DER KALKULIERTE RUIN - Soziale und politische Hintergründe der deutschen Inflation 1914-1923


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

13 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Index

1. Problembeschreibung, Forschungslage, Konzeption

2. Kriegsfinanzierung über Schulden: Die schleichende Inflation 1914-1918

3. Innenpolitische Krise und Wiederaufbau: Die kalkulierte Inflation 1918/1919

4. Finanzreform unter Vorbehalt: Die reparationsstrategische Inflation 1919/1920

5. Revision und Restauration: Die instrumentalisierte Inflation 1920-1923
5.1. Die Revisionsstrategie in der Reparationsfrage
5.2. Die soziale und politische Restauration

6. Abschließende Bemerkungen: Ende und Bilanz der Inflationsstrategie

Literatur und Quellen

1. Problembeschreibung, Forschungslage, Konzeption

Die Frage nach den Gründen für die Instabilität und das letztliche Scheitern des in der Zwischenkriegszeit konstruierten wirtschaftlichen und politischen Systems der Weimarer Republik hat den Blick stets auch auf die Folgewirkungen der großen deutschen Inflation gelenkt. Dabei wurde der Gegenstand von der älteren Forschung eher als Nebenphänomen betrachtet und eher deskriptiv denn analytisch angegangen. Vor allem über die Wirkungsweise der Inflation auf die Masse der lohnabhängigen Bevölkerung sowie auf das allgemeine Wirtschaftsleben ist ausführlich geschrieben worden, während ihre Hintergründe, sei es politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Art, weitgehend unbeachtet geblieben sind. Erst seit dem Ende der achtziger Jahre hat sich hier mit einer Reihe von Veröffentlichungen eine Veränderung angebahnt, die bis heute nicht abgeschlossen ist.

Sicherlich ist das Gesamtphänomen der deutschen Inflation, zumal vor dem Hintergrund der in vielerlei Hinsicht krisenhaften Nachkriegszeit, nicht monokausal zu erklären, vielmehr haben neben den Defiziten der öffentlichen Haushalte offensichtlich zu verschiedenen Zeiten eine ganze Reihe von anderen endogenen und exogenen Faktoren eine Rolle gespielt. Unbestritten entzogen sich einige dieser Faktoren, deren komplexe Wirkungszusammenhänge im Folgenden nur angeschnitten werden können, dem Zugriff der Weimarer Regierungen und können deshalb durchaus als Sachzwänge deklariert werden. Den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet jedoch gerade die Hypothese, dass die Inflation zu einem wesentlichen Teil das Ergebnis eines politischen Konsensus war, von denjenigen Akteuren in Politik und Wirtschaft gesteuert und in zunehmendem Maße instrumentalisiert, denen sie bis zuletzt enorme Vorteile versprach.

Dabei ist es nicht die Intention dieser Arbeit, die Inflation als ein von Beginn an planmäßiges politisches Unternehmen erscheinen zu lassen. Marxistische Historiker haben in diesem Sinne von der „größte(n) Umverteilung des Nationaleinkommens in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus“ gesprochen, durchgeführt von gemeinsam agierenden Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft.[1] Jedoch legt diese Argumentation nicht nur gewissermaßen ex post die Wirkungsweise der Inflation als Deutungsmaß an, sie bleibt auch ausschließlich ihrer sozialen und innenpolitischen Dimension verhaftet. In der vorliegenden Arbeit sollen daneben jedoch gerade auch die außenpolitischen Implikationen der Inflation betrachtet werden, d.h. vor allem ihre Wechselwirkungen mit der außenwirtschaftlichen Positionierung des Reiches sowie mit der stets gegenwärtigen Reparationsfrage. Insgesamt gilt es aufzuzeigen, dass und in welchem Maße die Inflation zwar nicht von vornherein, wohl aber in ihrem Verlauf als ein soziales, wirtschaftliches und politisches Instrument zur Erreichung restauratorischer bzw. revisionistischer Ziele eingesetzt wurde.

