In dieser Arbeit werden zwei wichtige Kapitel aus Augustus' "Res gestae" eingehend quellenkritisch analysiert. Angeleitet durch Tacitus, wird versucht, den Worten des Augustus in den Kapiteln 5 und 6 der Res gestae nachzuspüren, sie ggf. der politischen Realität gegenüberzustellen, ferner zu sehen, was Augustus zwischen den Zeilen schreibt oder völlig verschweigt. Auf diese Weise gelingt es, einige überraschende Einsichten über die Stationen des Augustus auf dem Weg zu seiner neuen Staatsform, dem Prinzipat, zu gewinnen.
Inhaltsübersicht
0. Einleitung
1. Kapitel 5
1.1. Die Nahrungsmittelbeschaffung
1.2. Die Diktatur
1.3. Das jährliche Konsulat auf Lebenszeit
2. Kapitel 6
2.1. Der Hüter von Gesetz und Sitte
2.2. Die Einrichtungen der Vorväter
2.3. Tribunicia potestas
2.4. Die Amtsgenossen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die politischen Strategien und das Selbstverständnis des Augustus, wie sie in den Kapiteln 5 und 6 seines Tatenberichts, der Res gestae divi Augusti, dargelegt werden, und stellt diese einer kritischen historischen Analyse gegenüber.
- Analyse der Ablehnung außerordentlicher Ämter durch Augustus als rhetorisches und machtpolitisches Instrument.
- Untersuchung der Getreide- und Geldzuwendungen als Mittel zur Sicherung der Herrschaftsstabilität.
- Hinterfragung des Ideals der "Einrichtungen der Vorväter" im Kontext des Machtaufbaus.
- Deutung der Übertragung der tribunicia potestas und der Einbindung von Amtsgenossen zur Nachfolgeregelung.
Auszug aus dem Buch
1.1. Die Nahrungsmittelbeschaffung
Bis 36 v. Chr. hatte der „Seeräuber“ – so Augustus’ Bezeichnung (vgl. RG 25) – Pompeius Sextus immer wieder die Getreidezufuhr von Sizilien nach Rom behindert, ihn hatte Augustus aber besiegt. Auch die Getreidezufuhr aus Ägypten galt seit dem Sieg von Actium 31 v. Chr. (vgl. RG 25 u. 27) als gesichert. Dennoch berichtet Kapitel 5 von Getreidemangel im Jahr 22 v. Chr. Mit ihr einher gingen Teuerung, Seuchen – ihr fiel auch der Neffe und Schwiegersohn des Augustus, Marcellus, zum Opfer – und eine Tiberüberschwemmung. In dieser Zeit kaufte Augustus auf eigene Kosten, wie er durch die Formulierung „meine Aufwendungen und meine Fürsorge“ betont, Brotgetreide, um es stark verbilligt wieder zu verkaufen.
Schon Caesar hatte stets auf Zuwendungen an die römischen Bürger als Regierungsmittel gebaut, um sie über die politische Entrechtung sozusagen hinwegzutrösten. Gleich zu Anfang seines Wirkens hatte Augustus dann die von Caesar testamentarisch bestimmten Zuwendungen erfüllt, obwohl Antonius das Geld dafür vereinnahmt hatte, und dazu – öffentlich und publikumswirksam – eigenen Besitz verkauft. So konnte er die „antizipatorisch [auch] dem neuen Herrscher zugeschriebenen Fähigkeiten ... durch Fürsorge für die Menschen und den Staat unter Beweis [stellen]“. Augustus hütete sich auch, das Privileg der in Rom ansässigen Bürger, kostenloses Brotgetreide zugeteilt zu bekommen, anzutasten und beschränkte die Zahl der Getreideempfänger erst 2 v. Chr. auf zweihunderttausend; durch eine verwaltungstechnische Maßnahme, die Getreidemarken, die nur römische Vollbürger, die in Rom ansässig waren, bekamen – der soziale Status spielte dabei keine Rolle, genausowenig wie die Tatsache, vorbestraft zu sein oder ein schlechtes Renommee zu haben –, konnte er die Zahl der Empfänger auch auf diesem Level halten.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Res gestae divi Augusti ein, beleuchtet deren Entstehungshintergrund und methodische Herausforderungen bei der historischen Interpretation des Tatenberichts.
1. Kapitel 5: Dieses Kapitel analysiert Augustus' Ablehnung der Diktatur sowie des jährlichen Konsulats auf Lebenszeit und untersucht die Rolle seiner Nahrungsmittelpolitik als Herrschaftsmittel.
