Chancen und Risiken der Legalisierung von Cannabis in Deutschland


Bachelorarbeit, 2019
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Cannabis
2.1 Inhaltsstoffe
2.2 Handelsformen

3. Konsum von Cannabis

4. Wirkung von Cannabis auf Körper und Psyche
4.1 Akute Wirkung
4.2 Unerwünschte Wirkungen
4.3 Gesundheitliche Risiken und Langzeitfolgen
4.3 Cannabis als Medizin

5. Verbot und Repression von Cannabis in Deutschland

6. Legalisierungsdebatte in Deutschland
6.1 Politische Vorstöße zum Umgang mit Cannabis
6.2 Cannabislegalisierung und Jugendschutz
6.3 Cannabislegalisierung und Verbraucherschutz
6.4 Ökonomische Argumentation

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

1.Einleitung

Cannabis ist mit großem Abstand die am häufigsten in Deutschland, konsumierte illegale Substanz. Unterschiedliche Schätzungen gehen von bis zu 4 Millionen Cannabiskonsumenten in Deutschland aus (vgl. IntQ1, S. 3 AWO Positionspapier).

Gegenwärtig scheint in der bundesdeutschen Drogenpolitik eine relative Unklarheit zu herrschen, in welche Richtung sich der gesellschaftliche und rechtliche Umgang mit Cannabis weiterentwickeln soll. Einerseits verboten, andererseits massenhaft konsumiert, werden durch den Konsum von Cannabis die geltenden Normen infrage gestellt.

Diese Arbeit soll einen Beitrag zur Versachlichung der drogenpolitischen Diskussion leisten, welche nach wie vor geprägt ist von Emotionen und ideologisch-moralischen Verhärtungen.

Mittels umfassender Analyse der einschlägigen Fachliteratur werden zu Beginn dieser Arbeit die Cannabispflanze sowie deren Inhaltsstoffe und Handelsformen behandelt. Es folgt ein Kapitel über den Konsum von Cannabis sowie die möglichen Applikationsformen. Daran anknüpfend wird auf die erwünschten sowie unerwünschten Wirkungen, gesundheitlichen Risiken und Langzeitfolgen von Cannabis auf Körper und Psyche eingegangen. Darüber hinaus werden der medizinische Nutzen von Cannabis und die zunehmende Verschreibung von Cannabis als Medizin beschrieben.

Neben den geschichtlichen, drogenpolitischen, juristischen und sozialwissenschaftlichen Aspekten finden auch die verschiedenen Facetten der Legalisierungsdebatte ihre angemessene Berücksichtigung.. Im abschließenden Fazit dieser Arbeit werden die wichtigsten Aspekte noch einmal auf den Punkt gebracht.

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit das generische Maskulinum verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

2. Cannabis

Cannabis ist der wissenschaftliche Name der Gattung Hanf und wird umgangssprachlich auch für dessen Erzeugnisse verwendet. Zu diesen Erzeugnissen zählen Marihuana (Blüten und Blätter) und Haschisch (Harz). Die Begriffe Cannabis, Marihuana und Haschisch werden zudem häufig synonym verwendet. In Deutschland unterscheidet der Gesetzgeber nicht zwischen dem Rohstoff Hanf und der Droge Marihuana bzw. Haschisch. Die Droge Marihuana wird im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) als Cannabis bezeichnet (vgl. Raab 2017, S. 3). Die Stammpflanze des indischen Hanfs ist Cannabis sativa L. subsp. indica (LAM). Das lateinische Wort sativa bedeutet gesät oder angepflanzt und deutet darauf hin, dass Hanf eine alte Kulturpflanze ist (Raab 2017, S. 23). Hanf ist eine krautige Pflanze mit charakteristischem Aussehen. Die Pflanze kann eine Höhe von zwei bis fünf Metern erreichen, in unseren Breitengraden gezogene Varietäten werden maximal zwei bis vier Meter groß. Hanf ist eine einjährige Pflanze. Das bedeutet, dass sich der gesamte Lebenslauf von der Keimung der Samen bis zur Fruchtreife und zum Absterben innerhalb eines Jahres vollzieht. Es gibt weibliche und männliche Pflanzen, wobei die wirksamen Inhaltsstoffe vorwiegend in der weiblichen Pflanze vorhanden sind. Auch äußerlich unterscheiden sich weibliche und männliche Pflanzen. Die weiblichen Pflanzen sind kräftig und robust, die männlichen Pflanzen hingen haben eine zarte und feingliedrige Erscheinung. Das Herkunftsgebiet von Cannabis lässt sich durch dessen frühe Verbreitung und Kultivierung nicht mehr exakt bestimmen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass Cannabis in Zentralasien, präziser im Himalaya-Hochgebirge, beheimatet ist (vgl. Raab 2017, S. 23).