2. Kriegsfinanzierung über Schulden: Die schleichende Inflation 1914-1918

Es ist unbestritten, dass die deutsche Inflation, in der Wahrnehmung oft gebrochen im Prisma der „sensationellen und farbenprächtigen Hyperinflation“ von 1923, keineswegs als ein isoliert zu betrachtendes Nachkriegsphänomen zu betrachten ist, sondern in vielerlei Hinsicht als eine Erblast des Krieges, eine unmittelbare Konsequenz von Kriegswirtschaft und Kriegsfinanzierung.[2] Eine genaue Datierung erscheint schwierig, jedoch kann mit einigem Recht bereits der 4. August 1914, als Eckdatum angeführt werden: Nachdem der nahende Krieg eine breite Flucht in Goldwerte ausgelöst hatte, hob die Reichsregierung an diesem Tag im so genannten „Ermächtigungsgesetz“ die Verpflichtung der Reichsbank auf, Noten gegen Gold einzulösen.[3] Gleichzeitig sollte eine Reihe von Gesetzen zur Notendeckung mit mehrheitlich formalistischem Charakter über den Weg hinwegtäuschen, der damit beschritten worden war: Fortan konnte der Zahlungsmittelbedarf der Staatskasse – völlig verfassungskonform – mit der Notenpresse gedeckt werden, zumal die Reichsbank als Instanz der Währungskontrolle keine Autonomie besaß, sondern der Weisungsgewalt der Reichsregierung unterlag. Damit war der Rahmen für die Finanzpolitik der Folgejahre legislativ und institutionell gegeben.

Da sich die Reichsregierung zur Deckung des erhöhten Finanzmittelbedarfs nicht zu einer drastischen Steuererhöhung durchringen konnte – eine zusätzliche Schwächung der privaten Kaufkraft drohte in soziale und politische Konflikte zu münden – versuchte sie ihre Ausgaben zwischen 1914 und 1918 neben den großen Kriegsanleihen hauptsächlich durch (kurzfristige) Schatzwechsel, Schatzanweisungen und ähnliche Schuldverschreibungen zu finanzieren. In derselben Zeit war nicht mehr als ein Sechstel der Reichsausgaben durch reguläre Einnahmen gedeckt, d.h. die Bedienung der fällig werdenden Verpflichtungen konnte nur über neue Schulden stattfinden. Als diese Aufbringungsmethode jedoch im Verlauf des Krieges an ihre Grenzen stieß, machte die Reichsregierung unter Einspannung der Reichsbank zunehmend von der Notenpresse Gebrauch.[4] Fortan richtete sich die Geldvermehrung nach dem Geldbedarf des Reiches und nicht nach dem Bedarf der Volkswirtschaft. Als Folge war der Notenumlauf bereits 1918 – bei bestenfalls stagnierendem Warenangebot – von rund zwei Milliarden bei Kriegsbeginn auf 29 Milliarden Mark angestiegen, während der Außenwert der Währung auf knapp die Hälfte seines Vorkriegswerts zurückging.

Diese Finanzierungsmethode musste unweigerlich zu schwebenden Schulden in Milliardenhöhe führen (1918: 48,5 Mrd. RM), hinzu kam eine riesige Anleiheschuld (89 Mrd.). Die am 9. November 1918 ausgerufene Republik trat eine schwere Hypothek an. Es ist nur schwer zu beurteilen, ob die ersten Regierungen der Nachkriegszeit über den wirtschaftlichen und politischen Spielraum für eine Neuausrichtung der Fiskalpolitik verfügten.[5] Jedenfalls unternahmen sie keinerlei Versuche, der Reichsverschuldung, von den Demobilisierungskosten weiter in die Höhe getrieben, etwa durch eine außerordentliche Steuergesetzgebung zu begegnen. Die Annullierung der Kriegsanleihen wurde diskutiert, erschien jedoch angesichts der innenpolitischen Situation zu brisant. Auch hat es wohl eine Rolle gespielt, dass mit fortschreitender Inflation die hohe Schuldenlast des Staates immer weiter an Wert verlor, „so dass die Lösung des Währungsproblems für die Regierungen nicht als so dringend wie andere innenpolitische und Reparationsfragen empfunden wurde.“[6] Indes hatte die am Boden liegende Produktion die ordentlichen Haupteinnahmequellen des Reichs nahezu versiegen lassen. Die Republik finanzierte sich fast nur noch über die Notenpresse.

