Die Imagery Debatte. Wie sind Vorstellungsbilder im menschlichen Gehirn repräsentiert?

Eine Diskussion der Argumente und Theorien von Stephen M. Kosslyn und Zenon W. Pylyshyn


Bachelorarbeit, 2018
36 Seiten, Note: 2,0
Klaus Gotthard (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegende Fragestellung der Imagery-Debatte: Welcher neuronale Prozess ist konstitutiv für Vorstellungsbilder?

3. Der Beginn der Debatte: Die Rotations- und Scanning-Experimente

4. Pylyshyns Theorie zu Vorstellungsbildern
4.1 Pylyshyns repräsentationalistische Annahmen
4.2 Pylyshyns Erklärungsansatz zu bildhaftem Vorstellen

5. Die Schwierigkeit des Bildbegriffs: Was ist eine bildhafte Repräsentation?

6. Kosslyns Theorie zu Vorstellungsbildern
6.1 Grundlagen von Kosslyns Protomodel zur Objektidentifikation
6.2 Kosslyns Theorie von bildhaftem Vorstellen

7. Pylyshyns Einwände zu den Rotations- und Scanning-Experimenten
7.1 Pylyshyns Argument von verstecktem Wissen
7.2 Pylyshyns Argument von kognitiver Penetrabilität und der Vermischung der Beschreibungsebenen

8. Neurophysiologische Befunde bezüglich mentaler Vorstellungsbilder

9. Neuroimaging-Experimente
9.1 Neuroimaging-Experimente und Studien bezüglich mentaler Vorstellungsbilder
9.2 Einwände gegen die Aussagekraft von Neuroimaging-Experimenten

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Subsysteme beim visuellen Wahrnehmen und bei mentaler Vorstellung nach Kosslyns Theorie von visuellem Vorstellen (Kosslyn 1994, 69)

Abbildung 2: Darstellung von unterschiedlichen Beschreibungsebenen der CRTT von Gottschling (Gottschling 2003, 189)

Abbildung 3: Figuren in Ursprungsausrichtung und um 90° gedreht nach Slezaks Experimenten zur Imagery-Debatte (Slezak 1992, 15)

1. Einleitung

Mentale innere Bilder spielen in der Geschichte der Wissenschaft und der Philosophie schon immer eine Rolle. Nicht wenige Denker und Künstler haben angegeben, ihre Ideen durch innere Vorstellungsbilder entwickelt zu haben oder mit mentalen Visualisierungen Probleme „vor dem inneren Auge“ erkannt und gelöst zu haben. Sogar Mathematiker berichten darüber, dass sie sich Probleme häufig räumlich-visuell vorstellen. Doch was passiert im Gehirn, wenn wir uns etwas bildlich vorstellen? Was ist dieses „innere Auge“? Liegt in unserem Gehirn ein Bild vor?

In den letzten 30 Jahren tauchte diese Frage in den Kognitionswissenschaften, der Philosophie des Geistes und der Neuropsychologie mit neuer Frische auf. Mit dem Vormarsch der neuropsychologischen Forschung sollte die Frage nach inneren Bildern nun eine neue Beantwortung finden. Doch bis heute ist das Zustandekommen nicht ausreichend geklärt. Zwar leugnen die wenigsten Wissenschaftler die Existenz des subjektiven Phänomens von Mental Images, jedoch haben sich im Zuge der philosophischen, neuropsychologischen und kognitionswissenschaftlichen Entwicklungen neue Theorien und Ansätze über Gehirn, Kognition und Bewusstsein entwickelt und eine Erklärung von Vorstellungsbildern ist mit aktuellen Erkenntnissen in Einklang zu bringen. Im Zuge der Mitte der 1970er Jahre entwickelten Computational Theory of Mind (kurz: CTM), die von ihrem Begründer Jerry Fodor als „the only game in town“ betitelt wurde, stellt die Annahme, Vorstellungsbilder hätten ein eigenes neuronales Format, ein Problem da. Ist mit der CTM auf der einen Seite eine Theorie entwickelt worden, die syntaktische Symbolverarbeitung auf der einen Seite und primitive Rechenprozesse auf der anderen Seite kompatibel und plausibel macht, so ist sie nicht in der Lage, das introspektive Phänomen von Vorstellungsbildern zu erklären. In dieser Arbeit werden Theorien und Argumente zweier Hauptvertreter, Zenon W. Pylyshyn und Stephen M. Kosslyn, der sogenannten Imagery-Debatte zur Frage nach Vorstellungsbildern vorgestellt und diskutiert. Ziel ist es, einen systematischen Überblick über nach wie vor aktuelle Fragen zur Imagery-Debatte und die Ansätze von Pylyshyn und Kosslyn, jene Fragen zu beantworten, zu geben. Dabei werden kognitions- wissenschaftliche, neuropsychologische und philosophische Ansätze und Argumente vorgestellt und die beiden unterschiedlichen Theorien verglichen und diskutiert.