Cannabis ist global gesehen die am häufigsten produzierte illegale Droge, was de facto den weltweiten Anbau nach sich zieht. Hanf ist eine sehr genügsame und anspruchslose Pflanze, was den globalen Anbau begünstigt. Der Anbau ist im Freiland auf Feldern, in Gewächshäusern sowie unter der Verwendung von leuchtstarken UV-Lampen auch in geschlossenen Räumen möglich. Marihuana wird in der Regel regional produziert, im Gegensatz zu Haschisch welches über große Distanzen transportiert wird. Im europäischen Raum sind die Niederlande, die Schweiz und Albanien führende Produzenten von Marihuana. Haschisch wird größtenteils in Marokko, Afghanistan, Libanon sowie Pakistan produziert (vgl. Raab 2017, S. 24).

2.1 Inhaltsstoffe

Für die Wirkung von Cannabis sind die Inhaltsstoffe Delta-9-Tetrahydrocannabinonal (THC), Cannabidiol (CBD) und Cannabinol (CBN) hauptverantwortlich (vgl. Raab 2017, S. 42). Neben dem THC enthält die Cannabispflanze über 500 weitere Wirkstoffe, von denen mehr als 60 eine Cannabinoid-Struktur aufweisen. Diese sind jedoch weniger psychoaktiv oder aber bei vergleichbarer Potenz entweder seltener oder in kleineren Mengen vorhanden (vgl. Hill 2002, S. 15). Die Hauptkomponente des Hanfs ist THC, diese Substanz besitzt ein charakteristisches Wirkspektrum. Das Delta-9-Tetrahydrocannabinol ist psychoaktiv und für die euphorisierenden, stimmungsaufhellenden, bewusstseinsverändernden sowie für die wahrnehmungsverändernden Effekte verantwortlich. Das Zentralnervensystem wir durch THC angeregt und erzeugt das typische High-Gefühl. THC kommt ausschließlich in der Gattung der Cannabis Pflanzen vor, diese Substanz unterliegt in Deutschland den Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG). Cannabidiol (CBD) ist ein nur schwach psychoaktives Cannabinoid aus dem weiblichen Hanf und unterliegt nicht den Bestimmungen des BtMG. Ein hoher Anteil an CBD vermindert die Effekte des THC und wirkt möglicherweise den durch THC ausgelösten Unruhe- und Angstgefühlen entgegen. Die Konzentrationen von CBD und THC verhalten sich antiproportional zueinander. Das Verhältnis von CBD und THC ist neben der Sorte auch vom Zeitpunkt der Ernte abhängig. Cannabinol (CBN) ist ein natürlich vorkommendes Cannabinoid. Cannabinol ist ein Oxidationsprodukt von Tetrahydrocannabinol und hat nur eine sehr schwache psychoaktive Wirkung. Bei einer langen Lagerung von Cannabisprodukten oder einer späten Ernte von Cannabis entsteht ein hoher Cannabinol Anteil. Auch Hitze und Licht befördern die Transformation von Tetrahydrocannabinol zu Cannabinol. Die Forschung hinsichtlich des Cannabinols steht weitgehend noch am Anfang (vgl. Raab 2017, S. 43f.).

2.2 Handelsformen

Marihuana bezeichnet die getrockneten Blüten und Blattspitzen der harzhaltigen Blütenstände der weiblichen Cannabispflanze. Der Begriff Marihuana stammt aus dem mexikanischen Spanisch. Umgangssprachlich wird Marihuana auch als Gras, Weed, Shit, Dope, Pot oder Ganja bezeichnet (vgl. Kuntz 2016, S. 124). Der Anteil des THC von Marihuana schwankt zwischen 0,6% und 14%. Bei tropischem Hanf liegen die Werte zwischen 10% und 14%, bei europäischem Freilandanbau liegen die Werte zwischen 4% und 8%. Durch Indoor Growing mit speziellen UV-Lampen können mitunter sehr hohe THC Werte erreicht werden. In niederländischen Laboren speziell gezüchtetes und genmanipuliertes Marihuana erreicht THC-Konzentrationen von bis zu 40% (vgl. Raab 2017, S. 34).

