Thomas von Aquin - Eine Staatsphilosophie zwischen Glaube und Vernunft in "De regimine principum"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ein­lei­tung

2. Das Werk: Über die Herrschaft der Fürsten - De regimine Principum

3. von der Natur des Menschen

4. Herrschaftsformen in De regimine principum

5 . Thomas Staatsaufassung im Lichte der Neuzeit

6. Eine zweckmäßige Herrschaft

7. Der König im Lichte des Werkes
7.1 Wesen und Aufgaben
7.2 Der König als Hirte
7.3 Eine dem Amt gebührende Entlohnung

8. Revolution aus der Sicht von Thomas
8.1 Zur thomistischen Revolutionstheorie
8.2 Zum Begriff der Revolution

9. Aspekten Verschiebung des Aquinaten

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Obwohl Thomas von Aquin sich primär als christlicher Theologe begreift, beginnt seine Philosophie nicht zu sehr theologisch, sondern von der natürlichen Vernunft, mit deren Hilfe alle Menschen, ob Heiden oder Christen, zur Erkenntnis dieser Welt gelangen können.

Thomas von Aquin zählt zu den Vertretern der Scholastik, eine philosophische Denkrichtung, die rationalistisch geprägt ist. Unter ihr verschmolz die christlichen Glaubensgrundlagen mit den Anschauungen des wiederentdeckten Aristoteles. Der Verstand sollte nicht länger nur dem Glauben untergeordnet sein, sondern er sollte dazu dienen, den Glauben zu durchleuchten. Für Thomas existiert im Grunde genommen nur eine Wahrheit, die sowohl auf dem Wege der Vernunft als auch auf theologischem Wege zu erschließen ist. Er brachte, indem er das auf die natürliche Vernunft gegründete Denken des Aristoteles einbezog, eine neue Sichtweise ins Spiel und versuchte diese mit der theologisch durchdachten Tradition des Augustinus zu einer Synthese zu vereinen.[1] Während Augustinus die Bedeutung des Gottesstaates als das eigentliche Ziel des menschlichen Daseins ansetzt und den irdischen Staat verachtet, nimmt Thomas von Aquin hierbei eine ausgewogene Stellung ein, das übernatürliche Ziel einer Gemeinschaft entscheide für ihn über die passende Staatsführung im Diesseits. Thomas hebt diese Bedeutung des Ziels zwar nicht komplett auf, er führt die Menschen in die Welt zurück, die sie mit Hilfe der Gottgegebenen Vernunft durchaus so gestalten können, dass es ihnen sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zum Wohle gereicht. Die zu behandelnde These dieser Hausarbeit, handelt von der natürlichen Vernunft des Menschen, wie sie Thomas von Aquin in seinem Werk skizziert.

Der zitierte Stoff basiert in erster Linie auf das Werk De regimine principum. Wir lassen aber bei unserer Ausführung Thomas von Aquin durch seine Zitate zu Worte kommen und geben seine Gedankenführung Zeitgenössischen Interpreten zu Veranschaulichung weiter.

Zur erst kommt die Sozialnatur des Menschen in besonderer Weise zu Sprache, um Wesen und Zweck der Gesellschaft im Lichte der Vernunft aufzuzeigen.

Im nächsten Abschnitt behandeln wir die Herrschaftsformen, die aus dem Werk hervorgehen und ordnen diese aus thomistischer Sicht in normativen Kategorien ein.

Daraufhin wird versucht, anhand des Fürstenspiegels herauszufinden, warum Thomas welche Staatsform favorisiert. Die ermittelte Herrschaftsform unterziehen wir dann in einem weiteren Schritt einer eingehenden Betrachtung.