Festzuhalten ist, dass es innerhalb der Imagery-Debatte, wie auch in dieser Arbeit, nicht um die Frage geht, ob wir Menschen Vorstellungsbilder erleben können oder nicht – das ist aufgrund unserer Introspektion schwierig zu leugnen. Eher geht es um die Frage, welche Repräsentationen oder Prozesse Mental Images zu Grunde liegen und wie diese naturwissenschaftlich zu beschreiben sind.

In Punkt 2 wird die Fragestellung der Arbeit erläutert und die Standpunkte von Pylyshyn und Kosslyn skizziert. Im Anschluss daran werden in Punkt 3 zwei Experimente vorgestellt, die am Anfang der Debatte durchgeführt wurden und die die Basis für Theorien und Argumente für beide Fronten ausmachten. Im Folgenden wird in Punkt 4 der deskriptionalistische Ansatz von Zenon W. Pylyshyn, der die Existenz von bildhaften Repräsentationen anzweifelt und seine grundlegenden Annahmen dargestellt. Darauf aufbauend wird dann in Punkt 5 die Definition einer bildhaften Repräsentation oder eines bildhaften Prozesses anhand der Ideen von Kosslyn, Pylyshyn, Gottschling und Sachs- Hombach diskutiert. Anschließend wird das Theoriegerüst von Stephen Kosslyn, das bildhafte Repräsentationen annimmt, ausführlicher dargestellt und erläutert. In Punkt 7 werden dann allgemeine Argumente von Pylyshyn, die die Scanning- und Rotations- Experimente und die grundlegende Theorie von Kosslyn angreifen, veranschaulicht. Anschließend werden in Punkt 8 neurophysiologische Befunde zu Kosslyns Theorie erörtert und aus dem theoretischen Blickwinkel von Kosslyn und Pylyshyn beleuchtet. In Punkt 9 werden abschließend Experimente, die bildgebende Verfahren benutzen, um Hirnaktivität bei bestimmten Vorstellungsaufgabe zu erfassen und daraus Schlüsse über deren Beschaffenheit zu ziehen, vorgestellt und deren Befunde diskutiert.

2. Grundlegende Fragestellung der Imagery-Debatte: Welcher neuronale Prozess ist konstitutiv für Vorstellungsbilder?

Stellen wir uns mit geschlossenen Augen unsere eigene Wohnung vor, dann haben wir zumindest das Gefühl, einen visuellen Wahrnehmungseindruck dieser Wohnung zu erleben, ihn verändern zu können (bspw. durch einen zielgerichteten Wechsel der Perspektiven) und ihn sogar nutzen zu können (bspw. um die Anzahl an Türen oder Fenster in der Wohnung zu zählen). Das Phänomen, dass wir in diesem Moment das Gefühl haben, einen visuellen Wahrnehmungseindruck von unserer Wohnung zu erleben und diesen beeinflussen zu können, wird im Verlauf dieser Arbeit mit den Begriffen „mentale Visualisierung“, „Mental Imagery“, „Image“ oder „Vorstellungsbild“ betitelt. Kern der thematisierten I magery-Debatte ist die Frage, welche Prozesse solchen Vorstellungsbildern, die wir Menschen erleben können, zu Grunde liegen. Im Rahmen kognitionswissenschaftlicher und philosophischer Debatten, die ab den 1970er Jahren auftauchten, haben sich in der Diskussion um gedankliche Visualisierungen zwei Fronten gebildet:

Deskriptionalisten, wie Zenon W. Pylyshyn argumentieren dafür, dass unsere Kognition auf einem sprachähnlichen bzw. symbolischen Repräsentationsformat, wie es von Fodor und auch von Pylyshyn selbst postuliert wurde, basiert. Das Bildartige unserer Vorstellung hat laut Pylyshyns Ansatz nichts zu tun mit den dieser Vorstellung zugrundeliegenden mentalen Repräsentationen bzw. Prozessen. Er erklärt: „…reasoning with mental imagery or reasoning by visualizing or ‘visual thinking’ requires a combinatorial system – a Language of Thought – that itself is not in any sense ‘pictorial’…” (Pylyshyn 2006, v).

Demgegenüber argumentieren Piktorialisten, wie Stephen M. Kosslyn dafür, dass bildhafte Vorstellungen sich auf andere, von sprachähnlichen oder propositionalen Repräsentationen unterschiedliche Prozesse oder Formate zurückführen lassen müssen. Nach Kosslyn sind die Prozesse beim mentalen Vorstellen den Prozessen, die beim visuellen Wahrnehmen benutzt werden, ähnlich, wenn auch nicht identisch. Einem Vorstellungsbild liegt ihm zufolge ein abbildendes Format zu Grunde, das den von Pylyshyn postulierten symbolischen mentalen Repräsentationen unterschiedlich ist und das in Kosslyns aktueller Theorie durch Aktivierung eines sog. visuellen Puffers erzeugt wird (vgl. Kosslyn & Thompson 2003, 724). Kosslyn ist dabei zum heutigen Stand der Debatte sehr konkret und formuliert eine Theorie, die darauf abzielt, das Erleben von Mental Images über eine Aktivierung von topographisch organisierten Teilen des visuellen Kortex zu erklären und zurückzuführen auf ähnliche Prozesse, wie die, die bei visueller Perzeption stattfinden: „…the bulk of the evidence supports the claim that visual mental imagery not only draws on many of the same mechanisms used in visual perception, but also that topographically organized early visual areas play a functional role in some types of imagery…” (Kosslyn 2005, 342).

Die Diskussion um Vorstellungsbilder zeichnet sich dadurch aus, dass die beiden sich widersprechenden Positionen der Piktorialisten und der Deskriptionalisten nicht nur verglichen miteinander sehr unterschiedlich sind, sondern, dass sich verschiedene piktorialistische und deskriptionalistische Positionen auch untereinander stark unterscheiden. In den letzten 30 Jahren sind zahlreiche Experimente durchgeführt worden und Überlegungen aus verschiedenen Disziplinen, bspw. der Philosophie des Geistes, der Kognitionswissenschaft und der Neurowissenschaften in die Debatte eingegangen. Dies ist ein Grund, wieso ich nachfolgend speziell die aktuelle Theorie zu abbildenden mentalen Prozessen von Kosslyn und die Gegenargumente von Pylyshyn diskutieren werde, da einerseits Kosslyns piktorialistische Theorie als eine der am besten ausgearbeiteten Theorien zu Vorstellungsbildern gilt und andererseits Kosslyn und Pylyshyn als Hauptkontrahenten der Debatte angesehen werden (vgl. Thomas 2017; Gottschling 2003, 12; Sterelny 1986, 236f).

3. Der Beginn der Debatte: Die Rotations- und Scanning- Experimente

Das erste Argument für die Möglichkeit von abbildenden Prozessen bei Mental Images basiert auf Experimenten, die das sog. Scannen und die sog. Rotation betreffen.