1.1. Die Nahrungsmittelbeschaffung: Der Abschnitt befasst sich mit den Getreidekrisen und wie Augustus durch persönliche Aufwendungen zur Verbilligung von Brot die Bindung der Bevölkerung an seine Herrschaft sicherte.
1.2. Die Diktatur: Hier wird dargelegt, warum Augustus die ihm angebotene Diktatur ablehnte und wie diese Entscheidung als bewusste Abgrenzung zum republikanischen Trauma früherer Diktatoren zu deuten ist.
1.3. Das jährliche Konsulat auf Lebenszeit: Der Autor diskutiert Augustus' Verzicht auf das Konsulat und die Umwandlung der Machtbasis hin zu außerordentlichen Befugnissen, die an keine Jahresfrist gebunden waren.
2. Kapitel 6: In diesem Kapitel wird das von Augustus behauptete Amt des "Hüters von Gesetz und Sitte" und die rhetorische Bezugnahme auf die Tradition der Vorväter kritisch beleuchtet.
2.1. Der Hüter von Gesetz und Sitte: Dieser Teil untersucht Augustus' tatsächliche Wahrnehmung zensorischer Aufgaben trotz offizieller Ablehnung des entsprechenden Amtes.
2.2. Die Einrichtungen der Vorväter: Der Autor hinterfragt, wer mit den "Vorvätern" gemeint ist und wie Augustus diesen Begriff instrumentalisiert, um seine neue Staatsform in alter Tradition zu legitimieren.
2.3. Tribunicia potestas: Dieser Abschnitt analysiert die Bedeutung der tribunizischen Gewalt für Augustus' Machtstellung und seinen Status als Privatmann bei gleichzeitigem Innehaben der vollen Rechtskompetenz.
2.4. Die Amtsgenossen: Der Text beleuchtet die Praxis des Augustus, sich Amtsgenossen zu erbitten, und interpretiert dies als geschicktes Instrument zur Vorbereitung seiner Nachfolgeregelung.
Schlüsselwörter
Augustus, Res gestae, Prinzipat, Römische Republik, Machtlegitimation, Tatenbericht, Nahrungsmittelversorgung, Tribunicia potestas, Diktatur, Konsulat, Vorväter, Nachfolgeordnung, politische Rhetorik, Kaiserzeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Kapitel 5 und 6 der Res gestae divi Augusti, um zu verstehen, wie Augustus seine Macht auf dem Weg zum Prinzipat durch rhetorische Zurückhaltung bei Ämtern und gleichzeitige Ausübung de facto außerordentlicher Befugnisse legitimierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die augusteische Machtpolitik, die Instrumentalisierung von Ämtern wie Diktatur und Konsulat, die Getreideversorgung der Bevölkerung sowie die strategische Nachfolgeregelung unter dem Deckmantel der Tradition.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der Selbstdarstellung des Augustus als demütiger Diener der Republik und der politischen Realität seines auf Alleinherrschaft ausgerichteten Regimes aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Verfasser nutzt eine quellenkritische Analyse, die den Text der Res gestae mit anderen antiken Quellen (z.B. Tacitus, Sueton, Cassius Dio) und der modernen historischen Forschung kontrastiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die spezifischen Ämter und Befugnisse – wie die Nahrungsmittelbeschaffung, die Diktatur, das Konsulat, das Amt des Hüters von Gesetz und Sitte sowie die tribunicia potestas – detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Prinzipat, Res gestae, Machtlegitimation, politische Rhetorik und Nachfolgeordnung.
Warum lehnte Augustus die Diktatur laut der Arbeit ab?
Die Arbeit argumentiert, dass die Ablehnung der Diktatur eine bewusste Entscheidung war, um die durch Sulla und Caesar vorbelasteten negativen Assoziationen zu vermeiden und die Einbindung in die "Einrichtungen der Vorväter" glaubhaft vorzutäuschen.
Welche Funktion hatte die "tribunicia potestas" für Augustus?
Sie ermöglichte Augustus die Ausübung von Befugnissen, die für den Schutz der Bevölkerung essentiell waren, während er formal als Privatmann agierte und so eine demokratischere Anmutung wahrte, ohne die tatsächliche Macht zu verlieren.
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- Marcel Haldenwang (Author), 2000, Augustus Res Gestae 5 und 6, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4727