Frauen und ihre Handlungen und Haltungen im Nationalsozialismus


Seminararbeit, 1999

25 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Frauenforschung
2.1. Frauen und Nationalsozialismus: Eine schwierige Debatte über (Mit-)Täterinnenschaft
2.2. Einschub: Über die Schwierigkeit, Täterinnen zu interviewen

3. Gedenken im Alltagsdiskurs als Ausdruck des historischen, politischen und persönlichen Selbstverständnisses
3.1. Gedenken in Österreich
3.2. Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Erinnern/Gedenken bzw. Vergessen/Verdrängen
3.3. Fallbeispiel „Jenseits des Krieges“
3.4. Fallbeispiel Gertrud Scholtz-Klink
3.5. Fallbeispiel „Faszination Nationalsozialismus“

4. Literatur

5. Anhang

1. Vorwort

Einleitend möchte ich (trotz vielstrapazierter Floskeln) die Wichtigkeit des Erinnerns für die politische Kultur betonen, besonders angesichts der „Gedenkunkultur“ Österreichs.

Wird ein Ereignis nicht mehr erinnert, so ist es unwiderbringlich verloren. Werden Menschen überflüssig gemacht oder alle Spuren ihrer Existenz gelöscht, dann ist es so, als hätte es sie nie gegeben.[1], kann bei Hannah Arendt nachgelesen werden, die sich sehr ausführlich mit diesem Thema beschäftigt hat.[2] Gedenken sollte aber nicht Selbstzweck sein, sondern immer mit kritischem Blick auf das Hier und Heute passieren. Über Arendt heißt es weiter: Erinnerungsfähigkeit führt zu den unveräußerlichen Bedingungen all dessen, was Welt im Verständnis Hannah Arendts ausmacht. Nur durch sie gelingt es, den Zerstörungen, die Fortschritt und politischer Terror verantworten, zu entkommen und die Sinne gegenüber der Tyrannei zwingender Wahrheiten wie geschichtlicher Gesetze für das „Reiche und Merkwürdige“ menschlicher Geschichte offenzuhalten.[3]

Die folgende Arbeit umfaßt zwei Ebenen und berührt eine dritte wichtige (bewußt) fast gar nicht: Einerseits beziehe ich mich auf die Geschichte der Frauenforschung und deren Umgang mit dem Gedenken an Frauen und ihre Handlungen und Haltungen im Nationalsozialismus. Andererseits befaße ich mich mit dem Alltagsdiskurs der Mehrheit in der TäterInnengesellschaft in Österreich und Deutschland. Die offiziöse „Politebene“ des ritualisierten Gedenkens mit ihren Gedenkveranstaltungen, Reden und Mahnmalen gibt unter dem Geschlechteraspekt betrachtet nicht viel her, außer der allgemeinen Vermutung: Die institutionalisierte Gedenkkultur ist im Großen und Ganzen eine männliche Domäne. Wenn auch Frauen sich am öffentlichen Gedenkdiskurs beteiligen, zeichnen sie sich durch die Übernahme institutionalisierter Sprechweisen, des Vokabulars und der Argumentationsstränge der männlichen Politiker aus. Die Beteiligung von Frauen an wissenschaftlichen und politischen Debatten über die NS-Zeit (Historik er streit, Goldhagen -Debatte,...) ist äußerst gering bis nicht vorhanden. Möglicherweise werden Männer hier immer noch als die alleinigen Experten betrachtet, weil es irgendwie um Krieg geht und damit um militärische Angelegenheiten, für die Frauen sowieso kein Verständnis haben.

2.Frauenforschung

2.1. Frauen und Nationalsozialismus: Eine schwierige Debatte über (Mit-)Täterinnenschaft

Meine Kollegin und ich haben uns das Thema Geschlechteraspekt beim Gedenken beziehungsweise Gedenken von Frauen / an Frauen nach einiger Diskussion entlang einer Linie aufgeteilt, die eigentlich eine zweifelhafte Dichotomisierung impliziert: Opfer/TäterIn. Wir haben diese Einteilung trotz der Zweifel beibehalten, auch gerade weil sich die jüngsten Diskussionen in der Frauenforschung immer wieder um genau diese beiden Begriffe und die Kritik daran drehen.

In den letzten Jahren verlagerte sich das Interesse der Geschichtsforschung teilweise von einer Beschreibung der Ereignisse als „Geschichte großer Männer“ hin zu einer Art Alltagsgeschichtsschreibung. Auch in der Frauenforschung gab es einen ähnlichen Paradigmenwechsel: Zunächst konzentrierte sich die Erforschung von „her-story“ auf die weiblichen (passiven) „Opfer der Geschichte“ und auf die wenigen (aktiven) Heldinnen. Diese Schwerpunkte sind natürlich im Zusammenhang einer Bewegung zu sehen, die mit ihren Forschungsergebnissen auch Forderungen zur Verbesserung der Situation von Frauen verband. Allerdings muß sich die Frauenforschung in Deutschland (und Österreich) damit dem Vorwurf aussetzen, genauso wie die männlich dominierte Wissenschaft Unangenehmes - nämlich die Verstrickung des eigenen Umfeldes in die NS-Verbrechen - ausgeblendet zu haben.