R otation: Anfang der 1970er Jahre führten Shepard & Metzler Versuche durch, bei denen Probanden in mehreren Durchläufen zwei komplexe dreidimensionale Formen präsentiert wurden, von denen ein Teil der Objektpaare von der Struktur her identisch war, ein anderer Teil jedoch nicht. Die Objektpaare waren aber in jedem Fall in unterschiedlichen Winkeln dreidimensional rotiert. Die Probanden sollten nun angeben, ob jene gleichzeitig präsentierten Objekte von der Form her identisch waren oder nicht. Das Ergebnis: Die Probanden lagen in 90% der Fälle richtig und ihre Antwortzeit stieg linear zu der Größe des Unterschieds des Rotationswinkels der einzelnen Figuren. Man vermutete, dass Probanden die Figuren in ihrer Vorstellung rotierten (was sie teilweise selbst danach berichteten), um beide Figuren zu vergleichen und festzustellen, ob sie identisch waren (vgl. Shepard & Metzler 1971, 703f; Sterelny 1986, 238). Aus der beobachteten Linearität und der Aussagen der Versuchspersonen wurde geschlossen, dass die Probanden, um die Objekte in ihrer Vorstellung rotieren zu können, bildhafte Repräsentationen neuronal verarbeiteten – die Images hatten scheinbar einen funktionalen Nutzen für das Lösen der Aufgabe.

Scannen: Nachdem die Imagery-Debatte durch erwähnte Rotationsexperimente ins Rollen gekommen war, führten Kosslyn, Reiser und Ball 1978 weitere Versuche durch, bei denen Probanden gebeten wurden, sich bestimmte fiktive Landkarten mit einfachen Symbolen einzuprägen. Zum späteren Zeitpunkt des Experiments wurden diese Probanden nun gebeten, in ihrer Vorstellung einen bestimmten Punkt auf der Karte oder dem Bild zu fixieren. Wurden sie dann gefragt, ob ein bestimmtes Objekt auf der Karte oder dem Bild zu sehen war, stieg die Antwortzeit linear zu dem Abstand auf der zuvor eingeprägten Karte. Der Befund dieses Experiments lässt ebenfalls auf bildhafte Repräsentationen schließen: Die Probanden schienen die mentale Karte vom Punkt der Fixierung aus abzusuchen, also schienen sie eine mentale Vorstellung zu benutzen, von der auf ein bildhaftes Repräsentationsformat geschlossen wurde (vgl. Kosslyn, Reiser & Ball 1978, 58f; Sterelny 1986, 238; Kosslyn & Jolicoeur 1985, 321f).

Beide Experimente galten als Hinweis darauf, dass die Probanden bildhafte Repräsentationen verarbeiteten, da für die Funktionalität von Vorstellungsbildern bei kognitiven Aufgaben ein Beleg gefunden schien.