Haschisch ist das aus der weiblichen Cannabispflanze gewonnene Harz. Es wird zu Kugeln geknetet oder zu Platten oder Blöcken gepresst. Szenenamen für Haschisch sind unteranderem Hasch, Piece, Dope, Shit, Pot oder Chocolate. Für die Produktion von hochwertigem Haschisch werden vorwiegend die Blütenstände verwendet, da diese im Verhältnis zu den übrigen Pflanzenteilen die meisten Harzdrüsen aufweisen. Haschisch gibt es in unterschiedlichen Sorten, Farben und Konsistenzen. Je nach Herstellungsmethode und Qualität variiert die Farbe von grün, braun bis matt schwarz. Auf dem europäischen Markt wird gewöhnlich marokkanisches Haschisch angeboten, das eine helle bis bräunliche Farbe aufweist. Der Wirkstoffgehalt von Haschisch kann beträchtlichen Schwankungen unterliegen. Ausschlaggebende Faktoren sind die Qualität des Ausgangsmaterials, die Dauer und Art der Lagerung sowie das Vorhandensein etwaiger Streckmittel. Qualitativ hochwertiges Haschisch hat generell eine stärkere Wirkung als Marihuana. Die THC-Konzentration schwankt zwischen 10% und 30% (vgl. Raab 2017, S. 32).

Haschischöl wird auch Haschöl oder THC-Öl genannt und ist ein THC-haltiger Extrakt, welcher aus dem Harz der weiblichen Cannabispflanze gewonnen wird. Haschischöl ist kein echtes Öl, da es sich nicht um Fett handelt, sondern um einen Harzextrakt. Im Allgemeinen ist es von grünlich fluoreszierender, schwarzer Farbe und von klebriger, zähflüssiger und schmieriger Konsistenz. Haschischöl gilt als das stärkste aller Cannabisprodukte, da es einen sehr hohen Wirkstoffgehalt von bis zu 70% THC-Konzentration erreichen kann. Trotzdem spielt Haschischöl quantitativ im Vergleich zu anderen Cannabisprodukten in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle in der Praxis (vgl. Raab 2017, S. 30).

3. Konsum von Cannabis

Nach Schätzungen des Drogenkontrollprogramms der Vereinten Nationen konsumieren weltweit etwa 227 Millionen der über 15 Jahre alten Menschen Marihuana oder Haschisch. Real liegt die Zahl der Cannabiskonsumenten jedoch weit über diesen Schätzungen, schon allein aus dem Grund, dass die Menschen unter 15 Jahren gar nicht mit in diese Schätzung eingerechnet sind (vgl. Kuntz 2016 , S. 232). Cannabis ist mit großem Abstand die am häufigsten in Deutschland, konsumierte illegale Substanz. Unterschiedliche Schätzungen gehen von bis zu 4 Millionen Cannabiskonsumenten in Deutschland aus (vgl. IntQ1, S. 3 AWO Positionspapier). Haschisch und Marihuana sind nicht mit anderen illegalen Drogen zu vergleichen. Zwar sind sie offiziell weltweit als illegale Substanzen geächtet, in der gelebten Realität gehören sie jedoch in vielen Regionen der Erde seit Jahrtausenden zum Kulturbesitz der dort beheimateten Menschen. Infolgedessen wird der Konsum von Cannabis als Kulturdroge in einigen Ländern inoffiziell geduldet und zum Teil sogar gutgeheißen (vgl. Kuntz 2016, S. 233).