In der Frauenforschung interessierte der Einschnitt 1933 zunächst vor allem als der Beginn einer verschärften konservativen Frauenpolitik. Antisemitismus und Shoa standen nicht im Zentrum der Debatte.[4] Antisemitismus bei Frauen sei nur eine Anpassung an männliche Vorurteilsstrukturen, behauptete etwa Margarete Mitscherlich-Nielsen in „Die friedfertige Frau“. In Karin Windaus-Walsers Text „Von der Gnade der weiblichen Geburt“ wird diese „feministische“ These, daß Frauen nicht aus eigenen Motiven antisemitisch waren, sondern sich dem männlichen Rassismus und Antisemitismus angepaßt hätten, kritisiert. Anette Kuhn und Valentin Rothe betrieben wie viele andere eine Art Heiligsprechung einer weiblichen „Rasse“: Besonders in einem Terrorregime wird die „gesellschaftserhaltende und sinnstiftende Qualität von Frauenarbeit“ erst sichtbar. Gerade die unsichtbare, unpolitische „Beziehungsarbeit von Frauen, die sich der totalen Funktionalisierung und dem staatlichen Zugriff entzieht, konnte im Faschismus zu einem tragenden Moment einer politischen, antifaschistischen Kultur werden.“[5] All das ist mittlerweile durch Forschungsarbeiten widerlegt. Spätestens seit den Studien von Claudia Koonz kann die Beteiligung von 6-9 Millionen Frauen an NS-Frauenaktivitäten, oder etwa der reibungslose Ausschluß von Jüdinnen aus den vornationalsozialistischen Frauenorganisationen einfach nicht mehr geleugnet werden. Koonz schreibt dazu 1988: „Eine totalitäre Gesellschaft wäre ohne die weibliche Hälfte nicht in der Lage gewesen zu funktionieren. Die Geschichte dieser Gesellschaft wird deshalb nicht abgeschlossen sein, solange die Rolle und Bedeutung der Frauen in dieser Gesellschaft nicht gründlich untersucht worden ist.“[6]

Vor allem im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus setzte dann Ende der 80er Jahre eine Debatte über die Begriffe der Mit täterInnenschaft und Dominanzkultur ein.

Daß die Mehrheit der TäterInnen/MörderInnen des Nationalsozialismus männliche Täter waren, wurde nicht bezweifelt, darum ging es bei der Debatte auch nicht. Es gab strukturell offensichtlich im Nationalsozialismus für Frauen und Männer nicht die gleichen Bedingungen, Opfer oder TäterIn zu werden. Eine differenzierte Sichtweise jenseits von Schubladen gelang der Frauenforschung nur selten. Birgit Rommelspacher, Claudia Heyne und andere haben darauf hingewiesen, daß eine Person durchaus beides gleichzeitig sein kann, je nach Kontext: Opfer und TäterIn. Zum Beispiel Opfer einer patriarchalen Rassen - Ideologie und gleichzeitig Propagandistin eben dieses Rasse - Ideals; Objekt eines biologistischen Ausleseprozesses und auch Nutznießerin von Privilegien für „arische“ Frauen.

Christina Thürmer-Rohr publizierte 1983 ihre These von der (Mit-)TäterInnenschaft. Zunächst nicht explizit auf den Nationalsozialismus oder speziell auf Deutschland bezogen, lautet die These: In einer patriarchalen Gesellschaft ist die Mittäterinnenschaft der Frau keine Ausnahme, sondern die Norm. Lerke Gravenhorst kritisiert zunächst die Prioritätensetzung innerhalb des neu eingeführten Begriffs: Allerdings legt Christina Thürmer-Rohr diesen Begriff (Mit-täterschaft, Anm.) ganz anders aus, als ich es tun würde, vor allem, wenn er im Zusammenhang der Funktion der Gruppe der Frauen für die NS-Gesellschaft verwendet werden soll. Dann nämlich halte ich die Bewertung von „Täterschaft“ in dem Begriff für wichtiger als die Bewertung des „Mit-“, das wiederum für Christina Thürmer-Rohr im Mittelpunkt steht. Angesichts der NS-Untaten scheint mir doch das Wissen um „Täterschaft“ unmittelbar wichtiger zu sein als das Wissen um die Tatsache, daß es eine patriarchal strukturierte und abhängige Täterschaft, eben Mittäterschaft war.[7] Später wurde der Begriff in dieser Hinsicht auch verschärft - durch die Beschäftigung mit Deutschlands nationalsozialistischer Vergangenheit. Durch die Forschungsergebnisse kam teilweise ein Umdenken zustande. Bei Lerke Gravenhorst führte das schließlich zur Frage: Nehmen wir als Feministinnen den Nationalsozialismus und Auschwitz ausreichend als unser negatives Eigentum in Anspruch? Es wurde ein Bezugsrahmen gefunden, der sowohl feministisch zutreffend ist also auch Auschwitz zum ausdrücklichen Bezugspunkt hat!

