SPS I - Dokumentation des Praktikums in einer Grundschule


Seminararbeit, 2000

26 Seiten, Note: Keine, ab.sehr zufr.


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung
1.1. Entscheidung für diese Schule
1.2. Erwartung
1.3. Erster Eindruck

2. Beobachtungstagebuch
2.1. Protokoll vom 07.12.1999
2.2. Protokoll vom 14.12.1999
2.3. Protokoll vom 21.12.1999
2.4. Protokoll vom 11.01.2000
2.5. Protokoll vom 18.01.2000

3. Reflexion
3.1. Claudia und Julian
3.2. Hendrik und Roman
3.3. Was uns das Praktikum gebracht hat

1. Einleitung

1.1. Entscheidung für diese Schule

Für diese Grundschule entschieden wir, d. h. mein Bruder und ich[1], uns, weil wir dort selbst die Grundschulzeit verbracht hatten – ihre Nähe zu unserem Haus wußten wir als Grundschüler und wissen wir bis heute zu schätzen. Philipp[2] hospitierte nicht in der Sekundarstufe I, obwohl er dieses Lehramt anstrebt, weil er fürchtete, dort allzuleicht in die Schülerrolle zurückzufallen. Die unbequeme Sitzhaltung auf den für Grundschüler bestimmten Stühlchen erinnerte uns dann aber stetig daran, daß wir hier nicht mehr als Schüler saßen.

1.2. Erwartung

Während ich mir die Ziele 1-7 Ihres Begleitblattes zu eigen machte, mir insbesondere erhoffte, eine tiefere Sicht – nach 13 Jahren Schule zum ersten Mal eine Lehrersicht – in das alltägliche Schulleben zu bekommen, spannte Philipp seine Erwartungen nicht so hoch. Für ihn war die Berufsentscheidung, wenngleich er den Lehrerberuf schon lange erwogen hatte, schließlich um ein Jahr früher als erwartet und damit ein wenig hastig gefallen. Ihm ging es darum, zu der banalen Überzeugung zu gelangen: „Ich weiß nun ganz sicher, daß ich Lehrer werden will.“

1.3. Erster Eindruck

Es war schon ein eigenartiges Gefühl, als wir die Schule seit ca. neuneinhalb Jahren wieder betraten. Erinnerungen wurden wach, auch überkamen uns einige trübsinnige Gedanken. Hier hatten wir mit Christian gespielt, am gleichen Tag Geburtstag gefeiert – er hatte sich kürzlich totgefahren; hier mit Resul, Taufik und Vlora getobt – von ihrem Verbleib hatten wir nie wieder etwas gehört. Nun schauten wir in die Gesichter einer völlig neuen Schülergeneration. Äußerlich hatte sich an den Gebäuden fast nichts geändert: Es gab ein Hauptgebäude, einen Anbau, in dem früher unsere Klasse gewesen war, der jetzt aber von der Vorschule genutzt wurde, und den Pavillon, wo zwei Klassen Platz hatten. Neu war allerdings die Rutsche auf dem Schulhof, durch den der Hof etwas kindgerechter wirkte.

Als wir nun das Gebäude betraten und zum Sekretariat gehen wollten, um uns vorzustellen, beschlich uns ein beklemmendes Gefühl. Alte Erinnerungen an dieses „sagenumwobene“ Zimmer kamen hoch. Die Angst, wenn ein Klassenkamerad wegen schlechten Benehmens in dieses oder das Rektorzimmer gerufen wurde, konnten wir jetzt noch spüren. Respektvoll hielten wir Abstand vor dem Mikrofon für Durchsagen. Wir hatten noch vor Augen, wie Frau S. den zusammengeschrieen hatte, der es gewagt hatte, hier auf eigene Faust eine Durchsage zu machen. Ausgerechnet jetzt, zu Anfang unseres Praktikums, kam uns diese Lehrerin entgegen. Mich hatte sie einmal vor fast allen Schülern während der Pause so richtig in „Grund und Boden gestampft“.

Ohne es zu wollen, fühlte man sich bald in die Rolle des Schülers zurückversetzt. Der enorme Respekt vor dem Lehrerzimmer und bestimmten Lehrern hatte zehn Jahre überdauert.

