In dieser, mit "sehr gut" bewerteten Arbeit, werden die Glaube-Werke-Szenen aus Hogmannsthals "Jedermann" den entsprechenden Szenen aus der Hauptvorlage, dem vorreformatorischen "Everyman", in einer übersichtlichen Synopse gegenübergestellt. Dann wird eingehend geprüft, was Hofmannsthal geändert, d. h. weggelassen, hinzugefügt oder variiert hat, und was er beibehalten hat. Es schließt sich eine Erörterung der Frage an, inwiefern Hofmannsthal bemüht war, sich in der Rechtfertigungsfrage nicht auf eine Konfession festzulegen, und wie die zahlreichen theologischen Unstimmigkeiten zu bewerten sind.
Inhaltsübersicht
0. Einleitung
1. Synopse der Glaube- und Werkeszenen
2. Die Bearbeitung und Neugestaltung des „Everyman“ im „Jedermann“
2.1. Die Szenen von Jedermanns Läuterung im Vergleich
2.1.1. Die erste Läuterungsszene
2.1.2. Die zweite Läuterungsszene
2.1.3. Die dritte Läuterungsszene
2.1.4. Die vierte Läuterungsszene
2.2. Die Szenen von Jedermanns Tod im Vergleich
2.2.1. Die erste Todesszene
2.2.2. Die zweite Todesszene
3. Zusammenfassende Deutung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die textliche Bearbeitung und Neugestaltung des spätmittelalterlichen „Everyman“-Stoffes durch Hugo von Hofmannsthal in seinem Werk „Jedermann“. Im Zentrum steht der Vergleich der Glaube- und Werkeszenen sowie der Todesszenen, um Hofmannsthals Intention hinter den inhaltlichen Änderungen, Hinzufügungen und Kürzungen zu beleuchten und eine Einordnung des Werkes im Kontext konfessioneller Neutralität und theologischer Symbolik vorzunehmen.
- Synoptischer Vergleich der „Everyman“-Vorlage mit Hofmannsthals „Jedermann“
- Analyse der dramaturgischen Gestaltung von Läuterung und Tod
- Untersuchung der stilistischen Archaisierungsbemühungen und des Sprachduktus
- Einordnung in theologische und konfessionsgeschichtliche Kontexte
- Deutung der Ergänzungen (z. B. Teufelsszene, Mutterfigur) als Mittel zur dramatischen Straffung
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Die erste Läuterungsszene
Im „Everyman“ wie im „Jedermann“ erhebt der Besitz bzw. Mammon, anstatt ihm Geleit zu geben, Anklage gegen Jedermann. Im „Everyman“ wird er beschuldigt, seine Rechnung, die er im Jenseits werde vorlegen müssen, „wirr und falsch“ (S. 37) gemacht zu haben, weil er zu sehr auf das Geld gesonnen habe; die Geldliebe habe die „ewge Lieb“ (S. 39) verhindert. Er habe überdies der Armen nicht gedacht. Der Besitz sei ihm, so wiederholt der Besitz selbst die Anklage des Todes (vgl. S. 17), nur für eine Zeitlang verliehen worden. Freimütig gibt der Besitz zu, „der Menschen Seel zu töten“ (S. 39) und daß „der Seelen Heil“ (S. 41) zu stehlen sein Brauch sei. Als Jedermann daraufhin die Anklage umkehren will, entgegnet der Besitz: „Wahrlich, da warst du selbst der Täter“ (S. 41). Jedermann kommt schließlich zu dem Geständnis, daß er „Geld und Gold“ gegeben habe, „was dem Herrn [er] geben sollt“ (S. 41). So ist er vorbereitet, zu seinen Guten Werken Zuflucht zu nehmen, damit sie ihn begleiteten: „O Gute Werke, bist du hier?“ (Z. 30).
Hofmannsthals Jedermann irrte ebenso in der Annahme, sein Mammon stehe ihm auch über das Diesseits hinaus zu Gebote. Zwar klagt der Mammon ihn nicht an, Gott vernachlässigt zu haben, aber er gibt Jedermann doch zu verstehen, daß das Abhängigkeits- und Machtverhältnis genau anders herum war, als es Jedermann, der „Narr“ und „Erznarr“ genannt wird (S. 81), immer geglaubt hatte. Weil der Besitz ihm nur „geliehen [war] für irdisch Täg“, wird Jedermann „bloß und nackt“ „in die Gruben“ fahren (S. 81). Angesichts dieser unverblümten Feststellung des Mammon ist Jedermann sprachlos; es folgt, so die Regieanweisung, die Hofmannsthal wie alle gegenüber dem „Everyman“ ergänzte, eine lange Stille (vgl. V. 7).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Darstellung der Quellenlage von Hofmannsthals „Jedermann“ und der Entstehungsgeschichte des Werkes.
