Ikonoklasmus - Eine Aufarbeitung des byzantinischen Bilderstreits in Korrespondenz zum Bildersturm in der Reformation


Seminararbeit, 2005

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Ikonoklasmus?
2.1 Begriffliche Einordnung und historischer Hintergrund
2.1.1 Die Kaiserbildpraxis
2.1.2 Das Christusbild
2.2 Warum Bilderstürme?

3. Der byzantinische Bilderstreit
3.1 Der Verlauf
3.2 Die Motive
3.2.1 Die Argumente der Ikonoklasten
3.2.2 Die Argumente der Ikonodulen

4. Der Bilderstreit in der Reformation
4.1 Luther und seine Gegner
4.2 Das Bild an sich

5. Fazit

Literaturnachweise

1. Einleitung

Als im Frühjahr 2004 die Statue des irakischen Diktators Saddam Hussein abgerissen wurde, endete offiziell der Krieg der Alliierten gegen den Irak. Das Symbol der Macht und damit auch der Herrscher waren gestürzt worden. Mit dieser öffentlichen Vernichtung des Bildnisses von Saddam Hussein demonstrierten die Alliierten ihre Stärke, sie hatten ihrerseits ein Zeichen gesetzt.

Dieser Vorgang kann als eine Art des modernen Bildersturms[1] bezeichnet werden, denn Martin Warnke bemerkt dazu, dass „jede kritische Reflexion, zumal zu ästhetischen Gegenständen, potentiell schon eine Form der ‚Bilderstürmerei’ darstellt“[2]. Selbst wenn die Statue kein Symbol eines Heiligen war und die Macht, die Saddam Hussein Jahrzehnte inne hatte, nicht von Gott gegeben war, so finden sich doch Züge des historischen Bildersturms auch in diesem Akt wieder. „Auf anderer Ebene bedeutet doch auch der Sturz der Stalindenkmäler […] die Beseitigung von flagranten Relikten einer abgestandenen Herrschaftsform.“[3]

Der historische Bildersturm galt nicht nur Symbolen der Macht, sondern auch und vor allem religiösen Bildnissen. Im Byzanz des achten und neunten Jahrhunderts und während der Reformationszeit löste die Frage nach der Berechtigung von Bildern beinahe bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen Staat und Kirche aus. Bilder waren zu dieser Zeit vergleichsweise wenig verbreitet und besaßen deshalb eine wesentlich größere Wirkung als heute in Zeiten von Fernsehen und Internet, die „die Rolle der Meißelschläger und Farbvirtuosen vergangener Jahrhunderte“[4] übernehmen.

In meiner Arbeit soll der byzantinische Bilderstreit im Mittelpunkt stehen. Die Wirksamkeit der Bilder auf der einen Seite und ihr Missbrauch auf der anderen Seite sollen die im Bildersturm liegende Motivation verdeutlichen. Beginnen möchte ich meine Arbeit mit einer begrifflichen und historischen Einordnung des Ikonoklasmus.

2. Was ist Ikonoklasmus?

2.1 Begriffliche Einordnung und historischer Hintergrund

Der Ikonoklasmus oder auch Bildersturm hat seinen Ursprung in den verschiedenartigen Bedeutungsinhalten von Gemälden, Plastiken oder anderen Kunstwerken, die Gründe für Auseinandersetzungen boten. „In der Praxis des Bildersturms werden Bilder und Objekte materiell mißbraucht, verstümmelt oder vollständig zerstört“[5]. Im Folgenden sollen Beispiele aus der Historie die unterschiedlichen Hintergründe und Durchführungen von Bilderstürmen vorführen. Dabei soll kein Wert auf Vollständigkeit gelegt werden. Es sollen möglichst viele verschiedene und repräsentative Aspekte von der Entstehung bis zur Reformationszeit, die einen Wendepunkt in der Bildanschauung markierte, dargestellt werden.

Anfangs war die Kirche bilderlos, weil das Frühchristentum am Bildverbot der zehn Gebote festhielt[6]. Das Bilderverbot im alten Testament allerdings bezog und bezieht sich nicht auf Bilder im Sinne religiöser Vorstellungen, sondern nur auf kultische Objekte und Götzenbilder[7]. Im 3. Jahrhundert kam deshalb die christliche Kunst auf, die allerdings durch die missverständliche Formulierung von Polemiken begleitet war, “[…] die ihre Argumentation unter Hinweis auf das biblische Bilderverbot des Dekalogs (Ex 20,4 und Dtn 5,8) zunächst im wesentlichen aus der Gegnerschaft zum dämonisierten Götterbild der Heiden entwickelte“[8]. Die zehn Gebote gestatteten dem Menschen kein Bildnis ihres Schöpfergottes anzubeten und zu verehren.

Im 4. Jahrhundert erwuchsen erste kritische Auseinandersetzungen.[9] Um 306 verbot die Synode von Elvira aus diesem Grund Malereien in der Kirche, „damit nicht das, was verehrt und angebetet werde, auf den Wänden zur Darstellung komme“[10]. Die frühe christliche Kirche rief zur Verdrängung des Heidentums auf und zur Zerstörung aller ihrer Kultobjekte.