4. Pylyshyns Theorie zu Vorstellungsbildern

4.1 Pylyshyns repräsentationalistische Annahmen

Die grundlegende Annahme von Pylyshyn ist, dass sich unsere Kognition vollständig mit der Computational Representational Theory of Thought (kurz: CRTT) erklären lässt, zu der Pylyshyn selbst einen großen Teil beigetragen hat (vgl. Gottschling 2003, 164f; Beckermann 2008, 303): Wenn ich glaube, dass Magdeburg die Hauptstadt von Sachsen- Anhalt ist, dann gibt es der CRTT nach in meinem Überzeugungsspeicher ein physisches Vorkommnis, eine mentale Repräsentation r, die die Bedeutung hat, dass Magdeburg die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt ist. Mit mentalen Repräsentationen sind an dieser Stelle, nach der Language of Thought Theory (kurz: LOTT) physische Strukturen gemeint, deren identische Teilstücke in verschiedenen Repräsentationen auftreten können. Diese mentalen Repräsentationen haben eine kompositionale Semantik, d.h. der Gehalt einer komplexen Repräsentation ergibt sich regelhaft aus der Bedeutung seiner Teile. Die Teile jener physischen Struktur r sind nach o.g. theoretischen Annahmen syntaktisch strukturiert. Die oben erwähnte mentale Repräsentation wäre bspw. zusammengesetzt aus einfacheren mentalen Repräsentationen, z.B. Repräsentationen, die etwas wie „Magdeburg“, „Sachsen-Anhalt“ und „Hauptstadt“ bedeuten. Unsere sprachlichen Gedanken, die grundlegend für intentionale Zustände zu sein scheinen, bestehen demnach somit aus zusammengesetzten propositionalen mentalen Repräsentationen, die syntaktischen Regeln folgen (vgl. Beckermann 2008, 303; Gottschling 2003, 18; 156; Pylyshyn 1980, 112f). Pylyshyn gilt als einer der Mitbegründer der Computationalen Theorie und ist der Auffassung, dass nicht nur sprachliches Denken, sondern jede Form unserer Kognition sich auf sprachähnliche mentale Repräsentationen zurückführen lässt. Die Prozesse, die in einem menschlichen Gehirn ablaufen, wenn ein Mensch denkt, sind den Ansätzen der CRTT und der LOTT mit den Prozessen zu identifizieren, die in einem Computer ablaufen, wenn er rechnet; cognition ist demnach computation (vgl. Pylyshyn 1980, 112). Dies stützt sich auf die Überlegung, dass Rechnen ein Prozess ist, der zwei verschiedene Beschreibungsebenen miteinander kompatibel macht: die physikalisch- kausale Ebene und die syntaktisch-regelgeleitete Ebene (vgl. Pylyshyn 1980, 113). Pylyshyn benutzt die Begriffe für die Form der Repräsentationen nicht einheitlich, in älteren Arbeiten spricht er von „propositionalen“ oder „symbolischen“ und später auch von „sprachlichen“ oder „kombinatorischen“ Repräsentationen (vgl. Pylyshyn 2006, v; Pylyshyn 1980, 113; Pylyshyn 1979, 19).

4.2 Pylyshyns Erklärungsansatz zu bildhaftem Vorstellen

Für Pylyshyn ist die Frage, ob mentale Repräsentationen oder Mental Images abbildend oder beschreibend sind, keine, die in der Debatte helfen würde, das Format von Vorstellungsbildern zu erfassen. Er beruft sich auf die, wie er sie nennt, Null-Hypothese, dass der Grund, wieso Probanden in Experimenten von Vorstellungsbildern berichten, ist, dass ihnen entweder gesagt werde, sie sollen sich etwas vorstellen oder die Probanden sich im Zuge der Aufgabenstellung selbst fragen, wie es wäre, diesen Umstand visuell wahrzunehmen und so viele Aspekte der Wahrnehmung wie möglich simulieren: „One of the problems with this research is that nearly all experimental findings cited in support of the picture theory can be more naturally explained by the hypothesis that when asked to imagine something, people ask themselves what it would be like to see it, and they then simulate as many aspects of this staged event as they can and as seem relevant“ (Pylyshyn 2003, 113). Null-Hypothese nennt er die Hypothese deshalb, weil sie auf Basis der CRTT die sparsamste Erklärung der empirischen Daten sei, die bisher erhoben worden sind. Pylyshyns Grundidee ist, dass es keinen Grund gibt, anzunehmen, man könne die empirischen Daten, die im Rahmen der Imagery-Debatte erhoben worden (behavioristische Experimente oder die Befunde mit Patienten mit Hirnläsionen) nicht mit dem in Punkt 4.1 dargestellten deskriptionalistischen Ansatz erklären. Experimentelle Befunde sagten uns gar nichts über das Format eines zu Grunde liegenden Prozesses. Vorstellungsbildern und bildhaften Denkprozessen lägen die gleiche Form von Repräsentationen zu Grunde, wie allen anderen höherstufigen kognitiven Prozessen: „…at the relevant level of analysis – the level appropriate for explaining the results of many experiments on mental imagery – the process of imagistic reasoning involves the same mechanisms and the same forms of representation as are involved in general reasoning, though with different content or subject matter” (Pylyshyn 2002, 158). Weiter sagt er, die formulierten Theorien zu Mental Imagery würden der Kognitionswissenschaft keinen Mehrwert bringen: „…nothing is gained by attributing a special format or special mechanisms to mental imagery…” (Pylyshyn 2002, 158).

