Lyrikanalyse zu Johann Wolfgang von Goethes "Der Fischer"


Hausarbeit, 2016
10 Seiten, Note: 1,7
Verena Binder (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zuordnung zur Gattung der Ballade/Entstehungskontext

2 Analyse der Ballade
2.1 Die Verlockungsstrategie der Nixe
2.2 Menschliche Kultur und Natur im Konflikt
2.3 Die Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit

3 Die Nixe als das Element Wasser selbst

Literaturverzeichnis

1 Zuordnung zur Gattung der Ballade/Entstehungskontext

Das Gedicht Der Fischer von Johann Wolfgang von Goethe lässt sich klar der Gattung der Ballade zuordnen, da es sowohl Elemente aus der Epik und der Dramatik, als auch der Lyrik enthält.

Zu Letzterer ist es zuzuordnen, weil es die beiden nach Dieter Burdorf wesentlichen Merkmale zur Erkennung von Lyrik erfüllt: Der Text ist in Versen verfasst, das heißt er beinhaltet Zeilenumbrüche, die in der Alltagssprache ungebräuchlich sind. Zudem ist der Text nicht für eine Aufführung als Rollenspiel prädestiniert. Des Weiteren enthält er einige der Erscheinungen, die Burdorf als weitere mögliche Eigenschaften von Lyrik nennt. Dazu gehört zum einen der Reim, der in Der Fischer ein fast durchgängiger Kreuzreim ist (Ausnahmen: Binnenreim in V. 2.1, Dreimal vorkommender Reim in V. 2.3, 2.5 und 2.7, Viermal vorkommender Reim in V. 3.1, 3.3, 3.5 und 3.7, unreiner Reim durch unterschiedliche Vokallänge in V. 4.5 und 4.7), sowie zum anderen das Metrum, welches in dem Gedicht aus 3- und 4-hebigen Jamben besteht, die den Eindruck von auf- und abschwellendem Wasser entstehen lassen. Weitere in Goethes Text vorkommende Lyrikmerkmale sind die häufig verwendeten Wiederholungen, zum Beispiel „Das Wasser rauscht´, das Wasser schwoll“ (V. 1.1 und 4.1) und die relativ kurze Textlänge.1

Ein für die Dramatik typisches Element enthält Der Fischer durch die Verwendung der wörtlichen Rede im Gesang des Wasserwesens. Außerdem lässt sich klar erkennen, dass in diesem Gedicht eine Handlung beschrieben wird: Eine Nixe, wie ich das Wesen im Folgenden bezeichnen werde, erscheint einem Fischer beim Angeln und betört ihn durch ihren Gesang, sodass er ihr ins Wasser folgt. Somit ist auch ein wichtiges Merkmal der Epik erfüllt.

Die Ballade Der Fischer verfasste Goethe im Jahre 1778. Im selben Jahr hatten seine Diener die Leiche von Christiane von Laßberg in der Nähe von Goethes Gartenhaus entdeckt. Das Hoffräulein hatte in der Ilm Selbstmord begangen. Goethe schrieb zwei Tage später einen Brief an Frau von Stein, in dem es heißt:2 „Diese einladende Trauer hat was gefährlich Anziehendes wie das Wasser selbst, und der Abglanz der Sterne des Himmels, der aus beiden leuchtet, lockt uns.“3 Auch in seiner Ballade stellt Goethe die gefährliche Verlockung des Wassers dar, repräsentiert durch eine Nixe, die einen Fischer in den Tod lockt. Im Zitat lässt sich erkennen, dass Goethe das Wasser als eng mit dem Himmel verbunden ansieht, weil sich die Sterne in selbigem spiegeln. Diese Ansicht hat auch in das Gedicht Eingang gefunden, wie der Vers 3.5 zeigt, in dem das Wasser als „tiefe[r] Himmel“ bezeichnet wird.

2 Analyse der Ballade

Den größten Teil des Gedichts Der Fischer nehmen die Verlockungen der Nixe ein. Deshalb werde ich zunächst analysieren, mit welcher Strategie sie dabei vorgeht, wie sie dem Fischer sein Fehlverhalten vor Augen führt und mit welchen Mitteln sie die Gefahren des Wassers für den Menschen verharmlost.

Ein weiterer Aspekt, den ich in meiner Analyse herausstellen möchte, ist der Konflikt zwischen der menschlichen Kultur und der Natur, in der Ballade repräsentiert durch den Fischer und die Nixe.

Zuletzt werde ich darauf eingehen, wie Männlichkeit und Weiblichkeit und ihr Einfluss aufeinander im Gedicht dargestellt werden.

2.1 Die Verlockungsstrategie der Nixe

Zu Beginn ihres Monologs stellt die Nixe eine rationale Frage an den Fischer, die zugleich ihren Unmut über das Töten der Fische deutlich macht (V. 2.2 – 2.4). Die erwartete Rechtfertigung bekommt sie jedoch offensichtlich nicht, denn im Gedicht ist zu keiner Zeit zu erkennen, dass der Fischer der Nixe antwortet.