Doch als wir „unsere“ Lehrerin erblickten, verschwanden die Bedenken. Sie begrüßte uns sehr herzlich und ging gleich mit ihrem ersten Schuljahr, das sich brav in Zweierreihen aufgestellt hatte, in ihre Klasse, die sich in der obersten Etage des Hauptgebäudes befand. Wir setzten uns ganz hinten in die Klasse, damit wir die Kinder gut würden beobachten können, aber auch die Kinder nicht zu sehr vom Unterricht ablenken würden. Nach der Lektüre von „Beobachten im Schulalltag“, die wir bis zu diesem Zeitpunkt versäumt hatten, würden wir allerdings wissen, daß wir in der letzten Befürchtung geirrt hatten, weil „die Fallbeobachtung durch eine Glasscheibe eine psychologische Methode“ ist, die „für pädagogische Zusammenhänge“ aber ungeeignet ist, „weil sie Beobachtung und Handlung trennt“[3].

Die Klasse bestand aus neun Mädchen und zwölf Jungen. An diesem Vorstellungstag protokollierten wir noch nicht mit, es war uns auch nicht möglich, weil wir die Namen der Schüler noch nicht kannten. Hatten wir die Umschreibung eines Schülers zu Papier gebracht, hatten wir die Beobachtung, die wir protokollieren wollten, wieder vergessen. So beobachteten wir einfach die Schüler, prägten uns ihre Namen ein und entschieden uns dann, jeder zwei von ihnen in den nächsten Stunden genauer beobachten zu wollen.

Nach den zwei Stunden war mir klar, daß ich Julian näher betrachten wollte, den ich schon vorher privat kannte und folglich „im Kontext seines Lebensraumes, in dem [er] aufwächst“[4], beobachten wollte. Er war der Kleinste in der Klasse und zu meinem Erstaunen im Unterricht sehr schüchtern, obwohl er sich sonst zu Hause ganz gut als Jüngster gegen seine Geschwister – alle 10 bis 20 Jahr älter – verteidigen konnte. Auffallend fand ich, daß Julian anscheinend immun gegen eine Verhaltensweise war, die die anderen Schüler zu einem großen Teil aufwiesen, sich nämlich so darstellen zu wollen, wie sie sein wollten oder glaubten, sein zu sollen.[5] Gerade von ihm hatte ich das erwartet, weil wir miteinander verwandt waren und uns gut kannten.

Als zweites Kind wollte ich ein Mädchen namens Claudia beobachten, die an diesem Tag während des Unterrichts, begleitet von ihrer Mutter und dem Rektor, zum ersten Mal der Klasse vorgestellt wurde. Sie hatte vorher in einer Nachbarstadt die zweite Klasse besucht, doch mußte sie, bedingt durch einen Umzug der Eltern, die Schule wechseln und hier an der Gemeinschaftsgrundschule in Hückeswagen die erste Klasse besuchen. Sie wies verständlicher Weise zuerst ein sehr skeptisches und zurückhaltendes Verhalten auf, doch schon bald zeigte sich, daß sie in Wirklichkeit gar nicht so schüchtern war. Schon in dieser Stunde wollte sie der Lehrerin und den Schülern klarmachen, daß sie eigentlich in dieser Klasse unterfordert war. Sie betonte ständig, daß sie in Wirklichkeit schon in die zweite Klasse gehörte, doch leider zurückversetzt worden war. Sie schien dies noch nicht ganz verkraftet zu haben. Das erste Kommentar zu der neuen Schülerin, das ich aus der Klasse vernahm, war: „Die sieht aus wie ein Junge.“

Philipp entschloß sich, Hendrik zu beobachten, weil er direkt vor uns saß und wir ihn genau beobachten konnten, zum anderen, weil er uns von Anfang an irgendwie aufgefallen war; er hatte ständig den Kopf nach uns gewandt und kommentierte unser Verhalten, etwa mit den Worten: „Was kritzelt ihr da?“

Von dem Dozenten des Vorbereitungsseminars daraufhingewiesen, daß wir nicht unbedingt ein Problemkind beobachten müßten, entschied er sich, des weiteren Roman zu beobachten, der ihm einen gewissen Gegensatz zu Hendrik aufzuweisen und – aus der vermuteten Lehrerperspektive gesehen – ein Musterschüler zu sein schien.