Fortgesetz wird die Arbeit mit einer Gegenüberstellung zweier Staatssysteme. Es wird der versuch unternommen, die thomistische Staatsaufassungen mit der heutigen zu vergleichen und aus heu­ti­ger Sicht zu ver­deut­li­chen. Wir haben uns allerdings hier auf wenige Aspekte Beschränkt um den Rahmen dieser Ausarbeitung nicht zu sprengen. Daraufhin kommen wir auf das Wesen, die Aufgaben und die Entlohnung der Herrschaft zu sprechen. Ein solcher Ansatz legt es nahe, einen Blick auf die Möglichkeiten zu werfen, die Thomas im Falle einer ausgearteten Herrschaft darbietet. Ausgangspunkt dieser Überlegung ist die Frage; Darf eine durch Gottesgnaden legitimierte Herrschaft, wenn sie zur einer Tyrannei ausartet, gestürzt werden? Bzw. wie hat sich ein vernunftbegabter Mensch in ihr zu verhalten?

Wir konfrontieren Thomas von Aquin mit dieser schweren Frage und erhalten eine durchaus ernüchternde Antwort.

Abschließend wird versucht, die Bedeutung des hl. Thomas für den philosophisch-politischen Wandel hinsichtlich der Herrschaftsformen aufzuzeigen. Denn Thomas gibt der aristotelischen Philosophie den Vorzug, vor der platonischen auf die sich die bisherige abendländische Theologie seit Augustinus hauptsächlich gestützt hatte.

2. Das Werk: Über die Herrschaft der Fürsten - De regimine Principum

Sein Werk De regimine principum, das um 1265 verfasst wurde, kann im Prinzip als die Quintessenz ausgesteckter Debatten über die Herrschaftsgrundeinstellung die bereits in den ersten 50 Jahren des 13. Jahrhunderts sich zu entwickeln begann, begriffen werden. Ob­wohl es durch die Fremdartigkeit der Gedankenführung zu­nächst eine the­o­lo­gi­sche Abhandlung zu sein scheint, gilt es als eine politische Abhandlung des Mittelalters schlechthin. Bevor wir mit der Ausarbeitung anfangen werden, soll im folgen das Werk, welches den Schwerpunkt der Ausführung ausmacht, kurz vorgestellt werden.

Über die Herrschaft der Fürsten ge­hört der literarischen Gruppe der sogenannten Fürstenspiegel an, die von der Antike bis ins 18. Jahrhundert hinein immer wieder verfasst wurden. Sie schreiben im Grunde Bestimmungen für das Vorgehen der Regenten vor und gelten somit als eine Richtschnur der Politik der Fürsten zur Jener Zeit.[2] Ursprünglich aus vier Büchern bestehend, stellt Thomas jedoch im zweiten Buch nach dem vierten Kapitel das Schreiben ein. Dessen Schüler Tholomäus von Lucca, setzte das Schreiben etwa 40 Jahre später fort, jedoch nicht im von ihm geplanten Stil. Die Schrift lässt sich in vier Abschnitten unterteilen, die sich jeweils mit einer anderen Thematik befasst. Im ersten Buch, Kapitel 1- 6, werden Forschungen über den objektiven Sinn und den Verfassungstheoretischen Ort der Institution des Königtums „ratio regiminis“ angestellt. Dem zweiten Abschnitt, Kapitel 7-11, sind die „Untersuchungen der politischen Herrschaft vom subjektiven Standpunkt des Fürsten aus „ratio regiminis“ gewidmet. Untersuchungen der Regierungsaufgaben im Allgemeinen „ratio gubernationis“ werden im dritten Abschnitt des ersten Buches in Kapitel 12-15 behandelt. Im letzten Abschnitt des Fürstenspiegels werden. Analysen der Regierungsaufgaben im Einzelnen in den 4 Kapiteln des zweiten Buches geführt[3]

3. Von der Natur des Menschen

Schon in der Überschrift des ersten Kapitels lässt Thomas erkennen, dass es für Menschen, die in einer Gesellschaft leben, unabdingbar ist, dass diese von einem „mit ernstlichem Bemühen“ gesteuert werden. Außerdem stellt er fest, dass der Mensch ein bestimmtes Ziel vor Auge hat, menschliches Handeln grundsätzlich zielgerichtet ist, und der Mensch ferner seiner Vernunft nach handeln muss. Darüber hinaus soll der kürzeste Weg gesucht werden, zu diesem Ziel zu gelangen. „Der Mensch hat nun ein Ziel, dem sein ganzes Leben und sein Handeln zustrebt, denn er handelt nach seiner Vernunft, und diese kann offensichtlich nur im Hinblick auf ein Ziel tätig sein“.[4] Außerdem brauchen Menschen, etwas, das ihnen den aufrichtigen Pfad zum Ziel aufzeigt.

