den Prinzipien der Psychoanalyse. Sie erklärte, dass man die Kinder begleiten sollte, anstatt sie zu erziehen. (vgl. Miller 1980, S.122)

Alice Miller beschäftigte sich sehr mit der Thematik der Schwarzen Pädagogik von Katharina Rutschky und befasste sich damit intensiv in ihren Werken.

Durch ihr fundiertes Wissen im Bereich der Psychoanalyse war es ihr möglich, unter anderem die Folgen der Schwarzen Pädagogik zu erläutern und die Gründe für deren Anwendung zu verdeutlichen.

Sie persönlich verstand unter dem Begriff der Schwarzen Pädagogik eine Erziehung, die darauf ausgerichtet war den Willen des Kindes zu brechen und es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen. (vgl. Miller 2004, S.7) Dabei stand die Erziehung zum Gehorsam und zur sinnlosen Härte besonders im Vordergrund, bei derer sich die Kinder den Erwachsenen vollkommen unterwerfen sollten. (vgl. ebd., S.77) Sie vermutete, dass diese Erziehungsmethoden bei unseren Eltern und Großeltern ebenfalls angewandt wurden. Dabei galt es bei unseren Großeltern primär, das Kindliche und Schwache so schnell wie möglich zu vertreiben, so dass sie zeitig erwachsen werden konnten und dadurch zugleich Achtung verdienten. (vgl. Miller 1980, S.77)

Wenn man die Ausführungen von Alice Miller und Katharina Rutschky vergleicht, sah Rutschky die Konditionierung zum Nicht- Merken als eine Hauptaufgabe der Schwarzen Pädagogik an, da die Kinder nichts von ihrem Leid und den Misshandlungen wissen sollten. (vgl. ebd., S.17ff.)

Gründe für die Ausübung der Schwarzen Pädagogik können sein, dass es Eltern in der damaligen Zeit sehr schwer gefallen sein muss, bestimmte Charaktereigenschaften der Kinder zu akzeptieren.

In den häufigsten Fällen wurden die Eltern der Kinder ebenfalls geschlagen und versuchten schließlich, durch Misshandlung ihrer Kinder ihre eigene Kindheit aufzuarbeiten. Dadurch konnte der Kreislauf nicht unterbrochen werden, da die Idealisierung der Kindheit im Vordergrund stand. (vgl. ebd., S.127)

2.3 Zusammenfassung

Betrachtet man abschließend die zwei Definitionen von Katharina Rutschky und Alice Miller, so erkennt man, dass die Erziehungsmethoden und die Erziehungsformen der Schwarzen Pädagogik nicht dem pädagogischen Konzept von heute entsprechen. Es ist eher eine Erziehung, welche sich im Laufe der Geschichte, auf Grund der unterschiedlicheren und auch schlechteren Lebensbedingungen die herrschten, entwickelte. Unter der Schwarzen Pädagogik versteht man folglich eine systematische Anwendung von Methoden, welche den Willen des Menschen brechen und danach den Charakter des Kindes neu gestalten sollen. Dadurch gelang es, Menschen nach den Vorstellungen der Erzieher zu formen und ihnen Konformität zu vermitteln. Hierzu waren Prinzipien wie Disziplin, konkrete Regeln, verstärkte Kontrolle und die Wahrnehmung der Autorität des Erziehers notwendig.

3. Geschichtlicher Rahmen der Schwarzen Pädagogik

Die Geschichte der Schwarzen Pädagogik steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Geschichte der Kindheit, da Erziehung voraussetzt, dass es einen Unterschied zwischen Erzieher und Zögling gibt. Der Zivilisationsprozess in der modernen Gesellschaft des westlichen Europas hatte sehr großen Einfluss auf die Erziehung und die damit verbundene bürgerlich-neuzeitliche Pädagogik.

Katharina Rutschky bezieht sich dabei auf das Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ von Norbert Elias, welches im Jahr 1939 veröffentlicht wurde. Sowohl Rutschky als auch Elias gehen davon aus, dass der individuelle Zivilisationsprozess in dem Erziehung vorkommt, von den kollektiven Voraussetzungen nicht zu unterscheiden ist. (vgl. Rutschky 1997, S.XXXIII) Deswegen muss der Mensch in seinem Leben die Prozesse der Gesellschaft, die sich schon in der Zeit bis zum 18. Jahrhundert abgespielt haben, noch einmal in seinem eigenen Leben durchlaufen. Es wurden Verhaltensstandards festgelegt, welche dafür sorgten, dass die Triebe, Bedürfnisse und Affekte unterdrückt und geleitet wurden. Elias beschreibt weiterhin, dass sich die Psychogenen in der Erziehung der neuen Gesellschaft auf brutale Weise durchsetzen, sich die Erwachsenen dessen jedoch nicht bewusst sind.

Daraus ergibt sich, dass die Erziehung ein Prozess der Zivilisation ist und sich die zivilisatorischen Zwänge entfalten können.

Dadurch entsteht ein damit einhergehender Verinnerlichungsprozess der äußeren Zwänge, die sich in Selbstzwänge umwandeln und Angst zwischen dem Erzieher und Zögling auslösen können.

Betrachtet man die Aussagen Elias genauer, so erkennt man, dass es ein wichtiger Faktor für das Verständnis von Erziehung ist, zu verstehen, dass der Erwachsene nur in der “Figurations-Erziehung” seine eigenen Konflikte aus der Kindheit verarbeiten kann. Probleme, welche bisher nie angesprochen oder verarbeitet wurden, bewältigt der Erwachsene nur, indem er sich gegenüber dem Kind so verhält, dass dieses dieselben Ängste erfährt, welche bei ihm durch den Zivilisationsprozess ausgelöst wurden und die im Unterbewusstsein des Erwachsenen manifestiert wurden. (vgl. Bernhard, 2009, S.72)

Zusammenfassend sagt Bernhard, dass die Situation durch die Anforderungen des Zivilisationsprozesses erzeugten Angst, nun allerdings aus einer günstigeren Ausgangslage heraus stammt. Er kann jetzt selbst die Position des strafenden Über‐Ichs einnehmen in der illusionären Annahme, die eigenen Ängste durch ihre Weitergabe an die nachwachsende Generation bewältigen zu können (vgl. ebd., S.72).

Nach der Theorie von Lloyd de Mause befinden wir uns in einem Wandel der Eltern- Kind Beziehung von einem kühl- distanzierten Verhältnis, wie es beispielsweise in der Antike vorkam, hin zu einem emotional-liebevollen in der Moderne. (vgl. deMause 2007, S.16)

Er beschreibt die Geschichte der Kindheit als einen Alptraum, aus dem wir langsam erwachen, da wir erst jetzt ein Bewusstsein für die Grausamkeit entwickeln und uns über deren Auswirkungen Gedanken machen, also, welche Spätfolgen diese auf die Entwicklung der Kinder haben kann. Da die Umstände und die gegebenen Lebensbedingungen für lange Zeit als normal angesehen wurden, dauerte dieser Prozess sehr lange. Ab dem 16. Jahrhundert befasste man sich mit der Entwicklung, Bildung und Erziehung der Kinder innerhalb der Familie.

Im Laufe der Jahrhunderte kam das Misshandeln von Kindern immer öfter vor. Oft geschah es, dass Kinder oder auch Säuglinge im 17. und 18. Jahrhundert ausgepeitscht wurden. (vgl. deMause 2007, S.17ff.). Es war es bis zum 20. Jahrhundert keine Seltenheit, dass man kleine Kinder für mehrere Stunden alleine im Haus zurück ließ.

Sexuelle Übergriffe waren bis zum Anfang des 20. Jahrhundert noch üblich, da man glaubte, dass der Geschlechtsverkehr mit Kindern Geschlechtskrankheiten heilen könne. (vgl. ebd., S.79ff.)

Auf der anderen Seite wurde die Masturbation bei Kindern bestraft, indem sie festgebunden wurden und man sie in Vorrichtungen brachte, durch die sie sich selber nicht berühren konnten. Im schlimmsten Fall wurden sogar ihre Geschlechtsorgane verstümmelt.

Abschließend kann man sagen, dass sich die Schwarze Pädagogik nach Alice Miller über die Jahrhunderte hinweg weiter entwickelt hat und sich zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert auf dem Höhepunkt befand, da sich zu dieser Zeit das Bewusstsein über die Entwicklung von Kindern entwickelte. (vgl. Miller 1980, S.117)

Katharina Rutschky erklärt in ihrem Werk, dass Kinder der Schwarzen Pädagogik zur Zeit des 18. Jahrhunderts ausgesetzt waren. (vgl. Rutschky 1997, S.XV)

3.1 Das Menschenbild zur Zeit der Schwarzen Pädagogik

Zunächst muss man bedenken, dass das pädagogische Handeln auf verschiedene Menschenbilder zurückzuführen ist. Diese müssen selbst nicht immer vorhanden sein, da sie auch indirekt und nicht offensichtlich eine Grundlage für viele Vorgehensweisen im pädagogischen Kontext darstellen.

Das Menschenbild selbst liefert eine genaue Vorstellung darüber, was der Mensch überhaupt ist, wozu er bestimmt ist und wie der Weg der Entwicklung der Menschen aussehen muss. (vgl. Rutschky 1997, S. XXV)

In der Schwarzen Pädagogik geht man anfangs von der bösen Natur des Kindes aus, welches erzogen werden muss. Er wird als unvollkommenes Wesen betrachtet, welches die Anlage zum Bösen in sich trägt. Diese Aussage wird mit der Erbsünde in Verbindung gebracht, da Adam und Eva im Paradies gesündigt haben und wir dessen Nachfahren sind. Somit tragen auch wir die Erbsünde in uns. Katharina Ruschky beschreibt den Menschen ebenfalls als ein verdorbenes und unzufriedenes Wesen. (vgl. Basedow/Campe 1777, S.61)

Demnach kann eine Person nur zu einem guten Menschen geformt werden, indem er richtig erzogen wird. Denn der Mensch ist nichts anderes, als was die Erziehung aus ihm macht. (vgl. Kant 1803, S.59)

Rutschky bezog sich auch auf den Sozialpädagogen J.Falk (1768-1826), der die Aussage vertritt, dass die Kinder in einer sadistischen Infantilisierung eher zu den „Tieren“ als dem Naturstoff gemacht werden, der der Erziehung vorgegeben ist, damit sie Menschen daraus formt. (vgl. Rutschky 1997, S.XXV)

Durch die neue Auffassung der Erziehungsnotwendigkeit, kann man eine deutliche Trennung von Kindheit und Jugend von der Lebensphase der Erwachsenen vornehmen.

