Die türkische Außenpolitik im Kalten Krieg - Zwischen Ablehnung und Abhängigkeit vom Westen


Seminararbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle der Türkei im Kalten Krieg

3. Die türkische Außenpolitik
3.1. Von der Neuorientierung bis zu den „Flitterwochen“
3.2. Revolution und Johnsonbrief
3.3. Die Verfolgung eigener Interessen

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für die Türkei auch die Aufgabe der Außenpolitik im Stil des Kemalismus – eine Politik der Nichteinmischung und Neutralität.

Die Bedrohung für die junge türkische Republik durch ihren Nachbarn im Norden, die Sowjetunion[1], war so groß, dass sich die damalige türkische Regierung den USA und Europa zuwandte und in die NATO eintrat. Die Einfügung in das westliche Verteidigungsbündnis sollte das Ende des Kalten Krieges überdauern und auch noch heute - rund 60 Jahre nach dessen Gründung - anhalten. Die Bindung an Europa wird sich in näherer Zukunft wahrscheinlich noch verstärken[2].

Fragen über die Orientierung der türkischen Außenpolitik in Vergangenheit und Zukunft sind zu Beginn dieses Jahrhunderts relevant wie nie zuvor. Zum einen, da sich die Türkei um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union bemüht[3], und zum anderen, weil die Türkei mit ihrer geographisch und strategisch günstigen Lage zwischen Europa und dem Mittleren Osten sowie Zentralasien zum entscheidenden Bindeglied in diesen von Krisen, Konflikten und Kriegen zerrütteten Regionen werden könnte.

Kontroverse Bewertungen bezüglich der Westbindung der Türkei nach 1945 lassen sich in der Fachliteratur nicht finden. Die türkische Außenpolitik jener Zeit kann allerdings nicht als gradlinig bezeichnet werden; sie war besonders ab Mitte der 60er Jahre von starken Eigeninteressen der Türkei geprägt. Und so schwankte sie relativ stark zwischen den beiden Blöcken – von einem Amerikatreuen und Gegner des kommunistischen Imperialismus bis zu einem Amerikakritiker und einem Wirtschaftspartner der SU.

In meiner Hausarbeit stelle ich besonders dieses Schwanken und die Ursachen für die jeweiligen Orientierungen heraus. Folgende Fragestellung sollte dabei im Fordergrund stehen: Welche spezifischen Ursachen hatten die jeweiligen Schwankungen in Richtung West oder Ost?

Ich beschränke mich in meiner Arbeit ausschließlich auf die türkischen Beziehungen - von 1945 bis 1990 - zu den USA und der Sowjetunion. Die Kontakte und Bindungen der türkischen Republik mit den Staaten Westeuropas und denen des Mittleren und Nahen Ostens waren und sind zwar ebenfalls relevant für die türkische Außenpolitik, sie darzulegen würde aber den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen, zumal diese Staaten nicht die zentralen Figuren des Kalten Krieges waren.

Um die Politik der Türkei ab Mitte des 20. Jahrhunderts zu verstehen, muss man die Rolle Ankaras während des Kalten Krieges und die Entwicklung der türkischen Außenpolitik kennen. Deshalb werde ich diese Punkte zunächst kurz umreißen, um mich dann auf den Hauptteil meiner Arbeit zu konzentrieren. In diesem Teil werde ich chronologisch die jeweilige Richtung der türkischen Außenpolitik, d.h. ihre Ausschläge nach West bzw. Ost benennen und genauer erläutern, wie es zu diesen kam. Der Hauptteil wird in fünf Perioden eingeteilt sein: 1945 bis 1964, 1964 bis 1970, 1970 bis 1974, 1974 bis 1980 und schließlich 1980 bis zum Ende des Kalten Kriegs 1990. Den Abschluss meiner Arbeit bildet dann ein Resümee.

2. Die Rolle der Türkei im Kalten Krieg

Die unparteiische Position, die die junge türkische Republik während des Zweiten Weltkriegs eingenommen hatte, konnte während des aufziehenden Kalten Krieges nicht aufrechterhalten werden. Dafür war die Lage zwischen Europa, Zentralasien und dem Nahen Osten für beide Blöcke von zu großer geostrategischer Bedeutung.

Der britische Field Marshall Slim hob die Bedeutung der Türkei bereits Ende der 40er Jahre mit der Formel „Turkey is the only European country in this part of the world.“ (Halbach 1986, 08) hervor. Damit wollte Slim nicht nur die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa hervorheben, vielmehr wollte er die Wichtigkeit der Türkei als Bindeglied zwischen dem westlichen Europa und dem islamischen Nahen Osten betonen.

Auch für die USA besaß die Türkei eine zentrale strategische Bedeutung: als Bindeglied zu allen drei von den USA definierten Aktionsfeldern der amerikanischen Weltpolitik – zur 1., 2. und zur 3. Welt[4] (Rüstow 1990, 128).

Die Türkei war nicht nur laut internationalen Verträgen als Hüter oder Besitzer[5] der Meerengen wichtig, sondern konnte auch als Sperre gegen einen möglichen sowjetischen Vorstoß zu den Ölfeldern des Nahen Ostens von strategischer Bedeutung für West und Ost sein.

Mit dem Eintritt der Türkei in die NATO wurde das Militär nach US-Standard reformiert und ausgerüstet. So wurden z.B. komplette amerikanische Vorschriften ins Türkische übersetzt und entsprechend gelehrt (Keskin 1981, 116). Nun konnte die Türkei ihren Beitrag zum Kalten Krieg optimal leisten (Öcal 2004, 88). Dies beinhaltete die

- Begrenzung der Durchfahrt der sowjetischen Schwarzmeerflotte durch die Meerengen ins Mittelmeer;
- Kontrolle der Seewege im östlichen Mittelmeer;
- Bereitstellung von militärischen Nachrichten aus dem Ostraum;
- Verteidigung der Südostflanke der NATO.
Die Türkei wurde somit zum „antisowjetischen Bollwerk an der Südostflanke der NATO“ (Öcal 2004, 367).

3. Die türkische Außenpolitik

Die türkische Außenpolitik wird im Allgemeinen als extrem kontinuierlich angesehen; so werden Internationale Verträge peinlich genau eingehalten und überdauern meist innenpolitische Kontroversen. Weiterhin haben türkische Außenminister statistisch gesehen eine zweieinhalbjährige Amtszeit, diese ist somit eineinhalb Mal so lang wie bei anderen Mitgliedern des Kabinetts (Rüstow 1990, 104).

Atatürk, der die vom Osmanischen Reich begangenen Fehler nicht wiederholen wollte, bemühte sich um friedliche Beziehungen in alle Richtungen, auch in Richtung Sowjetunion (Vàli 1971, 36). Dabei beanspruchte die junge Republik nur die Gebiete, welche 1918 von dem vorangegangenen osmanischen Reich erhalten geblieben waren (Rüstow 1990, 105).

Die stark expansive Politik Stalins trieb die Türkei nach dem Weltkriegsende ins westliche Lager. In den 50er Jahren wurde eine Politik der starken Anlehnung an den Westen - besonders zu den USA – betrieben. Dies sollte sich jedoch mit dem so genannten Johnsonbrief und der Zypernresolution der UNO 1964 ändern; damals erkannten die Türken, dass man sich durch die einseitig ausgerichtete Außenpolitik von den anderen islamischen Staaten distanziert hatte und für die Zypernpolitik die Unterstützung der SU brauchte.

Daraufhin vollzog sich ein erneuter Wandel in der türkischen Außenpolitik; hin zu einer mehrdimensionalen, pluralistischen und flexiblen Politik, die sowohl Beziehungen mit dem Westen als auch mit dem Osten und den islamischen Nachbarstaaten ermöglichte.

Nach Halbach gibt es drei Phasen der türkischen Außenpolitik bis zum Ende des Kalten Kriegs: eine neutralistische unter Atatürk, eine paktgebundene, eindimensionale Politik nach dem Zweiten Weltkrieg und eine ebenfalls paktgebundene, mehrdimensionale Politik nach 1964 (Halbach 1986, 12).

Ich untersuche in meiner Arbeit die Außenpolitik während des Kalten Kriegs in drei Abschnitten: von der Neuorientierung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Revolution 1960; den nächsten Abschnitt von 1960 bis zum Prager Frühling und schließlich den dritten Abschnitt über die letzten beiden Jahrzehnte des Kalten Krieges. Den Schluss meiner Arbeit bildet eine Zusammenfassung mit Resümee.

3.1. Von der Neuorientierung bis zu den „Flitterwochen“

Die türkische Republik unter ihrem Gründer Kemal Atatürk betrieb eine Politik der Neutralität und bemühte sich um ein friedliches Verhältnis zu ihren Nachbarn. Diese Politik konnte nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht mehr aufrechterhalten werden, denn der sowjetische Diktator Stalin betrieb eine expansive Außenpolitik, die etliche Länder unter seine direkte oder indirekte Kontrolle brachte oder noch bringen sollte. Außerdem forderte Stalin von der Türkei die sowjetische Kontrolle über die Meerengen, deren gemeinsame sowjetisch-türkische Verteidigung, die Einrichtung von sowjetischen Militärstützpunkten an den Meerengen und die Abtretung türkischer Gebiete bei Kars und Ardahan an die SU (Steinbach 1996, 222).[6]

[...]


[1] Die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika werden auf Grund der Einfachheit in dieser Arbeit mit SU und USA abgekürzt.

[2] Die Türkei nimmt z.Zt. u.a. am NATO Einsatz in Afghanistan teil und führte dort bis Mai 2005 das 6. Kontingent der Multinationalen Schutztruppe ISAF.

[3] Die Türkei strebt seit Jahrzehnten einen Beitritt in die EU an, so sollen Anfang Oktober 2005 die Aufnahmegespräche zwischen der EU und der Türkei beginnen.

[4] Die 1. Welt entsprach dem Westblock (Nordamerika, Westeuropa, Japan, Australien), die 2. Welt dem Ostblock (Warschauerpaktstaaten) und die 3. Welt den Entwicklungsländern.

[5] Siehe das Zitat des türkischen Außenministers Saracoglus an seinen sowjetischen Amtskollegen Molotow 1939: „Wir Türken sind nicht die Wächter, sondern die Besitzer der Meerengen.“ (Höper 1960, S.78)

[6] „Honeymoon“ vgl. Vàli 1971, S. 38

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die türkische Außenpolitik im Kalten Krieg - Zwischen Ablehnung und Abhängigkeit vom Westen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Türkische Außenpolitik
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V47315
ISBN (eBook)
9783638442909
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Außenpolitik, Kalten, Krieg, Zwischen, Ablehnung, Abhängigkeit, Westen, Türkische
Arbeit zitieren
Daniel Rother (Autor), 2005, Die türkische Außenpolitik im Kalten Krieg - Zwischen Ablehnung und Abhängigkeit vom Westen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47315

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