Für die Einnahme von Cannabis stehen eine Reihe verschiedener Konsumformen zur Verfügung. Jedoch sind nur die inhalative und orale Form gebräuchlich und somit für die vorliegende Arbeit von Bedeutung. Die unterschiedlichen Konsumformen werden im Folgenden detailliert erörtert. Die am weitesten verbreitete Form des Konsums ist das Rauchen von Cannabiserzeugnissen, also das Verbrennen der Substanzen und das Einatmen der entstehenden Dämpfe. Die in der Praxis gebräuchlichste Form des Rauchens ist der Joint, auch Tüte oder Spliff genannt. Darunter versteht man eine mit Haschisch oder Marihuana gefüllte Zigarette. Durch die Hinzugabe von Tabak verstärkt sich die Wirkung des Joints, jedoch können dadurch auch Nebenwirkungen auftreten. Für die Herstellung eines Joints werden längere Zigarettenpapiere verwendet, die mit Marihuana und/oder Haschisch gefüllt werden. Um die auftretenden Schadstoffe beim Rauchen zu reduzieren, können einfach Pappstücke, spezielle Aktivkohlefilter oder herkömmliche Zigarettenfilter verwendet werden. Der schnelle Wirkungseintritt und die konstante Aufrechterhaltung der Wirkung sind charakteristisch für Joints. Für die Herstellung eines Blunts wird anstatt eines normalen Zigarettenpapiers ein Tabakblatt einer Zigarre verwendet. Das Tabak-Deckblatt brennt wesentlich langsamer als ein herkömmliches Zigarettenpapier, außerdem wird auf die Zugabe von zusätzlichem Tabak verzichtet. Durch die größere Menge des verwendeten Marihuana und/oder Haschisch haben Blunts eine deutlich stärkere Wirkung als Joints. Unter einer Bong ist eine bestimmte Art Wasserpfeife zu verstehen, in welcher Cannabisprodukte oder eine Cannabis-Tabak-Mischung geraucht werden. Das Chillum ist ein häufig kunstvoll gearbeitetes Rohr aus Glas, Holz, Stein oder Ton, das durch ein Loch in der Bong angebracht wird. Das Chillum wird mit Cannabiserzeugnissen gefüllt und angezündet. Bongs sind in verschiedenen Größen und Qualitäten aus Glas, Metall, Acryl oder Bambus erhältlich. Aus dieser speziellen Form des Konsums resultieren ein sehr schneller Wirkungseintritt und eine starke Wirkung. Es erfolgt in der Regel eine tiefe Inhalation die Wirkdauer ist jedoch von kürzerer Dauer als bei einem Joint oder Blunt. In einem Vaporizer werden die Wirkstoffe des Cannabis in einen gasförmigen Zustand überführt. Durch das Einatmen der entstehenden Dämpfe wird die Aufnahme von gesundheitsschädlichen Schadstoffen im Vergleich zum Rauchen zwar reduziert, jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Da kein herkömmlicher Verbrennungsprozess stattfindet, ist der Gehalt des THC höher, bei gleichzeitiger Reduzierung der gesundheitsschädlichen Schadstoffe. Das Verdampfen in einem Vaporizer führt zu einem schnellen Wirkungseintritt und zu einer konstanten und starken Wirkung. Für den oralen Konsum wird vornehmlich Haschisch verwendet, Marihuana kann jedoch ebenfalls benutzt werden. Aus dem Konsum von Cannabisprodukten in Kombination mit Nahrung resultieren ein deutlich späterer Wirkungseintritt und eine konstante Wirkung. Gelegentlich kommt es bei oralem Konsum zu einer Überdosierung und damit zu starken Nebenwirkungen. Denn einerseits kann bei oralem Konsum bereits eine geringe Dosis intensiv wirken, anderseits kann die Wirkstoffkonzentration von Cannabisprodukten und deren verschiedenen Zubereitungen wie bei allen biogenen Drogen stark schwanken und ist daher auf Basis der Menge des verwendeten Materials nur schwer zu berechnen. Dies ist bei Cannabiserzeugnissen besonders signifikant, da die Wirkung nicht nur von einem einzelnen Wirkstoff abhängig ist, sondern von einem Gemisch an Wirkstoffen. Bei oralem Konsum werden die Atemwege nicht belastet, des Weiteren sind eventuelle Streckstoffe bei oralem Konsum weniger gefährlich. Das begleitende Essen hat starken Einfluss auf die Aufnahme der Wirkstoffe. Cannabinoide sind fettlöslich, daher müssen sie in Verbindung mit fettreicher Nahrung konsumiert werden. Für die Zubereitung unterschiedlichster Speisen wird oftmals Cannabisbutter verwendet, welche man ohne große Kenntnisse aus Butter, Haschisch und Wasser herstellen kann. Beliebt sind beispielsweise Brownies, auch space cakes genannt, oder diverse Kuchensorten (vgl. Raab, S. 37f.).