Nun ist es notwenig, die erwähnten Begriffe und Gedankenführung, die uns heutzutage kaum geläufig sein dürften zu erläutern und ein Versuch zu wagen, seine aufgestellten Thesen nachzugehen.

Wenn Thomas von einem Ziel spricht, hat er stets ein teleologisches Verständnis vor Augen. In ihr ist die rationale Natur des Menschen stets auf ein Ziel gerichtet. Gesellschaft im Sinne von Thomas ist grundsätzlich nicht das Zusammenleben einzelner Individuen, sondern eine Verbundenheit, die wiederum auf ein Ziel hingeordnet ist. Dieses Ziel, ist das Gemeinwohl.[5] Das irdische Ziel, das Gemeinwohl ist nicht uneingeschränkt nach der Tugend zu leben. Denn das gesellschaftliche Leben stellt für Thomas keinen Selbstzweck dar, sondern ist stets darauf ausgerichtet, den Menschen bei der Erreichung eines höheren Zieles, in „den Genuss der göttlichen Verheißung zu gelangen“, zu unterstützen.

Thomas nach ist der Mensch von Natur aus mit Vernunft ausgestattet. Diese hilft ihm sich bei seinem Wirken dem Ziel hinzubewegen. „Von Natur aus ist ihm so das Licht der Vernunft eingepflanzt, dass er dadurch in seinem Handeln zum Ziel geführt werde“.[6]

Weiter unten führt Thomas in einem Beispiel aus, wenn der Mensch, wie viele Tiere, vereinzelt und alleine leben würde, bräuchte er keine Anweisung oder Lenkung, jeder wäre ohnehin sein eigener Herr und niemand außer Gott stünde ihm über. Der Mensch ist jedoch das geselligste unter allen Lebewesen. „Es ist aber die natürliche Bestimmung des Menschen, (…) das gesellig lebt, weit mehr als alle anderen Lebewesen. Schon die Notwendigkeit der menschlichen Natur gibt dafür die Erklärung“. Dem zufolge „ist der Mensch von Natur aus ein gesellschaftliches Lebewesen, ein „animal sociale“,[7] der aus empirischen Gründen nicht in der Lage ist sein Leben in der Gesellschaft alleine zu führen und zur Gründung einer Institution, die ihm das ermöglicht verpflichtet.

Um seine vorhergehende These von der Sozialnatur des Menschen begreiflicher zu machen und um die Erkenntnis als einen weiteren Beleg für die Notwendigkeit eines Zusammenlebens der Menschen zu bestimmen, bringt Thomas ein weiteres Beispiel an. Tiere verfügen über einen Instinkt, wonach sie handeln und das ihnen zeigt, was nützlich und schädlich ist. Sie sind von Natur aus mit gewissen Mitbringseln ausgestattet, die ihnen das Überleben erleichtert. Der Mensch ist aber mit keinen dieser Gaben ausgestattet. Stattdessen verfügt er über einer begehrenswerte Gabe, die Vernunft. Ferner bedient sich der Mensch einem Exzeptionellen Gut, die Sprache, durch die er alles, was er begreift, problemlos den Mitmenschen mitteilen kann.

Für Thomas ist aber es undenkbar, dass ein Einzelner Mensch alleine durch seinen Verstand sich alle Erkenntnisse aneignen kann. Also „aus allgemeinen Grundsätzen zur der Erkenntnis des Einzelnen zu gelangen“, ist ein Leben der Menschen miteinander erforderlich, in dem eine Interdependenz der Mitglieder und ein Austauschprozess stattfinden. Deshalb preist Salomo in der Bibel das Zusammenleben mit den Worten „Es ist besser zu zweit zu sein, als allein, denn zwei haben den Vorteil, daß sie einander Gesellschaft sind“ an.[8]

So ist der Mensch nun aus unzähligen Beweggründen gezwungen sich der Gesellschaft anzuschließen.