Im 6. Jahrhundert wurde der Begriff „acheiropoietas“ geprägt. Er bezeichnet Bilder, die nicht von menschlicher Hand gemacht wurden, sondern scheinbar durch göttliche Hilfe entstanden. „Acheiropietas“ wurden als Mittler zwischen Gott und dem Gläubigen verstanden und hatten deshalb den Ruf, heilende Kräfte zu besitzen und „Wunder verschiedener Art“[11] vollbringen zu können.

Schon bald wandelte sich die bis dahin geltende ablehnende Haltung von Bildern und Sakralräume wurden mit umfassenden Bildprogrammen ausgestattet. Papst Gregor der Große (590-604) unterstützte diese Art der religiösen Auseinandersetzung und verurteilte Angriffe seines Bischoffs auf Heiligenbilder. Zwar tadelte er die Anbetung von Bildnissen, sah aber keinen Grund diese generell zu verbieten.

„Denn was für die des Lesens Kundigen die Schrift ist, das ist für die Laien das Bild, denn diejenigen, die Buchstaben nicht kennen, sehen die Vorbilder, denen sie nachstreben sollen: darum vor allem ersetzt für die einfachen Leute das Bildbetrachten die Lektüre. […] Die Bilder aber anzubeten, dagegen kämpfe ich auf jede Weise“[12].

Der erste Höhepunkt des Bilderstreits ist im 8. und 9. Jahrhundert zu verzeichnen, als ein Streit um das religiöse Bild ein ganzes Reich entzweite. Angesichts der zunehmenden Ikonenverehrung und der damit einhergehenden Frage, ob denn Christus, der Sohn Gottes, bildlich dargestellt werden dürfe, entstand in Byzanz ein bürgerkriegsähnlicher Konflikt[13], auf den ich in Kapitel 3 genauer eingehen werde.

Im politisch mit Byzanz konkurrierenden Frankreich wurde um 790 der Meinung der Bildertheologen, dass die Ehrung des Bildes auf das Urbild übergehe, widersprochen und ebenso die Haltung der Bilderstürmer kritisiert. Die karolingischen Hoftheologen empfahlen einen Kompromiss, „in den Kirchen zwar Bilder anzubringen, doch nicht zum Zwecke der Verehrung (‚adoratio’), sondern zur Erinnerung an frühere Geschehnisse (‚memoria rerum gestarum’) sowie zum Schmuck (‚venustas’) der Wände“[14]. Anbetende Verehrung hingegen gebühre allein der Gottheit.

Im Hochmittelalter vertrat man vergleichbare Ansichten, die im 11. Jahrhundert Bernhard von Angers ergänzte und „vorerst dreidimensionale Darstellungen auf das Kreuz beschränkt wissen“[15] wollte.

Die bisher genannten Konflikte um Bilder und Bildnisse beschränkten sich auf die theologische Auslegung des göttlichen Willens. Das Mittelalter kannte auch die politische Dimension von Bildern. So sah Friedrich Barbarossa (1152-1190) die Würde des Kaisertums durch ein Wandgemälde verletzt, auf dem die Krönung Lothars III. zu sehen war. Es zeigte den Kaiser in kirchlicher Abhängigkeit, was in den Augen Barbarossas eine unerhörte Anmaßung sei und der „allein durch die Zerstörung des Bildes begegnet werden könne“[16].

In der Folgezeit ereigneten sich weitere Bilderstürme, von denen die Reformationszeit einen der interessantesten hervorbringt, der von den Wortführern Luther, Zwingli, Calvin und auch Karlstadt geprägt wurden. Die Bilderstreitigkeiten im 16. Jahrhundert endeten damit, dass Heiligenbildern die magische Aura, die sie umgaben, genommen wurde und sie fortan als Kunstobjekte betrachtet wurden. Es ging nur noch um schön oder nicht schön. In Kapitel 4 werde ich die verschiedenen Aspekte des Bilderstreits in der Reformation etwas genauer reflektieren.

2.1.1 Die Kaiserbildpraxis

In der spätantiken Gesellschaft wurde der Kaiser als die von Gott geweihte Vertretung auf Erden angesehen. „Der Kaiser war das lebende Bild des einen Gottes, des Sonnengottes, gewesen, bevor das Christentum Staatsreligion wurde.“[17] Sein Bild strahlte seine Macht aus und bestand in der frühchristlichen Zeit vor allem aus Standbildern auf öffentlichen Plätzen. Tafelbilder sandte er als Rechtssymbole seiner Präsenz in die in Provinzen seines Reiches. Auch bei Gerichtssitzungen ist die Amtsautorität durch den Kaiser im Bild vertreten. „Das Kaiserbild war nicht nur Amtssymbol, sondern zugleich Gegenstand kultischer Ehren.“[18] Seit dem sechsten Jahrhundert zierte das Bild des Kaisers die Vorderseite der staatlichen Münzen. Auf der Rückseite war das Kreuz in der Hand des Kaisers gedruckt[19], der so bildlich die Macht Gottes in den Händen hält. Nicht das Bild des Kaisers wurde verehrt, sondern der Kaiser wurde selbst Gegenstand ritueller Verehrung:

„Er saß bei offiziellen Empfängen wie eine Ikone, die nach einer festen Regie durch einen Vorhang verdeckt und enthüllt wurde, regungslos auf dem Thron und nahm die Proskynese entgegen“[20].