1. Synopse der Glaube- und Werkeszenen: Gegenüberstellung der Originalpassagen aus „Everyman“ und Hofmannsthals „Jedermann“ zur direkten Vergleichbarkeit.
2. Die Bearbeitung und Neugestaltung des „Everyman“ im „Jedermann“: Hauptteil der Untersuchung, der in detaillierten Unterkapiteln Änderungen und Ergänzungen in den Läuterungs- und Todesszenen analysiert.
2.1. Die Szenen von Jedermanns Läuterung im Vergleich: Analytische Untersuchung der Läuterungsszenen, insbesondere der dramatischen Veränderungen gegenüber der englischen Vorlage.
2.1.1. Die erste Läuterungsszene: Analyse des Konflikts zwischen Jedermann und dem Mammon sowie dem erstmaligen Erscheinen der Guten Werke.
2.1.2. Die zweite Läuterungsszene: Betrachtung der neu eingeführten Mutter-Knecht-Szene als atmosphärisches Stimmungsbild.
2.1.3. Die dritte Läuterungsszene: Untersuchung des Erstarkens der Werke und der Kürzung der allegorischen Figuren zugunsten einer dramatischen Straffung.
2.1.4. Die vierte Läuterungsszene: Analyse der von Hofmannsthal eingeführten Teufelsszene als komisches Nachspiel und Erweiterung zum „Welttheater“.
2.2. Die Szenen von Jedermanns Tod im Vergleich: Vergleichende Betrachtung der Todesszenen und ihrer theologischen Nuancen.
2.2.1. Die erste Todesszene: Untersuchung der Übernahme des Sakramentsmotivs und der Modifikationen bei der Geleitversprechen.
2.2.2. Die zweite Todesszene: Analyse des letzten Auftritts des Todes und des Verzichts auf den ursprünglichen Epilog.
3. Zusammenfassende Deutung: Resümee über Hofmannsthals Intention der Modernisierung und sein Bestreben, konfessionelle Neutralität in theologischen Fragen zu wahren.
Schlüsselwörter
Jedermann, Hugo von Hofmannsthal, Everyman, Literaturvergleich, Theologie, Glaube, Gute Werke, Läuterung, Tod, Allegorie, konfessionelle Neutralität, Dramaturgie, Hans Sachs, Moralität, Sakramente.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht Hofmannsthals „Jedermann“ mit seiner Vorlage, dem spätmittelalterlichen „Everyman“, um die Bearbeitungsprozesse und theologischen Anpassungen zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Läuterungs- und Todesszenen sowie die Frage nach der konfessionellen Neutralität und der dramaturgischen Straffung durch Hofmannsthal.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, welche Elemente Hofmannsthal beibehalten, geändert oder hinzugefügt hat und wie er damit auf die „Krise der Psychologie“ reagiert sowie theologische Unstimmigkeiten durch Volkstümlichkeit abfedert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine synoptische Textanalyse und ein vergleichender literaturwissenschaftlicher Ansatz, der die Vorlagen (Everyman, Hans Sachs, Faust) sowie theologische Kontexte einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Läuterungs- und Todesszenen, wobei jeder einzelne Vergleichsschritt akribisch ausgewertet wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Jedermann, Glaube, Werke, konfessionelle Neutralität und Dramaturgie geprägt.
Welche Funktion hat die neu eingeführte Teufelsszene?
Die Teufelsszene fungiert als komisches, die Handlung auflockerndes Element, das das „handlungsarme“ Finale beleben und das Werk zu einem „Welttheater“ erweitern soll.
Wie geht Hofmannsthal mit der konfessionellen Problematik um?
Hofmannsthal bemüht sich um eine konfessionelle Neutralität, indem er beispielsweise die „letzte Ölung“ wegfallen lässt oder Maria durch Begriffe wie „Heiland“ ersetzt, um sowohl protestantische als auch katholische Zuschauer anzusprechen.
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- Marcel Haldenwang (Author), 2000, Die Glaube- und Werkeszenen des "Jedermann" und "Everyman" im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4725