Die Verhandlung von Identität in Sasha Marianna Salzmanns Roman "Ausser sich". Familie, Geschlecht, Religion, Nation


Masterarbeit, 2018
72 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien der Identitätsbildung
2.1 Theorie von Erikson
2.2 Theorie von Keupp

3 Die Macht der Erinnerung
3.1 Kodierung
3.1.1 Die Bürde der Erinnerung bei einzelnen Romanfiguren
3.2 Erinnern und Erzählen
3.2.1 Selbsterzählungen im Roman

4 Das Geflecht der Familie
4.1 Geschwisterbeziehungen
4.1.1 Die Zwillinge Ali und Anton
4.2 Gewalt in der Familie
4.2.1 Zyklus der Gewalt im Roman

5 Wandelndes Bild vom Geschlecht
5.1 Geschlechtsidentität
5.1.1 Alissa, Ali , Anton
5.2 Das Urteil der anderen
5.2.1 Ali und Katho

6 Migration aus Religion und Nation
6.1 Religion als System der Sinnstiftung
6.1.1 Religiosität im Roman
6.2 Jüdisch-Sein: Religion oder Nation?
6.2.1 Jüdische Familie in Angst
6.3 Identitätsstiftung durch Sprache
6.3.1 Zwischen russisch, jüdisch und deutsch

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wer bin ich in einer sozialen Welt, deren Grundriss sich unter Bedingungen der Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung radikal verändert? Sich in einer solchen Welt in einer berechenbaren, geordneten und verlässlichen Wiese dauerhaft verorten zu können, erweist sich als unmöglich. 1

Mit dieser Fragestellung und der dazugehörigen These eröffnet der deutsche Sozialpsychologe Heiner Keupp (*1943) einen Vortrag über Identitätsbildung und Sinnfindung im Jugendalter. Die Tatsache, dass die Welt sich in den letzten Jahren durch beispielsweise internationale Verflechtungen, Modernisierung, zunehmender Selbstbestimmung und Industrialisierung drastisch verändert hat, lässt das Individuum nicht unberührt. Das Thema der Identitätskonstruktion in der modernen Welt ist demnach von großer Aktualität. Der Begriff Identität kann dabei unterschiedlich verstanden werden. Zum einen kann er das Verständnis und das Bild von einem Selbst meinen, er kann aber auch die habituelle Prägung bezeichnen, genauso wie auch die soziale Rolle, die performative Leistung oder die konstruierte Erzählung über sich selbst. 2 Durch die Fortschritte in der Ökonomie und Technologie, den Globalisierungsprozessen, den Wandel von Rollenzuschreibungen durch soziale Bewegungen, wie zum Beispiel der Studenten- oder Frauenbewegung, oder der Auflösung von traditionellen Zugehörigkeitsbindungen beispielsweise an die Familie, musste die Identitätsfrage neu überdacht werden. 3 Es könnte also gesagt werden, dass die Frage nach der Identität als Zeichen des kulturellen und gesellschaftlichen Umbruchs gesehen werden kann. Gerade durch die rasche Veränderung der Welt steht das Individuum heute vor einer großen Herausforderung. All die vorher aufgezählten Wandlungen lassen die Antwort auf die Frage nach dem: „Wer bin ich?“ nur erschwert finden und wenn sie gefunden wird, dann ist sie oft nicht konsistent. 4 Diese Auffassung teilen der Professor für Erziehungswissenschaft Jörg Zifras (*1961) und der oben zitierte Heiner Keupp. Identität ist folglich nicht mehr statisch zu verstehen, sondern wird von einer Dynamik beherrscht. Es scheint, als ob es darum gehen sollte, stetig die Welt und sich selber zu hinterfragen, um sich, wie Keupp es sagt, immer wieder neu verorten zu lassen.

Diese Sichtweise über die Identität in der modernen Welt führt ebenfalls zu der Theaterautorin, Essayisten und Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann (*1985), die in einem Interview zu dem Thema Identität behauptet, dass Identitäten nur dann existieren könnten, wenn sie mobil und fluide seien. 5 Ihrer Meinung nach müssten Identitäten kontinuierlich erneuert werden, der Mensch müsse sich stetig selber fragen, wer er ist, andernfalls sei die Identität feststehend, was für sie synonym mit tot ist. 6 Ganz intensiv beschäftigt sie sich in dem Roman Ausser sich, der 2017 erschienen ist, mit diesem Thema. Der Deutschlandfunk beschreibt das Buch als ein „verwirrendes Suchspiel um Identitäten“ 7, der NDR bezeichnet es als ein „Spiel mit Identitäten“ 8 und die Musik-und Popkulturzeitschrift spex schreibt über den Roman: „ Von Metamorphosen und der Suche nach dem Ich […]“ 9 . Um die Herausforderung der Identitätskonstruktion in der heutigen Zeit zu beschreiben, ist Salzmanns Roman demnach sehr geeignet.

Ziel dieser Arbeit soll es nun sein zu überprüfen, ob die in Salzmanns Roman beschriebenen Figuren ihre Identität in der heutigen Welt konstruieren können und was passiert, wenn sie nicht mehr gebildet werden können. Anders gesagt: Was geschieht mit den Charakteren, wenn sie bei der Aufgabe der Identitätsbildung scheitern?