Nachdem wir diese Entscheidung getroffen hatten, richteten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Klassenraum. Soweit wir uns erinnern konnten, war unser Klassenraum ziemlich kahl ausgestattet gewesen. Dieser Klassenraum aber wirkte auf uns fast beengend: Unter der Decke hing eine Leine mit Buchstaben und ihnen entsprechenden Lautgebärden. Die Wände waren allesamt mit Unterrichtsmaterialien und Arbeiten der Kinder tapeziert, die Fenster mit Weihnachtsschmuck und einem Adventskalender geschmückt. Vier Gruppentische waren relativ dicht in der Mitte des Klassenraums angeordnet, so daß die Ecken des Klassenraums großzügig gestalten werden konnten. Zu einer Ecke diagonal stand das Lehrerpult, das mehr Ablagefunktion hatte und hinter das sich Frau Scholz allenfalls während der Frühstückspause begab. Eine weitere Ecke des Klassenraums war mit Regalen abgeschottet, in denen Spiele, die die Kinder mitgebracht hatten, lagen. Dahinter befand sich eine gemütliche Sofaecke, mit der die Klasse über den Lernraum hinaus – diesen Eindruck gewannen wir durch Frau Scholz’ Klassenraumgestaltung – zu einem Lebensraum wurde.[6] Daß Frau Scholz nicht nur äußerlich ihr Konzept umgestellt hatte, merkten wir beim ersten Klingelzeichen. Wir hatten unsere Schreibutensilien auf das Klingeln hin hastig in die Tasche gesteckt, das Butterbrot schon fast in der Hand, als wir merkten, daß Frau Scholz seelenruhig fortfuhr, bis sie dort inhaltlich angelangt war, wo sich eine Pause als sinnvoll anbot. Weitere Kennzeichen dieses Konzepts, das wir als „Offenen Unterricht“ glaubten identifizieren zu können, werden in den nachfolgenden Protokollen sichtbar werden.

2. Beobachtungstagebuch

2.1. Protokoll vom 07.12.1999

Pünktlich um 8.00 Uhr erschien Frau Scholz und ging mit ihrer Klasse nach oben. Die Kinder mußten ihre Jacken an die Garderobe hängen. Sie begutachteten uns erst einmal und wollten wissen, wie wir hießen und was wir in ihrer Klasse wollten – seit wir das erste Mal in der Klasse gewesen waren, war immerhin fast ein Monat verstrichen. Claudia kam auf mich zu und sagte mir, daß sie hier neu sei und ein Jahr zurückversetzt worden sei. Nachdem Frau Scholz uns – zum Erstaunen der Kinder – kurz als ihre ehemaligen Schüler vorgestellt hatte, wurden in dem noch dunklen Klassenraum die Kerzen und eine Lichterkette angezündet (bis 8.05 Uhr). Nun las Frau Scholz eine Wintergeschichte vom 5. Dezember vor, zu der sie durch das Wochenende noch nicht gekommen war. Sie handelte von zwei Geschwistern, die sich um eine Nuß zanken. Während des Lesens gaben die Kinder eifrig Vorschläge, wie man dieses Problem lösen könnte: Die Nuß solle geteilt werden, die Mutter solle noch eine zweite Nuß kaufen, oder die Mutter, wie Claudia vorschlug, dürfe die Nuß essen (bis 8.15 Uhr).

Melanie durfte jetzt aus einer Dose, in der die Namen der Jungen auf Zetteln standen, einen Zettel ziehen. Auf ihrem Zettel stand der Name von Julian. Sofort grölten die Kinder „Melanie und Julian sind verliebt!“ durch die Klasse. Julian berührte das sehr wenig, da er damit beschäftigt war, sein Päckchen von der aufgespannten Wäscheleine zu suchen. Jetzt war er mit Ziehen an der Reihe. Er zog Anke, die sich auch ein Päckchen aussuchen durfte. In den Päckchen waren verschiedene Bilder, die Julian und Anke schnell ausschnitten und auf ein Poster kleben durften. Jetzt wurden die Kerzen ausgeblasen und Freiarbeit war angesagt (8.23 Uhr).

