Gottfried Benn "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" - Die Ästhetik der Hässlichkeit im Gedicht


Hausarbeit, 2005
10 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Schönheit ist oberflächlich, aber Hässlichkeit geht durch und durch“

2. Das Gedicht : Ein expressionistisches Zeugnis des infernalischen Nihilsten Benn mit autobiographischen Zügen
2.1. formelle Anhaltspunkte
2.2. inhaltlich - stilistische Anhaltspunkte

3. Die Ästhetik des Hässlichen im Gedicht

4. Literaturverzeichnis

1. „Schönheit ist oberflächlich, aber Hässlichkeit geht durch und durch“

Dieses Zitat eines unbekannten Verfassers kreuzte zufällig meinen Weg, als ich mich inmitten der Sichtung - verschüttet durch Papierstöße und Bücherstapel - von Sekundärliteratur zu Gottfried Benn befand.

Es war eine gekonnte Anmoderation eines einschlägigen TV Lifestyle Magazines, das im Hintergrund lief. Im Normalfall sollte man nicht meinen, irgendeinen Nutzen, ja Niveau- und Gehaltvolles, aus solchen Sendungen ziehen zu können. Doch genau diese Tatsache war es, die mir eine ungeahnte, plötzliche Brücke zwischen unserem heutigen Alltag und der Thematik in Benns Gedicht „ Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ schlug.

Wenn wir uns einmal vor Augen führen, welche Dinge Tag für Tag das Interesse und die Aufmerksamkeit der meisten von uns auf sich ziehen, im Überfluss beispielsweise nachzuprüfen in einer der einflussreichsten Tageszeitungen Deutschlands, der BILD (Auflage v.ca. 3,8 Mio. Exemplaren pro Tag)[1], oder eben solchen Feierabendmagazinen, dann wird schnell bewusst werden: Es ist das gleiche Phänomen, dem sich auch schon, mit einem gewissen redundanten Augenzwinkern, Gottfried Benn in seiner ersten expressionistisch - literarischen Phase bediente: Dem Erzwingen von Aufmerksamkeit und Wirkung durch Unschönes, Unglück, Tragik, Katastrophen, ja Hässlichem.

Was findet den Weg auf die Titelblätter und spiegelt somit unser Interesse wieder ?

Ein Artikel über 40 Jahre glücklich verheiratete Prominente, oder die Schlagzeile über einen hässlichen Rosenkrieg nach einem Jahr Ehe? Haben Sie schon einmal ein nur in etwa gleiches Maß an Aufmerksamkeit erlebt, als jemand einem behinderten oder alten Menschen in der Öffentlichkeit half, oder sind Ihnen eher die Bilder von langen Staus und Menschenmassen in Erinnerung , als Sie das letzte Mal Zeuge eines schweren Unfalls wurden? Denken Sie an die verheerende Tsunami Katastrophe zurück! War es wirklich der informale Bericht, oder erst die Bilder der hässlichen Zerstörung und des Todes in Indonesien, die eine Welle von Hilfsbereitschaft auslösten? Würden die meisten den Bericht im Focus darüber überhaupt lesen, wenn sie nicht erst ausschlaggebend durch das mit aufgequollenen Wasserleichen überschwemmte Titelblatt aufmerksam gemacht worden wären? Schlagen Sie Ihre Fernsehzeitung auf und Sie werden unschwer feststellen, wie viele Fernsehformate es mittlerweile gibt, die sich mit dem detaillierten Bericht über die grauenhaftesten Morde beschäftigen.

Hässlichkeit scheint uns anzuziehen, geradezu zu fesseln. Schönheit vermag oftmals nicht mal die Hälfte dieser Kraft auf uns Menschen auszuwirken.

Und was macht Gottfried Benn ? Er bedient sich genau dieses Effektes der Hässlichkeit, diesem Menschheitsphänomen, um seinem Denken Ausdruck und Nachdruck zu verleihen.

Dass beide sich einer gewissen Facette der Hässlichkeit bedienen scheint offensichtlich. Doch die Frage, ob diese auch in irgendeiner Form miteinander verglichen werden können und ob dieses Phänomen mit der Ästhetik, die Benn für sich beansprucht, in Zusammenhang gebracht werden kann, möchte ich nach einer nachfolgenden Beatrachtung des Gedichtes versuchen zu beantworten.

2. Das Gedicht : Ein expressionistisches Zeugnis des infernalischen Nihilsten Benn mit autobiographischen Zügen

2.1. formelle Anhaltspunkte

Was beim ersten Lesen dieses expressionistischen Gedichtes wohl den meisten sofort auffällt ist, dass nichts auffällt. Zumindest nichts, was aus allen anderen Epochen und ihren lyrischen Werken bekannt ist und stets wenigstens in irgendeiner Ausprägung zu finden war.

„Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ weist keinerlei festes Metrum auf, es besteht nur aus freien Versen. Ebenso gibt es keinen einzigen Reim und somit kein erkennbares Reimschema. Man findet überwiegend kurze, knappe, aneinandergereihte Hauptsätze, Imperative oder Ellipsen im Gedicht und kann es fast als ein prosaisches Erzählgedicht im Montagestil bezeichnen.

Darüber hinaus weisen die einzelnen Strophen untereinander auch keinerlei Ordnung oder Regelmäßigkeit auf, wie man sie aus Gedichten anderer Epochen gewohnt ist. Es sind sieben Strophen, die jeweils aus entweder vier oder drei Versen bestehen.

Benn schreibt tendenziell im Nominalstil, mit Hilfe dessen er wohl am besten die drastischen, einprägenden, fast plastischen Bilder erzeugen und vermitteln kann, die ihm im Sinn stehen

(„[…]Klumpen Fett[…]“[2] Vers 6 ; „[…]Bänke[…]“[3] Vers 21; „[…] Fleisch[…]“[4] Vers 23).

Zwar gibt es nur geringfügig weniger Verben als Nomen, doch kann diesen bei weitem, bis auf wenige Ausnahme wie „[…] stinkt […]“[5] oder „[…] schwillt […]“[6], nicht die gleiche Ausdruckskraft unterstellt werden.

Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, wenn man schon hier, bei der Betrachtung des Schreibstils, erste autobiographische Parallelen zieht. Er schreibt so, wie er auch in seinem Beruf als Mediziner diagnostizierte und schrieb: nüchtern, sachlich, emotionslos, direkt, distanziert, ja in einem Wort - naturwissenschaftlich; wie schon in allen anderen Gedichten seines 1912 veröffentlichten lyrischen Schocker - Debüts, dem Flugblatt mit dem Titel „Morgue“.[7]

[...]


[1] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bildzeitung am 20. Juni 2005

[2] Bode 2000, S.277-278

[3] Bode 2000, S.277-278

[4] Bode 2000, S.277-278

[5] Bode 2000, S.277-278

[6] Bode 2000, S.277-278

[7] vgl. Schwedhelm 1995, S. 21 - 22

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Gottfried Benn "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" - Die Ästhetik der Hässlichkeit im Gedicht
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
10
Katalognummer
V47281
ISBN (eBook)
9783638442633
ISBN (Buch)
9783638909914
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Benn, Mann, Frau, Krebsbaracke, Hässlichkeit, Gedicht
Arbeit zitieren
Dominic Hand (Autor), 2005, Gottfried Benn "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" - Die Ästhetik der Hässlichkeit im Gedicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47281

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