Um eine Grundlage für die Verhandlung von Identität zu legen, werden zunächst zwei Theorien zur Identität erläutert. Anhand der Betrachtung der psychoanalytischen Theorien nach Erik H. Erikson (1902-1994) und Heiner Keupp (*1943) sollen wichtige Faktoren für die Identitätskonstruktion herausgestellt werden, dabei soll vor allem gezeigt werden, dass, obwohl die zwei Theorien zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind, sie dennoch in einigen Aspekten übereinstimmen. Vor allem diese kongruenten Grundlagen für eine gelingende Identitätskonstruktion sollen in den darauffolgenden Behandlungen, auch im Bezug auf den Roman, stets aufgegriffen werden. Nachdem also die Theorie zur Identität erklärt wurde, wird der Einfluss von Erinnerung, welche im Roman von großer Bedeutung ist, erläutert. Es wird auch gezeigt, welche Position die Erinnerungen in dem Roman einnehmen und welche Auswirkungen diese auf die Identitätsbildung haben. Durch den theoretischen Anfangsteil und der Untersuchung von Erinnerung ergeben sich im Folgenden die Themen Familie, Geschlecht, Religion und Nation. Alle diese vier Faktoren prägen die Identität und schließen durch die Erinnerung Erfahrungen diesbezüglich von der Vergangenheit und Gegenwart mit ein.

Zunächst werden diese vier Aspekte stets auf der allgemeinen Ebene hinsichtlich der Identitätskonstruktion erörtert und des Weiteren mit dem Roman von Salzmann in Verbindung gesetzt. Bei der Untersuchung des Romans wird aufgrund der Neuheit des Buches fast ausschließlich auf eigene Interpretationen zurückgegriffen. Bei dieser Betrachtung sollen immer wieder das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart sowie die damit zusammenhängende Identitätsbildung, die sich über das ganze Leben erstreckt, beleuchtet werden. Die generelle Untersuchung eines Aspekts wird nicht allzu ausschweifend und tiefgehend sein, sondern lediglich die für die Behandlung von Identität wichtigen Aspekte beschreiben. Sicherlich wird auch dabei stets nur eine Auswahl getroffen, was daran liegt, dass es vorrangig um den Roman gehen soll. Die Auseinandersetzung mit den vier Gegenständen soll das Verständnis für den Roman erweitern und insbesondere die Herausforderung der Figuren bei der Identitätskonstruktion verdeutlichen.

Im Fazit sollen die gewonnenen Erkenntnisse schließlich zusammengefasst werden. Die Frage, ob in dem Roman Identität gebildet werden kann und wenn nicht, was dann mit den Personen passiert, wird anhand der vorangegangen Verhandlung beantwortet und bewertet.

2 Theorien der Identitätsbildung

Bevor der Roman Ausser sich näher betrachtet werden kann, muss, wie schon erwähnt, eine theoretische Grundlage aufgebaut werden, anhand derer die Konstruktion von Identität später gemessen werden kann. Auch wenn die Identitätstheorie nach Erik H. Erikson und Heiner Keupp nicht den Anspruch auf vollkommene Aktualität haben, scheint es dennoch notwendig, sie zu erwähnen, weil ihre Sicht auf die Identitätsbildung und die Sicht der heutigen Zeit darauf ein Spiegel für den Wandel der Gesellschaft sein können, der im Roman gezeigt wird. So wird ein tieferer Einblick dafür gegeben, warum der Roman die Versuche der Identitätskonstruktion vorführt, aber auch die Brüchigkeit zur Schau stellt.

2.1 Theorie von Erikson

Zunächst sollen die wichtigsten Aspekte von Eriksons Identitätsbegriff erläutert werden. Für ihn besteht „das Kernproblem der Identität in der Fähigkeit des Ichs, angesichts des wechselnden Schicksals Gleichheit und Kontinuität aufrechtzuerhalten.“ 10 Das Prinzip der Kontinuität und das In-sich-einig-Sein sind für ihn bei der Bildung des Identitätsgefühls ausschlaggebend. 11 Erreicht wird dieses Gefühl von Stetigkeit durch das Durchlaufen verschiedener Phasen in der Kindheit. Es wird dabei von einem Stufenmodell gesprochen, das bei positiver Bewältigung dem Jugendlichen einen stabilen Kern oder auch ein „inneres Kapital“ 12 zusichert, welches ihm hilft, sein Leben weiterhin zu bewältigen. 13 Das Kind durchläuft demnach diverse Entwicklungsstufen, die sich an einen biologischen Grundplan anlehnen, und überwindet die damit verbundenen Grundkonflikte. 14 Es könnte auch gesagt werden, dass es psychosoziale Krisen sind, die dem Jugendlichen schließlich nach der Bewältigung Vertrauen dahingehend geben, dass er vor sich selber und vor anderen Kohärenz und Kontinuität wahren kann. 15 Die erlernten Ich-Werte in diesen Krisen führen zur Bildung einer Ich-Identität und zu der Gewissheit, eine Zukunft zu haben, die mit all seinen Herausforderungen gemeistert werden kann. 16

Ohne genauer auf den Inhalt der einzelnen Phasen des Stufenmodells einzugehen, ist es an dieser Stelle sinnvoll, sie wenigstens kurz in der Reihe ihrer zeitlichen Abfolge zu erwähnen, damit die gesammelten Werte greifbarer werden:

1. Vertrauen gegen Misstrauen
2. Autonomie gegen Scham/ Zweifel
3. Initiative gegen Schuldgefühl
4. Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl
5. Identität und Ablehnung gegen Identitätsdiffussion 17

