Die Mystik der Kabbala und ihre Ausprägung in der Frühen Neuzeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
33 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Kabbala“
Begriffliche Herleitung
Provencalische Schule

3. Inhaltlicher Aufbau und Systematik der Kabbala
Emanationslehre
Mikro-/ Makrokosmos
Das Energiesystem der Sephirot
3.1. Theoretische und praktische Kabbala
Mercava und Mithras
Entwicklung von Religionsmythen
3.2. Die kabbalistische Wortmagie
Verbindung zwischen körperlicher und geistiger Welt
Logoslehre
Der Name Gottes
3.3. Philosophische Grundlagen der Kabbalistik
Theosophie
Neuplatonismus
Pantheismus

4. Die christliche Ausdeutung der Kabbala
Abgrenzungsgründe
Vertreibung der Juden aus Spanien – 1492
Die Katharer-Bewegung
4.1. Pico de la Mirandola
Das Ziel des religiösen Synkretismus
Picos Kenntnis der alt-orientalischen Schriften
Die kabbalistischen Quellen
4.2. Johannes Reuchlin
Reuchlins Einführung in die Kabbala
Lehre des „wunderbaren Wortes“
Reuchlins Gegner
Entwicklung eines mystischen Volksbewußtseins
4.3. Jakob Böhme
Der ungewöhnliche Werdegang
Kosmosophie / spirituelle Wahrnehmung
Böhmes Gegner
Politische Verflechtungen
Das philosophische System der Gegensätze

5. Zusammenfassung

Abbildungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um einen Einblick in die kabbalistischen Gedankengänge der hier untersuchten spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Mystiker und Philosophen annähernd nachvollziehen zu können, ist es zunächst notwendig, einen Überblick über den mythologischen Ursprung und den frühen Verbreitungsweg der Kabbala in Europa zu erhalten.

Die dabei grundlegenden urreligiösen Ursprünge aus dem ägyptisch-orientalischen Kulturraum sind hierbei die elementare Basis der Mythen, welche u.a. zur Herausbildung der jüdischen Geheimlehre führten.

In Anbetracht der Komplexität dieses Themengebietes und des für den Inhalt des Seminars relevanten Zeitraums des mittelalterlich-neuzeitlichen Übergangs, kann dieser frühgeschichtliche Bereich jedoch nur zum besseren Verständnis späterer Vorgänge angeschnitten werden.

Dem methodischen Vorgehen dieser Arbeit liegt zunächst ein begriffsgeschichtlicher Ansatz zugrunde. Bezüglich der zeitlichen Eingrenzung des bearbeiteten Bereiches erstreckt sich der Zeitraum, aus klärendem Anlaß und an Beispielen rückblickend, bis in die erwähnte kulturell-religiöse Frühgeschichte. Der Untersuchungsschwerpunkt liegt jedoch auf dem Bereich der christlich-europäischen Kabbala und in diesem Zusammenhang auf der (früh-)neuzeitlichen Form ihrer Ausdeutung. Anhand des Lebens und der Werke von Pico de la Mirandola, Johannes Reuchlin und Jakob Böhme werden beispielhaft deren Bezüge auf die kabbalistische Grundidee dargestellt. Ihre individuellen und z.T. auch aufeinander aufbauenden gedanklichen Weiterentwicklungen werden auf Grundlage der christlichen Lehre und des damit eng verbundenen politischen Umfeldes betrachtet. Das philosophische Werk Jakob Böhmes bildet hierbei sowohl den inhaltlichen Vertiefungsscherpunkt, als auch den zeitlichen Abschluß dieser Arbeit.

Die thematische Untersuchung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und

Bereiche wie Hermetismus, Gnosis oder Alchemie, die in diesem Zusammenhang starke Berührungspunkte mit der Kabbala haben bzw. sich gegenseitig bedingen, können nicht oder nur in Ansätzen erklärend ausgeführt werden. Dies gilt ebenso für die Zahl der hier nicht genannten bedeutenden Kabbalisten und Mystiker.

2. Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Kabbala“

Der Terminus „Kabbala“ leitet sich ab vom hebräischen Wortstamm „kbl“ bzw „qbl“, in der Bedeutung für „gegenüberstehen“, „empfangen“ und „entgegennehmen“. Aus dem sich daraus entwickelten „qabbala“ entstand letztlich der Begriff „Kabbala(h)“. In der talmudischen Sprache vor dem

12. Jahrhundert bedeutete „qabbala“ nur „Überlieferung“ und „Tradition“ und diente ursprünglich ohne jede mystische oder esoterische Bedeutung zur Bezeichnung der prophetischen und hagiographischen Texte des Talmuds und der Bibel.1

Entgegen vereinzelter Annahmen, der Bergriff stamme von der aramäischen Bezeichnung „Qibla“ für „Amulett“, hat sich jedoch die erstgenannte Herleitung als richtig erwiesen. Als terminus technicus für die jüdische Mystik ist „Kabbala“ wahrscheinlich zum ersten Mal um das Jahr 1200 von Isaak dem Blinden (1160-1235) benutzt worden und breitete sich von dessen rabbinischer Schule in der Provence zunächst im südfranzösischen und später im spanisch-katalanischen Raum aus. In den erhaltenen Quellen des Rabbiners kommt der Begriff Kabbala jedoch nicht ausdrücklich vor. Aus einer Definitionsschrift des in der Tradition der spanisch-südfranzösischen Schulen lehrenden Rabbiners Meir Salomo ibn Sahula aus dem Jahr 1330 geht hervor, daß die Verbindung der Kabbala mit der theosophischen Mystik (siehe dazu S. 11) ungefähr aus der Zeit Issaks des Blinden bzw. dessen 1199 gestorbenen Vaters Abraham ben David stammt. Meir Salomo schrieb diesbezüglich: „[...] alle diese Dinge unserem Verständnis gemäß zu erforschen und in Bezug auf sie den Weg zu verfolgen, den die eingeschlagen haben, die in unsere Generation und den uns vorangehenden Generationen seit nunmehr 200 Jahren me-qabbalim heißen“. Mit dieser Bezeichnung meint er die Kabbalisten und er nennt in seinen weiteren Ausführungen die Lehre von den zehn „Sephirot“ (siehe dazu S. 6 f.) und die Begründungen einiger Kabbala-Gebote.2

Eine andere These über die Entstehung der Verbindung von Kabbala und Mystik geht auf den aus Barcelona stammenden Jehuda ben Barsilai zurück. Dieser war der Lehrer des 1179 gestorbenen Abraham ben Isaak aus Narbonne in Südfrankreich, welcher wiederum der Schwiegervater des Vaters von Isaak dem Blinden war. Jehuda ben Barsilai schrieb in einem Kommentar zum Kabbala-Buch „Jezira“ „[...] und daher pflegen sie diese Sache ihren Schülern und den Weisen flüsternd und im Geheimen als Tradition (be-kabbala) zu überliefern“.3

Abgesehen von weiteren existierenden Ursprungsthesen und dem Umstand, daß die Bedeutungsherkunft nicht völlig eindeutig ist, kann jedoch festgehalten werden, daß die Verbindung von Kabbala mit mystischen Strömungen der jüdischen Lehre jedenfalls im zeitlichen und geographischen Zusammenhang mit der Familie und dem Umfeld Isaaks des Blinden und dessen provencalischer Schule stand.

Der bedeutende Kabbalist und Philosoph Gershom Scholem (1897-1982) war, ohne eine explizite Festmachung an einer der genannten Personen, der Meinung, daß genau in der Zeit zwischen den Werken der Rabbiner Barsilai und Isaak der Übergang von der exoterischen, also öffentlichen hin zur esoterischen Tradition der Kabbala vollzogen wurde.4 In jüdischen Kreisen wird Isaak der Blinde als „Vater der Kabbala“ angesehen und dem sogenan-nten „Ijjun–Kreis“ zugeordnet, welcher auch als Ijjun–Kontemplation bezeichnet wird.5 Der Begriff der Kontemplation stammt aus dem Lateinischen und steht für die Beschauung, Betrachtung und Selbstversenkung in geistige Inhalte oder religiöse Wahrheiten.

3. Inhaltlicher Aufbau und Systematik der Kabbala

Die Basis des kabbalistischen Systems ist das Grundverständnis einer seit jeher im orientalischen Kulturraum verbreiteten Emanationslehre.

Der lateinische Begriff der Emanation bedeutet „Ausfluß“ und die sich daraus herleitende Lehre beinhaltet das stufenweise Hervorgehen des Unvollkommenen aus dem Vollkommenen und das Streben wieder dahin zurückzukehren.

Nach kabbalistischer Ansicht hat Jahwe alles, was er in seiner Welt geschaffen hat, auch am Menschen geschaffen. Hieraus ergibt sich das Weltbild der wechselseitigen Entsprechungen von Oben und Unten.

Die ganze untere Welt wurde nach dem Vorbild der Oberen gemacht und jeder Mensch an sich ist ein Universum im Kleinen. Der körperlichen Gestalt des Menschen kommt hierbei eine universelle Bedeutung zu, denn Jahwe selbst wird in der Tradition der jüdischen Mystik mit letzter Konsequenz anthropomorph gedacht.

In diesen Spekulationsformen wird der Grundgedanke von Mikro- und Makrokosmos deutlich. Die Vollkommenheit des göttlichen Makrokosmos personifiziert sich hierbei im Menschen, welcher als Mikrokosmos zwar unvollkommen, aber dennoch ein Abbild des himmlischen Urmenschen „Adam Kadmon“ darstellt.6 Gott als das Grenzenlose und Ewige („En-Soph“) benötigt dieses von ihm geschaffene Mittlerwesen, um durch die zehn geistigen Kräfte („Sephirot“) seine göttliche Allmacht wirken zu lassen. Diese zehn Sephirot (Einzahl = „Sefira“) sind die göttlichen Urpotenzen, welche in der Form des kabbalistischen Lebensbaumes alle Ebenen des Seins durchragen. Dieser Lebensbaum mit dem darin verbundenen Adam Kadmon stellt den verkörperten Organismus des Universums dar.7 (siehe dazu Abb. I) Der Sephirot-Baum ist eine in sich geschlossene Ordnung, in welcher sich die gegensätzlich-polaren Kräfte, wie z.B. das Männliche und Weibliche in dynamischen Spannungszuständen ergänzen und in einem höheren Dritten ihren Ausgleich finden.8 (siehe dazu Abb. II)

Im System der Kabbala ordnen sich die einzelnen Kräfte in Dreiergruppen bzw. zu Dreiecken an und alles läuft auf den Grundgedanken der Trinität hinaus, wie sie schließlich auch in der christlichen Dreifaltigkeit seinen Ausdruck findet. Die oberste Sephirot-Triade, die auch in der Form eines Dreiecks mit Lichtkranz und Auge dargestellt wird, verkörpert den Bereich der göttlichen Vernunft, die mittlere den des Gefühls und die untere den Bereich der Natur bzw. der Körperlichkeit. Die unterste Sephira, das sogenannte „Reich“ („Malkuth“) faßt die drei vorangegangenen Sphären schließlich nach dem Prinzip der Materialität zusammen. In vertikaler Richtung werden die Sephirot außerdem auch als drei tragende Säulen dargestellt.

Während die über allem schwebende göttliche „Ewigkeit“ oder „Ursache“, welche mit dem „Nirwana“ des hinduistischen Reinkarnationsglaubens vergleichbar ist, der Gesamtheit des Sephirot-Systems noch entrückt ist, vereinigen sich alle anderen Kraftströme, um in das „Reich“, also die „kleingeistige“ Menschenwelt hineinzuwirken.9 -Daß dieser Energiestrom der Kabbala jedoch auch in umgekehrter Richtung und aufgrund von gewollter menschlicher Einflußnahme wirksam sein kann, wird an späterer Stelle noch näher verdeutlicht werden. (siehe S. 10 f.)