Thesen:

Um Frauen zu entlasten, wurde sie lange Zeit von der (deutschen) Frauenforschung zur pauschalen Opfergruppe ernannt. Die Analyse des NS als „verschärftes Patriarchat“ (auch: Herrschaft von Männern über Männer) verstellt den Blick auf Beteiligung in Form von Duldung, Zustimmung, Zuschauen, (Mit-)Beteiligung, (Mit-)Täterinnenschaft. (Es gibt vielfältige Formen der Kolaboration.) Die tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus (Juden und Jüdinnen, Roma und Sinti, Kranke und Behinderte, politisch verfolgte,...) werden dabei ausgeblendet. In diesem Fall ist nicht die Kategorie „Frau sein“ vorrangig zu beleuchten, sondern die Zugehörigkeit zum mörderischen großdeutschen Kollektiv. Die Beteiligung von Frauen an diesem Handlungs-Kollektiv kann nicht mehr geleugnet werden.

Auch das Wunschdenken vom Antisemitismus als einer „Männerkrankheit“ kann nicht aufrecht erhalten werden. Jutta Höchst-Stöhr hat darauf hingewiesen, daß der Rassismus vom NS-Staat als eine klassen- und geschlechterübergreifende politische Kategorie präsentiert wurde und von vielen Frauen als solche aufgegriffen und für die eigenen Zwecke und Motive nutzbar gemacht wurde.[8]

Der Ansatz, Frauen als Teil des „Handlungskollektivs Deutschland“ zu sehen, wurde in der Debatte zwischen Frauenforscherinnen heftig kritisiert. Er decke Geschlechterunterschiede zu. Diese manifestieren sich anscheinend bei den Kritikerinnen in Gut/Böse-Kategorien. Angelika Ebbinghaus analysiert die Folgen dieses Denkens für feministische Forscherinnen: Dieses ideologische Konstrukt der weiblichen Unschuld unterstütze die sowieso vorhandenen Abwehr- und Verdrängungsmechanismen gegenüber diesem bedrückenden Kapitel der Geschichte. Der Nutzen dieser Prämisse, daß Frauen immer Opfer von Männerherrschaft seien und für die Zeit des Nationalsozialismus dies insbesondere zutreffe, ist allerdings ambivalent. Der psychologische Vorteil dieser Unschuldsbehauptung liegt unter anderem darin, die Welt so in gute Opfer und böse Täter aufspalten zu können; wobei das Opfer per definitionem keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen muß. Die andere Seite dieser scheinbaren psychologischen Entlastung führt jedoch zu einer Selbstentwertung mit weitgehenden Folgen für die eigene Persönlichkeitsstruktur.[9]

[...]


[1] Nordmann, Ingeborg: Erfahrungen in einem Land, das die Realität verloren hat. In: Arendt, Hannah: Besuch in Deutschland 1950. In: Knott, Marie Luise (Hg.): Zur Zeit. Politische Essays. Berlin 1986. S.67-95

[2] vgl. auch Arendt, Hannah: The Jew as Pariah. Jewish Identity and Politics in the Modern Age. New York 1978

[3] Knott (86), a.a.O., S.95

[4] vgl. Ebbinghaus, Angelika (Hg.): Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus. Frankfurt 1997 (zuerst: 1987), S.19

[5] ebd., S.20

[6] Claudia Koonz: Frauen schaffen ihren „Lebensraum“ im Dritten Reich. In: Schaeffer-Hegel, Barbara (Hg.): Frauen und Macht. Der alltägliche Beitrag der Frauen zur Politik des Patriarchats. Pfaffenweiler 1988, S.48f Zit.n.: Paul-Horn, Ina: Faszination Nationalsozialismus? Zu einer politischen Theorie des Geschlechterverhältnisses. Pfaffenweiler 1993, S.9

[7] Gravenhorst, Lerke / Tatschmurat, Carmen (Hg.): TöchterFragen. NS-Frauengeschichte. Freubrg i.Br. 1990, S.30

[8] Lauterbach, Hanna: „Aber dann hätten wir ja nur noch Verbrecherinnen“ Kommentar zur Diskussion über den Anteil von Frauen am „Handlungskollektiv Deutschland“ In: Gravenhorst (90), a.a.O., S.141-145, hier: S.144

[9] Ebbinghaus (97), a.a.O., S.15f

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Frauen und ihre Handlungen und Haltungen im Nationalsozialismus
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
SE: Gedenkkulturen
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
25
Katalognummer
V47433
ISBN (eBook)
9783638443845
ISBN (Buch)
9783638659420
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Handlungen, Haltungen, Nationalsozialismus, Gedenkkulturen
Arbeit zitieren
Karin Lederer (Autor), 1999, Frauen und ihre Handlungen und Haltungen im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47433

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