Billy Wilder: One, Two, Three und andere Auseinandersetzungen mit der 'alten Heimat'


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1999

12 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Biographisches

Es ist nicht einfach, dem Versuch zu widerstehen, Billy Wilders Leben einfach anhand der witzigsten Anekdoten aufzurollen anstatt sich an biographischen Daten[1] zu orientieren.

Er wurde also 1906 in Sucha/Galizien (damals Österreich, heute Polen) geboren, sein Vater Max Wilder bot ein spannendes Umfeld. Er war zunächst Kellner, besaß eine Kette von Bahnhofsrestaurants, war im Uhren- und Lederwarenhandel tätig, machte dann eine Forellenzucht auf und war schließlich Hotelbesitzer. Die Mutter Eugenia Baldinger (oder anderen Quellen zufolge: Dittler) hatte als junges Mädchen einige Zeit bei Verwandten in den USA verbracht, deshalb nannte sie ihre Söhne Samuel und Wilhelm „amerikanisch“ Billie und Willie. So wie viele Filmschaffende war also auch Wilder soziologisch dem (deutschen) Bildungsbürgertum zuzuordnen.[2] Die Familie zog nach Wien, wo er den Begräbniszug Kaiser Franz Josefs beobachtete, das Gymnasium besuchte und 3 Monate Jus studierte. Als Journalist arbeitete er in Wien bei der „Stunde“ desjenigen „Schuftes“ Imre Bekessy, den Karl Kraus „hinaus aus der Stadt“ jagen wollte.

Berlin

Wilder kam eigentlich nur vorübergehend als Fremdenführer nach Berlin und bleib. Er war dort Journalist, Eintänzer und Ghostwriter für Stummfilme. Mit der Mitarbeit an dem legendären Dokumentarfilm „Menschen am Sonntag“ gelang ihm der Durchbruch als Drehbuchautor. Er schrieb dann für die UFA - solange bis in Deutschland die Filmindustrie im Sinne des Nationalsozialismus gleichgeschaltet war und es ein (zunächst noch inoffizielles) Berufsverbot für Juden und Jüdinnen gab. Auch Österreich betrieb übrigens eine ähnliche Politik schon lange vor 1938!

Paris

Am 28.2.33 - einen Tag nach dem Reichstagsbrand - floh Billie Wilder aus Deutschland. Als er später in einem Interview gefragt wird: Sie sind dann 1933 nach Paris emigriert... reagiert er verständlicherweise etwas gereizt: „Emigriert, das hört sich immer so harmlos an, so vornehm! Ich bin geflohen. Ich hatte zwar noch meinen österreichischen Paß, aber in den Monaten von Januar bis April 1933, da wurde es immer unangenehmer, unbehaglicher, unheimlicher.“[3] Doch Paris, wo er nur anonym als Drehbuchautor arbeiten

konnte, war von Anfang an nur eine Zwischenstation für Billie Wilder. Sein Ziel war seit langem Amerika.

Hollywood: Aus Billie wird Billy

Die Arbeitsmöglichkeiten in Hollywood wurden zum Teil durch eine wirtschaftliche Verflechtung der amerikanischen und der deutschen Filmindustrie vor 1933 begünstigt.[4] Die zweigleisige Verfahrensweise der amerikanischen Filmproduzenten, Investitionen in Berlin auf der einen Seite, Abzug der künstlerischen Kräfte nach Hollywood auf der anderen Seite, charakterisiert die Verflechtung Berlin-Hollywood bis 1933.[5] Laut Horak fuhren die amerikanischen Produzenten regelmäßig nach Europa, um Talente zu suchen und einzukaufen. So kam im Jahre 1934 auch Billy Wilder zur Fox nach Hollywood, wo er das Drehbuch zu „Music in the air“ schrieb.[6] Anderen Quellen zufolge konnte er durch den Ankauf seines Drehbuchentwurfs „Pam Pam“ einreisen, der dann aber nie verfilmt wurde. Nun mußte er wie viele andere MigrantInnen quasi zum dritten mal eine Karriere starten. Nach 6 Monaten war sein Vertrag mit der Columbia abgelaufen, er hatte kein „echtes“ Visum (das nur in Verbindung mit einem „Affidavit“, einer Bürgerschaftserklärung eines US-Bürgers, für den Lebensunterhalt aufzukommen, ausgestellt wurde) sondern nur ein „visitor´s visa“. Somit mußte er nach 6 Monaten nach Mexiko ausreisen und sich dort ein Immigrationsvisum besorgen. 1936 kam es zur Heirat mit Judith, er wurde bei der Paramount angestellt und änderte seinen Namen von Billie auf Billy, weil „Billie“ in den USA ein Mädchenname war. Bis Ende der 30er Jahre schaffte es Billy, zur ersten Wahl in den US-Filmstudios zu gehören.[7] In den nächsten Jahren stieg der Erfolg: Zu den Filmschaffenden, die im Jahre 1946-47 über 100.000 Dollar im Jahr verdienten, gehörte (auch) Billy Wilder.[8] Wilders Hollywood-Agent war damals der bekannte Paul Kohner. Billy Wilder ist auch noch heute Vorstandsmitglied in Kohners „European Film Fund“.

