Der "Parzival" von Wolfram von Eschenbach gehört sicher neben dem "Nibelungenlied" zu einem der größten deutschsprachigen Werke des Hochmittelalters. Die höfische Literatur wurde zur damaligen Zeit zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib an den Fürsten - und Königshöfen geschrieben. Hauptaufgabe des Werks sollte daher vorrangig die Unterhaltung des Hofes sein. Wer jetzt im "Parzival" eine relativ eindimensionale Abenteuergeschichte erwartet, wird überrascht über die Tiefe der damaligen Literatur aus dem 12. Jahrhundert. Die Taten von Wolframs Parzival werfen bei der Lektüre Fragen auf, über die der Text den Leser im Unklaren lässt und Interpretations - und Diskussionsspielraum eröffnet. Einer der wesentlichsten Diskussionsansätze in der Wissenschaft ist die Frage nach der Schuld und der Sünde, die Parzival begeht. Parzivals Verhalten im Werk ist erklärungsbedürftig. Eine entscheidende Rolle scheint dabei die Erziehung des jungen Parzivals im dritten Buch zu spielen, auch wenn jene Erziehung oder mangelhafte Erziehung Parzivals Taten nicht vollständig erklären können.
In der vorliegenden Hausarbeit untersuche ich, welche Einflussfaktoren erzieherisch auf Parzival im dritte n Buch eingewirkt haben und welche Effekte sie womöglich in dem jungen Helden erzielt haben. Ziel soll e s sein im abschließenden dritten Kapitel der Hausarbeit ein Werte- und Moralsystem Parzivals aufzuzeigen, mit dem er nach dem dritten Buch in seine Abenteuer zieht.
Gliederung
Einleitung
1. Buch und Autor
1.1 Wolfram von Eschenbach
1.2 Der Parzival Stoff
2. Parzivals Erziehung
2.1 Erziehung durch die Mutter
2.2 Erziehung am Artushof
2.3 Erziehung durch Gurnemanz
3. Parzivals Wertesystem im dritten Buch
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die erzieherischen Einflussfaktoren auf den jungen Parzival im dritten Buch von Wolfram von Eschenbachs Epos, um daraus sein anfängliches Werte- und Moralsystem abzuleiten.
- Erziehungsprozesse durch Herzeloyde, den Artushof und Gurnemanz
- Entwicklung des ritterlichen Selbstverständnisses
- Die Rolle von Schuld und Unwissenheit (tumpheit)
- Diskrepanz zwischen ritterlichem Anspruch und Handeln
- Vergleich höfischer Normen mit der individuellen Entwicklung Parzivals
Auszug aus dem Buch
2.1 Erziehung durch die Mutter
Die Entscheidung von Herzeloyde in „relativer“ Armut und Abgeschiedenheit zu leben, nimmt maßgeblichen Einfluss auf die Erziehung Parzivals. Die selbst gewählte Abgeschiedenheit würde für ein religiöses Eremitentum sprechen, in dem nur christliche Werte vermittelt werden sollen. Jene christlichen Werte sind bei Parzival jedoch nur in ihrer einfachsten Ausprägung durch die Mutter angelegt worden. Das Glanzvolle und Schöne steht für Gott und das Dunkle steht für den Teufel. Jene beiden Pole lassen viel Raum unausgefüllt in Parzivals Erziehung. Gott wird ihm durch die Mutter als herrschaftlich und strahlender als der Tag geschildert, was Parzival auf den nahenden Ritter Karnachkarnanz überträgt. Karnachkarnanz ist unterwegs, um eine entführte Jungfrau zu retten. Obwohl Parzival die Ritter für göttlich hält, besitzt er keine Scheu die Ritter anzusprechen. Ein Indiz dafür, dass Parzivals Mutter ihn in religiöser Hinsicht sehr rudimentär erzogen hat.
Parzival besitzt im Text womöglich autodidaktische Fähigkeiten, die es ihm erlauben bestimmte adelige Verhaltensweisen, wie beispielsweise die Jagd, auszuüben, ohne ein Vorbild dafür zu besitzen. Die selbst erlernte Jagd könnte die damalige Auffassung manifestieren, dass Menschen aus dem Adel bzw. aus einem Herrschergeschlecht bestimmte angeborene Fähigkeiten besitzen, die sie zum einem zum Herrscher erst befähigen und sie zum anderen gegen das normale Volk abgrenzen, die womöglich ebenso gut jagen könnten, jedoch dieses Talent ernst erlernen müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Bedeutung von Wolframs Werk und Darstellung der Forschungsfrage bezüglich Parzivals Erziehung und Schuldbildung.
1. Buch und Autor: Kurzvorstellung des Dichters Wolfram von Eschenbach sowie eine Einordnung des Parzival-Stoffs in den literarhistorischen Kontext.
2. Parzivals Erziehung: Analyse der prägenden Einflüsse von Mutter, Artushof und Gurnemanz auf die moralische und ritterliche Entwicklung der Hauptfigur.
3. Parzivals Wertesystem im dritten Buch: Untersuchung des Dilemmas zwischen Parzivals Streben nach Rittertum und seiner Unfähigkeit, dieses moralisch korrekt umzusetzen.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Erziehungsstufen als verkürzter Entwicklungsroman, der den Helden zunächst unfertig und moralisch ambivalent zeichnet.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Artushof, Erziehung, Herzeloyde, Gurnemanz, Tumpheit, Rittertum, Mittelalter, Höfische Literatur, Wertesystem, Schuld, Minnedienst, Identitätsentwicklung, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Erziehung des jungen Parzivals im dritten Buch des gleichnamigen Epos von Wolfram von Eschenbach seine Entwicklung beeinflusst und zu seinem anfänglichen moralischen Verhalten führt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die erzieherischen Einflüsse von Mutter, Artushof und Gurnemanz, die ritterliche Ausbildung, sowie die Bedeutung der sogenannten „tumpheit“ (kindliche Unbeholfenheit) für das Handeln des Helden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Werte- und Moralsystem aufzuzeigen, mit dem Parzival nach dem dritten Buch in seine weiteren Abenteuer zieht, und die Diskrepanz zwischen seinem ritterlichen Anspruch und seinem Handeln zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung von Fachliteratur zur höfischen Kultur und zur Wolfram-Forschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der drei Erziehungsinstanzen (Mutter, Artushof, Gurnemanz) sowie eine abschließende Analyse des daraus resultierenden Wertesystems im dritten Buch.
Was charakterisiert die in der Arbeit verwendeten Schlüsselwörter?
Die Keywords definieren die Schnittstelle zwischen literarhistorischer Einordnung (Mittelalter, Wolfram von Eschenbach) und spezifisch inhaltlichen Schwerpunkten wie Erziehung, Schuld und dem ritterlichen Tugendsystem.
Welche Rolle spielt die Figur Herzeloyde in der Erziehung?
Herzeloyde erzieht Parzival in der Abgeschiedenheit, wobei sie ihm nur rudimentäre christliche Werte vermittelt. Ihre Ratschläge sind zwar gut gemeint, führen aber durch Parzivals mangelnde Interpretation zu Fehltritten und ethischer Schuld.
Warum wird Parzival im Text als "tumb" bezeichnet?
Der Begriff "tumbheit" beschreibt Parzivals kindliche Unbeholfenheit und mangelnde Kenntnis höfischer Umgangsformen, die es ihm zunächst unmöglich macht, den moralischen Anforderungen des Rittertums gerecht zu werden.
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- Christian Heinzelmann (Author), 2005, Parzivals Erziehung im dritten Buch von Wolframs von Eschenbach "Parzival", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47370