Dem ungeachtet bleibt für Thomas der Einzelne für sich und das unterscheidet ihn von allen anderen Geschöpfen nicht nur ein Vernunftbegabtes, sondern ein mit Willensfreiheit gelegtes Wesen. Er wird hierdurch, dass er Vernunft und Willensfreiheit besitzt, „zur Würde einer Person erhoben“. Dieses Privileg und diese Einzigartigkeit unter den Geschöpfen statten den Menschen mit gewissen Rechten aus, erlegen ihm aber auch klaren Pflichten auf.[9]

Es verwundert nicht, dass Thomas bei seiner deutlichen Akzentuierung der Vernunft, diese generell einen Vorrang vor der Willensfreiheit einräumt. Er bezieht sich hierbei auf der aristotelischen Lehre und unterscheidet sich hiermit von Augustinus.

Für Thomas wird das Handeln erst von der Vernunft, dann vom Willen gelenkt. Der Wille folgt dem ihm übergeordneten Gut und spielt daher vielmehr eine ausführende Rolle.[10]

Es ist wohl das Ergebnis eines äußerst vernunftgerichteten Denkens, dass auch der Begriff des Gesetzes, geradezu von der Vernunft her bestimmt ist. Für Thomas ist das Gesetz stets eine Sache der Vernunft, sogar eine Anordnung der Vernunft. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die Rechtsphilosophie bzw. die Lex- Lehre des Thomas von Aquin zu veranschaulichen, es soll hierauf nur ein kurzer Blick im Zusammenhang mit der Vernunft geworfen werden. Abgesehen von der „lex divina“, das niedergeschriebene göttliche Gesetz, wie es im alten und neuem Testament enthalten ist und der „lex aeterna“, als die ewige göttliche Vernunft, finden sich die „lex naturalis“ und die „lex humana“ ein.

[...]


[1] Flasch, Kurt: Das philosophische Denken im Mittelalter, Stuttgart, 2000; S. 222 f.

[2] Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten (De regimine principum), Stuttgart 1975, übersetzt von Friedrich Schreyvogel, S. 79

[3] Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten (De regimine principum), Stuttgart 1975, übersetzt von Friedrich Schreyvogel, S. 80

[4] Ebd. S. 5

[5] Massing/ Breit (Hersg.); Demokratie-Theorien, Bonn; 2003 S. 68

[6] Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten (De regimine principum), Stuttgart 1975, übersetzt von Friedrich Schreyvogel, S. 5

[7] Ude, Johannes (Hers.): Soziologie – Leitfaden der natürlich- vernünftigen Gesellschafts- und Wirtschaftslehre im Sinne der Lehre des hl. Thomas von Aquin, St. Gallen 1931

[8] Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten (De regimine principum), Stuttgart 1975, übersetzt von Friedrich Schreyvogel, S. 6

[9] Ude, Johannes (Hers.): Soziologie – Leitfaden der natürlich- vernünftigen Gesellschafts- und Wirtschaftslehre im Sinne der Lehre des hl. Thomas von Aquin, St. Gallen 1931, S.6

[10] Flasch, Kurt: Das philosophische Denken im Mittelalter, Stuttgart, 2000; S. 224 f.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Thomas von Aquin - Eine Staatsphilosophie zwischen Glaube und Vernunft in "De regimine principum"
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Wirtschafts - und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V47301
ISBN (eBook)
9783638442787
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Aquin, Eine, Staatsphilosophie, Glaube, Vernunft, Politische, Theorien, Antike, Gegenwart
Arbeit zitieren
Hichem Abidi (Autor:in), 2005, Thomas von Aquin - Eine Staatsphilosophie zwischen Glaube und Vernunft in "De regimine principum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47301

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Thomas von Aquin - Eine Staatsphilosophie zwischen Glaube und Vernunft in  "De regimine principum"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden