Als wichtigster Vertreter eines Ethnolekts fließt der Türkenslang oder die Kanaksprak in die Sprechgewohnheiten der jungen Generation ein. Die Forschung auf diesem Gebiet beschränkt sich in bundesdeutschem Gebiet, soweit dies für die vorliegende Arbeit recherchiert wurde, auf wenige Autoren. Eine umfangreiche, empirische Datenerhebung zum Türkenslang wurde bisher nicht durchgeführt. Das grundlegende Problem der Ethnolektforschung scheint darin zu liegen, dass Ethnolekte nur schwer einzugrenzen sind, bzw. starken Veränderungen unterliegen. Die Untersuchung eines Ethnolekts scheitert bereits daran, dass die Sprecher ihn nicht konsequent verwenden. Erfolgt bei den Dialekten des Deutschen eine Einteilung nach geographischen Gesichtspunkten, so sind Ethnolekte stärker an soziale Gruppen bzw. gesellschaftliche Schichten gebunden. Die Sprecher identifizieren sich mit ihrer gesellschaftlichen Gruppe oder Clique durch ihren Ethnolekt. Abgegrenzt von den deutschen Standardsprechern entsteht so eine eigene sprachliche Insel. Die Ethnolektsprecher werden mit stereotypen Merkmalen versehen. Als gängige Klischees in Bezug auf junge Ethnolekt-Sprecher gelten beispielsweise ein provozierendes Auftreten und ständige Gewaltbereitschaft. Solche stereotypen Konstruktionen sind auch bei den Dialekten des Deutschen zu beobachten. Schwaben gelten beispielsweise als fleißig, und Sachsen als langsam. Diese stereotypen Merkmale von Dialekten dienen in vielen Kunstformen- ob Kabarett, Theater oder Fernsehen - der Parodie einzelner Personen oder ganzer Gruppen. Vielmehr als die Rezeption von Dialekten erfreut sich zur Zeit der Türkenslang in allen Medien größter Beliebtheit. Comedystars, Schauspieler und Kabarettisten machen sich den deutsch-türkischen Ethnolekt zu Nutze: Pro 7 sendet Erkan und Stefan, der SWR etabliert Taxi Sharia; Bülent Cylan, Django Asyl oder Mundstuhl bringen die Kanaksprak auf Kabarett- und Comedybühnen.
Nun funktioniert ein medial rezipierter Ethnolekt nach bestimmten Kriterien. Welche Kriterien das sind und welche Unterschiede ein medial aufbereiteter Ethnolekt gegenüber den realen Sprechgewohnheiten aufweist, das soll Inhalt dieser Arbeit sein. Als Medienvorlage dienen Ausschnitte von CD-Aufnahmen des Frankfurter Comedyduos Mundstuhl.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Überblick über den Forschungsstand
2.1 Türkenslang als Ethnolekt des Deutschen
2.2 Die Stufen des Ethnolekts
3 Sprachliche Merkmale des primären „Straßen“-Ethnolekts
3.1 Sprachliche Merkmale der 2./3. Migrantengeneration
3.2 Mixing
3.3 Die Merkmale des Gastarbeiterdeutschs
4 Die mediale Aufbereitung eines Ethnolekts in Mundstuhls Dragan und Alder
4.1 Informationen zu Mundstuhl
4.2 Das Konzept Dragan und Alder
4.3 Der Ethnolekt von Dragan und Alder
4.3.1 Vorgehensweise der Untersuchung
4.3.2 Phonetisch/Phonologisch
4.3.3 Morphosyntaktisch
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die mediale Adaption und Stilisierung eines Ethnolekts durch das Frankfurter Comedyduo Mundstuhl. Im Zentrum steht die linguistische Analyse der Figuren Dragan und Alder, um Gemeinsamkeiten und Abweichungen zwischen diesem medialen "Kunst-Ethnolekt" und realen Sprachformen des sogenannten "Straßenethnolekts" (bzw. "Türkenslangs") aufzuzeigen.
- Phonetische und phonologische Charakteristika von Ethnolekten
- Morphosyntaktische Besonderheiten im Sprachgebrauch der Charaktere
- Die Rolle von Stereotypen in der medialen Inszenierung
- Vergleich zwischen realem Sprachgebrauch und künstlerischer Parodie
- Analyse der Rezeption und sozialen Funktion dieser Sprachvarietät
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Es ist eine Beobachtung der Sprachforschung, dass mit wachsender Mobilität und Bildung der jüngeren Generation ein Rückgang des Dialektsprechens auftritt. In stark besiedelten, urbanen Gebieten scheinen die Dialekte ganz ihre Bedeutung verloren zu haben. Diesem Rückzug der Dialekte in der Alltagssprache scheint aber eine andere Entwicklung entgegenzustehen, die sich gerade unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen des deutschen Sprachstandards ausbreitet. Die Rede ist von den so genannten Ethnolekten des Deutschen. Als wichtigster Vertreter eines Ethnolekts fließt sicherlich der Türkenslang oder die Kanaksprak in die Sprechgewohnheiten der jungen Generation ein.
Die Forschung auf diesem Gebiet beschränkt sich in bundesdeutschem Gebiet, soweit dies für die vorliegende Arbeit recherchiert wurde, auf wenige Autoren. Eine umfangreiche, empirische Datenerhebung zum Türkenslang wurde bisher nicht durchgeführt. Das grundlegende Problem der Ethnolektforschung scheint darin zu liegen, dass Ethnolekte nur schwer einzugrenzen sind, bzw. starken Veränderungen unterliegen. Die Untersuchung eines Ethnolekts scheitert bereits daran, dass die Sprecher ihn nicht konsequent verwenden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Dialektrückgangs ein und stellt die Entstehung von Ethnolekten als sprachliches Phänomen bei Jugendlichen vor, das hier anhand des Comedyduos Mundstuhl analysiert wird.
2 Überblick über den Forschungsstand: Hier werden Definitionen und Entwicklungsstufen des Ethnolekts, unterteilt in primäre, sekundäre und tertiäre Stufen, nach Auer und Androutsopoulos erörtert.
3 Sprachliche Merkmale des primären „Straßen“-Ethnolekts: Dieses Kapitel identifiziert prototypische phonologische und syntaktische Merkmale des Türkenslangs der 2. und 3. Migrantengeneration sowie die Charakteristika des Gastarbeiterdeutschs.
4 Die mediale Aufbereitung eines Ethnolekts in Mundstuhls Dragan und Alder: Der Hauptteil untersucht detailliert die Sprache und das Konzept der Kunstfiguren Dragan und Alder unter linguistischen Gesichtspunkten.
5 Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass Mundstuhl den Ethnolekt zwar am realen Vorbild orientiert, ihn jedoch für mediale Zwecke stilisiert und überhöht, womit eine eigene Varietät des Deutschen entsteht.
Schlüsselwörter
Ethnolekt, Türkenslang, Kanaksprak, Mundstuhl, Dragan und Alder, Sprachwissenschaft, Dialektologie, mediale Stilisierung, Jugendsprache, Gastarbeiterdeutsch, Koronalisierung, Linguistik, Sprachvarietät, Soziolinguistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die mediale Umsetzung eines spezifischen Ethnolekts des Deutschen durch das Comedyduo Mundstuhl.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die phonetischen, morphosyntaktischen und lexikalischen Merkmale des sogenannten Türkenslangs sowie deren mediale Stilisierung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, den Unterschied zwischen dem "Straßenethnolekt" realer Sprecher und der medialen Inszenierung durch Mundstuhl zu analysieren und Kriterien dieser künstlichen Varietät zu benennen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es erfolgt eine deskriptive linguistische Analyse auf Basis von Transkriptionen ausgewählter Sketche, die mit Erkenntnissen der Sekundärliteratur zur Ethnolektforschung verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in das Konzept Ethnolekt und eine detaillierte Auswertung von Sprachdaten der Charaktere Dragan und Alder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Ethnolekt, Türkenslang, mediale Stilisierung, Sprachvarietät, Soziolinguistik und Mundstuhl.
Warum verwendet Mundstuhl in den Sketchen "falsche" Begriffe wie "Pfirsich" statt "vierzig"?
Dies resultiert aus phonetischen Fehlern in der Lautbildung, die bewusst oder unbewusst zu lexikalischen Verwechslungen führen und somit den Humor der Sketche unterstreichen.
Ist der von Mundstuhl gesprochene Ethnolekt linguistisch korrekt?
Nein, es handelt sich um eine stilisierte Form, die bewusst Fehler einbaut, um stereotype Sprecher-Bilder zu erzeugen und die Zielgruppe der Standardsprecher zu unterhalten.
- Quote paper
- M.A. Christian Decker (Author), 2003, Die mediale Umsetzung eines Ethnolekts des Deutschen am Beispiel des Frankfurter Comedyduos „Mundstuhl“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47437