3.1. Theoretische und praktische Kabbala

Die Kabbala umfaßt sowohl eine theoretische als auch eine praktische Seite der Geheimlehre. Beide sind wiederum aufgeteilt in einen historischen, einen sozial-moralischen und einen mystischen Teil. Hiervon ist jedoch nur der theoretische Teil schriftlich fixiert und damit eindeutig der Kabbala zuzuordnen. Der theoretische kann durch zwei verschiedene Zugänge bzw. Studienrichtungen ergründet werden. Die erste Richtung bezieht sich auf die göttliche Schöpfung und ihre geheimen Gesetzmäßigkeiten. Sie heißt „Bereschit“ und ist im Buch „Jesira“ dargelegt. Die zweite Richtung der Theorie bewegt sich im Bereich der Metaphysik und befaßt sich mit dem Wesen Gottes und den verschiedenen Arten seiner Offenbarung. Sie enthält deutliche Rückbezüge auf die der Kabbala vorangegangenen religiösen Mythen, insbesondere des orientalisch-vorderasiatischen Kulturraums.

Die praktische Kabbala wird u.a. „Mercava“ („himmlischer Wagen“) genannt und erhält ihre Ausformulierung im Buch „Sohar“.10

Die Beschreibung eines himmlischen Wagens ist in verschiedenen Kultur- und Zeiträumen ein immer wiederkehrendes Symbol religiöser Mythen.

Zu nennen sind z.B. diesbezüglich die Sonnenwagen des „Ra“ (ägypt.), „Mithra“ (pers.) oder „Helios“ (griech). Auch auf den strahlenden Thron-wagen des biblischen Gottes aus der alttestamentarischen Vision des Propheten Ezechiel wird im Buch „Sohar“ wörtlich angespielt.11 In den 1949 entdeckten Qumran-Schriftrollen befindet sich ebenfalls diese Beschreibung des göttlichen Wagens. Dort ist die Beschreibung in direkter schriftlicher Verbindung zu dem hebräischen Begriff „Sohar“ aufgeführt.12

Dieses Beispiel eines Symbols, steht stellvertretend für eine Reihe weiterer gemeinsamer Inhalte der verschiedenen Religionsmythen, welche sich wiederum in der kabbalistischen Mystik wiederfinden. Dieser Umstand läßt die Herkunft bzw. die kulturellen Wurzeln der jüdischen Kabbala und ihre Entwicklung deutlich werden. Ein weiteres Beispiel einer deutlichen mythologischen Entwicklung, die kabbalistisch verarbeitet wurde, betrifft den Mythos des persischen Sonnengottes „Mithra“. Dieser wurde bereits in zeitgenössischen Darstellungen Vorderasiens als allsehendes Sonnenauge dargestellt. (vgl. S. 6) Dieses Symbol wurde auch schon in der Götter-mythologie Ägyptens zur Darstellung des Osiris verwendet. Später fand sich der Glaube in veränderter Form auch im römischen „Mithras“-Kult wieder. Dieser gilt gemeinhin als Vorgänger-Kult des Christentums und beinhaltete bereits, um nur einige Parallelen zu nennen, die Riten der Taufe und des Abendmahls, sowie den Feiertag des 25. Dezember12a und den Glauben an die Reinkarnation.12b

Insgesamt sind dies sind nur wenige von vielen Beispielen dafür, wie diverse Begriffe und Versinnbildlichungen aus der Kabbala sich über die Mythen und Religionen verschiedener Kulturen und Zeiträume erstrecken bzw. darin ihren Ursprung finden.

Entsprechend des beschriebenen polarisierenden Sefirot-Systems der Kabbala stehen sich auch die Kräfte von Gut und Böse gegenüber. Letzteres ist hierbei auch die Heimat dämonischer Wesen („Scheddim“). Das Böse ist das Gegengewicht zum Guten und unzertrennlich mit der Materie verbunden. Seine Entstehung ist die Folge einer allmählichen Abschwächung des göttlichen Lichtes der Vollkommenheit. Somit ist das Böse und Unvollkommene in der Welt nicht eine ursprüngliche Größe an sich, sondern lediglich abgeschwächte Urenergie und das Ergebnis eines Mangels an göttlichem Licht. – In dieser philosophischen Energielehre wird wieder die der Kabbala zugrundeliegende Emanationstheorie deutlich, in der das Streben nach der ursprünglichen Vollkommenheit eine zentrale Bedeutung hat.