Daher ändert sie im Folgenden ihre Strategie und wendet sich von der Rationalität der Verlockung zu. Zunächst beschreibt sie, wie gut es den Fischen im Wasser geht und malt ein „Sehnsuchtsbild von der wohligen, gesunden Tiefe“.4 Sie versucht, den Fischer ins Wasser zu locken, indem sie eine heilsame Wirkung suggeriert. Als angeblichen Beweis hierfür nutzt sie ein Motiv der alten Mythologie, wonach sich Sonne und Mond im Wasser baden, um dann „doppelt schöner“ (V. 3.4) wieder zu erscheinen.5 Des Weiteren stellt die Nixe das Wasser in diesen Versen als Ernährer der Himmelskörper dar, indem sie die rhetorische Frage stellt, ob sich Sonne und Mond nicht im Wasser laben würden.6 Dadurch vermittelt sie dem Fischer die Vorstellung, dass das Wasser für ihn sorgen könnte und er somit keine Fische mehr fangen müsste. Die Metapher „Gesicht“ (V. 3.3) für das Aussehen der Himmelskörper stellt diese als dem Menschen nahestehend und somit mit ihm vergleichbar dar. Im selben Vers findet sich der Neologismus „wellenatmend“, der dem Fischer suggeriert, er könne auch unter Wasser atmen und somit die Gefahr des Ertrinkens unrealistisch erscheinen lässt. Im Folgenden lässt die Nixe, wie oben bereits erwähnt, das Wasser wie den Himmel selbst erscheinen. Dadurch möchte sie im Fischer den Gedanken an eine göttliche Macht hervorrufen und ihm einreden, eine solche würde ihn auch im Wasser erwarten.

Anschließend kehrt sie wieder zu irdischen Verlockungen zurück, indem sie das „eigen Angesicht“ (V. 3.7) des Fischers anführt, das sich auf der Wasseroberfläche spiegelt. Dies soll ihn davon überzeugen, dass er bereits mit dem Wasser verbunden ist und ein Teil von ihm selbst sich bereits dort befindet. Danach bezeichnet die Nixe ihr Element als „ew`gen Tau“ (V. 3.8), spricht also eine für den Menschen ungefährliche Form des Wassers an. Dies ist nach „wellenatmend“ (V. 3.3) der zweite Versuch, die Gefahren des Wassers für den Fischer zu marginalisieren. In der letzten Strophe geht die Nixe weg vom bloßen Singen und Sprechen hin zu einer konkreten Handlung: Das Wasser „Netzt` ihm [dem Fischer, Anm. d. Verf.] den nackten Fuß“ (V. 4.2)7 und erklärt dadurch, ihn in Besitz nehmen zu wollen.8

Insgesamt verschiebt sich der Fokus im Laufe der wörtlichen Rede der Nixe vom faktenvermittelnden Sprechen zum betörenden Gesang. Der Vers „Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm“ (V. 2.1) wird kurz vor der endgültigen Verlockung des Fischers (V. 4.5) wiederholt, allerdings mit vertauschten Satzgliedern. Da das Letztgenannte dem Leser stets als das Prägnantere im Gedächtnis bleibt, verdeutlicht dies den Wandel in der Strategie der Nixe. Die verschiedenen verwendeten Stilmittel, wie Alliterationen (z.B. wüßtest : wie`s : wohlig V. 2.5, 2.6), Anaphern (z.B. Lockt V. 3.5, 3.7) und Periphrasen (Blau statt Wasser V. 3.6), intensivieren die Betörungen.9

2.2 Menschliche Kultur und Natur im Konflikt

In Goethes Gedicht stellt der die Menschheit repräsentierende Fischer einen Gegensatz zum Wasser dar. Während Letztgenanntes in Bewegung ist, wie die Worte „rauscht` […] schwoll“ (V.1.1) und „bewegt[…]“ (V. 1.7) und der bereits unter Punkt 1 erwähnte auf- und abschwellende Rhythmus belegen, wird der Fischer mit den Worten „saß“ (V. 1.2), „ruhevoll“ (V. 1.3) und „Kühl“ (V. 1.4) beschrieben. Er nutzt das Wasser zur Nahrungsbeschaffung, aber dessen Schönheit kann ihn zu Beginn des Gedichts nicht bewegen.10

Aus der Sicht der Nixe hingegen ist das Tun des Fischers bloßes Töten ihrer „Brut“ (V. 2.2), wofür sie eine Rechtfertigung fordert. Dabei nutzt sie die Worte „Menschenwitz und Menschenlist“ (V. 2.3) zur Verdeutlichung ihrer Abscheu gegenüber dem menschlichen Handeln, welches sie somit als nicht natürlich und krankhaft deklariert.11 Aus Sicht der Nixe ist es eine Krankheit des Menschen, sich von den Abläufen der Natur entfernt zu haben und nicht zu wissen „wie`s Fischlein ist / So wohlig auf dem Grund“ (V. 2.6 f.). Im Gegensatz zur Kühle des Wassers steht die „Todesglut“ (V. 2.4), die das Erhitzen der Fische bei der Vorbereitung für den menschlichen Verzehr bezeichnet.

[...]


1 Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse, Stuttgart 2015, 3. Auflage, S. 21.

2 Vgl. Sowinski, Bernhard, Schuster, Dagmar: Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Interpretationen, München 1992, S. 77f.

3 Ebd., S. 77.

4 Syfuß, Antje: Nixenliebe. Wasserfrauen in der Literatur, Frankfurt a. M. 2006, S. 116

5 Vgl. Sowinski, Schuster, Gedichte der Empfindsamkeit, S. 79.

6 Vgl. Syfuß, Nixenliebe, S. 116.

7 Vgl. Syfuß, Nixenliebe, S. 117.

8 Vgl. Sowinski, Schuster, Gedichte der Empfindsamkeit, S. 80.

9 Vgl. ebd., S. 80.

10 Vgl. Syfuß, Nixenliebe, S. 115.

11 Vgl. Sowinski, Schuster, Gedichte der Empfindsamkeit, S. 79.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Lyrikanalyse zu Johann Wolfgang von Goethes "Der Fischer"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V471489
ISBN (eBook)
9783668953338
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lyrikanalyse, johann, wolfgang, goethes, fischer
Arbeit zitieren
Verena Binder (Autor), 2016, Lyrikanalyse zu Johann Wolfgang von Goethes "Der Fischer", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471489

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