John Coltrane stammt aus North Carolina. Die amerikanischen Südstaaten sind nun von vornherein religiöser geprägt als die Nordstaaten; Coltrane im Besonderen wuchs in einem familiäre Umfeld auf, das diese ohnehin schon vorhandene Prägung um ein vieles vertiefte. Seine Großväter waren Reverends, wobei der eine stimmlich und rhetorisch sehr gut gewesen sein soll und den schwarzen Sermonstil perfekt beherrscht haben dürfte. Seine Eltern waren beide Prediger und ebenfalls musikalisch aktiv: Seine Mutter leitete den Gospelchor und begleitete selbigen am Piano, sein Vater war ein Amateurmusiker, der Violine spielte und Balladen sang. Coltranes Kindheit war also stark von afrochristlicher Musik und Religiösität geprägt. Gerhard Putschögl (1993) geht in seinem Buch „John Coltrane und die afroamerikanische Oraltradition“ davon aus, dass die vokalen religiösen Ausdrucksformen auch eine prägende Wirkung auf Coltranes musikalischen Konzepte, seiner Gestaltungsformen und seine Ausdruckscharakteristik hatten. Diese Ausarbeitung soll Putschögls Thesen und Ausführungen nun zunächst in möglichst kompakter Form wiedergeben. Sie beginnt mit einem Einblick in die afroamerikanische Musikästhetik, wo zunächst mit Hilfe jeweils einen Beispiels auf die zwei grundlegenden Sermonstile sowie die Kantillation eingegangen wird. Im Anschluss beleuchtet sie die einzelnen Schaffensperioden Coltranes und versucht anhand verschiedener Beispiele den Zusammenhang zwischen Coltranes Spiel und der afroamerikanischen Oraltradition heraus zustellen. Danach soll unter Einbeziehung anderer Quellen eine kurze Einschätzung von Putschögls Thesen formuliert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Afroamerikanische Musikästhetik
2.1. Sermonizing
2.1.1. Beispiel: Rev. B.W. Smith - Watch Them Dogs
2.2. Shouting
2.2.1. Beispiel: Rev. C. J. Johnson – It’s A Sin To Gamble
2.3. Kantillation
2.3.1. Beispiel: Aretha Frankin – Amazing Grace
3. Schaffensperioden
3.1. Funktionsharmonische Anfänge
3. 2 Die Übergangsphase
3.2.1. Skalen
3.2.2. Formulae
3.2.3. Harmonische Progressionen
3.2.4. Allgemeine Charakteristika
3.2.5. Beispiel: So What
3.3. Die modale Periode
3.3.1. Beispiel: Impressions
3.4. Der Kantillationsstil
3.4.1. Beispiel: Song Of Praise
4. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss der afroamerikanischen Oraltradition, insbesondere religiöser Ausdrucksformen wie Sermonizing, Shouting und Kantillation, auf die musikalischen Konzepte und den Stil von John Coltrane über verschiedene Schaffensphasen hinweg.
- Afroamerikanische Musikästhetik und religiöse Predigtstile
- Strukturelle Analyse von Coltranes Schaffensperioden
- Vergleich von Gospel-Techniken mit Coltranes Improvisationen
- Die Rolle der paraphrasierenden Variation und repetitiver Muster
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Rev. B.W. Smith: “Watch Them Dogs ”
In Reverend Smiths Vortrag „Watch Them Dogs“ lässt sich sowohl die bereits erwähnte Struktur wie auch einzelne typische Merkmale schön beobachten. Besonders charakteristisch ist etwa das Zeilenmodell, das „Stay there“ als konstanten Anfangsteil hat. Hier erzeugt die Repetition der Wörter und Phrasen Spannung, die sich im glossolierenden „Aouummmmhyeeeaah“ kurzfristig entlädt. Die unmittelbar wieder anschließenden „zooning“-Phrasen führen die Spannung fort: beim zooning des Wortes „never“ wird die zweite Silbe verdreifacht und es entsteht eine viertönige Figur, die dasselbe Patter wie die Phrase „stay there“ hat.
Durch das lange Verharren auf dem Wort „never“ verharrt ergibt sich eine Verzögerung des Satzes „you promised (Beginn Zeile 29) „never to leave me“ (Zeile 41). Hier kommen also Repetitions- bzw. Glossalie-Effekt mit der Taktik der gewollten Verzögerung der Auflösung sowohl nach Wortlaut als auch musikalisch zusammen. Im weiteren Aufbau holt Smith im Ruhezustand aus, findet zur ersten Klimax und stellt einen Beruhigungspunkt dahinter, bevor er erneut ausholt, die zweite Klimax stattfinden lässt und die Predigt erschöpft ausklingen lässt (Putschögl 1993; 91ff). Bereits anhand der „Lautschrift“ kann man beobachten, wie in der Endphase des Sermons also jedes Wort und jede Phrase ad infinitum gesteigert und bis zur Unkenntlichkeit verformt werden kann. Formale Bindungen werden dabei zugunsten freier Strukturierungen aufgelöst, der Wortinhalt tritt hinter der klanglichen Aussage zurück (Putschögl 1993; 95).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der biografischen Prägung Coltranes durch das afrochristliche Umfeld und Vorstellung der zentralen These von Putschögl.
2. Afroamerikanische Musikästhetik: Erläuterung der religiösen Vortragsstile Sermonizing, Shouting und Kantillation als Mittel zur energetischen Steigerung in der Gemeinde.
3. Schaffensperioden: Untersuchung von Coltranes musikalischen Entwicklungswegen von den funktionsharmonischen Anfängen über die Übergangsphase bis zur modalen Periode und dem Kantillationsstil.
4. Zusammenfassung und Fazit: Kritische Einordnung von Putschögls Thesen im Kontext der Forschung sowie Diskussion alternativer Einflüsse auf Coltranes Musik.
Schlüsselwörter
John Coltrane, afroamerikanische Oraltradition, Jazz, Musikästhetik, Sermonizing, Shouting, Kantillation, Improvisation, Gospel, Funktionsharmonik, Modale Periode, Gerhard Putschögl, Formel, Variation, religiöse Musik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Einfluss der afroamerikanischen Oraltradition auf die musikalischen Ausdrucksformen des Jazzmusikers John Coltrane.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die musikalische Ästhetik des schwarzen Kulturraums, die Struktur von Predigten und deren Übertragung auf die instrumentale Jazz-Improvisation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es wird untersucht, ob und wie Coltrane Techniken wie Sermonizing, Shouting und Kantillation in seine verschiedenen Schaffensperioden integrierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturelle Stilanalyse anhand konkreter Musikbeispiele, basierend auf den Thesen des Autors Gerhard Putschögl.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Coltranes Entwicklung von den ersten funktionsharmonischen Gehversuchen bis hin zu seinen späten, von der Kantillation beeinflussten Kompositionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Coltrane, Oraltradition, Sermonizing, Gospel, modale Improvisation und musikalische Steigerungsformen charakterisieren.
Welche spezifische Rolle spielt der Begriff "Glossalie" in der Arbeit?
Glossalie wird als eine expressive, hyperbolische Klangsprache beschrieben, die als Höhepunkt der energetischen Steigerung in Predigten dient und sich in Coltranes Spiel widerspiegelt.
Wie unterscheidet sich Coltranes Ansatz im Stück "Impressions" von früheren Werken?
In "Impressions" wird eine strophige Gliederung und eine systematische dynamische Steigerung deutlich, die enge Analogien zur Sermonstruktur aufweist.
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- Christiane Rohr (Author), 2005, John Coltrane und die afroamerikanische Oraltradition, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47293