Unter Zuhilfenahme der praktischen Seite der Kabbala konnten die Vorschriften für die „Reinigung“ der menschlichen Seele dahingehend erfüllt werden, daß diese ich der Gottheit ähnlich machte und sich ihr dadurch (wieder) annäherte. Durch die Meditation über die heiligen Namen und Schriften wurde dieser Annäherungsprozess dann im Zuge der bereits erwähnten Kontemplation möglich gemacht. Nach Ansicht der Kabbalisten ist die Schrift der sichtbare Ausdruck der wirkenden göttlichen Kräfte.13

3.2. Die kabbalistische Wortmagie

Nach der Ansicht der Kabbalisten schließt sich die Idee der praktischen Kabbala in dem genannten Zusammenhang der allgemeinen Theorie der Magie an. Wie diese lehre die Kabbala die Einheit von Symbol und Idee in der Natur, im Menschen und im Universum. Mit Hilfe von Symbolen Einfluß zu nehmen, bedeute demnach die Möglichkeit, auf die rein geistigen Wesen Einfluß nehmen zu können, was letztlich das Grundprinzip aller mystischen Beschwörung sei.14

Wörter und Namen haben in diesem Zusammenhang eine herausragende Bedeutung. Nach der Lehre des „Sohar“ enthalte jedes Wort einen tieferen Sinn und ein verborgenes Mysterium. Worte stellen demnach die Verbindung zwischen der körperlichen und geistigen Welt her.

Zur diesbezüglichen Auslegung der Worte der Schrift auf der Basis der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets und der zehn Zahlen entwickelten sich eigene Forschungsrichtungen mit unterschiedlichen Interpretations-ansätzen. Die „Gematria“, war die Kunst mit Hilfe von festgelegten Zahlenwerten der einzelnen Buchstaben den verborgenen Sinn der Texte auf mathematischem Wege zu entschlüsseln. Die Bildung neuer Worte aus den Anfangs- und Endbuchstaben wurde „Notarikon“ genannt und „Themurah“ basierte schließlich auf der Versetzung von Buchstaben innerhalb eines Wortes, um dadurch ein neues zu bilden.15 Daneben kommt dem jeweiligen artikulierten Aussprechen der einzelnen Worte noch eine besondere Bedeutung in der Kabbalistik zu. Diese liegt in der schöpferischen Kraft und Wesenhaftigkeit der Laute, welche im Sinne der altgriechischen Logoslehre, im „Urwort“ begründet ist.16 Unter diesem Aspekt der durch das Wort manifestierten und wirkenden Gottheit ist beispielsweise auch der Prolog des neutestamentarischen Johannes-Evangeliums zu verstehen, welcher mit der bekannten Formulierung beginnt: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“17 Ein weiteres Beispiel ist der Schöpfungsmythos des alttestamentarischen Buches Genesis. Hier heißt es insgesamt zehnmal „Gott sprach […]“.18 Entsprechend der kabbalistischen Sichtweise sei dies der Ausdruck der bereits beschriebenen zehn ausströmenden göttlichen Urkräfte (Sefirot).

Die Basis der kabbalistischen Buchstabenlehre der praktischen Kabbala bildet der Name von Gott selbst. Dieser Name wird durch das