Wie viele ImmigrantInnen wollte Wilder für immer Amerikaner werden. So verstand sich die überwiegende Mehrzahl der Filmschaffenden nach ihrer Übersiedlung nicht als Exilanten, sondern wie die allgemeine jüdische Emigration als zukünftige Bürger der Wahlheimat, die die vollkommene Assimilation anstrebten.[9] Daß sie sich wirklich als Einwanderer, die eine vollständige Assimilation und wirtschaftlich Eingliederung in die amerikanische Filmindustrie anstrebten, und nicht als Exilanten betrachteten, wird durch ihre in allen Fällen rasche Einbürgerung belegt.[10] Wilders Traum ging 1939 in Erfüllung: Er wurde US-amerikanischer Staatsbürger. In diesem Jahr wurden auch seine Zwillinge geboren, der Sohn stirbt im Säuglingsalter, nur Tochter Victoria überlebt. 1947 folgt die Scheidung, 1949 heiratet er Audrey, mit der er bis heute zusammen ist.

Deutschland danach

1945 kommt er nach Deutschland - als Colonel der U.S. Army ist er dort ein Leiter des FCB (Film Control Branch), der Filmabteilung der Army. Seine Mutter, sein Stiefvater und seine Großmutter wurden in Auschwitz ermordet. Remigration war für Billy Wilder kein Thema. Allgemein läßt sich dazu feststellen: Eine Remigration deutschsprachiger Filmkünstler fand praktisch weder in die DDR noch in die BRD statt. (...) In die BRD remigrierten nur wenige der bis dahin in Hollywood angesiedelten Filmschaffenden, auch wenn zahlreiche Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspieler kurzfristig nach München, Hamburg oder West-Berlin reisten, um vereinzelt Filme mit bundesdeutschen oder öfters amerikanischem Kapital zu realisieren.[11] So machte auch Wilder einige amerikanische Filme in Deutschland, ohne jemals wirklich „zurückzukehren“. Der Holocaust mit seinen 6 Millionen Toten versperrte für viele den Weg und beendete für immer die deutsch-jüdische Symbiose. (...) Rückkehrwillige mußten feststellen, daß das Land von jenen dominiert war, die sich jetzt selbst mitleidig als Opfer und die heimkehrenden Emigranten als „Vaterlandsverräter“ ansahen, die angeblich während des Krieges ein gutes Leben im Ausland genossen hatten.[12]

Das Kulturleben Deutschlands selbst lag brach. Kaum eine andere Sparte des deutschen Kulturlebens konnte während der Verfolgung jüdischer und politisch engagierter Bürger durch die Faschisten ihre erste und zweite Garde so geschlossen von Deutschland ins Ausland retten.[13] Dieser schmerzliche Verlust der größten deutschen Regisseure und Techniker der ersten fünfzig Jahre des Kinos bleibt eine Katastrophe für die Filmkultur Deutschlands.[14] Viele der karrieregeilen, opportunistischen Deutschen, die auf die Plätze der Vertriebenen nachdrängten, waren kein angemessener Ersatz.

[...]


[1] vgl. dazu auch: Sinyard Neil / Turner, Adrian: Billy Wilders Filme. Berlin 1980, S.441f.

[2] vgl. Horak Jan-Christopher: Fluchtpunkt Hollywood. Eine Dokumentation zur Filmemigration nach 1933. Münster 1986, S.2

[3] Heinz-Gerd Rasner und Reinhard Wulf: „Ich nehm das alles nicht so ernst...“ Gespräch mit Billy Wilder. In: Sinyard (80), a.a.O., S.24

[4] Horak (86), a.a.O., S.3

[5] ebd., S.5

[6] vgl. ebd., S.20

[7] vgl. ebd., S.21

[8] ebd., S.35

[9] ebd., S.2

[10] ebd., S.21

[11] ebd., S.36

[12] Horak, Jan-Christopher: Exilfilm 1933-1945. In der Fremde. (93) S.108

[13] Horak (86), a.a.O., S.2

[14] Horak (93), a.a.O., S.118

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Billy Wilder: One, Two, Three und andere Auseinandersetzungen mit der 'alten Heimat'
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
VO+UE: Filmexil und Exilfilm - Wechselbeziehungen zwischen europäischem und amerikanischem Kino iG 5.1 (II)
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
12
Katalognummer
V47428
ISBN (eBook)
9783638443791
ISBN (Buch)
9783640163557
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Billy, Wilder, Three, Auseinandersetzungen, Heimat, VO+UE, Filmexil, Exilfilm, Wechselbeziehungen, Kino
Arbeit zitieren
Karin Lederer (Autor), 1999, Billy Wilder: One, Two, Three und andere Auseinandersetzungen mit der 'alten Heimat', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47428

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