Eine Frage, die sich stellt, ist allerdings, wieso diese Erklärung introspektiv nicht bestätigt werden kann. Pylyshyns Antwort: Die Tatsache, dass es uns phänomenal so vorkommt, als würden wir wirkliche Bilder verarbeiten, hat nichts damit zu tun, welche Repräsentationsformen unser neuronales System wirklich verarbeitet. Die unterschiedlichen Varianten, wie kognitive Prozesse introspektiv ablaufen (z.B. bildhaftes Problemlösen oder logisches Schließen) sind für Pylyshyn mehr eine Konsequenz aus der Antwort auf die Frage, worum es sich bei der kognitiven Aufgabe handelt, als daraus, welches Format die neuronal tiefsitzenden Verarbeitungsprozesse besitzen: „…the difference between pictorial and other forms of reasoning rests primarily in what different thoughts are about, rather than the form that they take…“ (Pylyshyn 2003, 113). An einigen Stellen in seinen Publikationen zweifelt er außerdem an, dass unseren Prozessen beim visuellen Wahrnehmen ein bildhaftes Format zu Grunde liege, sondern sagt, die perzeptuellen Inputs könnten auch durch ein symbolisches Repräsentationsformat verarbeitet werden (vgl. Pylyshyn 2003, 115).

5. Die Schwierigkeit des Bildbegriffs: Was ist eine bildhafte Repräsentation?

Kosslyn ist der gegenteiligen Ansicht zu der in Punkt 4 dargestellten Sicht von Pylyshyn: Es muss nach ihm mindestens noch ein weiteres Repräsentationsformat geben – das bildhafte Format, das visuelle Vorstellungseindrücke abbildend repräsentiert. Es stellt sich bei der Frage nach bildhaften Vorstellungen und den ihnen zugrundeliegenden möglicherweise bildhaften bzw. abbildenden Prozessen jedoch die Frage, was „bildhaft“ (engl.: pictorial) oder „abbildend“ (engl.: depictive) in Bezug auf einen neuronalen Prozess genau bedeuten soll. In vielen Publikationen ist bei der Frage nach jenen Prozessen auch von „analogen“ oder „piktorialen“ Repräsentationen die Rede. Sind jene Begriffe nur als eine Metapher zu verstehen oder haben mentale Vorstellungen systematisch was mit wirklichen Bildern im eigentlichen Sinne zu tun? Welche Kriterien muss eine Repräsentation oder ein Prozess erfüllen, um als abbildend oder analog zu gelten? Im Kontrast dazu ist die Frage danach, was eine symbolische Repräsentation ist nach Fodor und Pylyshyn mittlerweile weitestgehend klar beantwortet und wir haben mit modernen Computern und dem Stand der heutigen Informatik unzählige Beispiele dafür, dass syntaktische Repräsentationsverarbeitung (z.B. arithmetische oder logische Operationen) sich durch primitive Rechenprozesse implementieren lassen (vgl. Beckermann 2008, 302f).