Das kann ein Anlass dafür sein, dass die Erwachsenen sich in eine superiore Position heben und sich als „Über -Ich“ des Kindes sehen, dessen Anwendungen der schwarzen Pädagogik und Strafen als Erziehungsmethoden erlaubt sind. Aus den Texten Rutschkys lässt sich ableiten, dass man Kinder bändigen muss um ihnen Gehorsam anerziehen zu können, so dass sich die böse Natur nicht einschleichen kann. Eine besondere Rolle spielt dabei das Angstverhältnis zwischen dem Erzieher und dem zu erziehenden Kind. Das Menschenbild der Schwarzen Pädagogik beinhaltet zugleich die Vorstellung, dass der Mensch über eine Selbstkontrolle verfügt. (vgl. Flitner 2004, S.17) Dies soll, wie bereits erwähnt, dem Kind anerzogen werden und ist eine Folge des Zivilisationsprozesses.

Weiterführend kann man sagen, dass Frauen und Männer weder gesellschaftlich noch politisch gleichgestellt waren. Männer und Jungen genossen seitens der Gesellschaft ein höheres Ansehen und alle damit verbundenen Privilegien. Während die Männer zur Arbeit gingen und für das Einkommen zuständig waren, blieben die Frauen zu Hause und kümmerten sich um den Haushalt. Dieses Menschenbild fand man auch in der Erziehung der Zöglinge wieder.

Alles in allem betrachtet, lässt sich das Menschenbild der Schwarzen Pädagogik einem behavioristischen Verständnis zuordnen, in dem der Mensch die Einflüsse seiner Umwelt aufnimmt und darauf reagiert. Die jeweiligen Emotionen werden dabei völlig ignoriert. Man geht davon aus, dass der zu Erziehende von außen gelenkt wird und nur durch Nachahmung lernt. (vgl. Tenorth/Tippelt 2007, S. 59)

3.2 Die Rolle der Kinder, Erzieher und Eltern

Im folgenden Abschnitt werde ich mich zunächst mit dem Menschenbild zur Zeit der Schwarzen Pädagogik beschäftigen. Dabei betrachte ich die Rolle der Kinder, Erzieher und Eltern, welche ich im Anschluss genauer erläutere.

Angefangen mit dem Bild der Kinder kann man erkennen, dass diese als äußerst schwache, hilflose und abhängige Wesen gesehen wurden. (vgl. Miller 1980, S.77) Wie bereits im vorherigen Abschnitt erläutert, galten sie als von Natur aus böse und selbstsüchtig. Die Kinder waren jedoch “biegsam” und konnten gut durch den Erziehenden geformt werden. Hierzu lässt sich exemplarisch die Aussage des englischen Philosophen und Vordenkers der Aufklärung John Locke heranziehen. Er bezeichnet die menschliche Seele zu Beginn des Lebens als ein unbeschriebenes Blatt beziehungsweise eine leere Tafel (auch “tabula rasa”), auf welcher der Erziehende Eindrücke hinterlassen kann, die das Wesen und den Charakter des Kindes grundlegend mitbestimmen sollen. (vgl. Jonach 1997, S.60ff.)

Des Weiteren wurden die Charaktereigenschaften und die Angewohnheiten von Kindern als Krankheit angesehen, welche von den Erwachsenen behandelt werden musste. (vgl. Miller 1980, S.51) Sie hatten die Aufgabe, den Kindern das Böse und die schlechten Eigenschaften auszutreiben. Nach Rutschky benötigten Kinder ständige Überwachung und Kontrolle. Der Erzieher muss in dem Kind einen potentiellen Feind sehen, welcher permanent überwacht werden muss und dessen Aktivitäten man zu unterbinden hat. (vgl. Rutschky 1997, S.148)

Durch das mangelnde Vertrauen rechtfertigten sie die ständige Kontrolle. Die Gehorsamkeit gegenüber den Eltern war dabei eine der wichtigsten Eigenschaften, denn Ungehorsam hätte das System der Unterordnung in Frage gestellt.

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Details

Titel
Die Geschichte der Schwarzen Pädagogik und ihre Aktualität
Untertitel
Einblick in die Hintergründe und Ziele eines veralteten Erziehungskonzeptes
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
48
Katalognummer
V471293
ISBN (eBook)
9783668996861
ISBN (Buch)
9783668996878
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwarze Pädagogik, Katharina Rutschky, Disziplin in der Pädagogik, Alice Miller Struwwelpeter
Arbeit zitieren
Luisa Wiechers (Autor), 2015, Die Geschichte der Schwarzen Pädagogik und ihre Aktualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471293

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