Die Person und ihr Bildnis waren im kaiserlichen Bildkult gleich gesetzt. Das Bild vertrat den Kaiser und ihm kamen alle Rechte und Ehren zu, die dem Kaiser auch zukamen. Es gilt dabei zwei wichtige Positionen des Kaiserbildes hervorzuheben:

„1. die ostentative Aufstellung beim Regierungsantritt. Sie bezweckte, daß der Untertan durch die Bildaufstellung die Übernahme der Herrschaft durch den neuen Kaiser anerkannte. 2. die gewaltsame Entfernung des Bildes, ein Zeichen des Aufstandes oder Abfalls, gelegentlich auch von oben verordneter Bestandteil der Damnatio memoriae.“[21]

Den Höhepunkt dieser Praktiken bildete die Bildaussendung als Proskynese der Bevölkerung. In einem Festakt wurden das Bild des Kaisers und er selbst vor der Stadt eingeholt und unter Glückwünschen und der Anrufung Gottes gefeiert. „Eine Abweisung des Bildes oder ein unkorrektes Einholen hätten Majestätsbeleidigung bedeutet.“[22] Das Kaiserbild fungierte im Militär in Verbindung mit dem Signum, dem taktischen Feldzeichen. Es vertrat den Kaiser gegenüber der Truppe. In der Entstehungszeit des Christusbildes, auf das ich gleich zu sprechen komme, wurde das Kaiserbild auf dem Feldzeichen ersetzt. „War der Truppe bislang das Kaiserbild vorangetragen worden, so nun das Christusbild.“[23]

[...]


[1] Der Bildersturm, Abschaffung und Zerstörung von Heiligenbildern, Ikonoklasmus siehe Duden. Das Fremdwörterbuch, Mannheim/ Leipzig/Wien/Zürich, 2001, S. 421.

[2] Martin Warnke (Hg.): Bildersturm. Zerstörung des Kunstwerks, München, 1973, S. 7.

[3] Martin Warnke (Hg.): a. a. O., S. 8.

[4] Martin Warnke (Hg.): a. a. O., S. 9.

[5] Peter Blickle (Hg.): Macht und Ohnmacht der Bilder. Reformatorischer Bildersturm im Kontext der europäischen Geschichte, München, 2002, S. 177.

[6] Hans-Dietrich Altendorf und Peter Jezler (Hgg.): Bilderstreit. Kulturwandel in Zwinglis Reformation, Zürich, 1984, S. 17.

[7] Othmar Keel, in: Peter Blickle (Hg.): a. a. O., S. 77.

[8] Karl Möseneder (Hg.): Streit um Bilder. Von Byzanz bis Duchamp, Berlin, 1997, S. IX.

[9] Hans Belting: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München, 1990, S. 165.

[10] Karl Möseneder (Hg.): a. a. O., S. IX.

[11] Kathleen Corrigan, in: Bernd Janowski und Nino Zchomelidse (Hgg.): Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Zur Korrelation von Text und Bild im Wirkungskreis der Bibel, Tübingen, 2003, S. 131f.

[12] Papst Gregor der Große, in: Karl Möseneder (Hg.): a. a. O., S. IX.

[13] Karl Möseneder (Hg.): a. a. O., S. X.

[14] Karl Möseneder (Hg.): a. a. O., S. X.

[15] Ebd., S. X und XI.

[16] Ebd., S. XII.

[17] Hans Belting: a. a. O., S. 18.

[18] Hans Belting: a. a. O., S. 118.

[19] Ebd., S. 18.

[20] Ebd., S. 117. Ergänzung: Proskynese bedeutet Fußfall vor dem Herrscher. Sie drückte im Zeremoniell des militärischen Triumphs Unterwerfung unter das ‚lebende Standbild’ aus.

[21] Ebd., S. 119.

[22] Ebd., S. 119.

[23] Ebd., S. 122.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Ikonoklasmus - Eine Aufarbeitung des byzantinischen Bilderstreits in Korrespondenz zum Bildersturm in der Reformation
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Vom Leib zum Buch
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V47344
ISBN (eBook)
9783638443135
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bilderstürme gab es in der Vergangenheit und gibt es heute. Die Arbeit ordnet den Unterschied von Bilderstürmen in ihren symbolischen und religiösen Bedeutungen ein und zeigt am Beispiel des byzantinischen Bilderstreits und der Ikonoklasten zur Reformationszeit die verschiedenen Ausprägungen und Folgen.
Schlagworte
Ikonoklasmus, Eine, Aufarbeitung, Bilderstreits, Korrespondenz, Bildersturm, Reformation, Leib, Buch
Arbeit zitieren
Markus Gentner (Autor), 2005, Ikonoklasmus - Eine Aufarbeitung des byzantinischen Bilderstreits in Korrespondenz zum Bildersturm in der Reformation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47344

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