Kosslyn schlägt einen expliziten Bildbegriff vor: Es wird bei ihm unterschieden zwischen „beschreiben“ (engl.: to describe) und „darstellen“ bzw. „abbilden“ (engl.: to depict): Darstellungen sind demnach konkret und zeichnen sich durch einen räumlichen und oberflächlichen Isomorphismus bezogen auf das Dargestellte aus (vgl. Kosslyn 2005, 334; 336). Anders als propositionale Repräsentationen haben Darstellungen keine explizit benannten Relationen (bspw. sind Relationen, wie „kleiner als“ oder „größer als“ nicht genannt), keine explizite Argumentstruktur, keine klare Syntax und nur unter bestimmten Beschreibungsebenen Wahrheitswerte. Beschreibungen haben genau gegenteilige Eigenschaften – eine klare Argumentstruktur, Relationen zwischen Objekten sind explizit genannt, es existiert eine Syntax und Ausdrücke besitzen Wahrheitswerte. Als Beispiel nennt Kosslyn die Zeichnung eines Balles auf einer Box verglichen mit der propositionalen Beschreibung „ON(BALL, BOX)“ (vgl. Gottschling 2003, 144; Kosslyn 2005, 334; Kosslyn 1994, 5). Eine bildhafte Repräsentation sei demnach eine Darstellung, eine propositionale Repräsentation hingegen eine Beschreibung (vgl. Gottschling 2003, 143f). In von Kosslyn 1994 veröffentlichtem Hauptwerk zur Imagery-Debatte formuliert er: „A depictive representation is a type of picture, which specifies the locations and values of configurations of points in a space. […] Depictive representations convey meaning via their resemblance to an object, with parts of the representation corresponding to parts of the object” (Kosslyn 1994, 5). Eine abbildende Beschreibung ist nach Kosslyn somit etwas, das ein Objekt oder ein visuell wahrgenommenes Muster über die örtlichen Eigenschaften seiner Teile durch Anordnungen von Punkten in einem Raum beschreibt. Diese Definition von Kosslyn greift auch Pylyshyn auf. Für Pylyshyn ist die Forderung, dass Ähnlichkeit zwischen einer Repräsentation und dem wirklich visuell wahrgenommenen Eindruck bzw. Objekt bestehen muss, kein Kriterium, das bei der Eingrenzung oder beim Erfassen der Prozesse von Vorstellungsbildern helfen würde. Das liegt Pylyshyn nach an dem Problem des Kriteriums der Ähnlichkeit: Ähnlichkeit ist weder hinreichend, noch notwendig für das Transportieren einer Bedeutung. Ein Bild kann sich sehr stark einer Sache ähneln, obwohl seine Bedeutung eine andere ist (ein Bild von Johns Zwillingsbruder sieht John extrem ähnlich, auch wenn es John nicht abbildet); auf der anderen Seite kann ein Bild etwas abbilden, obwohl es der abgebildeten Sache extrem wenig ähnelt (ein Bild von John, aufgenommen mit einer Verzerrungslinse ist immer noch ein Bild von John, obwohl es ihm nicht ähnelt) (vgl. Pylyshyn 2002, 166). Das Kriterium der Ähnlichkeit ist für Pylyshyn außerdem schwierig, weil es beim subjektiven Erleben eines Vorstellungsbildes trivial sei, dass der Eindruck eines Vorstellungsbildes der wirklich vorgestellten Situation ähnelt. Dies sei die notwendige Eigenschaft des Phänomens von Vorstellungsbildern – verrate uns jedoch nichts über den inneren Prozess, das Format der Repräsentation „…the statement that images resemble things they depict is just another way of saying that the conscious experience of mental imagery is similar to the conscious experience one would have if one were to see the thing one was imagining” (Pylyshyn 2002, 166). An diesem Punkt möchte Pylyshyn Kosslyn für seinen Versuch einer Definition zu bildhaften Repräsentationen angreifen, in dem er Kosslyn vorwirft, den subjektiven Eindruck mit der tatsächlich vorliegenden Repräsentation zu verwechseln. Pylyshyn sagt, es sei trivial, dass ein Wahrnehmungseindruck einem Vorstellungseindruck des gleichen Typs ähnelt; es sei aber nicht genannt, inwiefern der Wahrnehmungsprozess dem Prozess des Vorstellens ähnelt und ob bei beiden ein abbildendes Format benutzt wird (vgl. Pylyshyn 2002, 166; Pylyshyn 2003, 113). Dieses Argument von Pylyshyn findet sich in seinen Publikationen in verschiedenen Formulierungen an vielen Stellen wieder. Auch wenn Pylyshyn, wie gezeigt, die Bedingung der Ähnlichkeit als Idee oder mögliches Kriterium bei der Betrachtung von neuronalen Prozessen beim bildhaften Vorstellen ablehnt, akzeptiert er die in dem o.g. Zitat geäußerte Idee der Isomorphie von Teilen des Abgebildeten zu Teilen der abbildenden Repräsentation, auch wenn er der Meinung ist, man müsse diese Idee präziser formulieren: „...although it needs to be spelled out in more detail, this is a reasonable proposal...“ (Pylyshyn 2002, 166).

