Die Metamorphosen des Ovid zählen sicherlich zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Es wundert nicht, dass Ovid eine ausgeprägte Rezeptionsgeschichte vorweisen kann, denn Stoff bieten allein die Metamorphosen in Hülle und Fülle. Die Wirkung Ovids setzt im Hohen Mittelalter ein: Künstler aller Sparten „wetteifern in der Nachbildung und Abwandlung ovidischer Motive“. Ovid wurde zum Modeautor; durch seine Allgegenwärtigkeit prägte er schließlich den Begriff der Aetas Ovidiana,wobei vor allem die Metamorphosen ungeheuer beliebt waren.
Jede Metamorphose zeichnet sich durch die Schilderung einer Verwandlung aus, die sich als Folge der Erzählung ergibt. Beispiele hierfür sind sowohl der Götterzorn, der häufig Eingang in die Erzählungen findet, als auch die Liebe, die in den Metamorphosen oft Anlass zu einer Verwandlung bietet. So auch in der Geschichte Pyramus und Thisbe, die dieser Arbeit zugrunde liegt.
Zunächst steht Ovids Original im Mittelpunkt und wird einer ausführlichen Betrachtung unterzogen, damit die Unterschiede zu den zu vergleichenden Textcorpora leichter aufgezeigt werden können. Im Anschluss daran werden die dazugehörigen Auslegungen vorgestellt, näher betrachtet und untereinander verglichen. Sowohl in den bearbeiteten Pyramus und Thisbe-Geschichten als auch in den dazugehörigen Auslegungen finden sich christliche Moralvorstellungen, die für die Entstehungszeit nicht ungewöhnlich sind. Das Erkenntnisinteresse liegt in der Frage, wie die christlichen Moralvorstellungen sowohl in der Bearbeitung von Pyramus und Thisbe als auch in den dazugehörigen Auslegungen umgesetzt sind.
Inhaltsverzeichnis
I Vorwort
II Ovids Pyramus und Thisbe
III Bearbeitungen von Pyramus und Thisbe
a) Jörg Wickram
b) Johann Spreng
IV Die Auslegungen
a) Gerhard Lorichius
b) Johann Spreng
c) Georg Sabinus
d) Vergleich der Auslegungen
V Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie christliche Moralvorstellungen in verschiedenen frühneuzeitlichen Bearbeitungen der antiken Ovid-Geschichte "Pyramus und Thisbe" sowie deren zugehörigen Auslegungen umgesetzt und adaptiert wurden.
- Analyse der Ovid’schen Vorlage als Basis für die Rezeptionsgeschichte.
- Vergleich der Bearbeitungen von Jörg Wickram und Johann Spreng hinsichtlich ihrer moralisierenden Tendenzen.
- Untersuchung der Auslegungen von Gerhard Lorichius, Johann Spreng und Georg Sabinus.
- Diskussion der Transformation antiker Stoffe in einen christlich-moralischen Kontext.
- Hinterfragung der Gründe für die christliche Umdeutung heidnischer Texte in der Frühen Neuzeit.
Auszug aus dem Buch
Die Wand, die durch einen störenden Riss beschädigt ist, bildet die einzige Kommunikationsmöglichkeit für das Liebespaar.
Sie wird aus diesem Grunde auch personifiziert, da nämlich nicht durch die Wand gesprochen wird, sondern mit ihr. Ja sogar menschliche Eigenschaften wie die invidia werden ihr zugetraut, auch wenn der „Vorwurf der Missgunst sofort eingeschränkt wird-nec sumus ingrati- denn die Wand begünstigt ja das Liebesglück, indem sie den Stimmen Durchlaß gibt“.
In Bezug auf das Wand-Motiv hat Ovid ein sprachlich sehr anschauliches Bild geschaffen, denn mit dem Chiasmus (...) hinc Thisbe, Pyramus illinc (...) wird durch den Satzbau eine gewisse Symmetrie geschaffen, die dem Leser bei der Verbildlichung der Situation hilfreich ist.
Das Liebespaar ist zwar nicht vollkommen voneinander getrennt, aber dennoch ist die Trennung schwer überbrückbar, was durch die allabendliche Kusszeremonie deutlich wird. Beide küssen ihre Seite der Wand, wenngleich die Küsse nicht den Anderen nicht erreichen.
Zusammenfassung der Kapitel
I Vorwort: Dieses Kapitel führt in Ovids Metamorphosen ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Implementierung christlicher Moralvorstellungen in der Rezeption von Pyramus und Thisbe.
II Ovids Pyramus und Thisbe: Hier wird das antike Original analysiert, wobei besonders die Schuldfrage und die literarischen Motive wie Wand und Maulbeerbaum im Vordergrund stehen.
III Bearbeitungen von Pyramus und Thisbe: Das Kapitel vergleicht die Versionen von Jörg Wickram und Johann Spreng, die den antiken Stoff durch christlich konnotierte Tugenden und moralische Anpassungen verändern.
IV Die Auslegungen: Diese Sektion untersucht die Kommentare von Lorichius, Spreng und Sabinus, wobei deren unterschiedliche Ansätze zur moraltheologischen Deutung des Stoffes beleuchtet werden.
V Fazit: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, wie und warum Ovid als „Heidenautor“ christlich legitimiert wurde, um dem „gemeinen Mann“ theologische Lehren zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Pyramus und Thisbe, Ovid, Metamorphosen, christliche Moral, Frühe Neuzeit, Jörg Wickram, Johann Spreng, Gerhard Lorichius, Rezeption, Antikenrezeption, Sittenlehre, Tugendhaftigkeit, Schuldfrage, Exempel, Theologisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rezeption der antiken Geschichte "Pyramus und Thisbe" im Mittelalter und der Frühen Neuzeit, insbesondere mit der christlichen Umdeutung des Stoffes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Transformation antiker literarischer Motive durch christliche Moralvorstellungen, die Rolle elterlicher Fürsorge und die moralisierende Auslegung der antiken Texte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, wie christliche Moralvorstellungen in den Bearbeitungen und Auslegungen der Geschichte umgesetzt wurden, um den heidnischen Autor Ovid für ein christliches Publikum akzeptabel zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die Originaltexte mit ihren Bearbeitungen und den begleitenden Kommentaren gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Ovid-Vorlage, eine Untersuchung der Bearbeitungen von Wickram und Spreng sowie einen detaillierten Vergleich der Auslegungen von Lorichius, Spreng und Sabinus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Ovid-Rezeption, christliche Moral, Exemplifizierung, Tugendhaftigkeit und die Popularisierung antiker Stoffe in der Frühen Neuzeit.
Warum wird die Wand im Ovid-Original als Motiv so hervorgehoben?
Die Wand symbolisiert die physische Trennung des Liebespaares, wird bei Ovid jedoch personifiziert und dient als wichtiges erzählerisches Element für die Sehnsucht und Kommunikation der Liebenden.
Wie unterscheidet sich die Sicht von Lorichius von der von Sabinus?
Während Lorichius den Text primär für eine christlich-moralische Belehrung nutzt und Schuld bei den "unhuldigen Eltern" sieht, deutet Sabinus das Geschehen als ein vom Schicksal bestimmtes Ereignis und sieht eher die Protagonisten in der Verantwortung.
- Quote paper
- Steffi Rothmund (Author), 2005, Christlich - moralische Dimensionen in verschiedenen Pyramus und Thisbe Bearbeitungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47191