Tetragrammaton der hebräischen Buchstaben JOD, HE, WAW und HE ausgedrückt, welche zusammen das Wort JHWH bilden und in der Form „Jahwe“ oder „Jehowa“ ausgesprochen werden. Dieser Gottesname durfte jedoch in profanen Kreisen nicht laut ausgesprochen werden und wurde durch die Wörter „Adonai“ („Herr“) oder auch „der Vierbuchstabige“ ersetzt.18a Zu dieser stellvertretenden Aussprache kam es, da die Ehrfurcht es verbot, den Namen Gottes vollständig artikuliert zu verwenden, um somit nicht vorsätzlich oder fahrlässig einen Einfluß auf das göttliche Wesen zu nehmen. Dieser Einfluß käme hierbei nicht zufällig oder nur eventuell zustande, sondern wäre gemäß der kabbalistischen Laute-Lehre eine zwingende Folge des bloßen Aussprechens und bedürfte keiner weiteren Mittelbarkeit, wie es etwa beim christlichen Gebet der Fall ist. Der hebräische Gottesname ist im Vergleich zu den übrigen kabbalistischen Kontemplationsformen der direkteste, aktiv begehbare Zugang zum System der göttlichen Kraftentfaltung. Obwohl es sich dabei um ein religiös tabuisiertes Vorgehen handelt, zeigt die kabbalistische Mystik des Gottesnamens anderseits, welche potenzielle Machtausübung sie in sich birgt.

[...]


1 Niewöhner, Kabbala. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Sp. 661

2 Betz, Kabbala. TRE, S. 487

3 Niewöhner, Kabbala. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Sp. 661

4 Scholem, Ursprung und Anfänge der Kabbala, S. 10-14

5 Elk, Max, Kabbala. Jüdisches Lexikon, Sp. 510

6 Jacoby, A., Kabbala. Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Sp. 899 f.

7 Lennhof, Posner, Kabbala. Internationales Freimaurerlexikon, Sp. 806

8 vgl. dazu S.26 - Jakob Böhmes dialektische Philosophie des „Widerstreits“, (Anm.d.Verf.)

9 Elk, Max, Kabbala. Jüdisches Lexikon, Sp. 514

10 Miers, Lexikon des Geheimwissens, S.219

11 Papus, Die Kabbala, S. 10; Die Bibel, Ezechiel, 10, 8-17

12 Eisenmann, Wise, Die Qumran-Rollen, (4Q286), Handschrift A, Fragment 1, S. 233;

Es finden sich in den Schriftrollen noch weitere Parallelen zur Kabbala. (Anm. d. Verf.)

12a Der Feiertag des Mithras zur Wintersonnenwende (25.12.) ist seit dem Konzil von

Nizäa (325) als der offizielle „Geburtstag Christi“ festgelegt. (Anm.d.Verf.)

12b Haussig, Götter und Mythen der Kaukasischen und Iranischen Völker, S. 401-403;

Ehmer, Weisheit des Westens, S. 178 f.

13 Papus, Die Kabbala, S. 19

14 ebenda

15 Papus, Die Kabbala, S.20; Lennhof, Posner, Kabbala. Internat. Freimaurerlexikon, Sp.808

16 Elk, Max, Kabbala, Jüdisches Lexikon, Sp.516

17 Die Bibel, Johannes 1, 1-18

18 ebenda, Genesis 1, 3-29

18a Papus, Die Kabbala, S. 76, Anm. 1

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Mystik der Kabbala und ihre Ausprägung in der Frühen Neuzeit
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Hauptseminar: "Theorie und Praxis der Magie in der Frühen Neuzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
33
Katalognummer
V47337
ISBN (eBook)
9783638443074
ISBN (Buch)
9783638791328
Dateigröße
879 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit gibt zunächst einen Überblick über den mytholog. Ursprung u. frühen Verbreitungsweg der Kabbala in Europa. Neben Bereichen wie Hermetismus, Gnosis u. Alchemie werden Anhand des Lebens u. der Werke von Pico de la Mirandola, Johannes Reuchlin u. Jakob Böhme beispielhaft deren Bezüge auf die kabbalistischen Grundideen dargestellt. Die Verbindungen zw. kabbalist. u. christlichen Gedanken werden unter Bezug auf die damit eng verknüpfte polit. Situation des 15. u. 16. Jhds. betrachtet.
Schlagworte
Mystik, Kabbala, Ausprägung, Frühen, Neuzeit, Hauptseminar, Theorie, Praxis, Magie
Arbeit zitieren
Andreas Büter (Autor), 2004, Die Mystik der Kabbala und ihre Ausprägung in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47337

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