4. Wirkung von Cannabis auf Körper und Psyche

Das wohl am häufigsten beschriebene Gefühl nach dem Konsum von Cannabisprodukten ist das sogenannte „High“, ein Gefühl der Euphorie. Dies ist jedoch nicht die einzige Wirkung dieser Droge. Der Konsum von Cannabisprodukten übt vielfältige und bei verschiedenen Personen recht unterschiedliche, zum Teil konträre Wirkungen auf Emotionen, körperliche Funktionen, Verarbeitung von Sinneseindrücken und Denken aus. Für die beschriebenen Wirkungen ist vor allem der in Cannabisprodukten enthaltene Wirkstoff Delta-9-Tetrahydrocannabinonal (THC) verantwortlich. Dieser Wirkstoff wird daher als wichtigster pharmakologischer Bestandteil der Cannabispflanze betrachtet. THC wirkt ähnlich wie bestimmte körpereigene Substanzen, die sogenannten Endocannabinoide, indem es wie diese an spezifischen Bindungsstellen auf Nervenzellen und andere Körperzellen andockt und sie aktiviert. Diese Bindungsstellen werden Cannabinoidrezeptoren genannt. Die Cannabinoidrezeptoren bilden zusammen mit den Endocannabinoiden das körpereigene Cannabinoidsystem. Dieses System ist für die normale Funktion von Körper und Psyche von elementarer Bedeutung. Für viele Körperfunktionen des Menschen spielt das Cannabinoidsystem eine entscheidende Rolle, wie zum Beispiel die Steuerung des Knochenwachstums, der Appetit, die Aufrechterhaltung eines normalen Augeninnendrucks sowie die Begrenzung von Entzündungen, die Verarbeitung von Sinneseindrücken und eine rechte Balance zwischen Speichern und Vergessen von Gedächtnisinformationen. Die Verbreitung der Cannabinoidrezeptoren im menschlichen Körper gibt bereits einen Hinweis auf ihre physiologischen Funktionen. Zu finden sind sie zwar vor allem auf Nervenzellen im Rückenmark und im Gehirn, aber auch auf Zellen von Herz, Lunge, Darm, Gebärmutter, Harnwegen, Hoden, Milz, inneren Drüsen, Blutgefäßen und auf weißen Blutkörperchen. Abhängig davon, wo sich diese Rezeptoren befinden, führt ihre Aktivierung zur Hemmung der Schmerzleitung, zu einem Glücksgefühl oder Angst, zu einer Veränderung des Zeitgefühls, zur Senkung des Blutdrucks oder zur Hemmung von Entzündungen. Das Cannabinoidsystem steht in einem stetigen Austausch mit anderen Systemen von Botenstoffen und Bindungsstellen, die Informationen über den Zustand des Organismus übermitteln und die Zellen so zu bestimmten Reaktionen veranlassen. Die beiden wichtigsten Endocannabinoide heißen Arachidonylethanolamid und 2- Arachidonoylglycerol und zählen zu den hemmenden Botenstoffen. Diese hemmen beispielsweise eine übermäßige Freisetzung des Botenstoffes Glutamat im Gehirn, wie sie bei einer Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff auftritt, zum Beispiel bei einem Schlaganfall. Eine übermäßige Menge an Glutamat kann die Nerven schädigen und somit den entstandenen Schaden vergrößern. Eine der wichtigsten Funktion der Endocannabinoide ist der Schutz von Nervenzellen. Auch im Belohnungszentrum des Gehirns spielen Endocannabinoide eine wichtige Rolle. Die Stimulierung des Belohnungssystems durch Endocannabinoide verursacht angenehme Empfindungen. Durch pflanzliche Cannabinoide kann das Belohnungssystem ebenfalls stimuliert werden. Eine Stimulation des Belohnungssystems ist zum Beispiel auch durch Nikotin und Alkohol zu erreichen. Die mit der Aktivierung des Belohnungssystems verbundenen Wahrnehmungen sind die wesentlichen Motive für einen Freizeitkonsum von Cannabiserzeugnissen und sind ein wichtiger Grund für die Entwicklung einer möglichen Abhängigkeit (vgl. Stöver 2006, S. 17f.).