Verena Gottschling kommt nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Vorschlägen unterschiedlicher Autoren für die Kriterien des Begriffs „Bild“ oder „bildhaft“ zu dem Ergebnis, dass es für Bildhaftigkeit kein allein brauchbares Kriterium zu geben scheint – der Begriff „Bild“ sei zu schwierig, um für die Debatte explizit bestimmt zu werden. Nach ihr vertreten einige Autoren die These, dass „der Begriff ‚Bild‘ [...] gar nicht klar zu charakterisieren [sei], weil es sehr viele verschiedene Arten von Bildern oder bildhaften Repräsentationen gäbe, so dass sich für die in der Literatur vertretenen Theorien leicht Gegenbeispiele finden ließen“ (Gottschling 2003, 138). In einem Punkt scheinen sich die Autoren Kosslyn und Pylyshyn allerdings trotz der diskutierten Punkte einig zu sein: Um von einer abbildenden oder analogen Repräsentation sprechen zu können, muss eine bildhafte Repräsentation eine gewisse Isomorphie mit dem vorgestellten Objekt besitzen (vgl. Pylyshyn 2002, 167; Pylyshyn 2003, 113; Kosslyn & Thompson 2003, 723; Kosslyn 2005, 336). Etwas Ähnliches sagt auch Gottschling daran anknüpfend – sie merkt an, dass für die meisten piktorialen Theorien Strukturisomorphie bezüglich räumlicher Eigenschaften eine notwendige Bedingung für die Zuschreibung einer bildhaften Repräsentation sein muss (vgl. Gottschling 2003, 244). Das bedeutet, was auch immer eine bildhafte Repräsentation sein soll, sie muss die oberflächliche Form bspw. eines Objektes wirklich räumlich und nicht nur funktional (wie Kosslyn noch 1994 behauptete) abbilden (in neuerer Literatur spricht Kosslyn häufig von dem englischen Wort „to map“) (vgl. Kosslyn 1994, 5; Kosslyn & Thompson 2003, 723).

Außerdem besteht zwischen vielen Autoren eine gewisse Einigkeit darüber, dass jene Strukturisomorphie in gewisser Form wahrnehmungsnah verarbeitet werden muss, um als bildartig zu gelten, um also von einem Prozess sprechen zu können, dessen Verarbeitung über reine syntaktische Symbolverarbeitung hinaus geht (vgl. Sachs- Hombach 2006, 124ff; Kosslyn & Thompson 2003, 723). Sachs-Hombach betitelt den Begeriff „wahrnehmungsnah“ damit, dass eine visuell-perzeptuelle Komponente vorliegen muss. Pylyshyn akzeptiert diese zweite Bedingung nicht, da er an manchen Stellen anzweifelt, unserer visuellen Wahrnehmung würden neuronal implementierte bildartige Repräsentationen zu Grunde liegen. Er sagt, visuelle Wahrnehmung und visuelle Vorstellung könnten ähnliche Subsysteme benutzen und aktivieren, jedoch könnten sie nicht bildhafte, sondern möglicherweise symbolische Repräsentationen verarbeiten: “...the representation underlying vision and visual imagery may use the same modality-specific symbolic vocabulary“ (Pylyshyn 2002, 170).

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Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Imagery Debatte. Wie sind Vorstellungsbilder im menschlichen Gehirn repräsentiert?
Untertitel
Eine Diskussion der Argumente und Theorien von Stephen M. Kosslyn und Zenon W. Pylyshyn
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Pihlosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
36
Katalognummer
V471597
ISBN (eBook)
9783668960480
ISBN (Buch)
9783668960497
Sprache
Deutsch
Schlagworte
imagery, zenon, kosslyn, stephen, theorien, argumente, diskussion, eine, gehirn, vorstellungsbilder, debatte, pylyshyn
Arbeit zitieren
Klaus Gotthard (Autor), 2018, Die Imagery Debatte. Wie sind Vorstellungsbilder im menschlichen Gehirn repräsentiert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471597

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