[...]


[1] Mottek, Hans, Becker, Walter et al., Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Ein Grundriss. Bd. 3: Von der Zeit der Bismarckschen Reichsgründung 1871 bis zur Niederlage des faschistischen deutschen Imperialismus 1945, Berlin 21975, S. 139

[2] Büsch, Otto, Feldman, Gerald D. (Hrsg.), Historische Prozesse der deutschen Inflation 1914 bis 1924, Berlin 1978, S. 4. Henning schreibt: „Die durch die Kriegsfinanzierung erreichte Verschuldung des Staates war bereits 1916 so groß, dass die inflationäre Entwicklung voll in Gang gesetzt war.“ (Henning, Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik 1914 bis 1932, Paderborn 2003, S. 287)

[3] Zum Prinzip (Gold)Mark = (Papier)Mark vor allem Hughes, Michael L., Economic Interest, Social Attitudes, and Creditor Ideology: Popular Responses to Inflation, in: Feldman, Gerald D. et al. (Hrsg.), Die deutsche Inflation. Eine Zwischenbilanz, Berlin/New York 1982, S. 387-400

[4] Die Schatzanweisungen konnten im Kriegsverlauf zunehmend nicht mehr am freien Markt untergebracht werden und verblieben bei der Reichsbank, die dem Staat stattdessen per Notendruck Geld zuzuführen begann.

[5] Henning meint dazu, „dass die Inflation keineswegs das primäre und zentrale Problem der Zeit nach 1918 gewesen ist. […] Im übrigen war die finanzwirtschaftliche Beanspruchung des Reiches in den ersten Nachkriegsjahren noch so umfangreich, dass nur eine abgesicherte Finanzwirtschaft die anstehende Lösung der Währungsproblematik hätte bewältigen können.“ (Henning, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 286, 287)

[6] Henning, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 287

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
DER KALKULIERTE RUIN - Soziale und politische Hintergründe der deutschen Inflation 1914-1923
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Vom Versailler Vertrag zur Weltwirtschaftskrise: Gesellschaft und Wirtschaft im Deutschen Reich 1918-1933
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V47234
ISBN (eBook)
9783638442299
ISBN (Buch)
9783656611042
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
* enge Schrift - kl. Zeilenabstand * In der vorliegenden Arbeit sollen ... gerade auch die außenpolitischen Implikationen der Inflation betrachtet werden, d.h. vor allem ihre Wechselwirkungen mit der außenwirtschaftl. Positionierung des Reiches sowie mit der ... Reparationsfrage. Insgesamt gilt es aufzuzeigen, dass und in welchem Maße die Infl. zwar nicht von vornherein, wohl aber in ihrem Verlauf als ein ... Instrument zur Erreichung restaurator. bzw. revisionist. Ziele eingesetzt wurde.
Schlagworte
Inflation, Weltwirtschaftskrise, Gesellschaft, Wirtschaft, Versailler Vertrag, Versaille, Ruin, Hyperinflation, Deutsches Reich, Reparationen, Erster Weltkrieg, Restauration, Revisionismus, Weimarer Republik, Wirtschaftsleben, Nachkriegszeit, Geldentwertung, galoppierende Inflation, Deflation, Wirtschaftsgeschichte, Preissteigerung, Währung, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Eduard Luft (Autor), 2005, DER KALKULIERTE RUIN - Soziale und politische Hintergründe der deutschen Inflation 1914-1923, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47234

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