4.1 Akute Wirkung

Fast alle akut wahrnehmbaren Wirkungen von Cannabis betreffen die Psyche, die motorische und geistige Leistungsfähigkeit, sowie Kreislauf und Herz. Der Konsum von Cannabis führt beim Menschen in der Regel zu einer entspannten und angenehmen Wirkung. Der Konsum in einem sozialen Kontext kann Gesprächigkeit und Heiterkeit auslösen. Neben dem gesteigerten Wohlbefinden und der häufig auftretenden leichten Euphorie durch den Konsum von Cannabis ist der erzielte Rauschzustand durch eine Veränderung der Zeitwahrnehmung mit Dehnung der Zeit durch eine Intensivierung der Wahrnehmung externer Reize und des eigenen Körpers und durch assoziatives Denken mit Störungen des Kurzzeitgedächtnisses gekennzeichnet. Neben den charakteristischen psychischen Wirkungen kann der Konsum von Cannabis die Aufmerksamkeit, die Reaktionszeit, Feinmotorik, Bewegungskoordination sowie das Gedächtnis temporär beeinträchtigen. Durch die verminderte motorische und geistige Leistungsfähigkeit kann die Bewältigung komplexer Denkaufgaben oder die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigt sein. Psychische Wirkungen treten erst dann auf, wenn eine individuelle Schwellendosis überschritten wird. Beim inhalativen Konsum sind dies im Allgemeinen 3-5mg THC, bei oralem Konsum 10-15mg THC. Typische körperliche Wirkungen nach dem Konsum von Cannabis sind gerötete Augen durch Erweiterung der kleinen Blutgefäße, eine Reduzierung des Tränenflusses, eine Abnahme der Speichelproduktion mit trockenem Mund und Rachen, eine Beschleunigung des Pulses und in vereinzelten Fällen eine Abnahme des Blutdrucks im Stehen was zu Schwindelsymptomen führen kann. Charakteristisch ist auch eine Steigerung des Appetits (vgl. Stöver 2006, S. 19f.).

4.2 Unerwünschte Wirkungen

Durch den Konsum von Cannabisprodukten können auch unerwünschte Wirkungen auftreten. Insbesondere bei hohen THC Dosen können diese atypischen Wirkungen zu Vorschein kommen (vgl. Stöver 2006, S. 19). Der Rauschzustand wird in solchen Fällen als sehr negativ empfunden, meist treten Angstzustände auf, die sich bis zu einer Panik und Todesangst steigern können. Typisch sind auch Verfolgungswahn, Weinkrämpfe und Realitätsverlust. Außerdem können Suizidgedanken auftreten, in seltenen Fällen kann es auch zu einer Fremdgefährdung kommen. Menschen in akuten Problemlagen und psychisch labile Menschen sind besonders gefährdet (vgl. Raab 2017, S. 90). Hierbei ist jedoch zu beachten, dass in den letzten Jahren der Gehalt an Delta-9-Tetrahydrocannabinonal in einigen Cannabissorten durch spezielle Züchtungen um ein vielfaches angestiegen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie berichtet von einer Verdreifachung des THC-Gehalts in den letzten 20 Jahren. Auch das Wegzüchten von antagonistisch wirkenden Cannabinoiden führt zu einer Verstärkung der psychotropen Wirkung (vgl. Raab 2017, S. 81).

4.3 Gesundheitliche Risiken und Langzeitfolgen

Lange gab es keine Klarheit bezüglich des Risikos von Cannabiskonsum für Lungenschäden und Bronchialerkrankungen, vor allem da Cannabis in der Regel in Kombination mit Tabak konsumiert wird. Heute weiß man jedoch, dass der inhalative Konsum von Cannabis eine ganze Reihe akuter und chronischer Erkrankungen der Atemwege auslösen kann (vgl. Raab 2017, S. 100). Die heute am weitesten verbreitete Form des Konsums ist die inhalative Aufnahme durch Rauchen (siehe Kapitel 3). Durch das Verbrennen von pflanzlichem Material wie Cannabis und Tabak entstehen Verbrennungsprodukte, die bei Inhalation zu einer Reizung und Schädigung der Atemwege führen können. Der entstehende Rauch bei der Verbrennung von Cannabisprodukten ähnelt zumindest qualitativ dem Rauch von Tabak, mit dem wichtigen Unterschied, dass Cannabisrauch THC und weitere Cannabinoide enthält, die nicht im Tabak vorkommen, und dass Tabak das nicht in Cannabisprodukten vorkommende Nikotin enthält (vgl. Stöver 2006, S. 25).

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Chancen und Risiken der Legalisierung von Cannabis in Deutschland
Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V471586
ISBN (eBook)
9783668972551
ISBN (Buch)
9783668972568
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cannabislegalisierung, Cannabis, prohibition, Repression, Drogen, Marihuana
Arbeit zitieren
Johannes Bessing (Autor), 2019, Chancen und Risiken der Legalisierung von Cannabis in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471586

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