Es wurden zwei Tische, die sog. Extra-Tische, in die Mitte des Klassenraums gestellt. Auf ihnen wurden die einzelnen Stationen für die Freiarbeit aufgebaut, auf einem Tisch Rechen- auf den anderen Sprachaufgaben. Es gab Arbeitsblätter mit Rechenaufgaben zur Addition. Aus Streifen konnte man den neu gelernten Buchstaben „W“ legen. Außerdem konnten die Kinder ein Arbeitsblatt bearbeiten, auf dem verschiedene Bilder waren, über die das passende Wort geschrieben war, so daß die Kinder herausfinden mußten, in welchem Wort ein „W“ vorkam. Ein Rätselblatt stellte die Kinder vor die Aufgabe, einen Buchstaben zu einem Bild zuzuordnen (z. B. sollte der Buchstabe „A“ dem Bild mit dem Apfel zugeordnet werden). Etwas einfacher war das Ausmalblatt für das „W“. Schwieriger erschien uns für die Kinder das Erstellen einer Bildergeschichte gewesen zu sein, bei der die Kinder die Sätze über den Bildern lesen mußten, um sie dann in der richtigen Reihenfolge aufkleben zu können.

Währen Frau Scholz noch die letzten Anweisungen zur Freiarbeit gab, versuchte Hendrik, der Junge, der direkt vor uns saß, permanent die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem er uns seinen Schultornister und sein Federmäppchen zeigte oder seine Nachbarin ärgerte. Dadurch fiel es mir schwer, Claudia oder Julian zu bebachten. Hendrik wollte außerdem ständig wissen, was wir gerade schrieben, und ahmte unser „Gekritzel“, wie er unsere Schrift nannte, nach. Die Belehrung seiner Nachbarin, Sabine: „Das ist Schreibschrift!“ schien ihn nicht überzeugen zu wollen.

[...]


[1] Die Unterscheidung von „mein Bruder“ und „ich“ deutet nicht wirklich auf den Verfasser hin. Der Bericht ist gemeinsam verfaßt worden. Es schien uns erzähltechnisch aber nur so möglich, beide Praktikumsberichte, v. a. die Beobachtungsprotokolle, zu verweben.
Die Entscheidung für eine gemeinsame Darstellung machten wir uns nicht leicht, entschieden uns aber letztlich dafür, weil wir jeder zwei verschiedene Schüler beobachtet hatten, die Herausarbeitung zweier Beobachterperspektiven aber vermutlich nur bei der Beobachtung der gleichen Schüler ergiebig gewesen wäre. Überdies waren evtl. vorhandene unterschiedliche Perspektiven und Beobachtungen in dem zu Hause nach den Praktikumsstunden erfolgten Austausch verschwommen.
Daß die Praktikumsmappe dennoch einen nur bescheidenen Umfang angenommen hat, werten wir als die wichtige Erfahrung auf dem Weg in den Lehrerberuf, daß „Beobachtungen Ergebnis einer Auswahl [sind]“ (Gertrud Beck, Gerold Scholz, Beobachten im Schulalltag, Frankfurt a. M.: Cornelsen Verlag Scriptor GmbH & Co., 1995), S. 18) und „daß viel mehr passierte, als wir wahrnehmen und aufschreiben konnten“ (Beobachten im Schulalltag, S. 23). Oft ging uns auch angesichts zahlreicher Eindrücke „Ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen“ (Werther) durch den Kopf, d. h., wir glauben, daß wir oft mehr verstanden haben als wir sagen können (vgl. Beobachten im Schulalltag, S. 25).

[2] Die Namen sind wie im folgenden alle geändert.

[3] Beobachten im Schulalltag, S. 162.

[4] Ebd., S. 53.

[5] Vgl. ebd., S. 27.

[6] Vgl. ebd., S. 112.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
SPS I - Dokumentation des Praktikums in einer Grundschule
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Pädagogik/Erziehungswissenschaften)
Note
Keine, ab.sehr zufr.
Autor
Jahr
2000
Seiten
26
Katalognummer
V4741
ISBN (eBook)
9783638128988
ISBN (Buch)
9783638638739
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Keine Ahnung, wie Du Deinen Praktikumsbericht gestalten sollst? Wir haben unseren ins Internet gestellt, und vielleicht kann er Dir Anregungen bieten.
Schlagworte
SPS Praktikum
Arbeit zitieren
Marcel Haldenwang (Autor), 2000, SPS I - Dokumentation des Praktikums in einer Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4741

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