Während all dieser Phasen entwickelt das Kind ein immer definierteres Bild von sich und seinen Fähigkeiten, insofern es seinen Bestand zunächst im engen Kreis der Familie und letztendlich über den Freundeskreis bis hin zur Gesellschaft bewährt. Das finale Ziel, handlungsfähig in der Gesellschaft zu sein, spricht auch für die besondere Wertlegung Eriksons auf die Adoleszenzphase, denn hier muss das Ich seinen Platz in der sozialen Wirklichkeit finden und dazu in der Lage sein, auf die Frage, wer er selber ist, zu antworten. 18 Auch wenn die Entwicklung der Identität bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollends als abgeschlossen angesehen werden kann, sieht Erikson dennoch eine gesicherte Identitätsplattform, eben den schon erwähnten stabilen Kern, auf den weiter gebaut werden kann. 19 „In der Tat gibt es in dem gesellschaftlichen Dschungel menschlicher Existenz kein Lebensgefühl ohne dieses Gefühl der Ich-Identität“ 20, sagt Erikson selber und betont damit die Wichtigkeit einer positiven Bewältigung der psychosozialen Krisen für den weiteren Verlauf des Lebens eines Jugendlichen und Erwachsenen.

Dass diese kurz zusammengefasste Theorie von Erikson jedoch nicht mehr in seiner Gänze greifbar ist, zeigt sich schon bei einem Blick in die Medien, die mit Begriffen wie Individualisierung, Globalisierung und Pluralisierung deutlich werden lassen, dass die Gesellschaft von Umbrüchen und fortwährenden Prozessen der Veränderung geprägt ist. 21 Genauso wie folglich die Welt einem ständigen Wandel unterliegt, ist auch das Ich mit einem ständigen Anpassen an äußere und innere Welten beschäftigt. 22 Die Vorstellung der Bildung eines inneren Kapitals könnte also durch Identitätsbildung als Projektentwurf abgelöst werden. 23 Der Schweizer Psychiater Manfred Bleuler (1903-1994) fasst diese neuere Vorstellung von Identität wie folgt zusammen:

Es geht im Leben darum, daß wir die verschiedenen, oft sich widersprechenden inneren Strebungen harmonisieren, so daß wir ihrer Widersprüchlichkeit zum Trotz ein Ich, eine ganze Persönlichkeit werden und bleiben. Gleichzeitig haben wir uns damit auseinanderzusetzen, daß unsere äußeren Lebensverhältnisse nie den inneren Bedürfnissen voll entsprechen, daß wir uns an Umwelt und Realität anzupassen haben. 24

2.2 Theorie von Keupp

In eine ähnliche Richtung denkt auch Heiner Keupp (*1943), für den Identität als ein Patchwork anzusehen ist. Er spricht von Teil-Identitäten, die sich aus Bereichen wie Familie, Sexualität, Nation, Religion und Geschlecht bilden. 25 Diese verschiedenen Identitäten ergeben laut seiner Theorie kein Ganzes, sondern befinden sich in einem lebenslangen Prozess des Zusammenflickens wie bei einem Teppich. 26 Identitätsbildung wird also als kreative Arbeit verstanden. 27 Anders als bei Erikson existiert bei Keupp nicht die Vorstellung von einem stabilen Kern, der sich in der Adoleszenzphase gebildet haben sollte. Vielmehr steht der nie endende, prozesshafte Charakter im Mittelpunkt und somit auch die Identität als zentrale Aufgabe der Bewältigung. 28 Anders gesagt: die psychosozialen Phasen von Erikson werden durch die Vorstellung der Identität als Hauptproblem abgelöst. 29 Es geht Keupp dabei um die „Selbstorganisation zur Verknüpfung von Ansprüchen auf ein gutes und authentisches Leben.“ 30 Auch wenn er sich in dem Punkt der lebenslangen Entwicklung von Identität von Erikson unterscheidet, stimmt er in dem Aspekt der Notwendigkeit von Kohärenz mit ihm überein. 31 Zusammenhänge im Verlauf des Lebens und der Entwicklung von Teil-Identitäten zu finden, ist für Keupp zentral, da sonst multiple Persönlichkeiten entstehen könnten. 32

Die sogenannte Identitätsarbeit findet laut Keupp auf der inneren und äußeren Ebene statt. Das heißt, dass auf der äußeren Ebene versucht wird, die Handlungsfähigkeit stets zu bewahren und auf der inneren Ebene eine Synthesearbeit abläuft. 33 Dabei handelt es sich um einen Abgleich unterschiedlicher Erfahrungen mit dem Ziel, eine Kohärenz und Sinnhaftigkeit zu konstruieren. 34 Wichtig während der Konstruktion von Identität ist das mutige Vorangehen bei der kreativen Zusammensetzung fragmentarischer Identitätsprojekte. 35 Das Ich muss also selber aktiv werden, um seine Identität anhand seiner Biographie zu gestalten. 36 Keineswegs betrachtet Keupp das als eine einfache Aufgabe, die losgelöst von dem sozialen Umfeld betrachtet werden kann. Neben einigen Kompetenzen, die einen Menschen handlungsfähig machen, nennt er auch einzelne Ressourcen, welche stark mit dem Umfeld zusammenhängen, die essenziell für gelingende Identitätsarbeit sind. 37 Eine Kompetenz zum Beispiel ist das Erzählen seiner eigenen Geschichte, die sinnstiftend für das Leben sein soll. 38 Auch die Fähigkeit, in der Vielfalt von Werten eigene Richtlinien zu finden, gehört für Keupp dazu. 39 Zu den Ressourcen können unter anderem Anerkennung und das Gefühl von Zugehörigkeit gezählt werden.

Verglichen mit dem Auszug aus Eriksons Theorie scheint diese kurze Zusammenfassung von Keupp durchaus zeitnaher. Denn in einer Welt, die von „Kontingenz, Diskontinuität, Fragmentierung, Bruch, Zerstreuung […]“ 40 geprägt ist, wird das Ich vor eine ganz neue Aufgabe gestellt: Nämlich die viel erlebten Widersprüche stimmig miteinander zu verknüpfen, andernfalls entstehen entwurzelte und fragile persönliche Identitäten. 41 Um also eine stabile Identität zu entwickeln, muss gemäß Keupp eine Vermittlung und Harmonisierung der Teil-Identitäten vorherrschen, die dem Individuum mitten in einer Zeit, die widersprüchlich erscheint, das Gefühl von Kohärenz geben. Auch wenn Erikson und Keupp sich in einigen Vorstellungen über den Prozess der Identitätsbildung unterscheiden, was sicherlich auch den gesellschaftlichen und zeitlichen Umständen geschuldet ist, sind sich dennoch beide einig, dass Kohärenz, das Finden von Sinnhaftigkeit und Kontinuität für die Identitätskonstruktion unentbehrlich sind.

3 Die Macht der Erinnerung

Die Zeit vergeht schnell. Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, und keiner weiß mehr über sie als das: sie trägt dich durch ein Element, das du nicht verstehst, in ein anderes, an das du dich nicht erinnern wirst. Aber etwas erinnert sich – wenn man so will, kann man sagen, daß etwas sich rächt: die Falle des Jahrhunderts, der Gegenstand, der nun vor uns steht. 42

Mit diesem Zitat des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin (1924-1987) beginnt, gleichzusetzen mit einem Vorwort, der Roman Ausser sich. Es scheint, als ob Salzmann damit noch vor Beginn des Lesens den Fokus auf die Erinnerung und den Lauf der Zeit, dem der Mensch ausgeliefert ist, legen will. Denn genau auf dieses Zusammenspiel von vergehender Zeit und dem, was uns aus der Vergangenheit bleibt, nämlich die Erinnerung an das, was mal war, geht Baldwin hier ein. Die Zeit, die hier als schnell verstreichend beschrieben wird, greift auch Salzmann in einem Interview auf, in dem sie sagt, dass in dem Roman deutlich werden solle, was es heiße, wenn die Drehscheibe sich zu schnell drehe, wenn also die Zeit, der Wechsel von Ort und Umständen, sich zu schnell ändere. 43 Beide Aussagen könnten also folgendermaßen interpretiert werden: die Zeit nimmt uns mit sich mit, ohne dass dagegen etwas getan werden kann, ohne dass es immer einen Sinn für uns ergibt. Doch die Zeit geht nicht spurlos vorbei, sondern sie hinterlässt ihre Abdrücke und das ist die Erinnerung. Auch wenn Baldwin in dem Zitat von Elementen spricht, an die wir uns nicht mehr erinnern werden, sagt er dennoch, dass „etwas 44 sich erinnern wird und das ist die Gegenwart, „der Gegenstand, der nun vor uns steht“. 45 Die Gegenwart könnte somit als Fazit der Vergangenheit gesehen werden, die zwangsweise an das Vergangene erinnert, aus dem sie geboren wurde. Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892-1940) sagt in seinem Werk Über den Begriff der Geschichte, „daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.“ 46 Im Rahmen der Zeit bleibt also jede Tat, jedes Ereignis erhalten und wird in Form von Erinnerung manchmal in unser Bewusstsein gerufen. Weiter spricht Benjamin in seinem Werk auch über den Engel der Geschichte, in Anlehnung an das Bild Angelus Novus von Paul Ernst Klee (1879-1940). Dieser Engel starrt auf etwas, was Benjamin für uns als erkennbare Ereigniskette bezeichnet, für den Engel jedoch stellt es eine sichtbare Katastrophe dar. 47 Er macht damit deutlich, dass die Menschen Ereignisse häufig nur als folgenlose Abfolge von Begebenheiten auffassen. Der Engel der Geschichte jedoch sieht „Trümmer auf Trümmer“ 48. Es könnte also gesagt werden, dass dieser Engel unsere Vergangenheit als einen großen Haufen einer Not sieht, deren verheerende Folgen wir oft erst viel später als der Engel erkennen. Dann jedoch kommt ein Sturm und reißt auch den Engel mit sich in die Zukunft, während der Trümmerhaufen stetig wächst. 49 Was wir in diesem Vergleich folglich finden, ist genauso wie in dem Zitat von Baldwin die Verknüpfung von vier Faktoren: Vergangenheit, Gegenwart, Zeit, bei Benjamin in Form des Sturmes, und die daraus entstehenden Erinnerung, die als Zeugnis der Vergangenheit in der Gegenwart bestehen bleibt.

Es scheint demnach nicht möglich zu sein, sich aus dieser Kette der Faktoren zu lösen, denn die Zeit wird immer das gleiche hervorbringen. Sie ist wie ein unaufhaltsamer Sog, der uns in die Zukunft trägt. Mit uns nimmt sie auch eine Ansammlung vergangener Ereignisse, in Form von Erinnerungen, die sich wie ein Trümmerberg vor uns auftun.

Nun stellt sich die Frage: Wie funktioniert Erinnerung überhaupt und welche Auswirkungen hat sie auf die Identität?

3.1 Kodierung

Stellen wir uns vor, wir gehen durch eine belebte Straße, nehmen verschiedene Geräusche wahr und riechen unterschiedliche Gerüche. Auf einmal ist es die eine Stimme oder der eine bestimmte Geruch, die bzw. der uns ganz plötzlich in eine Szene vergangener Tage versetzt. Obwohl sich in der gegenwärtigen Umgebung nichts geändert hat, können bestimmte Sinneswahrnehmungen uns jedoch von einem Moment auf den anderen in eine Situation der Vergangenheit versetzen oder auch einfach nur ein Bild einer einzelnen Sequenz sehen lassen. Es scheint, als ob der Mensch einen kurzen Augenblick die Gegenwartszeit verlassen und sich in der Vergangenheit wiederfinden würde. 50

Unbeabsichtigte und spontane Erinnerungen an die Vergangenheit hinterlassen im Nachhinein nicht immer nur positive Gefühle. Es handelt sich hierbei um das nicht deklarative Gedächtnis, welches auch als unwillkürliches Gedächtnis bezeichnet werden kann. Dieses Gedächtnis kann uns völlig unerwartet in die Vergangenheit bringen; wir sind seinem Bann machtlos ausgeliefert. 51 Doch warum werden in diesem Gedächtnis bestimmte Erinnerungen gespeichert und andere nicht und was löst das Abrufen der Erinnerungen aus?

Der Psychologe Daniel L. Schacter (*1952) spricht von Elaborationsprozessen oder auch Kodierungen, die oft unbewusst ablaufen, bei Ereignissen, die für den, der sie erlebt, von Bedeutung sind. Die Kodierung ist der „Vorgang, der das, was jemand sieht, hört, denkt oder fühlt, in eine Erinnerung umwandelt“. 52 Voraussetzung für eine spätere Erinnerung durch eine vorher getroffene Kodierung im Gehirn ist eine besondere Aufmerksamkeit, die einer Situation zugesprochen wird. 53 Wie nun entsteht diese erhöhte Aufmerksamkeit, die dafür verantwortlich ist, dass einige Begebenheiten als Erinnerung gespeichert werden und andere nicht? Neurophysiologen haben gezeigt, dass Emotionen dafür unerlässlich sind. 54 Im Zusammenhang mit der Aussage von Schacter, dass ein Ereignis von persönlicher Bedeutung sein muss, um als Erinnerung kodiert zu werden, ergibt die Komponente der Emotion einen tieferen Sinn. Sobald etwas eine Bedeutung für einen Menschen hat, spielen auch zwingend Gefühle eine Rolle. Das Phänomen des plötzlichen Abrufens einer emotional kodierten Erinnerung kann als eine Suche nach Deckungsgleichheit im Gehirn erklärt werden. Wenn ein aktueller Reiz mit einem im Gehirn gespeicherten Muster übereinstimmt, dann wird eine Erinnerung aktiviert und dem Betroffenen ins Gedächtnis gerufen. 55

Wir sehen also eine Verknüpfung von Erinnerungen und Gefühlen bei dem „Wiedererleben von Dingen“ 56 und es ist nicht auszuschließen, dass genau diese Verbindung manchmal eine empfundene Bedrücktheit, bei dem erneuten Erleben von Emotionen durch den Vorgang der Erinnerung mit sich bringt.

3.1.1 Die Bürde der Erinnerung bei einzelnen Romanfiguren

Schauen wir nun in den Roman, können wir an einigen Stellen bei den Personen eine gewisse Last bei dem unfreiwilligen Hervorrufen von Erinnerungen erkennen. Kostja, der Vater von Ali, spricht zum Beispiel von „einem Gefühl, das nach Eiern roch und oft wiederkam, er konnte es sauer auf der Zunge schmecken“. 57 Als Kind missbraucht von seinem Onkel, während er auf seinem Schoß Akkordeon spielte, wird er diesen „stechende[n] Geruch“ 58, der dabei entstand, nie wieder los. Zweifellos ist das Gefühl von Missbrauch mit stark empfundenen negativen Emotionen verbunden. Diese sind dafür verantwortlich, dass die Erinnerung so stark kodiert wurde, dass Kostja sie nicht mehr ablegen kann, da sie durch die Intention der Gefühle als lebenslange Erinnerung gespeichert wurde. Die Tatsache, dass diese Erinnerung dann auch noch mit einem Sinn, in diesem Fall dem Geruchssinn verbunden ist, macht die Erinnerung besonders lebendig und quälend. „[Kostja] machte alle dafür verantwortlich […] mögen sie alle verrecken – das Gefühl des Missbrauchs.“ 59 Eine Traumaexpertin erklärt diese bleibende Erinnerung von traumatischen Ereignissen mit Stresshormonen, die während des negativen Erlebnisses ausgeschüttet werden. Diese sind für die dauerhafte Erinnerung des Erlebten verantwortlich. 60

Kostja ist durch seine Erlebnisse in der Vergangenheit nicht nur während des Missbrauchs das Opfer gewesen, sondern ist es lebenslang durch die bestehenden Erinnerungen.

Ebenfalls traumatische Erinnerungen trägt Daniil, Alis Großvater, mit sich. Seine Schreckensmomente, die er nicht vergessen kann, gelten dem Krieg: „Menschenkörper am Wegrand“ 61, „seine schwangere Mutter, mit den Händen schützend vor ihrem Bauch“ 62, „das Geräusch der Bomben“ 63. Auch hier sind es Erlebnisse, die mit enormen Gefühlen verbunden sind, in diesem Fall mit der Angst. „Den Geruch von versengter Menschenhaut kannte er […] seit dieser Zeit.“ 64 Unabhängig davon, ob Daniil verletzt wurde oder nicht, hat das Trauma des Kriegs seelische Auswirkungen auf ihn. Die Erinnerung an all das Schreckliche, was er selber gesehen und gehören haben musste, lassen ihn keinen Sinn in der Welt erkennen. 65 So könnte gesagt werden, dass er gegenüber der Gegenwart resigniert.

Auch Ali 66 erlebt durch bestimmte wahrgenommene Gerüche oder durch visuelle Reize Ereignisse ihrer Kindheit wieder. Ein Maßband, angebracht an dem Türrahmen der elterlichen Wohnung, lässt Ali auch nach vielen Jahren an ihre Kindheit denken. Sie erinnert sich an ihren Zwillingsbruder Anton und wie sie entgegen dem Willen der Eltern Muster aus den Größenmarkierungen gemalt haben. 67 Auch erinnert sie sich an ihr Aussehen damals, ihre langen Haare, die den Geruch von Naphthalin aufgesogen haben. 68 Unwillkürlich muss sie durch diese Gedanken an ihren jetzigen Zustand denken, nämlich an ein Aussehen, das zunehmend einem Jungen ähnelt, und daran, dass ihre Mutter wohl an der Erinnerung von ihr als Mädchen festhalten wird. 69 Es liegt demnach ein Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart vor, den die Zeit mit sich gebracht hat und der ihr durch die Erinnerung bewusst gemacht wird.

In der Szene als Ali in Istanbul landet, erzählt sie von einem Gefühl der Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit, welches sie schon einmal empfunden hat, auch wenn sie nicht weiß, wann das war. 70 „Genau so hatte sie schon einmal auf dem Boden gelegen, einen toten Vogel in der Kehle, und Schnürsenkel krochen auf sie zu wie Insekten.“ 71 Es liegt nahe, dass sie an die Situation erinnert wird, als sie mit ihrer Familie in Deutschland ankommt und dem Onkel auf die Schuhe erbricht. Sie beschreibt diese Begebenheit wie folgt:

Außerhalb ihres Kopfes verlief die Zeit schneller, es bewegten sich Dinge in Blitzgeschwindigkeit, Schuhe, die wie Schlangen um sich schnappten, Ottern und riesige Insekten, die sie ansprangen, sie schrie auf […]. Alles war Dschungel, alles war Farben, alles machte ihr Angst, und sie wusste nicht, ob sie auf dem Boden lag oder in ein Loch gefallen war. 72

Diese Erinnerung an den ersten Kontakt mit ihrer neuen Heimat ist geprägt von einem Empfinden des Stillstands und gleichzeitig einem inneren Schaukeln, der Ungewissheit, ob die Familie nun Ausreisende aus Russland oder Einreisende in Deutschland waren, kurz gesagt: das Fehlen von einem Halt oder einer Gewissheit. 73

Eine andere Erinnerung wird bei Ali durch den Staub in ihrer Wohnung freigesetzt. Unwillkürlich muss sie daran denken, wie sie früher vor der Rückkehr vom Heimaturlaub des Vaters alles gründlich geputzt haben musste und wie er trotz allem noch Staub auf dem Türrahmen gefunden hat, den er ihnen dann unter die Nase gehalten hat. 74 Es ist das tiefe Empfinden von Ungerechtigkeit, das hier bei der Kodierung der Erinnerung mitspielt. Das wird an Alis Äußerung deutlich, dass da „ein Kind gar nicht hin [kommt]“ 75 und „ein Kind gar nicht drauf [kommt]“. 76

Fassen wir nun die Art der hier erwähnten Erinnerungen zusammen, kann festgestellt werden, dass sie ausschließlich negativ sind. Neben ein paar wenigen positiven Erinnerungen an die Vergangenheit erzählt der Roman in diesem Zusammenhang überwiegend von Missbrauch, Trauma, Angst, Ungerechtigkeit und Orientierungslosigkeit, die das Bild der Vergangenheit prägen.

Was für Auswirkungen das auf die Stiftung von Identität haben kann und wie Erinnerungen und Identität überhaupt im Zusammenhang stehen, wollen wir im nächsten Schritt betrachten.

3.2 Erinnern und Erzählen

Shakine [ein israelischer Maler] thematisiert das scheinbare Paradox, daß unser Ich-Gefühl, die Grundlage unserer psychischen Existenz, entscheidend von diesen fragmentarischen und oft schwer zugänglichen Überresten unserer Erfahrungen abhängt. Was wir von uns denken, wird durch Erinnerung an unsere Vergangenheit bestimmt. 77

Um eine Identität bilden zu können, muss, gemäß diesem Zitat, ein Wissen über die Vergangenheit vorliegen. Fragmentarische Erinnerungen müssen in der Suche nach dem Ich-Gefühl einen Sinn bilden und dafür müssen die Vergangenheit und die Gegenwart miteinander vereinbar sein. Diese Vermutung lässt auf das Verbindungsglied der Narrativik schließen, die es möglich macht, Erinnerungen so zu konstruieren, dass sie für die Identitätsbildung sinnvoll sind.

Erinnern wir uns an dieser Stelle nochmal an die Theorien der Identitätsbildung, fällt auf, dass empfundene Kontinuität und Kohärenz oder eine Harmonisierung von widersprüchlichen Strebungen des Ichs wichtig für die Bildung einer Ich-Identität sind. Da der Zustand der Gegenwart einer Identität mit den Einflüssen der Vergangenheit zusammenhängt, kann eine strukturierte Wiedergabe seines Lebens durch die Erzählung helfen, um auf die Frage, wer man selber ist, zu antworten. 78 Um jedoch Erinnerungen aus der Vergangenheit zu rekonstruieren, reicht es freilich nicht, nur auf Erinnerungen zu bauen, die, wie oben erklärt, durch bestimmte Reize unkontrollierbar aufgerufen werden, obwohl diese natürlich auch eine Rolle spielen. Genauso wichtig sind aber auch die Erinnerungen des deklarativen Gedächtnisses, welches bewusst Erinnerungen sucht. 79 Indem der Erzähler versucht, seine absichtlich und unabsichtlich hervorgerufenen Erinnerungen in eine logische Abfolge zu bringen, die für eine Narrativik notwendig ist, ist er in der Lage seine Identität zu konstruieren. 80 Dieses gelingt ihm dadurch, dass er Erinnerungen in einem zusammenhängenden Kontext erzählt und somit Kohärenz stiftet. 81 Aber nicht nur das. Die Narrativik hilft auch, eine Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. Durch die Intention, früher Erlebtes und heute Empfundenes in Einklang zu bringen, muss eine Kausalität in der eigenen Geschichte gefunden werden, die dem Erzählten einen Sinn verleiht. 82 Es kann also von einem roten Faden gesprochen werden, der sich durch den Prozess des Erzählten im Leben widerspiegeln soll.

Auch wenn es Psychologen gibt, die die Notwendigkeit einer „kohärent persönlichen Identität“ 83 verneinen und dieses Streben nach Einheit für veraltet sehen, gibt es dennoch andere, die trotz des zeitlichen Wandels das Erleben von Sinnhaftigkeit und Kontinuität für eine Bedingung menschlicher Zufriedenheit sehen. 84 Was also hat in der heutigen Zeit Bestand?

3.2.1 Selbsterzählungen im Roman

Damit dafür eine Antwort gefunden werden kann, wenden wir uns wieder dem Roman zu, um zu betrachten, welche Auswirkungen die Erinnerungen und die damit zusammenhängende Narrativik auf das Empfinden einer Ich-Identität haben und ob Identität hier gebildet werden kann oder sich eher auflöst.

Um zu beschreiben, was mit den Charakteren des Romans passiert, wenn sie Erinnerungen ihrer Vergangenheit hervorholen und anfangen, über sich selber zu erzählen, scheint mir das folgende Zitat von Anton passend zu sein:

[…] dieses Über-mich-Erzählen hatte etwas mit mir gemacht, nicht Gutes. Es war ein Gefühl von Durchtreten, ein Gefühl ohne Boden unter den Füßen, ohne Fenster und Wände, nichts war mehr da, an dem man sich hätte festhalten können. 85

Völlig konträr zu der vorher beschriebenen Meinung der Psychologen, dass die Narrativik helfen sollte einen Sinn zu stiften, entreißt sie bei Anton eher jeden Funken von Sinn. Bei dem Versuch, alles über sich zu erzählen, angefangen von der Geschichte seiner Urgroßeltern, bis hin zu seinen Freunden, verliert er jeglichen Halt. 86 Ihm wurde mal gesagt, dass das Über-Sich-Erzählen einen wieder fühlen lässt wie ein Mensch, aber nachdem er es gewagt hat, so tief in seiner Vergangenheit zu graben, muss er erkennen, dass diese Aussage „wirklich der bescheuertste Satz der Weltgeschichte“ 87 ist. Für ihn hat diese Reise in die Vergangenheit nur negative Konsequenzen. Es scheint, als ob er sich im Bewusstsein seiner Vergangenheit noch verlorener als in der Gegenwart fühlt. Die Zeit hat ihn mitgerissen, aber ihm kein Fundament geboten. Erikson würde hier vermutlich von dem fehlenden Identitätskapital sprechen, welches einem die Grundlage für eine erfolgreiche Entwicklung der Identität bietet. Aus Keupps Sicht mangelt es Anton daran, seine vielleicht widersprüchlichen Erfahrungen miteinander in Einklang zu bringen. Anton kann keine Kohärenz, keine Kontinuität in seiner Geschichte finden und erst das Zusammentragen einzelner Sequenzen seines Lebens zeigt ihm, dass es keine Kausalität, keinen Sinn gibt. Folglich finden wir in diesem Beispiel keine Identität, die durch Narrativik konstruiert wird. Vielmehr zeigt sich eine aufgelöste Identität, die plötzlich durch den Vorgang des Erzählens nichts mehr fassen kann.

Jetzt könnte gesagt werden, dass diese Art von dekonstruierter Identität dem entspricht, was Psychologen meinen, wenn sie sagen, dass eine zusammenhängende Identität heute nicht mehr notwendig ist, so wie es bereits kurz erwähnt wurde. Allerdings sprechen auch diese Gegner einer Kernidentität von einem „souveränen Umgang mit den vielen verschiedenen Rollen“ 88, die im Leben eingenommen werden oder einer Akzeptanz von diversen Entwürfen des „Individuums-Sein“ 89. Kurz gesagt widersprechen sie zwar der Notwendigkeit eines roten Fadens oder einer Kohärenz in der Entwicklung einer Identität, allerdings behaupten sie dennoch, dass ein Ich in der Lage sein soll, selbstständig mit den Entwürfen von sich selbst umgehen zu können. Aber genau diese Erhabenheit fehlt bei Anton. Er ist nicht in der Lage, nach all seinen Erinnerungen an die Vergangenheit selbstsicher weiterzugehen. Einer der wichtigsten Hauptaufgaben, laut Erikson und Keupp, bei der Identitätsarbeit, nämlich der Handlungsfähigkeit, wird Anton nicht gerecht. Seine Reise in die Vergangenheit scheint ihn eher zu betäuben und handlungsunfähig zu machen.

[...]


1 Keupp: Identitätsbildung und Sinnfindung im Jugendalter, https://www.bibor.uni-bonn.de/pdf-dateien/heinerkeupp-mainz-10.12.2015.pdf.

2 Vgl. Jörg Zirfas: Identität in der Moderne, S. 9.

3 Vgl. Zirfas, S. 10.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. Identität: Sasha Marianna Salzmann über ihren Roman „Ausser sich“, https: //www. youtube.com/watch?v=TE3ROwyqGK0, Minute: 0:18.

6 Vgl. ebd.

7 Schröder: Wenn sich das Ich auflöst, http://www.deutschlandfunk.de/sasha-marianna-salzmann-ausser-sich-wenn-sich-das-ich.700.de.html?dram:article_id=396109.

8 Dicks: Die Spur führt nach Istanbul, https://www.ndr.de/kultur/buch/Sasha-Marianna-Salzmann-Ausser-sich-,salzmann106.html.

9 Prgoment: Sasha Marianna Salzmann: „Ausser sich“/ Review, https://spex.de/sasha-marianna-salzmann-ausser-sich-review/.

10 Erikson: Einsicht und Verantwortung, S. 87.

11 Vgl. Erikson: Identität und Lebenszyklus, S. 107.

12 Ebd.

13 Vgl. Keupp: Identität, http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968.

14 Vgl. Siebach: Postmoderner Wandel und Identitätsarbeit. Eine Bildungsherausforderung für den Sachunterricht, S. 4.

15 Vgl. Keupp: Identität.

16 Vgl. Erikson: Identität und Lebenszyklus, S. 107.

17 Vgl. ebd., S. 214.

18 Vgl. Siebach, S. 5.

19 Vgl. Keupp: Identität.

20 Erikson: Identität und Lebenszyklus, S. 108.

21 Vgl. Keupp: Identität.

22 Vgl. Siebach, S. 4.

23 Vgl. Keupp: Identität.

24 Bleuler: Schizophrenie als besondere Entwicklung, S. 18.

25 Vgl. Storch: Narrative Identität- ein Weg aus der Identitätskrise, S. 10.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. Siebach, S. 6.

28 Vgl. ebd., S. 7.

29 Vgl. ebd.

30 Keupp: Fragmente oder Einheit? Wie heute Identität geschaffen wird., S. 10.

31 Vgl. Siebach, S. 7.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. ebd.

34 Vgl. Keupp, Heiner: Fragmente oder Einheit? Wie heute Identität geschaffen wird., S. 10.

35 Vgl. ebd., S.11.

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. Keupp: Identitätskonstruktionen, S. 11.

38 Vgl. ebd., S. 19

39 Vgl. ebd.

40 Keupp: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, S. 30.

41 Vgl. Storch, S. 8.

42 Salzmann: Ausser sich, S. 5.

43 Vgl. Migration: Sasha Marianna Salzmann über ihren Roman: „Ausser Sich“, https://www .youtube .com/watch?v=-GsOaTAVAGI, Minute: 1:48.

44 Salzmann, S. 5.

45 Vgl. ebd.

46 Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, S. 694.

47 Vgl. ebd., S. 697.

48 Ebd.

49 Vgl. ebd., S. 698.

50 Vgl. Schüle: Im Bann der Erinnerung, http://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/02/Erinnerung-Forschung, S. 2.

51 Vgl. ebd.,, S. 3.

52 Schacter: Wir sind Erinnerung, S. 75.

53 Vgl. ebd.

54 Vgl. Schüle, S. 5.

55 Vgl. ebd., S. 7.

56 Schacter, S. 41.

57 Salzmann, S. 70.

58 Ebd., S. 69.

59 Ebd., S. 70.

60 Haß: Sprachloser Terror, http://www.fr.de/politik/spezials/missbrauch/sexueller-missbrauch-sprachloser-terror-a-1041801.

61 Salzmann, S. 187.

62 Ebd.

63 Ebd., S. 186.

64 Ebd., S. 187.

65 Vgl. ebd., S. 194.

66 Bei der Untersuchung der Figuren sollte erwähnt werden, dass bei Alissa in dieser Arbeit trotz des Genderdebatte weibliche Pronomen benutzt werden und für Katho aufgrund der aktiven Umgestaltung seines Körpers männliche.

67 Vgl. Salzmann, S. 90.

68 Vgl. ebd.

69 Vgl. ebd., S. 90f.

70 Vgl. ebd., S. 13.

71 Ebd.

72 Ebd., S. 55.

73 Vgl. ebd.

74 Vgl. ebd., S. 213.

75 Ebd.

76 Ebd.

77 Schacter, S. 73.

78 Vgl. Storch, S. 3.

79 Vgl. Schüle, S. 4.

80 Vgl. Storch, S. 11.

81 Vgl. ebd., S. 12.

82 Vgl. ebd., S. 14.

83 Ebd., S. 6.

84 Vgl. ebd., S. 6 ff.

85 Salzmann, S. 339f.

86 Vgl. ebd., S. 338.

87 Ebd., S. 340.

88 Storch, S. 6.

89 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Die Verhandlung von Identität in Sasha Marianna Salzmanns Roman "Ausser sich". Familie, Geschlecht, Religion, Nation
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
72
Katalognummer
V474467
ISBN (eBook)
9783668960541
ISBN (Buch)
9783668960558
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Ausser sich, Sasha Marianna Salzmann, Geschlecht, Religion, Nation, Erikson, Identitätsbildung, Keupp, Geschwisterbeziehungen
Arbeit zitieren
Carina Redekop (Autor), 2018, Die Verhandlung von Identität in Sasha Marianna Salzmanns Roman "Ausser sich". Familie, Geschlecht, Religion, Nation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/474467

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